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Ralf Minge: Typ, Urgestein – Sachse durch und durch

Warum Ilse Bähnert den Auf-ewig-Dynamo "Mingus" ehrt und was der jetzt macht. Eine Begegnung zum 60. Geburtstag.

Zum Abschied am 34. Spieltag kleidete sich die komplette Mannschaft in der Minge-typischen Jeansjacke.
Zum Abschied am 34. Spieltag kleidete sich die komplette Mannschaft in der Minge-typischen Jeansjacke. © Lutz Hentschel (Archiv)

Ohne einen Lacher geht das nicht ab. So erzählt Ilse Bähnert am vergangenen Samstag zur Kür der „Sächsischen Wörter des Jahres 2020“ auf der Bühne im Tom-Pauls-Theater eine kurze Geschichte: Als sie am vorigen Donnerstag in ihrem Einkaufsladen gewesen sei, habe vor ihr ein junger Herr gestanden. „Der zog seine Schdernburgbulln über die Lambe, und es had bieb gemachd“, sagt sie. Dann habe die Kassiererin den Kunden gefragt, ob er Punkte sammle, und da habe der geantwortet: „Nee, ich bin doch Dynamo-Fan.“

Natürlich ist das gemein und mit den Fans nicht zu spaßen, das weiß auch die lustige Witwe aus Sachsen. Aber sie musste irgendwie einen heiteren Treffer landen, um einen Sportsfreund nach vorn auf die Bühne zitieren zu können. Der sei ein Typ, ein Urgestein, eine legendäre Gestalt, ein Sachse durch und durch, der so viel für die SGD geleistet habe. Deshalb würde er zu seinem 60. Geburtstag einen Dank verdienen. „Komm se ma zu mir, mei Gudr“, sagt Ilse Bähnert. Und dann kommt Ralf Minge nach vorn auf die Bühne. Es ist sein erster öffentlicher Auftritt, seit er und sein Herzensverein sich Ende Juni trennten.

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In Brandenburg geboren - eigentlich

Minge lacht, weil er die 80-Jährige überragt wie ein langer Kerl die Königin. Die Bähnerten meint, sie sei in den vergangenen Jahren geschrumpft. Sie wachse ihrem Grab entgegen, aber er sei ja voll im Saft und in den besten Jahren. „Stimmt“, meint der Jubilar bestens gelaunt. Er fühle sich gut. Geboren wurde er am 8. Oktober 1960 in Elsterwerda. Sein Geburtsort lag damals im Bezirk Cottbus, heute in Brandenburg, Elbe-Elster-Kreis, Autokennzeichen EE. Aber das Urstromtal gehört historisch betrachtet zu Sachsen. Erst nach der Teilung des Landes im Jahr 1815 fiel das Stück an die preußische Provinz. Das schmerzt bis heute. Das muss hier mal geschrieben werden. Schließlich zeichnet Ilse Bähnert den „Sachsen des Jahres“ aus, und da muss die Herkunft stimmen.

Ilse Bähnert will wissen, ob er als Herr der Bälle das jüngste Dynamo-Spiel, dieses schlimme 0:3 gegen Bayern II, verfolgt habe. Da meint Minge, dass er sich noch in einer Phase befinde, in der er Abstand gewinnen möchte und zurzeit nur die Ergebnisse zur Kenntnis nehme. Dann sagt er: „Der Saisonstart hat sich wirklich gut angelassen, zumal sich die Rahmenbedingungen überhaupt nicht mit 2014 vergleichen lassen. Wir haben ein neues Trainingszentrum. Wir haben etwas Geld auf der hohen Kante. Insofern kann das Ziel nur der Wiederaufstieg sein. Und die Niederlage gegen die Bayern war nur mal ein kleiner Dämpfer, vielleicht zur rechten Zeit.“

Die Kabarettisten Tom Pauls alias Ilse Bähnert (l.) und Gunther Böhnke sowie Autor Peter Ufer (r.) ehren Dynamo-Legende Ralf Minge als „Sachse des Jahres“.
Die Kabarettisten Tom Pauls alias Ilse Bähnert (l.) und Gunther Böhnke sowie Autor Peter Ufer (r.) ehren Dynamo-Legende Ralf Minge als „Sachse des Jahres“. © Daniel Förster

Wie Minge so spricht, spürt jede und jeder im Publikum, sein Herz schlägt nach wie vor für diese, für seine Mannschaft. Das Gespräch läuft weiter, denn die Bähnerten erklärt, sie habe von ihrer Freundin, der Trudel aus Hetzdorf, gehört, er habe sich eine Auszeit genommen und sei auf dem Jakobsweg wandern gewesen. „Ich würde ja ooch gern ma off den Jakobsweg. Da soll’s ja überall dä Krönung geben“, sagt Ilse. Minge amüsiert sich köstlich über den Witz und sagt dann ernsthaft: „Für mich war das eine sehr kluge Entscheidung, zu der ich von meiner Frau inspiriert wurde.“ Wo er lang gewandert sei, will die Sächsin wissen. „Ich bin von Porto nach Santiago, weiter nach Fisterra und Murcia. Das waren gut 400 Kilometer.“

Er habe bis auf einen Anruf am Tag nicht gesprochen. Das sei eine gute Möglichkeit der Verarbeitung der Vergangenheit gewesen, um mit Wunden zurechtzukommen, über die nur schnell ein Pflaster geklebt worden sei. „Ich habe gehofft, dass irgendein Geistesblitz auf dem Weg kommt, der mir sagt: Das ist deine Zukunft, deine Vision, aber das war nicht der Fall“, erzählt Minge.

"Ich greife nicht gierig nach Glück"

Am Anfang sei er wie ein Leistungssportler im Wettkampf losgerannt, um auf dem Weg zu begreifen, dass es gar nicht um den Sieg gehe. „Nach vier Tagen habe ich die Uhr vom Handgelenk abgemacht, und wenn ich müde war, legte ich eine Pause ein. Das war eine wichtige Erkenntnis für mich.“ Im Übrigen würden auf dem Weg alle in eine Richtung laufen. Nur ganz selten komme einer entgegen. Damit sei nicht nur der Abstand gewährleistet, sondern auch das gemeinsame Ziel klar.

Zum Titel "Sachse des Jahres" gab's einen großen Präsentkorb obendrauf - voll mit sächsischen Köstlichkeiten.
Zum Titel "Sachse des Jahres" gab's einen großen Präsentkorb obendrauf - voll mit sächsischen Köstlichkeiten. © Daniel Förster

Ilse Bähnert ließ nicht locker, wollte unbedingt wissen, wie die Zukunft von Minge aussehen würde, ob er sich in einer „Findungsphase“ befinde. Vor allem mache sie sich um seine finanzielle Situation Sorgen und würde ihn auch mal zum Essen einladen, wenn’s denn schlimm um ihn stehen würde. Der Auf-ewig-Dynamo bedankte sich für die Nachfrage und meinte, so lange seine Frau Arbeit habe, sei es gut um ihn bestellt. 

„In meinem Berufsleben war es immer so, dass ich eine Lösung gefunden habe. Ich greife nicht gierig nach dem Glück, sondern strecke die Hand aus in der Hoffnung, es setzt sich irgendwann drauf“, sagt er. Ilse kommentiert das mit ihrer Lebenserfahrung: „Wo sich Türen schließen, öffnen sich Tore.“ Da sind beide plötzlich wieder beim Fußball, denn am Ende dreht sich doch alles darum.

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Ilse Bähnert erklärt, er solle am Ball des Lebens bleiben. Er sei eine großartige Person, vor allem auf dem Boden und menschlich geblieben. Er verstehe seine Landsleute, die Fans und die anderen. Deshalb werde er von ihrer Stiftung geehrt und zum „Sachsen des Jahres“ gekürt. „Den Preis ham mir uns vom Munde abgespard, mei Gudr.“ Sie überreicht einen „Präsentkorb“, den der Backwarenhersteller Dr. Quendt zur Verfügung gestellt habe. „Wir dankn Ihn in Namn dor Sachsen für ihre geleisdede Arbeed. Glückwunsch und doi, doi, doi.“ Minge nimmt den Preis sichtlich gerührt entgegen. Das Publikum applaudiert.

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