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Dynamos Knipping trauert um Stiefvater

Der Fußball-Profi fehlte beim letzten Spiel der Aufsteiger. Jetzt hat er den Grund genannt: einen Corona-Todesfall in der Familie.

Nach dem Spiel gegen Viktoria Köln bricht Tim Knipping in Tränen aus, wird von Chris Löwe und Co-Trainer Ferydoon Zandi getröstet. Die Hoffnung auf ein gutes Ende erfüllte sich leider nicht.
Nach dem Spiel gegen Viktoria Köln bricht Tim Knipping in Tränen aus, wird von Chris Löwe und Co-Trainer Ferydoon Zandi getröstet. Die Hoffnung auf ein gutes Ende erfüllte sich leider nicht. ©  dpa/Robert Michael

Dresden. Als Dynamos Kapitän Sebastian Mai den Pokal für den Drittliga-Meister in die Höhe reckt, trägt er ein Trikot mit der Nummer 4. Es ist mehr als eine Geste, denn in diesem Moment sind die Gedanken der Aufsteiger auch bei einem, der gerade nicht in Partystimmung sein kann. Am Abend vor dem letzten Spiel beim SV Wehen Wiesbaden am vergangenen Samstag erhielt Tim Knipping im Teamhotel telefonisch von seiner Mutter Birgit die traurige Nachricht, dass sein Stiefvater Michael den wochenlangen Kampf gegen die Covid-19-Infektion verloren hatte.

Bereits nach dem 2:0-Heimsieg gegen Viktoria Köln zwei Wochen zuvor war Knipping auf dem Platz in Tränen ausgebrochen. "Es hängt mit dem zusammen, womit wir uns alle schon ein ganzes Jahr befassen müssen", erklärte er danach - und bestätigte, dass eine ihm sehr nahestehende Person an Corona erkrankt ist. "Die Situation ist seit letzter Woche sehr kritisch. Das belastet mich", sagte der 28 Jahre alte Abwehrspieler.

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Er habe ihm versprochen, "dass ich für ihn spielen und kämpfen werde", sagte Knipping danach: "Ich hoffe, dass es ihm noch mal Kraft gibt!" Nachdem Dynamos Aufstieg mit dem 4:0-Sieg gegen Türkgücü München perfekt war, trug Knipping ein T-Shirt mit dem Namen seines Stiefvaters. Doch als er am vorigen Freitag versuchte, seine Mutter zu erreichen, ging sie nicht ans Telefon. "Ab diesem Zeitpunkt habe ich mir dann schon Gedanken gemacht", schildert Knipping jetzt im Interview für die Vereinshomepage die belastende Situation. Als sie ihn zurückrief, wurden die Befürchtungen zur schmerzlichen Gewissheit. Dynamos Chefscout und Kaderplaner Kristian Walter hat Knipping danach sofort nach Hause zu seiner Familie nach Kassel gefahren.

"Er hat mir als Mensch unglaublich viel bedeutet"

Für Knipping hatte der Stiefvater "einen unglaublich großen Stellenwert", wie er betont. "Familie bedeutet für mich alles, denn sie ist zusammen mit meinen Freunden mein Leben. Deshalb bin ich immer sehr emotional, wenn irgendetwas in der Familie ist." Seit er auf das Gymnasium gegangen ist, war seine Mutter mit Michael zusammen. "Wir haben viel Zeit zusammen verbracht, waren zusammen im Urlaub und haben viel erlebt. Und er war auch sehr oft im Stadion bei Spielen von mir", erklärt er die intensive Beziehung: "Er hat mir als Mensch unglaublich viel bedeutet. Deshalb ist die jetzige Situation einfach nur brutal."

Nach dem 4:0-Sieg gegen Türkgücü München steht Dynamos Aufstieg vorzeitig fest. Tim Knipping freut sich - und hofft, dass sein Stiefvater Michael den Kampf gegen Corona gewinnt.
Nach dem 4:0-Sieg gegen Türkgücü München steht Dynamos Aufstieg vorzeitig fest. Tim Knipping freut sich - und hofft, dass sein Stiefvater Michael den Kampf gegen Corona gewinnt. ©  dpa/Robert Michael

Eigentlich wollte Knipping nach dieser sportlich wie emotional kräftezehrenden Saison in den Urlaub gehen und abschalten. Er habe sich auch deshalb auf die drei Wochen Sommerpause gefreut, weil man zuletzt wegen der Corona-Pandemie nicht viel Abwechslung hatte, zumal ihn der Lockdown als Betreiber zweier Gaststätten zusätzlich getroffen hat. "Wir haben uns auch im privaten Bereich sehr zurückgehalten, weil man sich nicht anstecken wollte", sagt er. Jetzt werde er selbstverständlich bei seiner Mutter bleiben, um sie zu unterstützen. "Ich werde ihr nicht von der Seite weichen, für sie da sein und hoffe, dass wir die Zeit gemeinsam irgendwie durchstehen."

Knipping wird von Dynamos Pressesprecher Henry Buschmann sowie Mitarbeiter Marcel Devantier gefragt, was uns der Tod über das Leben sagt. "Ich glaube, jeder weiß, dass der Tod zum Leben dazugehört", antwortet der Fußball-Profi. "Aber wenn es dann dazu kommt, will man es nicht wahrhaben, weil das Loslassen eines geliebten Menschen so verdammt schmerzhaft ist... Er ist ein ganz besonderer Mensch, den ich immer in meinem Herzen tragen werde." Nun wolle er "umso mehr erreichen, vor allem auch mit Dynamo, um ihn damit zu würdigen und stolz zu machen. Ich hoffe, dass er das von oben auf einer Wolke im Himmel beobachten kann."

"Das war für mich einer der emotionalsten Momente"

Zu seinem Geburtstag im April hatte sich sein Stiefvater einen Sieg gegen Hansa Rostock gewünscht, das habe mit dem torlosen Unentschieden zwar nicht geklappt, "aber viel wichtiger war, dass wir aufsteigen. Das war ein großer Wunsch von ihm, und deshalb war der Sieg gegen Viktoria so emotional für mich", erklärt Knipping noch mal seinen Gefühlsausbruch. Vor der Partie in Wiesbaden hat er eine Nachricht an die Mannschaft geschickt, um den Mitspielern zu vermitteln, "dass ich stolz auf die Jungs und auf das bin, was bislang erreicht wurde, und dass ich mir wünsche, dass sie sich - beziehungsweise wir uns - für diese Saison belohnen".

Kapitän Sebastian Mai trägt das Trikot von Tim Knipping, als er nach dem 1:0-Erfolg in Wiesbaden den Pokal für den Drittliga-Meister in die Höhe reckt. So ist der Verteidiger zwar wegen des Trauerfalles in der Familie nicht vor Ort, aber doch dabei.
Kapitän Sebastian Mai trägt das Trikot von Tim Knipping, als er nach dem 1:0-Erfolg in Wiesbaden den Pokal für den Drittliga-Meister in die Höhe reckt. So ist der Verteidiger zwar wegen des Trauerfalles in der Familie nicht vor Ort, aber doch dabei. © Foto: Picture Alliance/Frank Heinen

Sie haben als Team einige Rückschläge gemeistert: Verletzungen, Schwächephasen, auch Corona-Fälle, zwischenzeitliche Quarantäne, Trainerwechsel. "Der Zusammenhalt ist schon einzigartig bei uns. Das habe ich in meiner bisherigen Karriere noch nie so erlebt", meint Knipping, der zuvor unter anderem bei Hessen Kassel, Saarbrücken, Sandhausen und Regensburg gespielt hat. Bei Dynamo spricht er nun von seiner "zweiten Familie".

Es habe ihn sehr bewegt, dass sein Trikot bei der Meisterehrung am Samstag so präsent war. "Mir sind die Tränen gekommen, als ich das hier zusammen mit meiner Mutter gesehen habe. Das war für mich einer der emotionalsten Momente, weil ich auch daran wieder einmal gesehen habe, wie die Mannschaft tickt", sagt Knipping. "Das ist nicht selbstverständlich und war für mich eine große Ehre." So sei er zwar nicht vor Ort, aber doch dabei gewesen. "Danke für diese Geste an die Jungs!"

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Tim Knipping bricht sich im Spiel das Schienbein - danach erlebt er eine dramatische Situation. Nicht nur deshalb ist er ein außergewöhnlicher Fußballprofi.

Die Unterstützung gebe ihm Kraft und Mut für die kommende, schwierige Zeit. Denn auch wenn der Aufstieg mit Dynamo in seiner Karriere bisher "das schönste Erlebnis und der größte Erfolg" ist, tut es weh, "dass ich das persönlich aktuell natürlich nicht so genießen kann".

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