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Leistner erklärt seine Attacke gegen den Pöbel-Fan

"Ich muss meine Frau verteidigen", sagt Toni Leistner. Erstmals spricht er ausführlich über den Vorfall bei Dynamos Pokalspiel und die Konsequenzen für ihn.

Zurück im Alltag, zurück auf dem Trainingsplatz. Toni Leistner darf wieder Fußball spielen. Seine Attacke in Dresden, sagt er, wird vorerst in Erinnerung bleiben.
Zurück im Alltag, zurück auf dem Trainingsplatz. Toni Leistner darf wieder Fußball spielen. Seine Attacke in Dresden, sagt er, wird vorerst in Erinnerung bleiben. © imago images/Michael Schwarz

Dresden. Der Alltag hat ihn zurück, einigermaßen zumindest. Toni Leistner trainiert wieder. Nach drei negativen Corona-Tests durfte der Fußballprofi aus Dresden ins Mannschaftstraining seines neuen Vereins Hamburger SV zurückkehren, und am Sonntag will er in der Partie gegen Erzgebirge Aue auch wieder auf dem Platz stehen. Es wäre erst sein zweiter Einsatz im vierten Saisonspiel, nachdem er zuletzt zweimal gesperrt zuschauen musste.

Das Debüt im HSV-Trikot ist und bleibt unvergessen, nicht nur für ihn. Seine Attacke nach der 1:4-Niederlage im DFB-Pokal in Dresden gegen einen pöbelnden Dynamo-Fan auf der Tribüne hat Leistner mit einem Schlag deutschlandweit bekannt gemacht. Der gebürtige Dresdner weiß das, und er ist nicht stolz darauf. Lieber hätte er für sportliche Schlagzeilen gesorgt. Positive sportliche Schlagzeilen, wie der 30-Jährige betont.

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Zwei-, dreimal habe er sich das Video inzwischen angeschaut, das den Vorfall am 14. September im Rudolf-Harbig-Stadion dokumentiert. Wie Leistner auf die Tribüne klettert, wie er den Fan packt und zu Boden drückt, wie es zu Tumulten kommt. "Mir ist bewusst, dass mich diese Geschichte noch lange begleiten kann. Damit muss ich jetzt leben. Ich aber werde nach vorne schauen", sagt Leistner im Interview mit der Sport-Bild, in dem er erstmals auch ausführlich seine Sicht auf die Dinge erklärt und über den Vorfall spricht.

Als er am Spielfeldrand für ein Interview mit dem TV-Sender Sky bereitstand, habe ihn jener Fan durchgängig beleidigt. Das müsse man als Fußballprofi vermutlich abkönnen, betont Leistner. "Aber es ging immer mehr gegen meine Familie, gegen meine hochschwangere Frau, die nur ein paar Meter weiter saß", erzählt er. Laut Augenzeugen soll der Zuschauer unter anderem gedroht haben, Leistners Frau Josefin in den Bauch zu treten, dass sie ihr Kind verliere. 

Vergangene Woche Dienstag brachte die gebürtige Oschatzerin, die als Model arbeitet und 2014 zu Deutschlands "Miss Universe" gewählt wurde, in Dresden eine gesunde Tochter zur Welt. Es ist das zweite Kind für die Familie, die immer noch eng verwurzelt ist mit der sächsischen Heimat. 

"Für mich ist meine Familie heilig", betont Leistner, "und darum war für mich klar: Ich muss meine Frau verteidigen, ich will den jungen Mann zur Rede stellen." Er sei so kurz nach dem Spiel im Tunnel gewesen, voller Adrenalin und deshalb auf die Tribüne geklettert. Leistner wollte wissen, was der Fan mit seinen Beleidigungen bezwecken will. "Warum er so etwas Böses über meine Frau sagt und meine Familie verbal und mit Gesten attackiert", meint er.

Der Fan entschuldigte sich, genauso wie Leistner

Die Antwort bekam er am Tag danach. Der pöbelnde Fan entschuldigte sich telefonisch bei Leistner. Der hatte ihn nach Vermittlung von Dynamo angerufen. Das Gespräch dauerte rund fünf Minuten, Leistner sagte nicht viel, hörte fast nur zu. Der Fan verwies auf private Dinge, für die es ein Ventil brauchte, und das viel Alkohol im Spiel gewesen sei. Bei der Anhörung vor dem DFB-Sportgericht am vergangenen Donnerstag sprach der Fan von sieben bis neun Bier. "Wenn ich an die Sätze denke, die ich von ihm hörte, pocht meine Halsschlagader gleich wieder", meint Leistner, hat die Entschuldigung aber angenommen. Auch wenn man ganz sicher nicht beste Freunde werde, sei die Sache damit aus der Welt.

Und auch Leistner entschuldigte sich: für den Vorfall, bei seinem Verein und bei der Familie des kleinen Mädchens, das sich im Stadion plötzlich mittendrin im Tumult befand und sich an den Arm ihres Vaters klammerte. Leistner hat ihr mittlerweile ein Paket mit HSV-Fanartikeln geschickt samt Einladung für ein Spiel in Hamburg.

Nach dem Spiel kletterte Toni Leistner auf die Tribüne und griff sich den pöbelnden Fan. Dabei kam es zu Tumulten. Plötzlich mittendrin: Ein kleines Mädchen, das ängstlich nach dem Arm ihres Vaters greift.
Nach dem Spiel kletterte Toni Leistner auf die Tribüne und griff sich den pöbelnden Fan. Dabei kam es zu Tumulten. Plötzlich mittendrin: Ein kleines Mädchen, das ängstlich nach dem Arm ihres Vaters greift. © Jan Huebner

Was Leistner aber noch immer umtreibt, ist die weit verbreitete Meinung, gutbezahlte Fußballprofis müssten mit Beleidigungen umgehen können. Er habe aus dem Vorfall gelernt, und natürlich wisse er um seine Vorbildfunktion. "Aber wenn es so krass gegen die Familie geht, dann hört es bei mir auf. (...) Eine Eintrittskarte für einen Zuschauer ist nicht der Freifahrtschein, Menschen auf eine übelste Art und Weise zu beleidigen", betont Leistner und hat festgestellt, dass solche Vorfälle in den vergangenen Jahren überhand genommen haben, dabei oftmals aus der Masse heraus.

Sein Vorschlag: "Vielleicht können die Klubs mitwirken, indem sie solchen Fans die Mitgliedschaft entziehen, damit sie nicht mehr an Tickets kommen." Im konkreten Fall hat der Fan danach Dynamo angeboten, 20 Sozialstunden für ein Vereinsprojekt zu leisten. Ob und wie das umgesetzt werden kann, berät Dynamo derzeit noch.

Leistner glaubt nicht, dass er nun ein Rüpel-Image hat

Leistner wiederum akzeptiert die nach seinem Einspruch vom Sportgericht reduzierte Strafe von jeweils zwei Liga- und Pokalspielen sowie den 6.000 Euro Geldbuße wegen des Verstoßes gegen das Hygienekonzept (ohne Mund-Nase-Schutz auf der Tribüne). 

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