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„Ich wurde bespuckt und mit Steinen beschmissen“

Jimmy Hartwig, erster westdeutscher Trainer im Fußball-Osten, spricht über Erlebnisse in Leipzig, Rassismus und Corona.

Jimmy Hartwig steht oft im Fokus – manchmal auch für sich selbst wie bei diesem Selfie.
Jimmy Hartwig steht oft im Fokus – manchmal auch für sich selbst wie bei diesem Selfie. © Jan Huebner

Im Mittelpunkt der abendfüllenden Dokumentation „Schwarze Adler“ stehen Fußballerinnen und Fußballer, die zwei Aspekte verbinden: Sie alle haben das deutsche Nationaltrikot mit dem schwarzen Adler auf der Brust getragen. Und sie alle sind Schwarz. Der Film, seit 15. April auf Amazon Prime und am 18. Juni im ZDF, berichtet von den zuweilen erschütternden Erfahrungen der Sportler mit dem alltäglichen Rassismus gestern und heute.

Einer der Protagonisten ist Jimmy Hartwig, dessen Bundesligalaufbahn 1972 bei den Kickers Offenbach begann. Der 66-Jährige war 1990 der erste westdeutsche Trainer in der ehemaligen DDR und ist jetzt als Fair-Play-Beauftragter des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) tätig. Ein Gespräch.

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Herr Hartwig, wann haben Sie sich zum letzten Mal persönlich rassistisch angegriffen gefühlt?

Im Grunde passiert das jeden Tag, nicht mit Worten, aber mit Blicken. Das ist einmalig. Wenn ich einkaufe, dann wissen die Leute manchmal natürlich nicht, wer ich bin. Und es wird getuschelt. Sobald die Leute erfahren, dass es doch der Jimmy Hartwig ist, heißt es: „Ach so! Das ist aber ein netter Kerl!“ Das finde ich so grausam. Ich kann mir nur vorstellen, wie das ist, wenn man nicht bekannt ist. Die Menschen kennen dich nicht, fällen aber sofort ein Urteil.

Wurden Sie als Kind zu Hause darauf vorbereitet, dass Sie in der Schule angefeindet werden könnten?

Meine Mutter hat mich schon vorbereitet. Sie hat gesagt, dass ich jetzt in eine andere Welt komme. Es wird Kinder geben, die mich ausschimpfen. Du bist dunkel, du siehst nicht so aus wie die. Und zweitens kommst du aus einem anderen Viertel als die, die aus reichen Verhältnissen stammen. Und genau so ist es eingetroffen. Meine Mutter konnte am Einschulungstag nicht mit mir in die Schule gehen, und ich bin mit sechs Jahren ganz allein mit einer Zuckertüte und einem Ranzen in die Schule marschiert. Da wurde ich schon geprägt. Und ich wusste, dass das Leben, das mir in die Wiege gelegt wurde, nicht das einfachste sein würde.

Haben Sie den Fußballverein dann auch als eine Rettungsinsel empfunden, auf der nur zählte, was man draufhatte?

Insofern, dass ich rauskam, andere Menschen kennenlernen und viel Sport treiben konnte. Ich wollte zeigen, was in mir steckt. Als ich in den Fußballklub gekommen bin, haben die anderen Eltern aber auch gesagt: „Was willst du denn hier als Dunkelhäutiger?“ Der Trainer Kurt Schreiner hat mich unterstützt und gesagt: „Der spielt hier nicht, weil er braun ist, sondern weil er viel besser spielt als Ihr Sohn. Deshalb ist er auch in meiner Mannschaft.“ Er hat einen Schild über mich gehalten. Ich habe gemerkt, dass es auch Menschen gibt, die wie meine Mutter vor mir stehen, zu mir halten und nichts auf mich kommen lassen. Wenn mir in meinen verschiedenen Lebensabschnitten immer wieder solche Menschen begegnet sind, hat mir das neuen Mut gegeben. Sie waren ganz wichtig in meinem Leben.

Sie waren 1990 als Trainer bei Sachsen Leipzig und haben danach in der Stadt auch Theater gespielt. Das Bundesland gilt als rechtsradikaler Hotspot. Haben Sie beim Thema Rassismus regionale Unterschiede festgestellt?

Als ich in Leipzig Theater gespielt habe, habe ich davon nichts gespürt. Sicherlich kamen nach der Wende viele Typen aus dem Westen rüber, die der Meinung waren, denen im Osten mal zeigen zu müssen, wie es geht. Ganz schlimm. Als Theaterschauspieler habe ich von Rassismus nichts mitgekriegt. Aber als Trainer bei Sachsen Leipzig habe ich so richtig Breitseite gekriegt.

Erzählen Sie bitte.

Es wurde immer von Seilschaften gesprochen. Ich wusste gar nicht, was das ist. Für mich stammte der Begriff immer vom Bergsteigen. Dann habe ich gemerkt, was Seilschaft wirklich bedeutet. Mein Präsident war ein ehemaliger Oberstleutnant der Staatssicherheit. Er hat mich sofort spüren lassen, dass ich nicht gern gesehen bin. Ich weiß es noch bis heute, wie er zu mir gesagt hat (Anm.: in breitem sächsischen Dialekt): „Na passen Se mal uff. Wenn Se globen, dass Se bei uns machen können, was Se wollen, nur weil Se ausm Westen rübergekommen sind, dann werdn Se mich aber ma kennenlernen.“ Das war dann auch der Ansatz von den Jungs. Das war ganz schlimm. Und so ging es auch weiter. Ich habe immer Breitseite gekriegt. Dann bin ich nach Cottbus gefahren und direkt in der Höhle des Löwen gelandet.

Inwiefern?

Ich wurde als Trainer bespuckt und mit Steinen beschmissen. Mir wurde bewusst, dass irgendetwas verkehrt läuft. Aber ich habe in Leipzig tolle Menschen kennengelernt. Bis heute habe ich einen super Kontakt nach Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Thüringen. Ich liebe diese Menschen, weil sie geradeheraus und ehrlich mit dem sind, was sie dir ins Gesicht sagen. Aber trotzdem ist es sehr schwer, da hineinzukommen. Ich weiß nicht, warum die Rechten im Osten so stark geworden sind. Die Regierung hat bei der Wiedervereinigung große Fehler gemacht und blühende Landschaften versprochen. Das war Wahlpropaganda. Hätte der Herr Kohl von Anfang an gesagt, dass die Wiedervereinigung kein Zuckerschlecken werden würde, dass viele Leute ihre Arbeit verlieren und auf der Strecke bleiben werden, wir aber alle versuchen müssen, das Bestmögliche zu erreichen, wäre das bestimmt besser gewesen. Die Politiker von damals haben dazu beigetragen, dass Rassismus heute im Osten verbreiteter ist als im Westen.

Würden Sie sich selbst als relativ vorurteilsfrei gegenüber anderen Menschen beschreiben?

Nee. Das bin ich nicht. Ich habe Vorurteile gegenüber Menschen, die Frauen und Kinder schlagen oder die sich Kinderpornografie anschauen, Menschen, die sich an Schwächeren vergehen oder Leute angehen, die nicht in ihr Schema X passen. Es kann ein Linker sein oder ein Rechter, das ist mir wurscht. Wir leben in einem der besten Länder der Welt. Wir leben demokratisch und können unsere Meinung sagen. Wenn man mit der Meinung eines anderen nicht konform geht, kann man doch darüber diskutieren, ohne den anderen zu beleidigen. Man muss auf einer respektvollen Ebene miteinander kommunizieren. Und ich glaube, das habe ich in meinem Leben bisher ganz gut hingekriegt.

Sie haben offen über Ihre Krebserkrankung gesprochen. Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass diese Krankheit einen Menschen auch isolieren kann?

Wenn du diese Diagnose bekommst, ist das ja ein Todesurteil. Natürlich gibt es Leute, die geheilt werden. Aber viele sterben. Was Krebspatienten nicht wollen, das weiß ich auch aus vielen Gesprächen mit anderen, ist Mitleid. Das ist etwas anderes als Mitgefühl. Man muss offen reden: „Ich weiß, du hast jetzt noch zwei Jahre zu leben. Aber wir werden diese zwei Jahre gemeinsam gut überstehen. Wir werden dich nicht schonen, du bleibst voll integriert. Und jetzt gehen wir spazieren!“ Und nicht: „Komm, setz dich in die Ecke. Hast du deine Arznei auch genommen? Bleib schön ruhig.“ Da kann man sich gleich zum Sterben hinsetzen. Das ähnelt tatsächlich dem Umgang mit Rassismus. Man muss Menschen zeigen, dass man zu ihnen gehört und sie zu dir. So kann man Leuten helfen.

Anders als Hautfarbe kann man seine sexuelle Orientierung verstecken. Verstehen Sie Fußballer, die sich in ihrer aktiven Zeit nicht outen?

Ja, ich kann sie verstehen. Aber dass man heutzutage noch Angst haben muss, einen Mann zu küssen, wenn man verliebt ist – oder eben eine Frau –, kapiere ich nicht. Ich habe zu meiner elfjährigen Tochter gesagt: „Mir ist egal, wen du kennenlernst, ob Junge oder Mädchen. Für mich zählt nur eins, liebe Tochter: dass du glücklich bist.“ In München gibt es einen schwul-lesbischen Klub namens „Die Streetboys“, der ist wunderbar. Leben und leben lassen. In der Bundesliga kann man das nicht, und das finde ich sehr schade. Es gibt ja schwule Spieler – das habe ich zumindest gehört –, die Angst haben, sich zu outen. Man muss schauen, was da alles dranhängt. Vielleicht sind sie offiziell glücklich verheiratet und haben zwei Kinder.

Spitzenfußballer erhalten das physische Rundum-Wohlfühlprogramm mit den besten Ärzten und Therapeuten. Ist psychische Unterstützung ebenfalls eine Selbstverständlichkeit?

Mittlerweile ja. Wenn du merkst, dass du in ein seelisches Tief reinkommst, wird man Ärzte haben, die sich darum kümmern. Die Spieler sind wie teure Rennpferde. Und das teure Rennpferd vergisst nie, ob sein Pfleger gut zu ihm war oder nicht. Wenn der Pfleger nicht gut ist, kriegt er ab und zu einen Tritt vor die Brust, dass er wegfliegt. Die Bundesligaspieler vergessen aber manchmal, woher sie gekommen sind und wer sie dahin geführt hat, dass sie diesen Erfolg haben können. Man kann nicht nur mit seinem Rolls Royce oder seinem Porsche vorfahren, man muss auch mal sagen: „Hallo, ich habe mal eine Frage. Wieso habt ihr diesen Menschen jetzt beleidigt?“

Macht es Sie traurig, dass sich in Bezug auf Rassismus bis heute so wenig verändert hat?

Solange es Menschen gibt, wird es auch Rassismus geben. Solange du deinen eigenen Fehler nicht siehst, solange gibt es auch Rassismus in Deutschland. Wir müssen dafür sorgen, dass das Problem kleiner wird und keine großen Strukturen entstehen. Eigentlich können nur Leute wie Steffi Jones, Gerald Asamoah oder ich über Rassismus reden. Normalerweise müssten Leute wie wir als Integrationsbeauftragte im Bundestag sitzen. Wir wissen, wie es geht und wie es sich anfühlt. Ich bin 66 und würde den Job gern übernehmen. Ich möchte etwas erreichen und für die Menschen da draußen arbeiten.

Glauben Sie, dass sich die Corona-Krise auch positiv auf den Milliardenmarkt Fußball auswirken könnte?

Das Gute zurzeit ist, dass du keine Schmährufe hörst. Du hörst keine Beleidigungen, aber du hörst, wie sich Spieler und Trainer gegenseitig anschreien. Ich finde das mittlerweile ganz prima, aber natürlich brauchst du Zuschauer, das gehört einfach dazu. Der Jugend schadet die Situation, sie kann nicht trainieren. Aber den Großen tut es vielleicht mal ganz gut zu sehen, wie es ist, wenn keine Zuschauer da sind. Sie fangen an, am Rad zu drehen, wenn beim Fußball plötzlich kein Geld mehr verdient wird. Ich glaube, es ist ein Lernprozess für uns alle. Natürlich möchte ich gern mal wieder mit Freunden im Biergarten sitzen. Für den Fußball ist diese Zeit der Besinnung vielleicht nicht schlecht.

Die Fragen stellte André Wesche.

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