merken
PLUS Dynamo

Dynamo will Corona-Modellprojekt werden

Geschäftsführer Jürgen Wehlend erklärt im exklusiven Interview, welche Pläne der Verein hat und warum er noch für diese Saison auf Zuschauer hofft.

Gähnende Leere statt volle Ränge: Das Rudolf-Harbig-Stadion war vor mehr als einem Jahr zum letzten Mal mit mehr als 30.000 Zuschauern ausverkauft - bei Dynamos Sieg im Sachsenderby gegen Aue.
Gähnende Leere statt volle Ränge: Das Rudolf-Harbig-Stadion war vor mehr als einem Jahr zum letzten Mal mit mehr als 30.000 Zuschauern ausverkauft - bei Dynamos Sieg im Sachsenderby gegen Aue. © Robert Michael

Dresden. Mit Jahresbeginn hat Jürgen Wehlend seine Arbeit als kaufmännischer Geschäftsführer bei der SG Dynamo aufgenommen. Der 55 Jahre alte Dresdner ist in der Heimat bislang vor allem als Manager in der Krise gefragt. Die Corona-Pandemie trifft den Verein finanziell hart, die Verluste verschlingen das Eigenkapital, das für Investitionen für die Zukunft angespart worden war. Ein wesentlicher Posten sind die fehlenden Zuschauer-Einnahmen.

Bei Union Berlin wurde ein Versuch mit Corona-Schnelltests gestartet, um zu prüfen, ob Fans damit sicher ins Stadion könnten. Hansa Rostock durfte mit der Luca-App zur Kontaktnachverfolgung das Heimspiel gegen Halle mit 777 Besuchern austragen. Und was passiert in Dresden? Ein Gespräch über mögliche Auswege in der Pandemie.

Augusto
Leben und Genuss
Leben und Genuss

Für Genießer genau das Richtige! Leckere Ideen, Lebensart, Tradition und Trends gibt es in der Themenwelt Augusto.

Herr Wehlend, Modellversuche sind in aller Munde. Wie weit sind solche Überlegungen bei Dynamo und in Dresden?

Es ist eine schwierige Gemengelage. Mit Union Berlin stehen wir dazu seit vorigem Sommer im Austausch, auch, was in Rostock passiert, beobachten wir aufmerksam. Außerdem sind wir beteiligt an den Überlegungen in der Initiative Teamsport Sachsen. Rasenballsport Leipzig wähnte sich relativ weit, Zuschauer zum Spitzenspiel gegen den FC Bayern zulassen zu dürfen, hat dann aber die Absage bekommen. Gleichzeitig starten in Augustusburg oder Tübingen Modellprojekte. Wir wissen aus der Erfahrung vom Herbst, als eine begrenzte Anzahl von Fans im Stadion sein durfte, dass es danach kein Infektionsgeschehen gab. Wir gehen davon aus, dass es bei Einhaltung der Hygienekonzepte auch jetzt keine Probleme geben würde.

Sie könnten also sofort wieder starten?

Wir verkennen nicht, dass wir gesamtgesellschaftlich eine Entwicklung haben, die komplett gegensätzlich ist zu solchen Plänen. Das macht es so schwierig. Wir reden einerseits über einen erneuten bundesweiten Lockdown, andererseits arbeiten wir an Lösungen für die Zeit danach.

Jürgen Wehlend ist Dresdner und seit Januar als kaufmännischer Geschäftsführer bei Dynamo. Als Manager sucht er die Lösungen in der Krise - und plant einen Modellversuch.
Jürgen Wehlend ist Dresdner und seit Januar als kaufmännischer Geschäftsführer bei Dynamo. Als Manager sucht er die Lösungen in der Krise - und plant einen Modellversuch. © Steffen Kuttner

Was plant Dynamo konkret?

Wir sind mit dem Land und der Landeshauptstadt in Gesprächen, haben das Initial gesendet: Wir würden gerne ein Modellprojekt starten. Dazu waren wir auch im Austausch mit den Kultureinrichtungen wie der Philharmonie, wenn es zum Beispiel darum geht, ein gemeinsames Testzentrum einzurichten. Die Fangemeinschaft hat darüber hinaus Ideen wie Leute aus ihren Reihen mit medizinischer Ausbildung zu mobilisieren, um im Stadion eventuell eine Impfstraße zu installieren. Oder eben als Testhelfer in so einem Konstrukt zu agieren.

Eine Voraussetzung für die Zulassung solcher Versuche soll die wissenschaftliche Begleitung sein.

Ja, dazu haben wir Kontakt mit der Universitätsklinik, weil wir es genauso sehen: Es muss auch einen gesellschaftlichen Nutzen stiften, indem man die Ergebnisse auch für andere Veranstaltungen verwerten kann.

Gibt es weitere Kriterien für so einen Modellversuch?

Leider keine außer der medizinisch-wissenschaftlichen Begleitung. Aus unserer Sicht kann es nicht nur um die Nachverfolgung gehen, sondern wir wollen vor die Welle kommen. Das Schlagwort stammt nicht von uns, aber wir finden es treffend. Das heißt, wenn getestete Zuschauer im Stadion sind, weißt du, sie sind mindestens für einen gewissen Zeitraum nicht infektiös, weil sie negativ getestet wurden. Das galt mal für 48 Stunden, jetzt setzt die Politik nur 24 Stunden an. Bei den Spielern machen wir das seit einem Jahr so.

Für wie realistisch halten Sie es, das mit einem Testzentrum umzusetzen?

Es ist nicht unrealistisch. Wir prüfen gerade mit „Pass4all“ und „Be.safe“ zwei mögliche Plattformen, die hier in der Region aktiv sind. „Be.safe“ ist unter anderem in Leipzig beim Fußball, Handball und in Chemnitz im Basketball involviert und mehr spezialisiert auf Sportveranstaltungen in Stadien und Arenen. Oder man hat eher einen regionalen Bezug in dem Sinn, dass die Tests auch nutzbar sind in der Gastronomie, beim Einkauf, für andere Sport-Ereignisse oder eben ein paar Meter weiter für ein Konzert in der Jungen Garde. Dann könnte ich nach dem Fußball dorthin gehen, weil der Test über die gleiche Plattform auch dort läuft. Das versuchen wir weiter zu verdichten und anzupassen in dem Wissen, dass alle Überlegungen mit dem Sommer und durch die faktische Wirkung des Impfens überholt sein können. Aber das wäre dann ja auch gut so.

Wie würde es konkret ablaufen?

Ich bin mir noch nicht sicher, ob eine zentrale Teststelle die Lösung ist oder es eher dezentral erfolgen sollte. Erste Handelsketten planen Testzentren auf ihren Parkplätzen, die Apotheken könnten einbezogen werden. Unabhängig davon wäre das Vier-Augen-Prinzip entscheidend, medizinisch betreut. Selbsttests zu Hause helfen nicht weiter. Dann wird das Ergebnis im System hinterlegt, das mit der App gekoppelt ist. Die Verbindung zu dem gekauften Ticket erfolgt idealerweise über den Bar- oder QR-Code – genauso wie später die Impfung.

Können Sie sich vorstellen, dass Fans mit der Karte den Impfausweis vorlegen, um Zugang zu bekommen?

Weniger den Ausweis, eher auch eine App oder eine Karte, die diese Information tragen darf.

Ist das dann ein Privileg?

Es wird ein Privileg werden, glaube ich. Das wird so sein. Wir dürfen uns nichts vormachen. Die Alternative dazu ist der Test, aber ob der sich bewährt, wissen wir noch nicht. Das müssen wir herausfinden mit Modellprojekten. Deshalb wäre es wichtig, es hier zu tun.

Dieses Bild ist mehr als ein Jahr her: Am 8. März 2020 feierten Mannschaft und Fans im ausverkauften Rudolf-Harbig-Stadion Dynamos 2:1-Sieg im Sachsenderby gegen Erzgebirge Aue. Danach erreichte die Corona-Pandemie auch Deutschland. Geisterspiele im Fußba
Dieses Bild ist mehr als ein Jahr her: Am 8. März 2020 feierten Mannschaft und Fans im ausverkauften Rudolf-Harbig-Stadion Dynamos 2:1-Sieg im Sachsenderby gegen Erzgebirge Aue. Danach erreichte die Corona-Pandemie auch Deutschland. Geisterspiele im Fußba ©  dpa/Robert Michael

Wie viele Leute arbeiten im Verein daran, wie viel Zeit und Geld wird investiert, eine Strategie zu entwickeln?

Wir haben dafür noch keinen Businessplan aufgestellt. Was bringt es? Wir machen Fußball für Menschen. Das mag plakativ klingen, aber das drückt es aus. Es tut doch weh, ein Spitzenspiel wie gegen Rostock im leeren Stadion austragen zu müssen. Im Verein verwenden fünf Personen einen Großteil ihrer Zeit dafür. Wenn es an die Umsetzung in der Praxis geht, wäre es ein Projekt, das alle Bereiche betrifft.

Hat das Auswirkungen auf Kurzarbeit?

Ja, die Kolleginnen und Kollegen sind aus der Kurzarbeit herausgeholt worden, um daran zu arbeiten. Wir haben die Kurzarbeit auch in anderen Bereichen wie der Mitgliederverwaltung aufgelöst, um die digitale Variante der Mitgliederversammlung vorzubereiten. Das ist für den Verein völliges Neuland und alles andere als trivial.

Wie beurteilen Sie die politische Einstellung zu Modellversuchen im Sport?

Ich erlebe in den Gesprächen, dass man dankbar ist für jede Initiative, die dazu beitragen kann, dass in unserer Stadt, in unserer Region – wie soll ich sagen? – mehr Leben zurückkommt.

Sie scheuen sich offenbar vor dem Wort „Normalität“ …

Ja. Man hat aber schon das Gefühl, dass wir aus Angst vor dem, was um uns passiert, ein Stück weit das Leben einstellen. Politik kann sich immer nur in einem gewissen Rahmen bewegen, aber wir als Unternehmer wollen nicht die Hände in den Schoß legen und abwarten. Dabei wissen wir unsere Mitglieder und Fans an unserer Seite, die fragen: Was können wir tun?

Haben Sie eine Perspektive, wann ein Modellversuch mit Zuschauern bei Dynamo starten könnte?

Wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben, die letzten beiden Heimspiele in dieser Saison vor Zuschauern austragen zu können. Was treibt uns sonst an? Für die neue Saison ab Ende Juli setzen wir sehr auf die Impfung und ein mindestens deutlich abgeschwächtes Pandemiegeschehen.

Wie schätzen Sie das Risiko ein, dass Fans nach der Pandemie wegbleiben, weil durch die Geisterspiele die emotionale Verbindung verloren gegangen ist?

Weiterführende Artikel

Ist Dynamos Aufstieg durch die Quarantäne gefährdet?

Ist Dynamos Aufstieg durch die Quarantäne gefährdet?

Ausgerechnet in der Endphase der Saison werden die Dresdner im Aufstiegskampf gebremst. Die psychologische Wirkung ist nicht zu unterschätzen.

Dynamos Trainer: "Nur noch Endspiele"

Dynamos Trainer: "Nur noch Endspiele"

Als Tabellenführer geht Dynamo in die letzten acht Spiele. Markus Kauczinski fordert jetzt "die stärkste Leistung" und minimale Kontakte. Wieder neue Verletzte.

Wiegers meldet sich aus dem Krankenhaus

Wiegers meldet sich aus dem Krankenhaus

Der Torwart hat seine Kreuzband-OP hinter sich und grübelt, wieso Dynamo immer wieder schwere Verletzungen treffen. Der Aufstieg, meint er, ist nicht in Gefahr.

Dynamo und das Kreuz mit dem Knie

Dynamo und das Kreuz mit dem Knie

Torwart Patrick Wiegers reißt sich das Kreuzband – es ist in dieser Saison bereits die vierte schwere Knieverletzung bei den Dresdnern. Ein Blick in die Krankenakte.

Dieses Risiko ist ganz sicher da. Ich denke, dass Dynamo bessere Voraussetzungen hat als manch anderer Klub, weil es eben eine sehr emotionale Bindung gibt, weil es ein echter Mitgliederverein ist aus Tradition. Ich sehe, wie viele Menschen in der Stadt in Dynamo-Klamotten unterwegs sind und wie hoch der Zuspruch ist. Nichtsdestotrotz werden wir uns damit auseinandersetzen müssen, wie wir 10, 20 Prozent der Menschen zurückgewinnen, die erst einmal skeptisch sein werden gegenüber Großveranstaltungen. Die Sorge teile ich, habe aber keine Angst, dass uns das nicht gelingen wird.

Das Gespräch führte Sven Geisler.

Alles Wichtige und Wissenswerte rund um Dynamo - kompakt jeden Donnerstagabend im Newsletter SCHWARZ-GELB, und immer mit Gewinnspiel. Jetzt hier kostenlos anmelden.

Mehr zum Thema Dynamo