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Alles Gewinnerinnen!?

Eine neue Generation von Fußballerinnen wie Giulia Gwinn und Laura Freigang, Lena Oberdorf oder Lena Lattwein könnten zu führenden Persönlichkeiten des deutschen Fußballs werden – idealerweise mit einem Sieg im EM-Finale.

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Die deutschen Fußballerinnen um Kapitänin Alexandra Popp (Mitte) betreiben bei der EM in England vor allem auch Werbung in eigener Sache.
Die deutschen Fußballerinnen um Kapitänin Alexandra Popp (Mitte) betreiben bei der EM in England vor allem auch Werbung in eigener Sache. © dpa/Sebastian Gollnow

Von Frank Hellmann

London. Nichts scheint solch eine harte Währung bei den deutschen Fußballerinnen zu sein wie Abrufzahlen bei Instagram oder TikTok. Da wird gerne schon mal untereinander verglichen, wer was bei dieser Frauen-EM bewirken konnte. Laura Freigang, die vor dem Finale am Sonntagabend um 18 Uhr gegen England am seltensten eingesetzte deutsche Feldspielerin, aber trotzdem durch ihre offene Art öffentlich sehr präsent, hat mal verraten, wie wichtig die Sozialen Medien geworden sind.

„Wir kämpfen ja um Anerkennung und mehr Aufmerksamkeit. Mit diesen Clips kann ich ganz viele Leute auf einer lockeren Ebene abholen“, sagt die Stürmerin von Eintracht Frankfurt. Sie erstellte ulkige Videoclips, die plötzlich vier, fünf Millionen Abrufe hatten, und meint: „Damit erreiche ich junge Menschen, die Frauenfußball vielleicht gar nicht auf dem Schirm haben.“

Ganz am Anfang des Turniers erschien die 24-jährige Frohnatur zusammen mit Giulia Gwinn auf einer Pressekonferenz im Medienhotel am Grand-Union-Kanal im Londoner Stadtteil Brentford. Die Stimmung war bestens, noch bevor die Siegesserie gegen Dänemark (4:0), Spanien (2:0), Finnland (3:0), Österreich (2:0) und Frankreich (2:1) überhaupt begonnen hatte, als sich die für den FC Bayern spielende Gwinn neben Freigang aufs Podium setzte. Auch die 23-jährige Rechtsverteidigerin kann sich sehr gewinnbringend nach außen verkaufen. Kapitänin Alexandra Popp hat sie bei der WM 2019 mal „die Hübscheste“ genannt. Gwinn wehrt sich nicht gegen solche Attribute, will aber nicht auf ihr Aussehen reduziert werden.

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Gwinn ist der Social-Media-Star

Ihre Popularität steigt gerade rasant. Ihre Follower-Zahl bei Instagram liegt jetzt bereits bei 366.000. Zum Vergleich: Der Kanal der DFB-Frauen steht bei 243.000. Gwinn ist der Socia-Media-Star des Nationalteams, auch wenn sie stets beteuert: „Es bleibt für mich eine Nebensache, mit der ich aber einiges bewegen kann.“ Dass daraus mehr als ein netter Nebenverdienst resultiert, negiert sie nicht. Sie ist schon jetzt nicht mehr das kleine Mädchen vom Bodensee, aber vielleicht bald in der Werbung noch eine viele größere Nummer.

Beraten wird sie von Felix Seidel, der das Gegenteil eines Aufschneiders ist. Der Inhaber der Agentur „SEI SPORT“ managt insgesamt 40 Profi-Fußballerinnen, 13 von ihnen standen im EM-Viertelfinale. Seine Akteure, schreibt Seidel auf seiner Homepage, sollen ohne Größenwahn bekannt werden. Natürlich war auch der 40-Jährige in England vor Ort, ihn hat das Turnier gefesselt. „Taktik, Technik, Tempo – die Spielqualität ist so hoch wie nie. Dass sich der Frauenfußball in den vergangenen Jahren stetig weiterentwickelt hat, wird nun auf großer Bühne sichtbar“, sagt Seidel.

Ihm imponiert stets, wie dankbar die Spielerinnen für jede Form von Unterstützung sind; und dass sie alle schon einen Plan für die Karriere danach im Kopf haben. Freigang (Sportwissenschaften) und Gwinn (Sportmanagement) zählen zu den 15 EM-Spielerinnen, die ein Studium absolvieren. Fast ein Dutzend hat noch den Trainerschein (B-plus-Lizenz) gemacht. Seidel weiß aber auch: „Nach wie vor gibt es Spielerinnen, die in der Bundesliga auflaufen und von ihrem Gehalt nicht mal ihren Lebensunterhalt finanzieren können.“

Der DFB sorgt für Verwunderung

Seine Topspielerin Gwinn gehört natürlich nicht dazu. Doch auch sie ist von den Millionengagen der Männer weit entfernt. Die besten deutschen Spielerinnen vom VfL Wolfsburg und FC Bayern sollen bei Monatsgehältern zwischen 10.000 und 15.000 Euro liegen. Brutto, versteht sich. Darüber lächeln schon manche Drittligakicker. Mehr denn je kann jetzt darüber debattiert werden, ob das gerecht ist, wenn die deutschen Frauen ein Endspiel gegen England bestreiten, dass in Wembley rund 87.000 Fans im Stadion und in beiden Ländern wohl 13, 14 Millionen Zuschauer an den Fernsehschirmen sehen.

DFB-Präsident Bernd Neuendorf sagt: „Eine größere Sichtbarkeit als das EM-Finale in Wembley gibt es nicht.“ Rätselhaft ist allerdings, warum parallel zu diesem wohl historischen Event – mit der Chance auf den neunten EM-Titel für die DFB-Frauen im Mutterland des Fußballs – der deutsche Verband tatsächlich drei DFB-Pokalspiele der Männer angesetzt hat. Fans von Eintracht Braunschweig, Waldhof Mannheim oder auch Erzgebirge Aue stecken am späten Sonntagnachmittag im Zwiespalt. Vermutlich gehen sie ins Stadion.

Spätestens ab dem ersten August-Wochenende, wenn in der Bundesliga wieder der Ball rollt, verlagert sich das Interesse ohnehin zu den Männern. Doch die Frauen tun jetzt etwas dagegen, um nicht wieder ganz im Schatten zu verschwinden: Eintracht Frankfurt gegen Bayern München heißt erstmalig die Konstellation fürs Bundesliga-Eröffnungsspiel – bei beiden Geschlechtern.

Neuauflage des EM-Halbfinals in Dresden

Die Männer machen am 5. August den Anfang, die Frauen ziehen am 16. September nach. Jeweils ein Freitagabend, jeweils ist die große Arena in Frankfurt der Schauplatz. Ausverkauftes Haus bei den Männern, das ist klar. Und bei den Frauen dann 20.000, vielleicht 30.000 Besucher, die Freigang und Gwinn sehen wollen? Siegfried Dietrich, Sportdirektor der Eintracht Frankfurt Frauen und Vorsitzender des Ausschusses Frauen-Bundesligisten, warnt vor überzogenen Erwartungen. Der Zuschauerrekord aus dem Jahr 2014, als 12.464 Besucher zu einem Heimspiel des VfL Wolfsburg kamen, soll jedoch auf jeden Fall gebrochen werden.

Und dann gibt es bald auch wieder Länderspiele, das erste im eigenen Land nach der EM am 7. Oktober in Dresden gleich mit der Neuauflage des EM-Halbfinals gegen Frankreich. Im ausverkauften Rudolf-Harbig-Stadion? So viel ist sicher, die Partie wird ein atmosphärischer Gradmesser.

Manager Dietrich findet, dass die EM mit sich bringe, „manche Negativschlagzeilen der Vergangenheit als gesammelte Erfahrung abzuhaken“. Wo bitte spielen denn außer der zu Olympique Lyon wechselnden Sara Däbritz alle deutschen Feldspielerinnen? Doch in der Frauen-Bundesliga. Deshalb werde der Rückenwind diesmal nicht mit dem Ende der EM abflauen, beteuert der 65-Jährige, der in diesen Tagen mehr denn je eng mit den DFB-Granden in Kontakt ist.

Sky will mehr Frauenspiele übertragen

„Wir wollen nach der erfolgreichen EM mit allen Verantwortlichen der Liga und dem DFB ein neues Wahrnehmungszeitalter der Frauen-Bundesliga einläuten.“ Oft hat er das Vermarktungspotenzial herausgestellt – jetzt scheint es wirklich vorangehen zu können. Gerade sind die Bundesliga-Rechte neu ausgeschrieben worden. Der Bezahlsender Sky hat großes Interesse, will mehr Frauensport übertragen. Das könnte was werden.

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg wird ohnehin nicht müde, ihre „tollen Mädels“ zu loben. Die 54-Jährige erzählt immer gerne von „besonderen Persönlichkeiten mit tollen Geschichten“, die tatsächlich fast allesamt herrlich bodenständig, höflich, respektvoll und dankbar sind. Mit Verlaub: Die schlechten Manieren eines Leroy Sané, ganz abseits eines protzigen Autos oder sündhaft teurer Rucksäcke, erlaubt sich auf dem Platz niemand.

Keine, die stehen bleibt, abwinkt oder den Kopf schüttelt. Macht eine der Nationalspielerinnen in England nicht. Die Bundestrainerin hat ganz viele im Kader, denen die Zukunft gehört. Mehr als Männer-Bundestrainer Hansi Flick übrigens, der jetzt genauso zum Finale kommt wie Bundeskanzler Olaf Scholz. Zwei gehören herausgepickt.

Grätschen, die an Sergio Ramos erinnern

Die eine heißt Lena Oberdorf. Gerade mal 20, aber schon Weltklasse. Ihre Robustheit und Widerstandskraft waren bislang Gold wert. Sie packte Grätschen aus, die an Sergio Ramos erinnern. Und die hat sie sich wirklich bei Youtube abgeschaut – gemeinsam mit ihrem Bruder Tim, der beim Fußball-Zweitligisten Fortuna Düsseldorf um einen Stammplatz kämpft.

Die andere ist Lena Lattwein. Gerade mal 22, aber schon so reif. Mit Traum-Abi. Belegt Online-Kurse, um an der Uni Mannheim ihren Master in Wirtschaftsmathematik zu machen. Hat denn auch gleich den unqualifizierten Tweet von Kanzler Scholz zum Thema Equal Pay enttarnt und öffentlich geradegerückt: „Es ist immer einfach, so was zu sagen, ohne die Einblicke zu haben, wie die Bezahlungen zustande kommen.“

Zu den neuen Bewunderern dieser schwarz-rot-goldenen Vorzeigetruppe zählt neuerdings der nicht nur in Liverpool verehrte deutsche Trainer Jürgen Klopp, der sich mit einer anerkennenden Videobotschaft vor dem Halbfinale gemeldet hatte. „Jetzt weiß man, dass ich eine bestimmte Art von Fußball mag“, sagte Klopp, und meinte: „Und dementsprechend könnt ihr euch vorstellen, dass ich euren Fußball liebe.

Nicht nur Klopp ist begeistert

Den Einsatz, den ihr zeigt, wie ihr euch komplett verausgabt, die Fitness – ihr seht unglaublich frisch aus über das gesamte Spiel, verrückt.“ Insgesamt beobachtet er „eine Werbung für den Fußball, nicht nur für den Frauenfußball. Das Wichtigste ist für mich das Gesicht, das der Frauenfußball gezeigt hat: In den letzten Jahren ist die Entwicklung explodiert.“ Klopp ist nur einer von vielen Koryphäen, die sich plötzlich in Lobeshymnen für die deutschen Fußballerinnen überschlagen.

Dabei im Mittelpunkt: Kapitänin Alexandra Popp, die bislang sechs Turniertreffer erzielte und auch darüber hinaus die Stimmung hochhält. Am Freitag erschien sie zur Pressekonferenz mit aufgeklebtem Schnauzbart und umgedrehter Baseball-Kappe – ein Satire-Magazin und Internet-Portal hatte sie so gezeigt und empfohlen „Alexander Bopp“ solle auch zur Männer-WM fahren. Popp nahm den Ball spaßeshalber auf. Niemand müsse aber befürchten, dass sie jetzt auch bei der WM in Katar mitstürmen werde. Da habe sie schließlich Champions League, beschied die 31-Jährige. War auch das geklärt.

Und noch etwas steht fest: Dass diese EM nach dem Abpfiff am Sonntag gefeiert wird, ganz egal, wie die Partie gegen die seit 19 Spielen unbesiegten und nicht nur wegen ihres Heimvorteils favorisierten Engländerinnen ausgeht. Den Empfang am Frankfurter Römer gibt es am Montagnachmittag so oder so.

Diesmal winken 60.000 Euro

Aus dem aktuellen Kader haben lediglich drei Spielerinnen eine EM gewonnen, 2013 war’s. Die Prämie betrug übrigens 22.500 Euro. Diesmal winkt mit 60.000 Euro fast die dreifache Summe – und nur unwesentlich weniger als für die Engländerinnen (umgerechnet 65.500 Euro). Die Debatte um eine nachträgliche Erhöhung hatte DFB-Boss Neuendorf beendet und stattdessen erklärt: „Ich glaube, dass es jetzt primärer ist, den Pokal in die Luft zu recken.“ Und die Imagewerbung, die Gwinn und Freigang, Oberdorf oder Lattwein für den deutschen Fußball gerade betreiben, ist ohnehin unbezahlbar.

TV-Tipp: Die ARD überträgt das Finale zwischen Deutschland und England am Sonntag ab 18 Uhr live.