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Wieso Ballack? Und warum nicht Streich?

Die Ruhmeshalle des deutschen Fußballs hat fünf neue Mitglieder. Alles große Namen – die auch reichlich Stoff für neue Ost-West-Debatten liefern.

Der gebürtige Görlitzer Michael Ballack hat in den 2000er-Jahren den deutschen Fußball geprägt.
Der gebürtige Görlitzer Michael Ballack hat in den 2000er-Jahren den deutschen Fußball geprägt. © dpa

Dresden. Nur bei Berti Vogts gab es diesmal keine zwei Meinungen. Manches Jurymitglied betonte zwar, auch Jürgen Kohler hätte sich nun den Platz in der seit 2018 existierenden Hall of Fame, der Ruhmeshalle des deutschen Fußballs, verdient. Weil aber im 2020er-Jahrgang nur ein Abwehrspieler in den sehr exklusiven Kreis aufgenommen werden sollte, war man sich dann doch schnell einig. Von den fünf Verteidigern, die es von insgesamt 25 Vornominierten auf die sogenannte Shortlist geschafft hatten, entfielen die mit Abstand meisten Stimmen auf Vogts.

Sein Wirken als Spieler auf und neben dem Platz (ausdrücklich nicht als Trainer, das ist eine eigene Kategorie) gab den Ausschlag. Die urdeutschen Tugenden also wie Kampfkraft, Einsatzfreude und Willensstärke, mit denen Vogts bei Borussia Mönchengladbach und für die Nationalmannschaft in den 1970er-Jahren eine Ära prägte und große Erfolge feierte.

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Vogts zieht damit nun in dieser Woche in jene Ruhmeshalle ein, die dazu beitragen soll, herausragende Spieler- und Trainerpersönlichkeiten des deutschen Männer- und Frauenfußballs zu würdigen und im historischen Bewusstsein des Fußballsports in Deutschland zu verankern. So heißt es im Leitbild des Deutschen Fußballmuseums in Dortmund, das die Hall of Fame beherbergt. Große Worte sind das für große Namen.

Der Magdeburger Joachim Streich hat in den 1970er-Jahren mit seinen Torjägerqualitäten überzeugt.
Der Magdeburger Joachim Streich hat in den 1970er-Jahren mit seinen Torjägerqualitäten überzeugt. © dpa/Joachim Sielski

Nach der Gründungself mit Sepp Maier (Tor), Franz Beckenbauer, Paul Breitner, Andreas Brehme (alle Abwehr), Günter Netzer, Lothar Matthäus, Fritz Walter, Matthias Sammer (jeweils Mittelfeld), Uwe Seeler, Gerd Müller, Helmut Rahn (im Angriff) sowie Trainer Sepp Herberger folgten im vergangenen Jahr dann Oliver Kahn (Tor), Hans-Jürgen Dörner (Abwehr), Wolfgang Overath (Mittelfeld), Jürgen Klinsmann (Angriff) und Helmut Schön (Trainer).

Und diesmal? Vogts natürlich, der im Vorjahr beim Jury-Entscheid knapp gegen Dixie Dörner unterlag. Was deshalb schon bemerkenswert gewesen ist, da Dörner der erste Spieler in der Hall of Fame war mit ausschließlicher DDR-Historie. Bei Matthias Sammer lässt sich das nicht sagen, er prägte den Fußball erst nach 1990.

Diese Ost-West-Debatte ist müßig und doch immer noch prägend bei sämtlichen Diskussionen, wenn es um die Würdigung von in der Vergangenheit erzielten (Lebens-)Leistungen geht. Da macht diese Hall of Fame keine Ausnahme.

Am Einzug von Berti Vogts in die Ruhmeshalle des deutschen Fußballs gibt es dieses Mal keinen Zweifel.
Am Einzug von Berti Vogts in die Ruhmeshalle des deutschen Fußballs gibt es dieses Mal keinen Zweifel. © dpa/Patrick Seeger

Das zeigt allein schon die Auswahl der Kandidaten, ist aber vor allem eine grundsätzliche, schier unlösbare Schwierigkeit. Denn wie sollen sich Leistungen von damals mit denen heute überhaupt sinnvoll vergleichen lassen? Und wer kennt in den alten Bundesländern schon Konrad Weise, den starken wie hoch angesehenen Verteidiger von Carl Zeiss Jena und der DDR-Nationalmannschaft? Der schaffte es ebenso wenig in die Endauswahl wie Dynamos Mittelfeldlegende Reinhard Häfner.

Für die zwei im 2020-er Jahrgang vorgesehenen Plätze im Mittelfeld standen Rainer Bonhof, Pierre Littbarski, Bernd Schuster, Thomas Häßler, Andreas Möller und Michael Ballack zur Debatte – mit knappem Vorteil zunächst für Möller sowie in der nachfolgenden Stichwahl zugunsten von Ballack (und gegen Schuster). Das Votum für den gebürtigen Görlitzer und in Karl-Marx-Stadt aufgewachsenen Ballack hat mit der Herkunft nichts zu tun, seine Dominanz in den 2000er-Jahren, als der deutsche Fußball in einer großen Leistungskrise steckte, gab den Ausschlag.

Und damit zum Angriff. 21 deutsche Stürmer wurden nominiert, und auf die Shortlist schafften es Jupp Heynckes, Klaus Fischer, Joachim Streich, Karl-Heinz Rummenigge und Rudi Völler. Nun unterliegen Inhalte der Jury-Sitzung, die in diesem Jahr coronabedingt als Videokonferenz stattfand, einer gewissen Schweigepflicht. Doch so viel sei gesagt: Es wurde am energischsten und längsten diskutiert, wer von den fünf Kandidaten einen der zwei in dieser Kategorie vorgesehenen Plätze in der Ruhmeshalle bekommt, wobei die Wahl von Fischer, dessen einer seiner vielen Fallrückzieher in Deutschland zum Tor des Jahrhunderts gewählt wurde, am Ende doch deutlich ausfiel.

Es gibt nur einen Rudi Völler, den jetzt auch in der Hall of Fame und auf diesem Bild mit Fernando Carro.
Es gibt nur einen Rudi Völler, den jetzt auch in der Hall of Fame und auf diesem Bild mit Fernando Carro. © dpa/Rolf Vennenbernd

Dann aber … Dass Heynckes der bessere Trainer war – ausgemachte Sache. Und auch, dass der Magdeburger Streich in den 1970er-Jahren mit seinen Torjägerqualitäten einem Gerd Müller in nichts nachstand. Nur dass dieser Müller eben nicht als „Streich des Westens“ bekannt ist. Auch den „Dörner des Westens“ gibt es nicht, eher muss Dynamos Dixie immer noch als „Beckenbauer des Ostens“ herhalten.

Und so endete die Abstimmung wie vermutet: Völler gehört jetzt ebenfalls der Hall of Fame an, wenn auch Streich deutlich mehr Stimmen erhielt, als man es vorab vermutet hätte. Im nächsten Jahr, das steht fest, gibt es dann eine neue Abstimmung und damit die nächsten, neuen Diskussionen, auch das ist sicher.

Das sagen die neuen Mitglieder der Hall of Fame

Berti Vogts: „Ich bin stolz, dazu kommen zu dürfen. Damit habe ich nicht gerechnet. Als kleiner Junge habe ich miterlebt, wie Deutschland 1954 Weltmeister wurde – jetzt mit einigen dieser Helden von Bern in der Hall of Fame in einer Reihe zu stehen, erfüllt mich mit Stolz.“

Andreas Möller: „Ich bin sehr überrascht und freue mich riesig über diese Auszeichnung, die auch die Mannschaften würdigt, in denen ich gespielt habe. Unter all diesen Legenden zu sein, ist für mich eine Riesenehre. Ich freue mich jetzt schon darauf, den Preis im Deutschen Fußballmuseum persönlich entgegen zu nehmen und dabei einige alte Weggefährten wieder zu treffen.“

Klaus Fischer: „Dass ich jetzt bei den ganz Großen des deutschen Fußballs mit dabei bin, macht mich stolz. Das ist eine große Ehre für mich. Uwe Seeler war immer mein Vorbild, als ich noch ein kleiner Junge war. Und von Franz Beckenbauer wollte ich noch ein Autogramm haben, als ich schon 18 war. Da haben meine Großeltern gesagt: Du brauchst kein Autogramm. In vier Wochen spielst du gegen ihn, und genauso ist es gekommen. Dann habe ich viele Tore geschossen, und jetzt bin ich mittendrin bei diesen tollen Spielern. Das ist wunderbar.“

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30 Jahre nach dem WM-Sieg in Italien trifft sich die Mannschaft von damals in der Toskana, mit dabei auch frühere DDR-Nationalspieler wie Dixie und Ulf Kirsten.

Rudi Völler: „In einem Fußballland wie Deutschland zu den Topspielern aller Zeiten zu gehören, ist eine tolle Geschichte. Man weiß ja, welche wunderbaren Spieler in den vergangenen Jahrzehnten für Deutschland aufgelaufen sind. Da jetzt zum etwas engeren Kreis dazuzugehören, macht mich schon ein bisschen stolz und ist auch nicht selbstverständlich.“

SZ-Sportchef Tino Meyer gehört seit diesem Jahr zur insgesamt 29-köpfigen Jury, die über die Aufnahme in die Hall of Fame des deutschen Fußballs abstimmt.

www.fussballmuseum.de

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