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Torwart auf dem Thron – wo sind die Erben?

Manuel Neuer bestreitet am Montag sein 100. Länderspiel. Seine Kollegen überschütten ihn mit Lob. Doch der DFB macht seine Position als Problemzone aus.

Beifall kriegt er in diesen Tagen selbst reichlich. Manuel Neuer ist mehr denn je Deutschlands Torwart Nummer eins.
Beifall kriegt er in diesen Tagen selbst reichlich. Manuel Neuer ist mehr denn je Deutschlands Torwart Nummer eins. © dpa

Von Frank Hellmann

Auch Tennisplätze gehören zum prächtigen Teamhotel der deutschen Nationalmannschaft auf dem Seefelder Hochplateau. Als sich dort Manuel Neuer und Jonas Hofmann zum Match verabredeten, versuchten sich daneben auch Timo Werner, Marcel Halstenberg und Bernd Leno in der Ertüchtigung mit dem Racket. Wieder so ein Moment, erzählte Ersatztorhüter Leno nun beim virtuellen Medientag, dass er den Kollegen Neuer auf einem anderen Niveau erwischte. „Das war Profilevel“, sagte Leno. Kämen wirklich die spaßeshalber ausgerufenen „Seefeld Open“ im Tennis zur Austragung, wäre der Keeper und Kapitän sicher der Topgesetzte.

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Dass das Multitalent Neuer über allen anderen thront, ist grundsätzlich keine neue Erkenntnis. Vor dem 100. Länderspiel der Nummer eins bei der EM-Generalprobe gegen Lettland in Düsseldorf überschlagen sich diejenigen mit Komplimenten, die täglich mit ihm arbeiten. „Mich macht das sehr stolz“, sagt Bundestorwarttrainer Andreas Köpke, der sich noch an das Freundschaftsspiel am 2. Juni 2009 in den Vereinigten Arabischen Emiraten erinnert, als der junge Mann vom FC Schalke 04 debütierte. 100 Länderspiele als Torhüter seien eine Hausnummer, findet der 59-mal in der Nationalelf spielende Köpke. Allein Sepp Maier wäre ohne seinen Autounfall 1979 vielleicht auch in diese Sphären gekommen. Er hat es auf 95 Einsätze gebracht.

Eine besondere Ehrung zu Neuers Eintritt in den Klub der Hunderter als 16. Nationalspieler plant der DFB allerdings nicht. Eine Ehrenmedaille soll es geben. Das Torwarttrikot wird mit der Zahl 100 bedruckt sein. Ansonsten gibt es reichlich verbale Würdigungen. Wenn die Ersatzleute Leno und Kevin Trapp über Neuer sprechen, klingt durch, wie viel besser der 35-Jährige immer noch ist.

Neuer sei „gefühlt 25“, findet Leno, besitze noch immer einen „blitzschnellen Instinkt“. Der 29-jährige Keeper des FC Arsenal erspäht nicht mal in der Premier League einen besseren. Auch die Brasilianer Ederson (Manchester City) oder Alisson (FC Liverpool) würden da nicht heranreichen, Neuer sei „noch ein Stück kompletter“. Neuer sei einfach etwas „ganz Besonderes“, findet auch Trapp. Den 30-jährigen Schlussmann von Eintracht Frankfurt beeindruckt „die positive Präsenz. Man hat nie das Gefühl, dass er nicht von sich selbst überzeugt ist.“ Leno wie Trapp sagen übrigens, sie würden stets noch im Training versuchen, „sich etwas abzuschauen“. Der fünffache Welttorhüter hält eben in einer anderen Liga. „Der beste Torwart, den ich je gesehen habe. Punkt!“, rief Rückkehrer Mats Hummels im Trainingslager aus.

Neuer denkt nicht ans Karriere-Ende

„Ich habe nicht vor, meine Nationalmannschaftskarriere zu beenden“, lautete wiederum Neuers Botschaft in den Tiroler Bergen. Das DFB-Trikot will der gebürtige Gelsenkirchener auch in Zukunft anziehen, „wenn es mir gut geht“. Und genau wie Bundestrainer Joachim Löw („immer offen, ehrlich und kommunikativ, sehr positiv eingestellt und extrem professionell“) schätzt Nachfolger Hansi Flick die Führungsqualitäten eines Ausnahmekönners, der sicherlich bis zur Heim-EM 2024 auf höchstem Niveau halten kann.

Alles in allem sind das keine guten Nachrichten für Marc-André ter Stegen vom FC Barcelona, dem ein medizinischer Eingriff das Bankdrückerdasein bei dieser EM erspart. Dem 29-Jährigen läuft allmählich die Zeit davon. Dass auch ter Stegen Titel für Deutschland gewinnen kann, hat er 2017 beim Konföderationenpokal bewiesen. Daher mutet es auf den ersten Blick kurios an, dass der Verband ausgerechnet diese Paradeposition langfristig als Problemzone ausgemacht hat. Die DFB-Akademie mit Leiter Tobias Haupt, einem ehemaligen Torhüter, hat aber nicht grundlos ein Projekt namens „N_28“ aufgelegt.

Hinter dem Code verbirgt sich die Suche nach dem Nationaltorwart im Jahr 2028. Denn im Nachwuchsbereich sieht es längst nicht mehr rosig aus. Vor allem die Spielpraxis fehlt, bestens zu besichtigen bei der U 21: Stammtorwart Finn Dahmen, 23, hat drei Bundesligaspiele für den FSV Mainz 05 bestritten, Lennart Grill, 22, für Bayer Leverkusen viermal gespielt. Und der Ex-Dresdner Markus Schubert, 22, stand für den FC Schalke 04 und Eintracht Frankfurt in der vergangenen Saison keine einzige Pflichtspielminute auf dem Platz.

Augen zu und durch? Der Ex-Dresdner Markus Schubert spielt nach einem Jahr Ausleihe jetzt wieder für Schalke.
Augen zu und durch? Der Ex-Dresdner Markus Schubert spielt nach einem Jahr Ausleihe jetzt wieder für Schalke. © Martin Meissner/AP-Pool/dpa

Das Land der Torhüter droht seinen Status zu verspielen, zumal die internationale Konkurrenz bei der Ausbildung aufgeholt hat, wie der steigende Anteil ausländischer Stammkeeper in der Bundesliga belegt. DFB-Torwartkoordinator Marc Ziegler hat umfangreiche Analysen angestellt, um zeitnah gegenzusteuern. In den vergangenen sechs, sieben Jahren, findet Köpke, „ist gar nicht so viel schiefgelaufen“. Er habe aber auch „ein bisschen Bauchschmerzen, dass die Jungs zu wenig spielen“.

Torwarttalente in anderen Ländern sammeln deutlich mehr Einsatzzeiten, beispielsweise der Italiener Gianluigi Donnarumma, der mit 22 Jahren bereits auf mehr als 200 Serie-A-Spiele für den AC Mailand und 25 Partien für die A-Nationalmannschaft kommt. Das setzt großes Vertrauen der Trainer voraus. Der DFB kann natürlich nicht in die Kaderplanung eingreifen, aber jungen deutschen Torhütern in allen drei Profiligen wieder vermehrt die Chance zur Entwicklung zu geben, wäre wünschenswert. Mitunter stehen sich die Hoffnungsträger mit einer wenig glücklichen Karriereplanung auch selbst im Weg.

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TV-Tipp: RTL überträgt das Länderspiel gegen Lettland ab 20.45 Uhr live.

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