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Dynamos Stürmer mit den ungewöhnlichen Ansichten

Christoph Daferner schießt wichtige Tore für den Absteiger. Dabei musste er einige Rückschläge verkraften. Auch in Dresden lief es anfangs nicht nach Wunsch.

Nach zwei Toren in drei Spielen hat Christoph Daferner allen Grund zum Strahlen. Aber auch aus Phasen, in denen es nicht so gut läuft, zieht er Positives.
Nach zwei Toren in drei Spielen hat Christoph Daferner allen Grund zum Strahlen. Aber auch aus Phasen, in denen es nicht so gut läuft, zieht er Positives. © Arvid Müller

Dresden. Es ist für ihn eine Rückkehr an einen vertrauten Ort. Im Städtischen Stadion an der Grünwalder Straße hat Christoph Daferner mit den Junioren und der U23 von 1860 München gespielt, gleich nebenan gewohnt, in Giesing leben noch immer viele Freunde. Kommen dürfen sie am Freitagabend nicht, wenn Dynamo dort gegen die zweite Mannschaft des FC Bayern antritt – und der Mittelstürmer versuchen wird, sein drittes Tor im vierten Pflichtspiel für seinen neuen Verein zu schießen. Zuschauer sind wegen der hohen Corona-Infektionszahlen nicht erlaubt.

Das bedauert nicht nur Daferner. „Dort ist immer eine besondere Atmosphäre“, sagt er. Es könnte daran liegen, dass es eines der letzten Stadien ist, dem man das Alter ansieht. Ein Sehnsuchtsort für Fußball-Nostalgiker.

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Auch Daferner kommt ins Schwärmen, wenn er von seinen drei Jahren bei den Löwen spricht. Dabei enden sie mit einer schweren Verletzung – einem Rückschlag, wie er ihn in seiner jungen Karriere mehrmals erlebt. Er ist 18, Nachwuchs-Nationalspieler, hat gerade seinen ersten Profivertrag unterschrieben, als er sich das Kreuzband reißt. „Es lief gerade so gut, ich war auf dem Sprung in die 2. Bundesliga. Da ist für mich die Fußballwelt zusammengebrochen“, erinnert er sich. „Man muss ein Jahr komplett streichen und hat das Gefühl, andere Spieler überholen einen. Das zu akzeptieren, ist nicht so einfach.“

Schon damals allerdings habe er gelernt, auch in Rückschlägen etwas Positives zu finden. Selbst wenn es nur die Erkenntnis ist, dass man sich wieder über Nebensächlichkeiten freuen kann und seinen Körper besser kennenlernt.

Weder Sprücheklopfer noch Lautsprecher

Als er mit 19 zum SC Freiburg wechselt, kündigt er selbstbewusst an: „Ich bin fest davon überzeugt, dass ich dort zum Bundesliga-Spieler reifen und in ein bis zwei Jahren zum festen Kader des Erstligisten gehören kann.“ Das, sagt er rückblickend, sei etwas forsch gewesen, eben typisch für das jugendliche Alter. „Ich hätte da ein bisschen bodenständiger rangehen sollen.“ Er spricht von Demut, was ihn ganz gut charakterisiert. Daferner ist weder ein Sprücheklopfer noch ein Lautsprecher, er redet eher leise, wählt die Worte vorsichtig.

Seinen Traum von der Bundesliga erfüllt er sich trotzdem, wenn auch nur für 24 Minuten. Im April 2019 wird er beim Stand von 0:2 gegen Borussia Dortmund eingewechselt, am Ende verliert Freiburg 0:4. Es gibt schönere Begleitumstände fürs erste Mal. „Natürlich“, bestätigt Daferner: „Und trotzdem ist das etwas, das für immer bleibt. Meine Familie war im Stadion, ich hatte Gänsehaut bei meiner Einwechslung.“ Das ist der emotionale Rückblick. Den nüchtern-rationalen formuliert er so: „Ich sehe mich wegen dieser 24 Minuten nicht als Bundesliga-Spieler.“ Wenige Wochen später sucht Freiburg für ihn einen Zweitligisten als Leihstation. Am Ziel, sich auf der großen Fußball-Bühne zu etablieren, scheitert er. Zumindest vorerst.

Die beiden Jahre im Breisgau, bei denen er vor allem in der Regionalliga zum Einsatz kam, ordnet er dennoch unter Gewinn ein. „Ich würde es genauso wieder machen, selbst wenn es nur für die vierte Liga gereicht hat“, sagt er. „Vielleicht war der Sprung zu groß, vielleicht hat es bei mir noch nicht gereicht. Ich schaue da immer zuerst auf mich und suche die Schuld nicht bei den anderen.“

Vor allem nicht bei Christian Streich, dem dienstältesten Bundesliga-Trainer. Nach den Einheiten nimmt er das Sturmtalent immer wieder beiseite, sagt ihm, dass er es nicht übertreiben soll mit dem Ehrgeiz, sondern ruhiger bleiben muss am Ball. „Ich habe bei ihm viel gelernt und mich gut aufgehoben gefühlt, weil er auch beim täglichen Training so ist, wie er in der Öffentlichkeit rüberkommt: absolut authentisch“, schwärmt Daferner.

Erzgebirge Aue leiht ihn in der vergangenen Saison für ein Jahr aus. Bei seinem ersten Einsatz schießt er sein erstes Tor, der Einstand ist also vielversprechend, doch wieder wird die Karriere ausgebremst. Unmittelbar nach dem Spiel muss Daniel Meyer gehen, der Trainer also, der ihn geholt hatte. Ein zweites Tor für Aue schießt Daferner nicht mehr, es bleibt bei Kurzeinsätzen. Ein verlorenes Jahr also? Natürlich nicht, sondern sein erstes im Profifußball und eines „mit Höhen und Tiefen. Es hat mich in meiner Entwicklung vorangebracht“, sagt er.

In der ersten Runde des DFB-Pokals erzielt Christoph Daferner ein wichtiges Tor zum zwischenzeitlichen 3:0. Agyemang Diawusie. verfolgt ihn beim Jubeln.
In der ersten Runde des DFB-Pokals erzielt Christoph Daferner ein wichtiges Tor zum zwischenzeitlichen 3:0. Agyemang Diawusie. verfolgt ihn beim Jubeln. © dpa-Zentralbild/Robert Michael

Es liegt nahe, Daferner als Berufsoptimisten zu bezeichnen. Doch das trifft es nicht richtig, weil er weit davon entfernt ist, als Frohnatur stets das Negative zu verdrängen oder auszublenden. „Ich bin ein Typ, der sich viele Gedanken macht, alles reflektiert. Es ist wichtig zu wissen, dass es nicht immer steil bergauf geht – wie in anderen Berufen auch.“

Derart unaufgeregt zu sein in diesem aufgeregten Geschäft, ist außergewöhnlich. Es könnte auch an seiner Herkunft liegen. Daferner wächst in Oberbayern an der Grenze zu Schwaben auf, in „einem Dorf, in dem am Tag fünf Autos durchgefahren sind“. Die Ruhe und Natur schätzt er immer noch, wenn er seine Eltern besucht.

Vor acht oder neun Jahren besucht er mit ihnen Dresden, sie setzen sich in einen Bus, machen eine Stadtrundfahrt und kommen auch am Rudolf-Harbig-Stadion vorbei. Jetzt, mit 22, spielt er bei Dynamo, hat seinen Vertrag in Freiburg aufgelöst und einen bis 2023 beim Drittligisten unterschrieben. Es ist der nächste Anlauf – und der Start ein wenig holprig. In drei Testspielen in Folge schießt Dynamo überhaupt kein Tor, Trainer Markus Kauczinski muss sich von Journalisten Fragen anhören, was denn los sei mit der Offensive.

Kein Freund vom Schwarz-Weiß-Denken

Daferner hat das natürlich mitbekommen, kann es aber nicht verstehen. „Ich bin kein Fan davon, nach zwei oder drei Spielen alles gut oder alles schlecht zu reden“, sagt er. „Das Schwarz-Weiß-Denken in diesem Geschäft finde ich nicht so gut.“ Beim Test gegen den dänischen Zweitligisten HB Köge trifft er doppelt und schießt beim Pokalsieg gegen den Hamburger SV und am Sonntag beim 1:1 gegen Waldhof Mannheim jeweils ein Tor. Von einem Offensivproblem ist längst keine Rede mehr.

Den Zweikampf um den Stammplatz im Sturmzentrum hat Daferner gegen Philipp Hosiner vorerst gewonnen. Aber nicht nur wegen der Tore, sondern weil er besser ins System passt. Kauczinski lässt früh stören, bereits die Angreifer müssen die Gegner immer wieder anlaufen und attackieren, bei Ballverlusten sofort pressen. Das hat Daferner schon bei 1860 München gelernt und bei Streich in Freiburg. „Er hat uns gelehrt, immer aggressiv und eklig zu sein“, erzählt er.

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Von dieser Ausbildung profitiert er nun. Der Oberbayer ist in Dresden angekommen und gehört zu den ersten Gewinnern der jungen Saison. Aus eigener Erfahrung weiß er aber, dass dies kein Dauerzustand bleiben muss. „Ich bin froh, wenn ich der Mannschaft helfen kann. Klar ist das eine Floskel, aber es ist wirklich so“, betont er. Ihm glaubt man das.

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