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Entfernen sich die Fußballfrauen von der Basis?

Ein Dresdner Ehrenamtler hätte gern ein Länderspiel-Ticket. Der DFB lehnt das neuerdings ab.

Rund 1.500 Zuschauer statt der erlaubten 5.000 waren am Samstag beim Länderspiel in Cottbus. :
Rund 1.500 Zuschauer statt der erlaubten 5.000 waren am Samstag beim Länderspiel in Cottbus. : © dpa/Robert Michael

Dresden. Der Vorwurf, den man den Fußballern in Deutschland macht, trifft nun auch die DFB-Kickerinnen. Hat die Nationalmannschaft der Frauen ebenfalls den Kontakt zur Basis verloren? Das ist der Vorwurf, den der Dresdner Gerhard Breiter im Zuge der Länderspiele am vergangenen Samstag in Cottbus und heute in Chemnitz erhebt.

Der letzte Mannschaftsleiter der DDR-Frauennationalmannschaft ist mittlerweile seit 2007 ehrenamtlich als Staffelleiter der Frauen-Regionalliga des Nordostdeutschen Fußball-Verbandes (NOFV) tätig. In dieser Funktion war Breiter in den vergangenen Jahren häufiger zu Länderspielen eingeladen – mit einer Ehrenkarte vom DFB. Diesmal aber gab es kein Ticket, weder für ihn noch für andere Funktionäre und Helfer des Frauen- und Mädchenfußballs. Er richtete deshalb eine schriftliche Anfrage an den neuen NOFV-Präsidenten und DFB-Vizepräsidenten Hermann Winkler.

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Darin schreibt Breiter unter anderem: „In den früheren Jahren war es üblich, dass immer einige ehrenamtliche Sportfreunde, die schon viele Jahre im Frauen- und Mädchenbereich tätig sind (aus der Region, in der das Länderspiel stattfindet), mit Ehrenkarten bedacht wurden.“ Seiner Meinung nach ist der Verzicht darauf „beschämend und unwürdig, wie mit ehrenamtlichen Mitarbeitern umgegangen wird, zumal es sich um verdienstvolle Sportfreunde/innen handelt.“ Gründe für das Abweichen vom bekannten Prozedere seien ihm selbst auf Nachfragen hin bisher nicht genannt worden.

Die Erklärung lieferte nun Winkler in einer ausführlichen wie verblüffenden Antwort. „Im Rahmen der letzten Betriebsprüfung haben die Betriebsprüfer des Finanzamtes Frankfurt III deutlich gemacht, dass sie dem DFB e. V. die Gemeinnützigkeit aberkennen werden, wenn wir der früheren Handhabung weiter folgen und solche Freikarten vergeben“, begründete Winkler. Freikarten stellen demnach einen wirtschaftlichen Wert dar – und damit auch ein steuerrelevantes Thema.

Das Finanzamt stellt die Regeln auf

Die Karten müssten durch den Empfänger als Einkommen versteuert werden, und der DFB darf die Tickets nur ausgeben, wenn sie entweder einen wirtschaftlichen Zweck erfüllen oder unmittelbar dem Satzungszweck dienen.

„Um es auf den Punkt zu bringen“, so Winkler, „wir waren immer davon ausgegangen, dass es selbstverständlich auch unser Auftrag ist, Menschen, die sich unentgeltlich in den Dienst des Fußballs stellen, auf diese Weise Danke zu sagen. Das Finanzamt hat uns aber belehrt, dass das nicht der Fall ist.“ Man vertrete beim Finanzamt die Ansicht, dass Ehrenamt Unentgeltlichkeit bedeutet und daher keine geldwerten Leistungen erbracht werden dürfen. „Im Ergebnis dürfen wir Freikarten nur noch an solche Personen vergeben, die in der Veranstaltung einen konkreten Satzungsauftrag übernehmen“, so Winkler. Das schließt also alle ehrenamtlichen Helfer per se aus.

Breiter, der am Montag seinen 71. Geburtstag feierte, will sich damit nicht zufriedengeben. Er fordert alternative Lösungen oder zumindest Denkansätze, von denen jedenfalls bei Winkler keine Rede ist. „Gleichzeitig versichere ich Ihnen, dass wir selber uns ebenfalls eine andere Handhabung wünschen würden. Allerdings müssen wir uns der Sichtweise der Finanzämter beugen, wenn wir nicht erhebliche Schäden für unser gesamtes System riskieren wollen“, schreibt er.

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Die Antwort stelle ihn nicht zufrieden, betont Breiter. „Was mich stört, ist dieser Begriff des geldwerten Vorteils, was soll das sein, das ist doch eine Auszeichnung“, fragt er und erhofft sich nun, „dass sich der DFB im Umgang mit den Ehrenamtlern etwas einfallen lässt“. Sonst verprelle man noch mehr die Unterstützer an der Basis. „Aus meiner Sicht hat der DFB die auch bei den Frauen aus den Augen verloren“, meint Breiter. Dass beim Länderspiel in Cottbus nur 1.534 Zuschauer statt der erlaubten 5.000 den 7:0-Erfolg gegen Bulgarien sehen wollten, bestärkt ihn in seiner Meinung.

TV-Tipp: Das ZDF überträgt das WM-Qualifikationsspiel gegen Serbien in Chemnitz am Dienstag, 21.9.2021, ab 16 Uhr live.

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