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Deshalb ist Dynamo nach dem Blitztor chancenlos

Dynamo Dresden verliert beim neuen Spitzenreiter FC St. Pauli 0:3 – und das hochverdient. Trotz Aufregung um Video-Elfmeter. Die Analyse mit den Reaktionen.

Enttäuscht sind Dynamo-Trainer Alexander Schmidt (M.), Torwart Kevin Broll (l.) und Christoph Daferner nach dem Abpfiff im Stadion am Millerntor. Die Dresdner waren phasenweise deutlich unterlegen.
Enttäuscht sind Dynamo-Trainer Alexander Schmidt (M.), Torwart Kevin Broll (l.) und Christoph Daferner nach dem Abpfiff im Stadion am Millerntor. Die Dresdner waren phasenweise deutlich unterlegen. © dpa

Von Daniel Klein und Jens Masslich, Hamburg

Mitunter sind Statistiken, die vor einem Spiel gerne bemüht werden, doch mehr als nackte Zahlen: Dynamo hat beim FC St. Pauli noch nie gewonnen, und die Hamburger sind im Jahr 2021 saisonübergreifend die beste Zweitliga-Mannschaft. Das war die Ausgangslage und daran hat sich nach den 90 Minuten vom Sonntag nichts geändert. Für Dynamos Trainer ist das keine Überraschung. „Es war aus meiner Sicht der stärkste Gegner, auf den wir bisher getroffen sind. Und der Aufstieg wird über St. Pauli führen“, meinte Alexander Schmidt.

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Diese Einschätzung kann man nach der 0:3-Niederlage zweifellos teilen, allerdings war es auch eine der schwächsten Leistungen der Dresdner nach dem Aufstieg. Immerhin achtmal schossen sie in Richtung Tor, aber kein einziges Mal kam der Ball auch drauf. Dies ist eine magere Bilanz, teilweise war ein Qualitätsunterschied zu erkennen. „Wir sind auf eine sehr selbstbewusste Mannschaft getroffen, die eine unheimliche Wucht nach vorne hatte. Das wussten wir zwar vorher schon, aber die Theorie ist eine Sache, es auf dem Platz zu spüren, etwas anderes“, erklärte Schmidt.

Buchtmann erzielt das Traumtor für die Kiez-Kicker

Es war noch nicht mal eine Minute gespielt, da hatten die Hamburger bereits zwei gefährliche Angriffe abgeschlossen – den zweiten erfolgreich. Nach einem Ballverlust von Heinz Mörschel kombinierte sich Pauli bis an die Strafraumgrenze. Dort zirkelte Christopher Buchtmann den Ball aus 17 Metern in den Dreiangel. Exakt 55 Sekunden waren gespielt. Ein Traumtor und ein Traumstart für die Gastgeber.

Nach 55 Sekunden ist es passiert. Beim Schuss von St. Paulis Christopher Buchtmann hat Dynamo-Torwart Kevin Broll keine Abwehrchance
Nach 55 Sekunden ist es passiert. Beim Schuss von St. Paulis Christopher Buchtmann hat Dynamo-Torwart Kevin Broll keine Abwehrchance © dpa

Für die Dresdner dagegen war es nur der Auftakt für eine Halbzeit, in der sie reagierten, anstatt zu agieren. Genau davor hatte Schmidt vor der Partie gewarnt – mit den gleichen Worten. „Wir dürfen uns nicht sofort den Schneid abkaufen lassen“, hatte er noch ergänzt. Die Warnung verpuffte. „Nach einer Minute war praktisch alles, was wir uns vorgenommen hatten, über den Haufen geworfen worden.“

Zwar lief Dynamo danach früh an, versuchte, das Aufbauspiel des neuen Tabellenführers zu stören. Doch der befreite sich immer wieder mit hoher Präzision und einigem Risiko aus der Umklammerung, hatte dann viel Platz für die eigenen Angriffe. Und auch einige Chancen, selbst wenn nur eine hochkarätige darunter war. Einen Schuss von Guido Burgstaller entschärfte Kevin Broll gerade noch zur Ecke (22.). 10:3 – die Torschussbilanz zur Pause spiegelte das Kräfteverhältnis auf dem Rasen wider, wobei die drei Abschlüsse der Dresdner harmlos waren.

„Wir haben uns in die Kabine gerettet, das muss man so klar sagen“, erklärte Schmidt. „Ich glaube, meine Mannschaft war ein wenig beeindruckt, mit welcher spielerischen Klasse der Gegner aufgetreten ist, wie kreativ er im Aufbau war. Und wenn man gegen solch ein Team fünf Prozent weniger bringt, verliert man halt.“

Videoassistent greift ein - Diskussion um den Strafstoß

Nach der Pause übernahm dann Videoassistent Sascha Stegemann eine Hauptrolle. Nach 72 Minuten meldete er sich aus dem Kölner Keller. Schiedsrichter Bastian Dankert eilte zum Bildschirm in Höhe der Mittellinie und entschied recht zügig auf Strafstoß für St. Pauli. Knapp zwei Minuten vorher hatte Innenverteidiger Michael Sollbauer im 16er Marcel Hartel tatsächlich elfmeterwürdig am Fuß getroffen, aber: „Ich weiß nicht, ob da der Videoschiri eingreifen muss, ob es eine klare Fehlentscheidung war. Eine bittere Entscheidung gegen uns“, sagt Dynamos Kapitän Yannick Stark.

St. Paulis Guido Burgstaller (r,) verwandelt den Strafstoß zum 2:0 für die Hamburger, Dynamos Torwart Kevin Broll hat bei dem Schuss unter die Latte erneut keine Abwehrchance.
St. Paulis Guido Burgstaller (r,) verwandelt den Strafstoß zum 2:0 für die Hamburger, Dynamos Torwart Kevin Broll hat bei dem Schuss unter die Latte erneut keine Abwehrchance. © dpa/Christian Charisius

Schmidt wollte die Szene selbst nicht bewerten, weil er sie unmittelbar nach Ende der Partie nicht gesehen hatte, hält aber die Zeitspanne zwischen Aktion und dem Ahnden als Regelverstoß für mindestens diskussionswürdig. „Ich will das nicht kritisieren, es bleibt aber schon ein komisches Gefühl. Ich habe auch keinen Protest der Pauli-Spieler wahrgenommen.“

Die knapp 15.000 Zuschauer am Millerntor grübelten ebenfalls. Unter ihnen waren lediglich 150 Dynamo-Anhänger, weil die Ultras zu einem Boykott aufgerufen hatten, um damit gegen die von St. Pauli angewendete 2G-Regel zu protestieren, die nur Geimpften und Genesenen den Zutritt erlaubt, nicht aber Getesteten. Eine Unterstützung von den Rängen hätte womöglich geholfen. Das Elfmeter-Tor fiel zu einem Zeitpunkt, als die Schwarz-Gelben besser ins Spiel gekommen waren, die Kombinationen der Hamburger eher unterbanden und durch Morris Schröter auch einen gefährlichen Abschluss hatten (61.).

Nach dem 0:2 aber war der Glaube an einen Auswärtspunkt verschwunden. „Wenn man den Gegner heute gesehen hat, wusste man, dass es schwer wird, das Spiel noch zu drehen“, sagte Schmidt. Das schafften auch die eingewechselten Jongmin Seo und Guram Giorbelidze nicht, die ihr Einsatzdebüt feierten. Es war ein trauriges – auch, weil es nicht beim 0:2 blieb. In der Nachspielzeit traf der erst Sekunden zuvor eingewechselte Marcel Beifus, der allein auf Broll zulaufen konnte und den Dynamo-Keeper überwand. Ein Geburtstagsgeschenk gab es auch für Michael Akoto nicht, der am Sonntag 24 wurde.

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Ein Ständchen sangen dagegen die Pauli-Fans ihrer Mannschaft nach dem Abpfiff: „Die Nummer eins, das sind wir.“ Dynamo hätte bei einem Sieg mit Pauli gleichziehen können, ist nach dem überragenden Saisonstart und zuletzt vier Niederlagen in den vergangenen fünf Partien jedoch auf Platz elf abgerutscht und endgültig im Mittelfeld der 2. Bundesliga angekommen. Nach der Länderspielpause sind mit dem 1. FC Nürnberg und Schalke 04 der Tabellenvierte und -fünfte die Gegner. Es könnten schwierige Wochen werden. „Man muss nach einem Negativerlebnis stabil im Kopf bleiben. Das traue ich der Mannschaft absolut zu“, so Schmidt.

Am Donnerstag, 14 Uhr, bestreitet Dynamo ein Testspiel gegen Viktoria Berlin in der eigenen Trainingsakademie.

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