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"Rechtsextreme sind weiter im Fußball präsent"

Nach Neonazi-Rufen sächsischer Hooligans äußert sich der Verfassungschutz. Präventionsexperten fordern umfassende Konzepte.

Nicht immer tragen Rechtsextremisten Springerstiefel. Im Fußball zeigen sie Präsenz mit teils martialischen Aktionen. Foto: dpa
Nicht immer tragen Rechtsextremisten Springerstiefel. Im Fußball zeigen sie Präsenz mit teils martialischen Aktionen. Foto: dpa © dpa

Das Video wirkt verstörend. Etwa drei Dutzend schwarz gekleidete junge Männer laufen in Richtung Kamera. Sie singen einen Song der aufgelösten rechtsextremen Rockband Landser. Zudem sind „Sieg-Heil“-Rufe zu hören. Der 15-Sekunden-Schnipsel zeigt ganz offenbar Hooligans des Chemnitzer FC am Rande eines Testspiels am letzten Juniwochenende in Tschechien. Der Verein distanzierte sich umgehend - auch von homophoben Bannern, die die Chemnitzer Gruppe im Stadion gezeigt hatte.

Binnen weniger Wochen ist es das zweite Mal, dass sächsische Fußballfans negative Schlagzeilen verursachen. Nach dem ohne Zuschauer ausgetragenen Aufstiegsheimspiel von Dynamo Dresden gegen Türkgücü München randalierten Anhänger Mitte Mai in Stadionnähe, jagten Polizisten und Journalisten. Zu den Verletzten zählten 185 Beamte, aber auch Reporter und Fans.

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Ist die Häufung Zufall? „Der Vorfall verdeutlicht, dass Rechtsextreme in der sächsischen Fußballfanszene weiterhin präsent sind und auch offensiv Präsenz zeigen“, heißt es in einer Einschätzung des Landesamtes für Verfassungsschutz zu dem Aufzug der Chemnitzer Fans im böhmischen Most.

Szene weiß sich zu organisieren

„Insbesondere die Durchführung der Aktion im benachbarten Ausland zeigt die Fähigkeit der Szene, sich zu organisieren und auch den Willen, die rechtsextreme Gesinnung in provozierender Art und Weise nach außen zu tragen. Die Fußballvereine werden dabei von Rechtsextremisten instrumentalisiert.“ In Dresden entsetzte nicht nur Augenzeugen die rohe Gewalt, auch wenn Nazi-Gesänge offenkundig ausblieben.

Im aktuellen Verfassungsschutzbericht für Sachsen – er analysiert das Jahr 2019 – beschreibt Innenminister Roland Wöller (CDU) die Strategie von Rechtsextremisten. Sie versuchten, unter anderem durch „Veranstaltungsarten wie Fußballspiele in die gesellschaftliche Mitte hineinzuwirken“.

Das Problem, vor dem Sicherheitsbehörden stehen: Es gibt zwar, bezogen auf 2019, nur drei rechtsextremistische Fanclubs in Sachsen, von denen sich einer mittlerweile aufgelöst hat. Aber etwa 2.000 der rund 3.400 Neonazis im Freistaat zählen die Verfassungsschützer zum sogenannten „unstrukturierten rechtsextremen Personenpotenzial“, sie sind also nicht in Kameradschaften, Parteien oder sonstigen festen Zusammenschlüssen organisiert.

Zahlen sind drastisch angestiegen

„Allen ist gemein“, heißt es im Jahresbericht für 2019, „dass sie sich über ihre Teilnahme an Szeneaktivitäten hinaus keiner konkreten rechtsextremistischen Struktur fest zuordnen lassen, obwohl sie selbst eine unzweifelhaft rechtsextremistische Gesinnung verfolgen“. Der Nachrichtendienst weiß auch, wo sie in Erscheinung treten: „Vor allem bei Konzerten und als Teil der Fußballszene“.

Die Zahlen sind drastisch gestiegen. In Sachsen zählt der Verfassungsschutz nach einem Rückgang wieder so viele Rechtsextremisten wie Anfang der 1990er-Jahre. Die unstrukturierte, auch beim Fußball aktive Szene macht den größten Teil aus und hat ebenfalls starken Zuwachs erfahren. Waren es 2018 rund 1.300 Rechtsextremisten, sind es im Berichtsjahr die bereits erwähnten 2.000.

Zum Vergleich: Die damals drei rechtsextremistischen Fanclubs – zwei in Chemnitz, einer in Hoyerswerda – hatten jeweils eine niedrige zweistellige Mitgliederzahl. Dazu kommt, dass selbst unorganisierte Rechtsextremisten gut vernetzt sind. Im Zuge ausländerfeindlicher Proteste nach dem Tod eines Mannes am Rande des Stadtfestes 2018 in Chemnitz konnten sie bis zu 300 Demonstranten zusammenrufen.

Wie lassen sich Ausschreitungen unterbinden? Der bei Sachsens Innenministerium angesiedelte Landespräventionsrat sieht neben der Arbeit von Polizei und „abgestimmte Aktivitäten von Fußballvereinen und -verbänden, Kommunen und weiteren gesellschaftlichen Kräften“ als notwendig an. Öffentlich unterstützte Fanprojekte „unterstützen beratend und können insbesondere in der Vorbeugung von problematischen Entwicklungen helfen“.

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Immer wieder sorgten rechtsextreme Fußballfans in Sachsen für Schrecken. Im Januar 2016 zogen rund 300 Gewaltbereite durch den linksalternativ geprägten Leipziger Stadtteil Connewitz und hinterließen dabei eine Spur der Zerstörung. Unter ihnen waren Hooligans von Dynamo Dresden, Lok Leipzig und dem Halleschen FC aus Sachsen-Anhalt. Sachsens Verfassungsschutz geht allerdings nicht davon aus, dass die Fußballszene im Freistaat mit der Lockerung von Coronabeschränkungen radikaler geworden ist.

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