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„Darin sehe ich wirklich eine große Gefahr“

Ulf Kirsten spricht über sein neues Projekt, Erlebnisse als Fan und Dynamos Aufstiegschance. Über die Erinnerungen an Unterhaching mag er lieber nicht reden.

Ulf Kirsten ist Dynamo immer treu geblieben, hat in Dresden sein emotionales Abschiedsspiel als Profi erlebt. Jetzt hofft er auf den Aufstieg.
Ulf Kirsten ist Dynamo immer treu geblieben, hat in Dresden sein emotionales Abschiedsspiel als Profi erlebt. Jetzt hofft er auf den Aufstieg. © Robert Michael

Dresden. Wenn es um Tore geht, ist er ein leuchtendes Beispiel. Ulf Kirsten hat für Dynamo in der DDR-Oberliga 57-mal getroffen, achtmal im Europapokal. Danach war er bei Bayer Leverkusen dreimal Torschützenkönig in der Bundesliga, erzielte in 350 Spielen 182 Treffer, dazu neun in der Champions League. In 100 Länderspielen war er 35-mal erfolgreich. Der 55-Jährige ist also genau der richtige Gesprächspartner, wenn es um Dynamos derzeitige Torflaute geht. Das Interview dreht sich aber zunächst um etwas Hochprozentiges.

Ulf Kirsten, ist Ihnen langweilig während der Corona-Krise?

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Volles Programm beim Palais Sommer
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Dresdens beliebtes eintrittsfreies Festival für Kunst, Kultur und Bildung geht weiter und hat wieder viele Veranstaltungen in der ersten Augustwoche im Gepäck.

Nein, überhaupt nicht. Natürlich fehlen mir die sozialen Kontakte: sich mit Freunden treffen, mal in den Biergarten gehen, im Restaurant etwas essen. Ansonsten muss man halt das Beste daraus machen, rumzujammern hilft nicht. Wir müssen, und ich hoffe nicht mehr allzu lange, auf die Zähne beißen.

Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, einen eigenen Gin zu kreieren und auf den Markt zu bringen?

Der Anstoß dazu kam von Benny (Sohn Benjamin Kirsten/d. Red.). Er sagte: Papa, pass auf, es ist schwierig, für die Stiftung Gelder zu bekommen. Es gibt einige Firmen, die uns weiter unterstützen wie die Voina Group in Österreich, aber für andere ist es wegen der Krise derzeit nicht machbar. Also kamen wir auf die Idee, einen schwarzen Gin in limitierter Auflage von 99 Stück produzieren zu lassen und für die Stiftung zu verkaufen. Das lief dann überraschend gut.

Jetzt weiten Sie das Projekt aus und wollen die Marke unter ihrem Spitznamen „Der Schwatte“, den man Ihnen in Leverkusen gegeben hat, etablieren (Infos unter: www.derschwatte.com). Mit welchem Zweck?

Wir wollen weiterhin mit der Kirsten-Stiftung den Nachwuchs in der Region sowohl im Leistungs- als auch im Freizeitbereich unterstützen, die laufenden Projekte unbedingt weiterführen. Deshalb ist es unsere Idee, pro verkauften 10.000 Flaschen einen Bolzplatz zu bauen. Das kostet zwischen 30.000 und 50.000 Euro. Anmeldungen haben wir schon reichlich, aber es wird etwas Geduld brauchen, bis wir so weit sind. Nach der Pandemie müssen wir die Kinder wieder rausbringen.

Machen Sie sich Sorgen, dass der Fußballnachwuchs wegbleiben könnte?

Darin sehe ich wirklich eine große Gefahr. Man hört jetzt schon, dass viele Vereine beklagen, dass Kinder sich abmelden, auch weil sie die Beiträge weiterbezahlen müssten, obwohl sie nicht auf den Platz dürfen. Es wird eine große Aufgabe, sie zu motivieren, zurückzukommen. Man hat früher von Straßenfußballern gesprochen. Ich habe wirklich noch mit meinen Kumpels auf der Straße gespielt. Das war fast weggebrochen. In den vergangenen Jahren wurden in Stadtgebieten ein paar Plätze gebaut. Das wollen wir unterstützen.

Sie haben Benjamin angesprochen. Wie geht es ihm nach der Meniskus-Transplantation?

Das ist jetzt neun Monate her. Er ist im Kopf immer noch Profi, macht jeden Tag seine Reha. Aber was danach kommt, ist derzeit offen.

Sie haben zuletzt im Interview gesagt, Dynamo-Spiele sehen Sie jetzt als Fan. Jetzt müssen auch Sie draußen bleiben. Was fehlt Ihnen am meisten?

Die Atmosphäre, einfach alles. Wir sitzen in Dresden, hier ist sonst die geilste Stimmung. Es nervt mich, die Spiele am Fernseher zu gucken. Man hört jeden Schrei, die Trainer und sogar das Klicken der Kameras, wenn der Fotograf in der Nähe des Kommentators sitzt. Deshalb schaue ich nur Dynamo-Spiele komplett, die Bundesliga in der Konferenz. Der Fußball braucht Fans, die Fans brauchen den Fußball.

Welches war für Sie das bisher eindrucksvollste Erlebnis als Fan?

Ich war beim 1:8 von Dynamo in Köln (im November 2018 in der zweiten Liga/Anm. d. Red.) im Fanblock. Was ich dort erlebt habe, das ist noch einmal eine ganz andere Sichtweise. Welche verschiedenen Typen dabei sind, wie sie gemeinsam für den Verein leben, das ist faszinierend. Oder beim DFB-Pokalspiel gegen Hertha BSC: Mehr als 30.000 Dynamo-Fans im Berliner Olympiastadion – das war Weltklasse. Ich kriege Gänsehaut, wenn ich daran denke. Das ist das Salz in der Suppe.

Hat der Fußball unter den Geisterspielen gelitten?

Das Niveau ist, finde ich, nach wie vor sehr hoch. Dafür muss ich den Jungs ein Kompliment machen, dass sie trotzdem einen so guten Fußball abliefern.

Wie beurteilen Sie die Konstellation für Dynamo in der 3. Liga?

Sie sind absolut im Soll. Ich finde Markus (Chefcoach Kauczinski/Anm. d. Red) und Scholle (Co-Trainer Heiko Scholz/Anm. d. Red.) liefern eine fantastische Arbeit, die Mannschaft wurde gut zusammengestellt. Es ist ein Team mit Charakter. Du hast von draußen das Gefühl, dass sie nie auseinanderbrechen, wenn sie mal zurückliegen oder wie zuletzt zwei Spiele nicht gewinnen. Sie machen immer weiter. Das macht Hoffnung und Spaß. Natürlich müssen sie noch mal ein bisschen beißen, das ist nun mal so, geschenkt kriegst du es nicht.

Sie sind überzeugt vom Aufstieg?

Im schlimmsten Fall geht es in die Relegation, aber ich denke, dass Dynamo direkt aufsteigt. Das wäre auch verdient nach dem bisherigen Verlauf der Saison – und gerade nach dem vorigen Jahr, als man auch wegen der Quarantäne abgestiegen ist. Das war am Ende mit den Nachholspielen nicht zu schaffen, zumal der nervliche Stress im Abstiegskampf brutal ist.

Und jetzt muss Dynamo nach Unterhaching. Da war doch mal was?

Ich weiß nicht, Dynamo hat dort hoffentlich immer gewonnen.

Leider nur einmal in sechs Spielen. Aber ich meinte den 20. Mai 2000 – welche Erinnerungen haben Sie daran?

Wir sind dorthin gefahren, waren vielleicht zu entspannt und sind am Ende nicht Meister geworden.

Bayer Leverkusen hätte ein Unentschieden gereicht, aber nach dem 0:2 in Unterhaching war doch wieder der FC Bayern deutscher Meister …

Sie brauchen nicht weiter zu bohren, die Erinnerungen daran haben wir direkt danach ertränkt.

Ich wollte aber noch fragen, wie Sie Michael Ballack wegen dessen Eigentor getröstet haben …

Was konnte denn der Balle dafür? Ihm das Eigentor vorzuwerfen, ist doch ein Witz. Das kam von den Medien, von uns hat keiner etwas gesagt oder ihm einen Vorwurf gemacht. Ihm hat es auch nicht geschadet, sonst hätte er nicht eine so überragende Karriere gestartet.

Was muss Dynamo tun, damit Ähnliches nicht passiert?

Als Mannschaft so weitermachen wie bisher – und mehr Tore schießen als zuletzt.

Zuletzt zwei Spiele ohne Tor. Haben Sie als früherer Torjäger eine Erklärung?

So eine Phase machst du immer mal durch. In den beiden Spielen haben sie sich nicht viele Chancen herausgespielt. Königsdörffer hatte eine in München, dem Jungen kannst du keinen Vorwurf machen. Und gegen Rostock hattest du den überragenden Spielzug, aber Hosiner hat den Kopfball nicht versenkt.

Haben Sie einen Tipp für die Stürmer?

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Ach, einer wie Daferner macht auch mal aus dem Nichts ein Tor. Weiter daran glauben. Ein Stürmer hat erst dann ein Problem, wenn er sich einredet: Ich habe jetzt drei Chancen vergeben, ich will gar nicht mehr zum Abschluss kommen. Weiter, immer wieder drauf. Ich habe auch mal sechs, sieben Spiele am Stück nicht getroffen. Auf einmal stehst du richtig, schiebst den Ball über die Linie, und es läuft wieder. Noch mal: Es ist nichts Dramatisches passiert, Dynamo ist immer noch Erster.

Das Gespräch führte Sven Geisler.

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