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"Ein fatales Zeichen an Hooligans"

Der Fanforscher Robert Claus kritisiert das Verhalten der Polizei bei der "Querdenken"-Demo in Leipzig und sagt, welche Rolle der Fußball dabei spielt.

Nach der „Querdenken“-Demonstration am 7. November in Leipzig kommt es zu Ausschreitungen. Ganz vorn dabei: sächsische Hooligans. „Sie stellen das Gewaltmonopol“, sagt Fanforscher Robert Claus.
Nach der „Querdenken“-Demonstration am 7. November in Leipzig kommt es zu Ausschreitungen. Ganz vorn dabei: sächsische Hooligans. „Sie stellen das Gewaltmonopol“, sagt Fanforscher Robert Claus. © dpa/Sebastian Willnow

Herr Claus, Sie haben die „Querdenken“-Demo am 7. November in Leipzig vor Ort verfolgt und sagen, sächsische Hooligans aus der Fußballfan- und Kampfsportszene waren maßgeblich verantwortlich für die Ausschreitungen. Wie kommen Sie darauf?

Viele Tausend Menschen trafen sich bei der Kundgebung auf dem Augustusplatz, der dafür offensichtlich auch zu klein war. Ein kleiner Teil versammelte sich gut sichtbar am Rand des Platzes vor dem Ägyptischen Museum. Das waren rund 200 bis 300 Männer, die der militanten Neonazi- und Hooligan-Szene vor allem aus dem Raum Sachsen zuzurechnen sind – erkennbar anhand von Kleidung, Haltung, und einzelne Gesichter sind ohnehin bekannt. Man konnte diese Gruppe sehr gut lokalisieren. In anliegenden Seitenstraßen griffen zudem weitere kleinere Gruppen schon Journalisten und vermeintlich politische Gegner an. Ab der Mittagszeit hatte sich also angedeutet, sobald es dunkel wird und sich der Demonstrationszug in Bewegung setzt, wird es hier knallen. Auch in den sozialen Medien hatten Neonazis und Hooligans für die Demo mobilisiert, sehr martialisch und mit Gewaltandrohungen.

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Als die Demonstration aufgelöst wurde, haben Hooligans die Polizeisperre durchbrochen und damit den Marsch durch die Innenstadt ermöglicht.

Genauso war es. Man versteht solche Aufmärsche am besten, wenn man sich die Arbeitsteilung anschaut – ohne dass diese schriftlich festgehalten ist. Das passiert in der Praxis.

Welche Aufgaben erfüllen die Hooligans dann konkret bei solchen Demos?

Sie stellen nicht die Redner auf der Bühne, organisieren nicht die Infotische oder verteilen Flyer. Sie stellen das Gewaltmonopol. Das ist ihre Aufgabe, und die haben sie in Leipzig erfüllt. Wenn es darum geht, kritische Journalisten und politische Gegner anzugreifen wie auch die Polizei, um so der Demonstration den Weg freizuboxen, dann ist das ihre Kompetenz. Das ist aber nur das eine.

Wie meinen Sie das?

Was bislang noch viel zu wenig thematisiert ist: das fatale Vorgehen der Polizei. Es ist mir unverständlich, wie diese gut erkennbare große Gruppe militanter Neonazis und Hooligans so lange unbehelligt bleiben konnte. Die Polizei hat über mehrere Stunden keine Anstalten gemacht, die Szene einzuhegen – ein verblüffendes Signal an diese Leute. Damit wurde ein Freiraum aufgemacht, und den Leuten wurde klar, heute geht was.

„Sie stellen das Gewaltmonopol“, sagt Robert Claus (37), einer der führenden deutschen Fan- und Rechtsextremismus-Forscher im Interview, über sächsische Hooligans.
„Sie stellen das Gewaltmonopol“, sagt Robert Claus (37), einer der führenden deutschen Fan- und Rechtsextremismus-Forscher im Interview, über sächsische Hooligans. © Andreas Seidel

Unwissenheit vonseiten der Polizei scheidet demnach vermutlich aus. War es dann also womöglich Teil der Einsatzstrategie?

Ich möchte darüber nicht spekulieren. Ich kann nur sagen, dass es mir völlig unbegreifbar ist, dass die Polizei an vielen wichtigen Stellen nicht präsent gewesen ist. Das halte ich für skandalös. Denn dass sich die Bewegung gegen Corona-Maßnahmen radikalisiert, hat sich seit Ende August mit dem Aufmarsch vorm Reichstag in Berlin gezeigt. Dass in dieser Bewegung rechte Hooligans eine Rolle spielen und Neonazis mitmischen, ist auch klar. Und dann demonstriert diese Bewegung in Sachsen, einem der Kernländer des rechten Hooliganismus. Noch dazu mobilisiert die Szene aktiv. Da stehen doch alle Alarmsignale auf Rot.

Wie kommen Hooligans überhaupt zu so einer Demo?

Man muss differenzieren. Nicht alle Hooligans in Deutschland sind rechtsextrem, aber es gibt große Schnittmengen. Mit den Demonstrationen der Corona-Leugner vereint sie ein rabiater Sozialdarwinismus, verbunden mit einer enormen Staats- und Demokratiefeindlichkeit sowie Menschenrechts- und Wissenschaftsfeindlichkeit. Bei den Demos kommt alles zusammen, da fühlen sie sich angesprochen und versuchen, sich an solche Bewegungen dranzuhängen, wie das Beispiel Leipzig zeigt.

Sie bezeichnen Sachsen als Kernland des rechten Hooliganismus, welche Szenen waren in Leipzig dabei?

Die tragenden Hooliganszenen kamen aus den Umfeldern von Lok Leipzig und dem Chemnitzer FC. Meines Erachtens waren auch Hooligans aus Zwickau, Dresden und Halle da.

Inwieweit tragen die Vereine eine Mitverantwortung? Oder anders gefragt: Was haben Fußballklubs mit solchen Auswüchsen zu tun? Und was können sie überhaupt dagegen tun?

Hier sind vor allem zwei Begriffe gefragt: Langfristigkeit und Nachhaltigkeit. Wir sprechen bei den Hooligan-Szenen nicht von neuen Phänomenen, sondern über jahrzehntelang rekrutierte und etablierte Gruppen, die zudem eigene Wirtschaftsnetzwerke aufgebaut haben. Das heißt, die Aufgabe von Fußballklubs besteht nicht nur darin, sich heute von Gewalt zu distanzieren, sondern langfristige Präventionsarbeit zu leisten. Das haben viele ostdeutsche Vereine in den 1990er und 2000er-Jahren dermaßen versäumt, dass es ihnen noch heute auf die Füße fällt. Kurzfristig wird man das Problem nicht los. Doch gibt es ja Schritte in die positive Richtung, auch bei Lok Leipzig und in Chemnitz.

Rund um Fußballspiele scheinen Gewaltausbrüche inzwischen deutlich zurückgegangen zu sein, vor allem auch in Sachsen. Täuscht der Eindruck?

Nein. Die Gewalt bei Fußballspielen hat vielerorts abgenommen, allerdings ist die Hooligan-Szene nicht verschwunden, sie tritt nun verstärkt in anderen Feldern auf. Das eine sind Demonstrationen. Man muss nur mal erinnern an die großen rechten Aufmärsche im August und September 2018 in Chemnitz nach dem Todesfall auf dem Stadtfest. Das Zweite ist die Rolle des professionellen Kampfsports mit seiner Eventkultur und den Fightnights.

Welche Rolle spielt der Kampfsport?

Neben dem Fußballbezug ist der mindestens genauso entscheidend. Viele Leute aus der Szene betreiben massiv Kampfsport, einige haben eigene Gyms, arbeiten als Trainer oder können eine lange Geschichte im Kampfsport vorweisen. Wir dürfen also nicht nur über Fußball reden, sondern müssen auch die Verantwortung von Kampfsport-Gyms thematisieren. Sie sind mittlerweile von zentraler Bedeutung für die Szene, wenn es darum geht, ihre Gewalt zu trainieren. Wie gesagt, wir reden nicht nur von einer schlagenden Subkultur, sondern von etablierten Gewalt- und Wirtschaftsnetzwerken. Das müssen wir uns bewusst machen.

Welches Zeichen geht von den Ereignissen in Leipzig aus, sowohl in die Hooligan-Szene als auch gesellschaftlich?

Leider ein fatales an Hooligans. Die Szene hat Momente des Gewalt-Erfolges und der Selbstermächtigung erlebt, die sie danach in den sozialen Medien auch sehr gefeiert hat. Und offensichtlich waren staatliche Behörden entweder nicht willens oder nicht fähig, diese rechte Gewalt einzuhegen.

Wer ist da jetzt gefordert?

Wir müssen verstehen, dass sich die Hooligan-Szene und auch ein Teil der Neonazi-Szene sowohl aus der Fußballfanszene als auch dem Kampfsport rekrutiert. Das heißt, an die soziale Verantwortung des Sports adressiert, müssen wir immer Fußball und Kampfsport parallel denken. Die Ansätze im Fußball gibt es, nur sind sie im Kampfsport ungleich kleiner. Ich kenne keinen Kampfsport-Verband, der einen Antidiskriminierungspreis verleiht. Wir müssen also verstärkt auch über die Verantwortung von Kampfsport-Gyms reden, wer dort ausgebildet wird und wie Prävention in diesen Gyms aussehen kann.

Was lauten Ihre Ansätze?

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Erstens braucht es eine Zertifizierung für diesen Markt, der weitestgehend unreguliert ist. Denn Stand heute kann jeder militante oder auch vorbestrafte Neonazi in Deutschland ein Kampfsport-Studio aufmachen. Das halte ich für einen Fehler. Zweitens braucht es eine fachliche Debatte darüber, welche Rolle Gewaltprävention in der Ausbildung von Trainern und Schiedsrichtern spielt und inwieweit Kampfsport-Gyms in kommunale, sportpolitische Netzwerke eingebunden sind. Von diesen Gyms braucht es mindestens eine ganz klare Abgrenzung zu gewalttätigen Neonazis.

Das Interview führte Tino Meyer. 

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