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Weil es um sein Leben geht

Warum ein Fußball-Profi mit 20 Jahren seine Karriere beendet, obwohl er sogar ein Angebot von einem Verein in der 3. Liga hatte – die Geschichte des Tim Stawecki.

Als Torwart hat Tim Stawecki
für Energie Cottbus fünf Spiele
in der Regionalliga bestritten.
Als Torwart hat Tim Stawecki für Energie Cottbus fünf Spiele in der Regionalliga bestritten. © www.imago-images.de

Dresden. Er hatte sich seinen Traum schon erfüllt, zumindest war er ganz nah dran. Im Sommer 2020 wurde Tim Stawecki die neue Nummer eins bei Energie Cottbus. Profi in der Regionalliga. Das allein ist bei seiner Vorgeschichte ein riesiger Erfolg, denn ein Jahr zuvor hatte sich der Torwart schwer am rechten Knie verletzt. Kreuzband und Meniskus gerissen, dazu ein Knorpelschaden. Er kämpft sich zurück, ist also keiner, der schnell aufgibt. Doch jetzt macht er Schluss, beendet mit 20 Jahren seine Karriere, bevor sie richtig beginnt.

Dabei hätte er diesen Sommer zu einem Drittligisten wechseln können, wenn auch zunächst als Nummer zwei. „Dort hätte er möglicherweise seine Chance bekommen, eine Garantie gibt es im Fußball nicht“, meint Karl Herzog, sein Berater. Auf diese Chance wollte Stawecki aber nicht warten, dazu hat er in kurzer Zeit zu viel erlebt in diesem Geschäft, auch wenn er über die Details nicht reden will. „Es gab da ein paar Sachen …“ Dabei belässt er es – und es hat am wenigsten damit zu tun, dass er nach fünf Spielen seinen Status als Nummer eins schon wieder los war.

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Energie wechselte den Trainer, sein Jugendcoach Sebastian Abt wurde durch Dirk Lottner ersetzt. „Er hat mir das sachlich begründet, das konnte ich nachvollziehen, auch wenn ich natürlich enttäuscht war“, sagt Stawecki. Er wollte sich im Training wieder anbieten, aber die zweite Corona-Welle stoppte erneut den Spielbetrieb in der Regionalliga. Ihn erwischte das Virus im März, anders, als es der Verein darstellt, blieb er nicht symptomfrei, hat die Krankheit aber gut überstanden.

„In der Quarantäne hatte ich Zeit, nachzudenken, mit Eltern, meiner Freundin und Freunden zu sprechen“, erzählt Stawecki. „Ich konnte mein Herz ausschütten, sie haben mir ehrlich ihre Meinung gesagt.“ Es ist ein Prozess, an dessen Ende er seine Entscheidung trifft, den Weg als Profi-Fußballer nicht weiterzugehen, sondern einen „normalen“ Beruf zu lernen. „Ich fühle mich damit befreit. Ich spiele Fußball nicht, weil ich berühmt sein will, sondern aus Leidenschaft. Ich muss damit nicht das große Geld verdienen, sondern kann in einer unteren Liga auf gutem Niveau spielen und einen Beruf ausüben.“

An der Stelle setzt seine Systemkritik an, auch wenn er die Verantwortung zuerst bei sich selbst sieht. „Ich habe mein Abitur gemacht, aber es wäre sicher ein paar Notenpunkte besser als die 2,7 gegangen, wenn ich nicht ein bisschen blind gewesen wäre und gesagt hätte: Fußball steht an erster Stelle“, sagt Stawecki. „Mit 15, 16 denkst du nur daran, es schaffen zu wollen, vergisst aber, dass viel dazugehört, auch das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.“ Auf einen Berufseinstieg aber sind sie zu wenig vorbereitet.

Er hat jedenfalls keinen Plan B, die Berufsberatung an der Schule nahm er nicht wirklich an. „Wenn du in der pubertierenden Phase bist, nervt es dich zu hören: Du darfst die Schule nicht vernachlässigen, denk’ an ein zweites Standbein.“ Vom Verein drängte sowieso keiner auf eine Alternative, schon gar nicht wird sie den Nachwuchsspielern aufgezeigt. „Dort legt man das Augenmerk klar auf die sportliche Entwicklung“, weiß Berater Herzog und findet das „absolut nicht verwerflich“.

Es läuft – bis an die Schwelle zwischen Talent und Profi

Er kennt Beispiele, wie es besser laufen kann, etwa in Hoffenheim, aber auch bei Dynamo Dresden, wo es eine Kooperation mit der AOK gibt. „Es braucht Partner und Sponsoren, die bereit sind, sich der Jungen anzunehmen – und nicht nur Geld zu geben, das wäre Mäzenatentum, sondern ihnen eine Ausbildung neben dem Fußball zu ermöglichen“, argumentiert der 60 Jahre alte Münchner, der von 1995 bis 1997 als Geschäftsführer bei Dynamo tätig war und unter anderem die Dresdner Yannick Stark und Kevin Ehlers berät.

Statistisch kommen nur 3,5 Prozent der Spieler aus den Nachwuchsleistungszentren in einer der ersten drei Ligen an. Für Stawecki scheint der Weg dagegen vorgezeichnet zu sein: Er beginnt beim SV Hohennauen nahe Rathenow auf Initiative seines Opas mit dem Fußball, kommt über den Stützpunkt in Brandenburg zur Landesauswahl mit Trainer Jens Melzig, der ihn bei Energie empfiehlt. Im Februar 2014 wechselt er nach Cottbus an die Sportschule. Stawecki schafft mit der B- und der A-Jugend jeweils den Aufstieg in die Bundesliga, darf als 17-Jähriger bereits mit den Profis trainieren, gehört unter Trainer Claus-Dieter Wollitz sogar zum Drittliga-Kader. Es läuft also. Bis zur Verletzung, bis an die Schwelle zwischen Talent und Profi.

Diese Grenze, sagt Herzog, habe sich verschoben. „Die Durchlässigkeit ist um zwei, drei Jahre gesunken.“ Wer den Sprung nicht direkt schafft, wird meist links liegengelassen. „Es wird erwartet, dass ein Top-19-Jähriger auf Anhieb oben ankommt nach dem Prinzip: Wenn der eine nicht funktioniert, funktioniert ein anderer.“ Deshalb gebe es die Spätstarter, die mit 23, 24 Jahren auftauchen, kaum noch.

Stawecki sah jedenfalls für sich in Cottbus keine Perspektive mehr, will die aber auch nicht bei einem anderen Klub suchen. „Ich muss es mir nicht beweisen, dass ich es schaffe. Es ist mein Leben, und ich habe für mich beschlossen: Ich möchte jetzt etwas anderes machen.“ Nur was? Das weiß er noch nicht genau, kann sich sowohl einen Bürojob als auch eine handwerkliche Tätigkeit vorstellen. Ein Jahr gibt er sich Zeit, etwa über Kurse an der Volkshochschule herauszufinden, was zu ihm passt.

Eines ist ihm dabei klar: Die Entscheidung gegen den Profi-Fußball ist unumkehrbar. „Ich hatte einige schlaflose Nächte, weil ich weiß; Es gibt kein Zurück, wenn ich es bereuen sollte.“ Diese Endgültigkeit hat Herzog ihm noch mal verdeutlicht. „Du kannst nicht mehr zurück, wenn du just for fun in der fünften, sechsten Liga spielst“, meint er.

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