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Christoph Daferner: Dynamo Dresdens neuer, stiller Star

Christoph Daferner hat beim Aufstieg der Dresdner die meisten Tore erzielt. Warum er trotzdem auf dem Boden bleibt und wer sein Vorbild ist.

Christoph Daferner ist Dynamos bester Torschütze – das ist für ihn jedoch kein Grund abzuheben.
Christoph Daferner ist Dynamos bester Torschütze – das ist für ihn jedoch kein Grund abzuheben. © Lutz Hentschel

Pöttmes ist eine Kleinstadt im schwäbischen Landkreis Aichach-Friedberg, das Online-Nachschlagewerk Wikipedia listet unter dem Stichwort „Persönlichkeiten“ sieben Namen auf. Seiner ist dabei: Christoph Daferner, geboren 1998, Fußballspieler. In seiner Heimat ist er schon so etwas wie eine Berühmtheit, und nach einem Jahr in Dresden und durch den Aufstieg mit Dynamo ist der Angreifer jetzt auch darüber hinaus bekannt – auch wenn er beim Bummel in der Stadt eher nicht erkannt wird, wie er sagt.

„Das ist für mich kein so wichtiges Thema. Es mag sich platt anhören, aber: Was zählt, ist die Leistung auf dem Platz“, meint Daferner, und er betont: „Ich bin keiner, der das Rampenlicht sucht.“ Allerdings hat er selbst dafür gesorgt, dass er dort steht. Mit zwölf Treffern ist der Stürmer Dynamos bester Torschütze, hat dazu sieben Tore vorbereitet. „Natürlich freue ich mich darüber, aber weniger über die Anzahl, mehr über wichtige Tore wie gegen Duisburg.“ Es ist das 1:0, das zum Sieg reicht und die Trendwende einleitet.

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Zuvor war der Glaube an die eigene Stärke den Selbstzweifeln gewichen, weil Dynamo viermal in Folge kein Tor erzielt hatte, zudem in Unterhaching (0:2) und gegen Halle (0:3) desaströs aufgetreten war. „Wir konnten es uns selbst nicht erklären“, sagt Daferner. „Das beschäftigt einen schon: Wir haben doch eine hohe Qualität und einen guten Zusammenhalt, bekommen es trotzdem gerade nicht auf den Platz. Wie kann das sein?“ Mit der Beurlaubung von Trainer Markus Kauczinski habe sich die Mannschaft noch mal eingeschworen. „Jeder wusste, so kann es nicht weitergehen, wir Spieler sind in der Pflicht. Wir haben doch gemerkt, was es den Leuten draußen bedeutet, auch wenn keine Fans im Stadion sein konnten“, sagt Daferner.

Beim Aufstiegsspiel gegen Türkgücü München jubelt Christoph Daferner nach seinem Tor zum 1:0 und umarmt spontan einen Platzwart.
Beim Aufstiegsspiel gegen Türkgücü München jubelt Christoph Daferner nach seinem Tor zum 1:0 und umarmt spontan einen Platzwart. © dpa-Zentralbild

Er hat das bislang letzte Spiel im ausverkauften Rudolf-Harbig-Stadion erlebt. Beim 2:1 von Dynamo im Sachsenderby gegen Aue am 8. März 2020 saß der Angreifer auf der Ersatzbank – beim Gegner. Daferner war vom SC Freiburg für ein Jahr an den FC Erzgebirge ausgeliehen. „Diese Atmosphäre kann man mit Worten nicht ausreichend beschreiben“, meint der 23-Jährige. „Wir haben es ja im September beim Pokalspiel gegen den Hamburger SV erlebt, auch wenn nur ein Drittel der Plätze besetzt war. Wenn man zum Aufwärmen rauskommt, sieht die Fans und spürt die Stimmung: Das löst besondere Emotionen aus.“

Daferner hatte durchaus Muffensausen, nach seinem Gastspiel in Aue zu Dynamo zu wechseln. „Ich war mir der Rivalität beider Vereine bewusst und hatte schon Respekt davor.“ Allerdings nicht nur deshalb. „Ich bin im Sommer nicht mit großen Vorschusslorbeeren gekommen“, meint er selbst. Für Freiburg hatte er genau 24 Minuten in der Bundesliga gespielt, bei einem 0:4 gegen Dortmund, hinzu kamen 21 Einsätze und ein Tor in Liga zwei für Aue. Trotzdem war Dynamos Sportgeschäftsführer Ralf Becker überzeugt von dem „physisch robusten und laufstarken Mittelstürmer“, der „Mentalität sowie fußballerische Klasse“ vereint, wie es in der Pressemitteilung zu dem Neuzugang hieß.

Mario Gomez ist sein Vorbild

Das hat Daferner absolut bewiesen. Man müsste allerdings eine Eigenschaft hinzufügen, die ihn auszeichnet: Bodenständigkeit. „Ich sehe mich nicht als Einzelperson, sondern als Teil der Mannschaft. Das ist nicht nur so dahergesagt.“ Außerdem achten seine zwei großen Brüder darauf, dass er nicht abhebt. „Die würden mich schnell wieder runterholen“, sagt er – und lacht. Markus ist 29 Jahre, Stefan 27, beide spielen in ihrer Heimat beim SV Klingsmoos in der Kreisklasse. „Deswegen verstehe ich die Sorge und den Ärger der vielen Hunderttausend Amateurspieler, die ihrem Hobby gerade nicht nachgehen können und einfach nur wieder kicken wollen“, sagt Daferner.

Seine Einstellung: „Man muss schon wissen, was man kann und selbstbewusst sein. Andererseits sollte man als Profi-Fußballer demütig und dankbar sein, diesen Beruf ausüben zu dürfen.“ Beste Torschützen wie er werden, egal in welcher Liga, oft als Superstars gefeiert, aber in eine solche Kategorie würde sich Daferner auf keinen Fall einordnen. „Das beginnt für mich in der internationalen Spitze: Ibrahimovic, Ronaldo, auch Thomas Müller. Diese Jungs haben ein enormes Selbstvertrauen und das zu recht. Ich würde gerne mal erleben, wie sie privat ticken, ob sie da genauso auftreten oder doch ein anderer Mensch sind.“

Daferners Vorbild dagegen ist einer, der „immer ein bisschen unter dem Radar gelaufen“ sei: Mario Gomez. Wie der frühere Nationalstürmer spielt er mit der Nummer 33. „Sein Spiel wirkte kantig, er hatte aber eine überragende Technik im Abschluss und eine Dynamik.“ In der Spielweise ähneln sie sich, wobei Daferner auf dem Platz durchaus fleißiger ist. „Es schaut nicht immer super elegant aus, das ist bei großen Mittelstürmer-Typen nun mal so“, sagt Dynamos Trainer Alexander Schmidt über seinen Angreifer, „aber er hat seine Qualität und kämpft unermüdlich“.

Mit seinem Führungstor gegen Türkgücü München hat er am vergangenen Sonntag den Knoten gelöst.
Mit seinem Führungstor gegen Türkgücü München hat er am vergangenen Sonntag den Knoten gelöst. © dpa-Zentralbild

Und überhaupt, der Satz fällt zwangsläufig: „Stürmer werden an Toren gemessen.“ Die Quote bestimmt das Ansehen und das Interesse. Es gab zwischenzeitlich Spekulationen, Daferner könnte Dynamo im Sommer verlassen, weil sein bis Juni 2023 datierter Vertrag eine Ausstiegsklausel enthält. Er trat dem entschieden entgegen: „Ich habe hier ein Umfeld, in dem man sich als junger Spieler entfalten kann, das weiß ich zu schätzen.“ Mit dem Aufstieg hat sich das Thema sowieso erledigt, die Klausel galt nur für die 3. Liga.

Mit seinem Führungstor gegen Türkgücü München hat er am vergangenen Sonntag den Knoten gelöst, nach dem 4:0-Sieg aber „eine komische Leere“ gespürt. „Wir hatten das Ziel immer vor Augen: Wir können aufsteigen. Jetzt hatten wir es erreicht, aber ich konnte es erst einmal nicht wirklich realisieren.“ Das komme sicher erst richtig an, wenn er im Urlaub zu Hause bei seiner Familie ist. Seine Partnerin zieht zur neuen Saison mit nach Dresden, und mehr Privates möchte er nicht preisgeben.

Daferner fühlt sich nach knapp einem Jahr heimisch in Sachsen. „An der Elbe im Sonnenuntergang spazieren gehen, in der Dresdner Heide oder in der Sächsischen Schweiz wandern, eine Fahrradtour machen: Es gibt viele Möglichkeiten, und ich will die Region kennenlernen“, erzählt er. „Ich finde die Mischung gut: Einerseits das Ländliche, das ich von zu Hause kenne, andererseits diese besondere Stadt.“

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In Dresden wird er zwar vermutlich nie bei Wikipedia gelistet, aber geschätzt als Persönlichkeit. Wegen seiner Tore, klar, aber noch mehr für seinen Charakter.

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