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Warum Dynamo trotz des Sieges unter Druck steht

Die Dresdner gewinnen in Lübeck, spielen dabei allerdings wenig überzeugend. Danach findet der Trainer klare Worte zu den Erwartungen an seine Mannschaft.

Der Jubel nach dem 1:0: Torschütze Philipp Hosiner (v. - r.), Ransford-Yeboah Königsdörffer, Christoph Daferner und Marvin Stefaniak.
Der Jubel nach dem 1:0: Torschütze Philipp Hosiner (v. - r.), Ransford-Yeboah Königsdörffer, Christoph Daferner und Marvin Stefaniak. © PICTURE POINT

Dresden. Nach dem Schlusspfiff freuen sie sich eher verhalten, was daran liegen könnte, dass die Dynamo-Spieler erst einmal durchschnaufen müssen. Das Wort „dreckig“ wird später am meisten verwendet, um diesen Sieg zu beschreiben. Der Jubel bricht erst aus, nachdem sich die Truppe im Kreis versammelt und der Trainer ein paar passende Worte gesagt hat. 

Nein, erzählt Markus Kauczinski, er habe ihnen nicht zwei Tage frei gegeben. Mit seiner kurzen Ansprache wollte er sie vielmehr befreien. „Ich merke, dass die Mannschaft unter Druck steht“, erklärt der 50-Jährige. Dank Siegtorschütze Philipp Hosiner gewinnen die Dresdner beim VfB Lübeck mit 1:0, beim Tabellenletzten also, der zudem ab der siebenten Minute in Unterzahl spielen muss. Ryan Malone hatte mit seinem viel zu hohen Fuß Paul Will im Gesicht getroffen, der Schiedsrichter zeigt ihm Rot. 

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Der Platzverweis ist strittig, vor allem aber wenig hilfreich für die Schwarz-Gelben. Vielmehr tun sie sich schwer auf dem tiefen Boden mit dem kampfstarken und defensiv gut organisierten Gegner. „Wir haben zu umständlich gespielt und den Sieg mehr über die Zeit gerettet als gespielt“, analysiert der Trainer. Lübeck vergibt die Chance zum Ausgleich. 

Erinnerungen an den Wutausbruch von Mertesacker

Ich weiß manchmal nicht, was unser Anspruch ist“, sagt Chris Löwe – und für einen Augenblick denkt man an das legendäre TV-Interview von Ex-Nationalspieler Per Mertesacker nach dem Spiel gegen Algerien bei der WM 2014, als er den Reporter anblaffte: „Watt wollen se? Wollen se ’ne erfolgreiche WM, oder sollen wir wieder ausscheiden und haben schön gespielt?“ Löwe reagiert nicht ganz so angefressen, schließlich stellt ihm Vereinssprecher Henry Buschmann die Fragen. Für die mitgereisten Journalisten gibt es wegen der Hygiene-Auflagen keine Interviews.

„Wir haben auswärts 1:0 bei einem eklig zu bespielenden Gegner, auf einem richtig beschissenen Fußballplatz gewonnen“, sagt Löwe – und man hört förmlich, wie es in ihm brodelt, sich für den Erfolg quasi rechtfertigen zu müssen. Schließlich sind es solche Siege, die am Ende einer langen Saison den Ausschlag geben können, ob das Ziel erreicht wird. Das ist nichts weniger als der Aufstieg, egal, ob sie das nun selbst erklären oder nicht: Als Zweitliga-Absteiger wird das von Dynamo erwartet.

Der Dank des Trainers an den Torschützen: Markus Kauczinski (r.) klatscht kurz mit Philipp Hosiner ab, der das Spiel in Lübeck mit seinem ersten Treffer für Dynamo entschieden hat.
Der Dank des Trainers an den Torschützen: Markus Kauczinski (r.) klatscht kurz mit Philipp Hosiner ab, der das Spiel in Lübeck mit seinem ersten Treffer für Dynamo entschieden hat. © PICTURE POINT

„Wir mussten heute wieder lernen, wie schwer die Aufgabe ist, diese Bürde anzunehmen“, sagt Kauczinski. „Man ist eh schon der Favorit, dann spielt man gegen zehn, und alle erwarten irgendwie, man spielt die auseinander. Ich glaube, dass man diese Erwartung der Mannschaft nicht mitgeben darf.“ Denn das sei eine besondere Herausforderung, die sie in Lübeck gemeistert haben. Ohne Glanz zwar, aber mit dem richtigen Ergebnis. Rückkehrer Marvin Stefaniak, der eingewechselt wurde, betont deshalb: „Solche Spiele kann man dreckig gewinnen und muss nicht mit einem Schönheitspreis nach Hause fahren.“

Entscheidend sind die Fakten. Im fünften Spiel dieser Saison hat Dynamo bereits zum dritten Mal mit dem knappsten aller Ergebnisse gewonnen. Mit erst vier geschossenen Toren haben sie zehn Punkte geholt, zwei im Durchschnitt also. Das ist tatsächlich die Statistik eines Aufsteigers, es für solche Hochrechnungen aber viel zu früh. „Uns ist bewusst, dass wir uns steigern müssen vor allem, was das Spiel nach vorne angeht“, räumt Kauczinski ein, aber: „Wir haben schon gezeigt, dass wir gut Fußball spielen können.“ Besonders beim überraschenden 4:1-Sieg im DFB-Pokal gegen den Hamburger SV. „Das wird wiederkommen“, verspricht der Trainer, „aber wir dürfen uns nicht so belasten.“

Kauczinski sicher: Das Selbstbewusstsein wird wachsen

Einer wie Löwe, der mit Borussia Dortmund 2012 deutscher Meister geworden ist und für Huddersfield Town 52-mal in der englischen Premier League gespielt hat, ist mit seiner Erfahrung in diesem Reifeprozess besonders wertvoll. „Insgesamt bin ich zufrieden, weil wir nicht die Mannschaft sein werden, die durch die Liga reitet und jedes Spiel mit 4:0 gewinnt“, sagt Dynamos Pendler nach der Partie schon etwas genervt, denn: „In dieser Liga geht viel über Kampf, über eklige Spiele und knappe Ergebnisse. Wir haben heute das Spiel gewonnen, unsere Aufgabe erfüllt.“

Der Trainer sieht das genauso und es ist ihm wichtig, das der Mannschaft unverzüglich kundzutun. „Wir haben gekämpft, alles versucht und am Ende gewonnen. Darüber darf man sich freuen“, wiederholt Kauczinski seine Worte vom Kreis bei der Pressekonferenz. Die Sorge, der Erwartungsdruck könnte erdrückend werden, habe er nicht. „Wir wachsen daran, werden besser – da bin ich völlig guter Dinge“, erklärt er: „Mit den Ergebnissen und den schwierigen Momenten, die man bewältigt, wird das Selbstbewusstsein wachsen.“

In Lübeck haben sie etwas Neues gelernt, nämlich, wie unbequem es sein kann, einen Gegner in Unterzahl mürbe zu spielen. Sie sind dabei, das muss man ihnen lassen, keinesfalls hektisch geworden. „Ein Spiel hat 90 Minuten, wann du das Tor schießt, ist egal. Du musst zur Halbzeit nicht 4:0 führen“, sagt Löwe zum Geduldsspiel, das die Fans zu Hause am Fernseher einige Nerven gekostet hat. Viele haben reichlich Luft nach oben gesehen und das in sozialen Netzwerken so kommentiert. Sicher zu Recht. Trotzdem ist es gut, wenn der Trainer sagt, was wirklich wichtig ist.

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