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Wie Dynamo trotz Corona seine Neuzugänge findet

Dynamos Chefscout Kristian Walter erklärt im großen Interview, wie er jetzt die passenden Spieler sucht und sagt, was in der vorigen Saison schiefgelaufen ist.

Kristian Walter ist Dynamos Spieler-Entdecker, derzeit allerdings coronabedingt nur per Video.
Kristian Walter ist Dynamos Spieler-Entdecker, derzeit allerdings coronabedingt nur per Video. © Lutz Hentschel

Dresden. Vielleicht ist er Dynamos wichtigster Mann, auch wenn andere entscheiden. Seit Anfang 2013 ist Kristian Walter als Chefscout unterwegs, noch bedeutender klingt sein zweiter Arbeitstitel: Kaderplaner. Der 36 Jahre alter Dresdner sorgt mit seiner Expertise dafür, dass ausreichend Spieler zur Auswahl stehen, aus der Sportgeschäftsführer und Cheftrainer letztlich die Mannschaft zusammenstellen – oder ergänzen wie jetzt mit den Neuzugängen Leroy Kwadwo und Heinz Mörschel.

Im Gespräch mit Sächsische.de erklärt Walter, wie sein Job funktioniert, was wegen Corona anders ist und warum es keine weiteren Winter-Transfers geben wird.

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Herr Walter, wird Dynamo nach dem Kreuzbandriss von Robin Becker einen Rechtsverteidiger holen und gibt es Kandidaten, die sofort helfen könnten?

Erst einmal wünsche ich Robin alles Gute und einen optimalen Heilungsverlauf, damit er nach dieser schweren Verletzung schnell wieder zurückkehren kann. Wir sind auch auf diese Situation inhaltlich vorbereitet und denken derzeit alle möglichen Szenarien durch, wie wir den Ausfall bestmöglich auffangen können. Bei der Bewertung stehen Kriterien wie Sinnhaftigkeit, Wirtschaftlichkeit sowie das Talent und Potenzial unseres Kaders im Mittelpunkt.

Stehen dabei auch ehemalige Spieler wie Niklas Kreuzer auf dem Zettel?

Ich möchte konkrete Namen nicht kommentieren. Wir machen uns intern Gedanken, besprechen die Dinge ohne Denkverbote intensiv und werden unsere Entscheidung mitteilen, wenn sie gefallen ist.

Waren die bisher zwei Winter-Transfers von langer Hand vorbereitet?

Auf jeden Fall. Wir haben noch nie auf Zuruf verpflichtet, sondern bereiten jeden Transfer langfristig vor, sodass wir bei Bedarf aber auch kurzfristig reagieren können. Mit Heinz Mörschel hatten wir uns beispielsweise im vorigen Sommer intensiv beschäftigt, uns aber für Patrick Weihrauch entschieden. Er fällt nun leider länger verletzt aus – und es ergab sich die Chance, Heinz zu verpflichten.

Er kommt wie Kwadwo ablösefrei. Profitiert Dynamo gerade davon, dass andere Vereine abspecken müssen?

Das war sicher bei Leroy so, der in Würzburg in der zweiten Liga wenig Einsatzzeit hatte. Wir haben einen Linksverteidiger gesucht, seit klar ist, dass Chris Löwe länger ausfällt. Jonathan Meier macht das gut und immer besser, aber wir können uns nicht darauf verlassen, dass er alle Spiele abspult. Wir wollen für den Fall keine Alternativlösung wie Paul Will eine sein könnte. Aber wir müssen das auch wirtschaftlich bewerten. Ablöse zu zahlen oder ihm von vornherein einen Vertrag für zwei Jahre zu geben, kommt nicht infrage. Dann stehen am Ende drei, vier Jungs auf dem Zettel und wir entscheiden uns für den, der – auch nach unserem Vorwissen aus dem Scouting – am besten passt.

Heinz Mörschel kam vorige Woche vom KFC Uerdingen, für den er in dieser Saison in 16 Einsätzen vier Tore erzielt hatte, nach Dresden. Der 23 Jahre alte Mittelfeldspieler war schon im vorigen Sommer bei Dynamo ein Thema.
Heinz Mörschel kam vorige Woche vom KFC Uerdingen, für den er in dieser Saison in 16 Einsätzen vier Tore erzielt hatte, nach Dresden. Der 23 Jahre alte Mittelfeldspieler war schon im vorigen Sommer bei Dynamo ein Thema. © SGD/Steffen Kuttner

Wie scouten Sie in Corona-Zeiten?

Wir verfolgen die Spieler und deren Entwicklung natürlich seit Jahren. Es gibt in der 3. Liga oder den Regionalligen selten einen, der mich überrascht, in der zweiten Liga schon mal gar nicht. Aber derzeit beschränkt es sich wirklich auf Videoanalyse und Auswertung von Daten. Wir hatten das Glück, dass wir gegen Uerdingen gespielt und Heinz Mörschel noch mal live gesehen haben, wobei wir ihn in- und auswendig kennen. Ich gucke wenigstens unsere Heimspiele live, auswärts darf ich als Scout wegen der Hygienekonzepte in der Regel nicht ins Stadion. Das hat durchaus Vorteile, man kann deutlich mehr sehen.

Aber man sieht auf Video doch nicht so gut wie im Stadion, oder?

Wenn ich nach Bochum fahre, sitze ich insgesamt acht Stunden im Auto, um ein Spiel zu schauen. Zu Hause analysiere ich in der Zeit drei. Aber es stimmt, qualitativ ist das nicht zu vergleichen. Die Emotionen, was sich drumherum abspielt, die Reaktionen auf Situationen, die Intensität – dieser Eindruck ist vor Ort viel genauer. Man erkennt aber taktische Dinge in der Gegner-Beobachtung und bekommt ein Gefühl für die Stärken und Schwächen einzelner Spieler.

Woher bekommen Sie die Videos?

In den Bundesligen bietet Scoutingfeed eine Weitwinkel-Einstellung, durch die immer alle 22 Spieler zu sehen sind. Das kommt der Perspektive im Stadion nahe. In der 3. Liga, der Regionalliga und den Jugend-Bundesligen bietet die Firma „Die Ligen“ diesen Service an, auch wenn der Blick aufgrund der Stadion-Infrastruktur bei einigen nicht ganz so gut sein kann. Das ergänzen wir mit den verfügbaren Daten, die man jedoch ins Verhältnis setzen muss. Wenn zum Beispiel ein Innenverteidiger eine hohe Passgenauigkeit aufweist, heißt das nicht automatisch, dass er gut in der Spieleröffnung ist. Vielleicht dreht er jedes Mal ab und spielt zum Torwart.

Dann müssten Sie doch gar nicht mehr ins Stadion …

Die Live-Sichtung bleibt unersetzlich. Es geht um Intensität, um Kommunikation, um Handlungsschnelligkeit, um Körpersprache – und das im Kontext mit den Einflüssen von außen. Das gehört zum Gesamteindruck.

Dynamo hat gute Aufstiegschancen. Gucken Sie für den Sommer zweigleisig?

Bedingt. Wir haben eine junge Mannschaft mit entwicklungsfähigen Spielern, denen wir auch die zweite Liga zutrauen. Trotzdem würden wir, wenn wir aufsteigen, sicher ein, zwei Transfers mit Zweitliga-Format machen. Falls es nicht klappt, müssten wir analysieren, was gefehlt hat und die Baustellen schließen. Das Gesicht der Mannschaft wird sich kaum verändern.

Haben Sie eine Liste A und eine B?

Nein, es gibt eine Fokus- und eine Perspektivliste. Die Spieler, die darauf stehen, verfolgen wir permanent.

Was ist der Unterschied?

Die einen kommen als sofortige Verstärkung infrage, bei den anderen sehen wir das Potenzial. Auf unseren Listen wird deshalb kein 32-Jähriger stehen.

Leroy Kwadwo wechselte vom Zweitligisten Würzburger Kickers zu Dynamo. Der 24 Jahre alte Linksverteidiger hatte mit seinem Ex-Verein vorige Saison überraschend den Aufstieg geschafft.
Leroy Kwadwo wechselte vom Zweitligisten Würzburger Kickers zu Dynamo. Der 24 Jahre alte Linksverteidiger hatte mit seinem Ex-Verein vorige Saison überraschend den Aufstieg geschafft. © SGD/Steffen Kuttner

Die Einzelspieler sind die eine Sache, daraus einen guten Kader zu basteln die andere. Was sind die Kriterien dafür?

Man weiß frühzeitig, wo eine Lücke entsteht, sprich: bei uns die linke Abwehrseite. Meier ist ausgeliehen, Löwe verletzt, bei Kwadwo gibt es zwar eine Option, aber Stand jetzt hat er nach der Saison keinen Vertrag. Und mit Jonas Kühn haben wir einen Junior, den wir heranführen wollen. Also gibt es auf der Position ein Fragezeichen. Das heißt, wir filtern in unseren Fokus-Ländern Deutschland, Dänemark, Österreich, Schweiz, Tschechien. So kommen vielleicht zehn, 15 Kandidaten infrage, die wir nach unseren sportlichen Parametern und dem finanziellen Aspekt eingrenzen. Der eine kostet eine Million Euro Ablöse, der andere will zu viel Gehalt, der nächste ist bei mehreren Vereinen im Gespräch und entscheidet sich erst im Juli oder August. So bleiben dann drei, vier übrig – und wer am besten passt, den verpflichten wir.

Trotzdem noch mal zu dem großen Ganzen: Worauf achten Sie?
Auch dafür gibt es Parameter – für jede Positionsgruppe. Wir wollen mentalitätsstarke, kommunikative Verteidiger, die über Zweikampfstärke und Wucht kommen. Über die Außen brauchen wir Spieler mit Tempo und Offensivgeist. Im Zentrum sind uns laufstarke Typen mit hohem Spielverständnis wichtig. Und vorn natürlich Stürmer mit Trefferquote, die fürs Team arbeiten können. So stellen wir den Kader zusammen – anhängig von den finanziellen Möglichkeiten.

Warum hat das in der vorigen Saison nicht funktioniert?

Es ist schwierig, dafür einen konkreten Grund zu benennen. Man kann nicht behaupten, die Mannschaft hatte grundsätzlich keine Mentalität oder die Qualität war zu schlecht. Klar, man könnte sagen, der Walter war blind, der Minge war blind oder man macht eben einen ganz anderen für den Ausgang der vorigen Saison zum Sündenbock. Aber so einfach ist es in der Wirklichkeit eben nicht. Es ist auch im Profi-Fußball die Summe der einzelnen Teile, die zu Erfolg oder Misserfolg führt. Die Zusammenstellung einer Mannschaft war und ist bei uns immer eine echte Teamleistung. Es kam vieles zusammen, Corona obendrauf. Natürlich wurden Fehler gemacht, daraus haben wir alle im Verein gelernt.

Haben Sie Fehler gemacht?

Man kann auch mal daneben liegen, das gehört im Scouting dazu. In den vergangenen zwei Jahren ist nicht alles aufgegangen, aber unsere Strategie ist es Spieler zu holen, die sich bei uns entwickeln können. Spieler, die keine Schwächen haben, kommen nicht zu Dynamo Dresden.

Welche Schlüsse haben Sie und hat der Verein gezogen?

Wir achten wieder verstärkt darauf, wie die Mannschaft miteinander kommuniziert. Die Spieler müssen nach Dresden kommen wollen, weil es für sie etwas Besonderes ist – und sie das auf dem Platz zeigen, nicht nur davon reden. Eine dritte Erkenntnis war, physisch starke Profis zu holen, um – ich nenne es mal – Heavy-Metal-Fußball spielen zu können. Wir wollen Leidenschaft auf den Platz bringen.

Was dann beim sensationellen 4:1-Sieg gegen den Hamburger SV im DFB-Pokal gleich gut geklapppt hat …

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Wenn man so will, war das ein vorweggenommenes Meisterstück. So, wie wir da gespielt haben, mit dem frühen Attackieren, der harten Zweikampfführung – das ist der Plan. Den haben wir auch in der Liga in einigen Spielen schon gut umgesetzt.

Das Gespräch führte Sven Geisler.

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