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Warum er bei Dynamo erwünscht wie gefürchtet war

Nach mehr als zehn Jahren verlässt Thomas Kunert den Aufsichtsrat der SGD. In dieser Zeit gab es viele knifflige Situationen – wie zuletzt den Fall Minge.

Thomas Kunert hat Wirtschaftsingenieurwesen studiert, seit Januar ist er Leiter des Technischen Büros bei VW in Dresden. Bei Dynamo gehörte er mehr als ein Jahrzehnt lang zum Aufsichtsrat.
Thomas Kunert hat Wirtschaftsingenieurwesen studiert, seit Januar ist er Leiter des Technischen Büros bei VW in Dresden. Bei Dynamo gehörte er mehr als ein Jahrzehnt lang zum Aufsichtsrat. © Foto: Matthias Rietschel

Dresden. Wenn er seinen Sohn sieht, erinnert er sich an seine Kindheit. „Bei Dynamo-Spielen wird zu Hause der K-Block aufgebaut mit Fahne, Schal und selbst gebasteltem Plakat“, erzählt Thomas Kunert über den Zwölfjährigen, der natürlich viel lieber im Stadion wäre. Den ersten Besuch hat ihm der Papa noch mit einer Tüte Gummibärchen versüßt, damals war er drei. Jetzt ist der Junge genauso leidenschaftlich und emotional dabei wie er.

„Meine Eltern sagen oft: Schau dir deinen Jungen an, genauso warst du früher. Und dann erzählen sie, dass ich nach dem Uerdingen-Spiel mit Tränen in den Augen in die Schule gegangen bin. Das stimmt“, sagt Kunert. Dieses 3:7-Debakel im Europacup erleben die Schwarz-Gelben im März 1986. Kunert spielt damals in Heidenau selbst Fußball und fährt mit den Kumpels ab der fünften Klasse zu Dynamos Heimspielen nach Dresden. „Im Block K–J gab es eine höhere Stufe. Wir waren zwei Stunden vorher da, um dort einen Platz zu bekommen, damit wir über die Größeren hinwegsehen konnten“, erzählt er.

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Es ist also durchaus folgerichtig, dass sich Kunert im Herbst 2010 für die Wahl zum Aufsichtsrat bei Dynamo bewirbt. Zuvor hat er sich bei der Bundeswehr im Biathlon probiert und bei einem internationalen Wettkampf in Ruhpolding erlebt, wie es sich anfühlt, wenn der 30 Sekunden später gestartete Norweger einen gefühlt schon überholt, wenn man gerade erst losgelaufen ist. „Das war eine sehr spannende Zeit, weil ich meinen Körper besser kennengelernt habe, um zum Beispiel den Puls beim Laufen so zu steuern, dass beim Schießen das Gewehr nicht zu sehr hin und her schwankt.“

Entschuldung ist der Anspruch beim Einstieg

Kunert studiert in Zittau Wirtschaftsingenieurwesen, spezialisiert sich auf Produktionswirtschaft. Bei VW und Audi betreut er mehrere Modelle als Projektleiter, zuletzt in Dresden den E-Golf und den ID 3, seit Januar ist er Leiter des Technischen Büros. Einige Zeit hat er Dynamo mehr aus der Ferne beobachtet, aber ein Gedanke ist immer im Hinterkopf: „Es muss doch möglich sein, dem Verein eine Struktur zu geben, um ihn zu entschulden und mit nachhaltigem Wirtschaften in die Gewinnzone zu führen“, beschreibt Kunert den Anspruch bei seinem Einstieg.

Jetzt, mehr als zehn Jahre später, verlässt der 45-Jährige den Aufsichtsrat, es ließe sich auf den Punkt bringen: Mission erfüllt. Kunert ist in dem Kontrollgremium, so schreiben es seine Mitstreiter in einer persönlichen Dankesbotschaft, „als Mann der Zahlen und Nachfragen erwünscht wie gefürchtet“ gewesen. Er habe sich für den Kampf um die finanzielle Konsolidierung engagiert und „jeden rosaroten Blütenträumen vom schnellen, fremdfinanzierten Erfolg energisch in den Weg gestellt“.

Das beginnt mit dem Sponsorenpool, den Kunert als Investorenmodell skeptisch sieht. „Damit hatte ich gleich für viel Freude gesorgt“, meint er lächelnd. Die Aufsichtsräte Thomas Bohn, damals Vorsitzender, und Thomas Dathe wollen Geld geben, dafür aber später von Transfererlösen – auch von Talenten aus dem eigenen Nachwuchs – profitieren. Das Projekt kommt nicht zustande. Das sei nicht sein Verdienst, sondern eine Teamleistung gewesen, betont Kunert. Was für alle Entscheidungen und Entwicklungen gelte.

Aufsichtsräte sind plötzlich die Buhmänner

Welche Situation die kniffligste war, kann und will er nicht sagen, es waren einfach zu viele. Dazu gehört auch die Trennung von Sportgeschäftsführer Ralf Minge vor einem Jahr. Kunert und seine Kollegen im Aufsichtsrat stehen öffentlich als die Buhmänner da, die einem Vereinsidol den Laufpass geben. Die Kommentare sind teils sehr persönlich, auch von einem Journalisten, der von „Luftpumpen“ spricht, fühlt er sich diffamiert. Dabei habe es von dem Medienvertreter weder eine Anfrage noch den Ansatz für ein persönliches Gespräch gegeben. „Das ist ein Puzzleteil für meinen Rückzug“, räumt Kunert ein. Wie so oft habe jedoch den meisten Außenstehenden das Hintergrundwissen gefehlt.

Nach seiner ersten Wiederwahl im November 2013 im Kreis der neuen Aufsichtsräte V. l.): Lars Mai, André Gasch, Hans-Jürgen "Dixie" Dörner. Hans Eggert, Thomas Kunert und Sven Schellenberg. Von damals ist jetzt nur noch Vereinslegende Dörner dabei.
Nach seiner ersten Wiederwahl im November 2013 im Kreis der neuen Aufsichtsräte V. l.): Lars Mai, André Gasch, Hans-Jürgen "Dixie" Dörner. Hans Eggert, Thomas Kunert und Sven Schellenberg. Von damals ist jetzt nur noch Vereinslegende Dörner dabei. © Foto: PR/Verein

Kunert schildert seine Innensicht: „Ralf Minge hat uns in den Gesprächen sehr früh signalisiert, er werde wohl nicht weitermachen. Dann ist es unsere Pflicht – bei allem Respekt vor der Person und der Leistung von Ralf Minge, der zu Recht bei Dynamo einen Idolstatus hat – kein Vakuum entstehen zu lassen, sondern für einen nahtlosen Übergang zu sorgen.“

Man könne über die Formulierung einer Pressemitteilung oder den Zeitpunkt streiten, aber den Aufsichtsrat ungefragt an den Pranger zu stellen, sei inakzeptabel. Seinen bisherigen Kollegen, die wie er im Ehrenamt viel Energie und Herzblut für ihren Lieblingsverein aufbringen, wünscht er deshalb mehr Möglichkeiten, ihre Arbeit stärker nach außen kommunizieren zu können. Sie greifen zwar nicht ins operative Geschäft ein, begleiten aber die Vielzahl an Themen im Verein in Arbeitsgruppen.

Die Themenvielfalt der vergangenen Jahre war beachtlich: erst die Entschuldung. „Den Löwenanteil haben die Mitglieder geleistet, die zweimal eine Sonderumlage und damit insgesamt mehr als zwei Millionen Euro gezahlt haben“, betont Kunert. Dann den Vermarktervertrag neu verhandeln, den Dynamo in einer Notsituation 2009 geschlossen hatte. „Sonst wäre der Verein so gut wie insolvent gewesen.“ Sportfive zahlte eine halbe Million Euro als Antrittsprämie. Diesmal konnte der Verein bessere Konditionen durchsetzen.

Oder das Trainingsgelände, bei dem Kunert streng darauf geachtet hat, dass die zuletzt prognostizierten Baukosten von 21 Millionen Euro nicht überschritten werden – es blieb bei 20 Millionen. Er hat auch früh die Betriebskosten für die moderne Anlage im Blick gehabt, die auf eine Million Euro pro Jahr geschätzt werden. Seine Fragen: „Wie kann man das optimieren? Wie lässt sich das in der Bilanz ausgleichen?“

Zufriedenheit beim Blick auf das Erreichte

Antworten muss nun Jürgen Wehlend finden, seit Januar der kaufmännische Geschäftsführer. Auch diese Personalentscheidung hat Kunert – wie die des neuen Sportgeschäftsführers Ralf Becker – maßgeblich begleitet, Gespräche mit Kandidaten geführt. Warum er jetzt zurücktritt? Niemand hat ihn dazu gedrängt, meint er, sein Sohn und die neun Jahre alte Tochter haben erst daran geglaubt, als er im Urlaub an der Ostsee in Stralsund den Brief in den Kasten gesteckt hat.

Er spürt eine gewisse Müdigkeit, aber auch Zufriedenheit nach dem Aufstieg und beim Blick zurück auf das Erreichte. „Es gibt nur ein strategisch wichtiges Thema, das wir bisher nicht gelöst haben: die Stadionverträge“, sagt Kunert. Natürlich sieht er darüber hinaus Potenzial, den Verein weiterzuentwickeln. Er nennt Stichworte wie Struktur, Vereinsheimat, Steinhaus, Digitalisierung, neue Geschäftsfelder, etwa E-Sport. „Das haben wir meiner Meinung nach im Verein nicht richtig ausdiskutiert.“

Er wird das ab sofort erst einmal von außen beobachten, denn das ist es, worauf er sich jetzt am meisten freut: „Als Fan mit Freude die zweite Liga genießen, ohne Verantwortung zu tragen für das, was passiert, wenn …“

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Also wieder so wie früher – und gerne mit seinem Sohn im Stadion.

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