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„Dynamo trage ich ganz tief in meinem Herzen“

Thomas Hübener verlässt die SGD nach dem Aufstieg 2011, aber die Zeit in Dresden hat ihn besonders geprägt. Jetzt betreibt er eine Crossfit-Anlage im Rheinland.

In Langenfeld im Rheinland betreibt der einstige Dynamo-Kapitän Thomas Hübener eine Crossfit-Anlage – und hat selbst an Muskelmasse zugelegt.
In Langenfeld im Rheinland betreibt der einstige Dynamo-Kapitän Thomas Hübener eine Crossfit-Anlage – und hat selbst an Muskelmasse zugelegt. © Ralph Matzerath

Dresden. Es gibt keinen Weg zurück, sein Abschied steht fest. Thomas Hübener verlässt Dresden nach vier Jahren im Sommer 2011, wechselt zu Arminia Bielefeld. Daran ändert auch der Aufstieg nichts mehr. „Im Nachhinein habe ich es wirklich bereut, ich hätte gerne für Dynamo in der zweiten Liga gespielt“, sagt der 38-Jährige. Damals fühlte er sich jedoch vom neuen Sportchef Steffen Menze nicht gebührend behandelt. „Das hat mir einfach nicht gepasst, also habe ich, konsequent, wie ich halt bin, einen Schlussstrich gezogen: Ich gehe.“

In Bielefeld hat er anschließend auch eine „unglaublich tolle und intensive Zeit“, steigt mit den Ostwestfalen ebenso auf. „Mit Dynamo lässt sich das trotzdem nicht vergleichen, das war schließlich mein erster Schritt im Männerfußball.“ Bei Bayer Leverkusen hatte er zwar bereits „an der Bundesliga gekratzt“, wie es Hübener sagt, saß sogar bei Europapokal-Spielen auf der Ersatzbank, aber als er einen Profi-Vertrag bekommen sollte, zog er sich einen Haarriss im Fuß zu. Aus der Traum.

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Bereits zum zweiten Mal. Weil das Abwehrtalent aus der eigenen Jugend den Sprung ins Bundesliga-Team nicht direkt schafft, wechselt Hübener zu Fortuna Köln, spielt in der Regionalliga und arbeitet halbtags in der Buchhaltung bei der Bayer AG, transferiert Millionen-Summen zu Tochter-Unternehmen. „Es standen mir manchmal die Schweißperlen auf der Stirn“, erzählt er. Bei dem Pharmariesen hatte er seine Lehre als Bürokaufmann mit der Bestnote abgeschlossen. „Mir war es wichtig, einen Beruf zu haben, falls etwas passiert.“

Der Chef schimpft: "Sie müssen sich entscheiden"

Genau an den Punkt kommt er mit Köln, der Verein geht pleite. Hübener bekommt im Bayer-Werk eine Ganztagsstelle, will nur noch bei seinem Jugendverein Union Solingen in der Oberliga spielen. Bis sich Ralf Minge meldet, der gerade die U23-Auswahl von Leverkusen betreut. „Diese Chance musste ich wahrnehmen, auch wenn mein Chef schimpfte: Sie müssen sich mal entscheiden! Er hatte gehofft, dass ich mit dem Fußball aufhöre.“ Stattdessen startet Hübener jetzt durch, nach zwei Jahren rät ihm Minge zum Wechsel nach Dresden. „,Mingus‘ ist der Mann, der mich in meiner Karriere am meisten beeinflusst hat.“

25. Mai 2011: Am Flughafen werden Dynamos Aufsteiger mit Kapitän Thomas Hübener (l.) und Torjäger Alexander Esswein von den Fans gefeiert.
25. Mai 2011: Am Flughafen werden Dynamos Aufsteiger mit Kapitän Thomas Hübener (l.) und Torjäger Alexander Esswein von den Fans gefeiert. © Robert Michael

Bei Dynamo treffen sie sich schließlich wieder, als Sportgeschäftsführer überzeugt Minge ihn, seinen Vertrag nach zwei durchwachsenen Jahren zu verlängern. Das Ziel bleibt die zweite Liga. Das scheint sich für Hübener jedoch auch im vierten Anlauf nicht zu erfüllen. Im März 2011 sind die Schwarz-Gelben nach einer Serie von fünf Siegen am 29. Spieltag zumindest dran am Relegationsplatz. Doch dann verlieren sie: in Aalen, gegen Erfurt, in Rostock. Der Verein entschließt sich, den Trainer zu wechseln, eine Parallele zur gerade abgelaufenen Saison. Ralf Loose kommt für Matthias Maucksch.

„Ich halte viel von ,Maucke‘, er ist ein guter Trainer“, meint Hübener, „ohne ihn wären wir nie dorthin gekommen. Wie fit wir waren – das habe ich nie wieder erlebt.“ Es kommt jedoch in der Mannschaft nicht gut an, dass der Chefcoach die Qualität des Kaders infrage stellt, um bereits Verstärkungen für die neue Saison zu fordern. „In der Phase hätte ihm ein bisschen mehr Erfahrung gutgetan.“ Loose habe dann mit seiner ruhigen, besonnenen Art versucht, den Druck rauszunehmen. „Er hat nicht großartig etwas verändert, aber die Stimmung war eine andere. Das kann man schwer erklären“, meint Hübener. „Mir tat es auch diesmal für Markus Kauczinski leid, aber die Tendenz unter ihm war nicht mehr gut und am Ende steht der Aufstieg. Der Verein hat also alles richtig gemacht.“

Damals ist der Anschluss nach drei Siegen wieder hergestellt. „Und dann stehen wir nach dem 1:1 in Babelsberg an einem Freitagabend da und denken: Das war’s, wir haben es verkackt“, erinnert sich Hübener. Es kommt anders. Am Wochenende verlieren mit Offenbach und Wiesbaden zwei Konkurrenten, nur Erfurt zieht vorbei, ist aber punktgleich. „Das war der Knackpunkt, an dem wir wussten: Hier geht noch verdammt viel!“

Nervenkrimi: Erst Offenbach, dann Osnabrück

Am letzten Spieltag muss Dynamo Platz drei verteidigen und dafür in Offenbach gewinnen. „Die Anspannung in der Mannschaft stand auf der Kippe. Es hätte nicht mehr sein dürfen, dann hätten wir überdreht und es wäre nach hinten losgegangen.“ Sie führen schnell mit 2:0, doch plötzlich steht es 2:2. „Wir hatten eine unfassbar hohe Qualität gerade in der Offensive. Wenn du einen Cristian Fiel, Alexander Esswein oder Dani Schahin hast, denkst du hinten: Gucke einfach, dass du das Ding nach vorne bringst, die machen was draus.“ Fiel trifft den Ball nicht voll, Schahin dafür mit links umso besser – das 3:2. Hübeners Kommentar damals: „Wir haben uns noch mal aufgerappelt, Moral bewiesen und die Entscheidung erzwungen.“

Als Fußballer habe er sich im Training öfter mal rausgenommen, gesteht Thomas Hübener. Aber jetzt macht ihm das Training mit Hanteln und anderen Gewichten Spaß. Jeden Tag trimmt er sich zwei Stunden.
Als Fußballer habe er sich im Training öfter mal rausgenommen, gesteht Thomas Hübener. Aber jetzt macht ihm das Training mit Hanteln und anderen Gewichten Spaß. Jeden Tag trimmt er sich zwei Stunden. © Ralph Matzerath

Es folgt die Relegation gegen Osnabrück. Zu Hause unglücklich 1:1. „Wir sind dorthin gefahren mit der Devise: Alles oder nichts! Und dann ringen wir die in der Verlängerung mit 3:1 nieder. Was das für Emotionen ausgelöst hat, kann man nicht beschreiben.“ Im Flugzeug geht es zurück nach Dresden, bereits in Klotzsche nehmen Hunderte Fans ihre Aufstiegshelden in Empfang, am nächsten Tag jubeln sie ihnen bei der Fahrt im Doppeldecker-Bus und am Altmarkt zu. Wie 2004 sind es rund 40.000 Leute. „Es ist schade, dass es in Dresden keinen Rathaus-Balkon gibt, das war in Bielefeld ziemlich cool“, meint Hübener, „aber die Stimmung war unglaublich.“

Er geht trotzdem. „Dynamo trage ich aber weiter ganz tief in meinem Herzen“, sagt Hübener – und meint es ernst: „Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass es so krass passieren kann, aber ich habe es besonders gespürt, wenn ich mit einem anderen Verein in dieses Stadion kam. Ich habe noch in der Bruchbude gespielt, dann auf der Baustelle – und jetzt ist es so ein Schmuckstück und ich bin nicht mehr hier. Der Gedanke fühlte sich komisch an.“

Nach seiner Station bei Energie Cottbus überlegt Hübener, nach Dresden zu ziehen. Wegen seiner Kinder Naomi Sophie und Jordi – jetzt zwölf und zehn Jahre alt –, die bei seiner Ex-Frau leben, entscheidet er sich dagegen und geht zurück in die Heimat nach Langenfeld im Rheinland. Dort betreibt er nach einer Umschulung zum Personal-Trainer und Ernährungsberater seit Juli 2017 eine Crossfit-Anlage. „Das ist mein Baby.“ Dabei sagt er über sich selbst, als Fußballer ein fauler Hund gewesen zu sein. „Ich glaube, ich hätte in meiner Karriere ein bisschen mehr rausholen können, wenn ich im Training engagierter gewesen wäre“, gibt er zu. „Ich habe immer geguckt, wann ich mich etwas rausnehmen kann, so, wie es die älteren Spieler machen – allerdings habe ich sehr früh damit angefangen.“

Zehn Kilo mehr, aber weitaus weniger Körperfett

Jetzt powert er zwei Stunden am Tag, wiegt zehn Kilo mehr, hat aber weitaus weniger Körperfett als früher. Um einen muskulösen Body sei es ihm nicht gegangen. „Das kommt einfach durch das Training, und das macht mir Spaß.“ Deshalb zieht er es auch alleine durch. Wegen der Corona-Pandemie ist seine Anlage seit November geschlossen. Ansonsten betreuen er und drei Trainer die Gruppen mit bis zu zwölf Teilnehmern.

Seine Crossfit-Anlage ist derzeit geschlossen, aber das Motto bleibt - und Thomas Hübener hofft, dass hier spätestens Ende Juni wieder die Musik spielt.
Seine Crossfit-Anlage ist derzeit geschlossen, aber das Motto bleibt - und Thomas Hübener hofft, dass hier spätestens Ende Juni wieder die Musik spielt. © Ralph Matzerath

Crossfit wurde vor mehr als 20 Jahren für die New Yorker Polizei erfunden. Es geht um Kraft, Schnelligkeit, Koordination und Ausdauer. Die Aktiven trainieren zwar mit Geräten, aber nicht an Geräten. „Im Unterschied zum üblichen Fitnessstudio werden sie von uns individueller betreut. Wir helfen und verbessern jeden“, sagt Hübener. „Die Leute gehen an ihre Grenzen, damit ihr Fettverbrennungsmotor volle Pulle angekurbelt wird.“ Bis zu 600 Kilokalorien würden in einer Stunde verbraucht. Die Mitglieder sind dankbar.

Wer es finanziell stemmen kann, zahlt trotz der Corona-Zwangspause, in der es Online-Angebote gibt, seinen Beitrag. „Es ist eine Gemeinschaftsleistung, eine familiäre Einstellung“, sagt Hübener. Er hofft, spätestens Ende Juni wieder richtig loslegen zu können. Derzeit richtet er einen Outdoor-Bereich ein, wobei auch die Halle mit 500 Quadratmetern genug Platz für Abstand bietet. Beklagen möchte er sich dennoch nicht. „Es ist für alle eine schwierige Zeit, jeder freut sich, wenn der Spuk vorbei ist und man das Leben wieder einigermaßen normal genießen kann.“

Was er auch früher als Fußball-Profi gerne gemacht hat. „Wir haben uns nie komplett abgeschossen, sind aber auch in der Woche mal was trinken gegangen. Das gehört dazu“, verrät Hübener jetzt. So richtig ausgelassen gefeiert haben sie aber nach dem Aufstieg auf Mallorca. „Da gibt man Gas und hat Spaß. Das sind die Erlebnisse, die in Erinnerung bleiben.“ Verbunden mit Dynamo.

Die Serie über Dynamos Aufstiegskapitäne im Überblick:

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