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Die wahre Geschichte des Elfmeterschießens

Dynamo Dresden empfängt am Montagabend den Hamburger SV im DFB-Pokal – es wird emotional, vielleicht sogar dramatisch. Wie einst gegen RB Leipzig?

Der Jubel nach dem letzten Schützen: Vor vier Jahren warf Dynamo den Bundesligisten RB Leipzig aus dem Pokal – im Elfmeterschießen.
Der Jubel nach dem letzten Schützen: Vor vier Jahren warf Dynamo den Bundesligisten RB Leipzig aus dem Pokal – im Elfmeterschießen. © dpa/Thomas Eisenhuth

Dresden. Bei Dynamo wird es oft dramatisch wie zuletzt mit den Corona-Fällen, der Quarantäne und dem Abstieg. Oder eben auch im DFB-Pokal, als die Dresdner in Berlin ein Heimspiel hatten. Mehr als 30.000 Fans unterstützten die Schwarz-Gelben am 30. Oktober 2019 gegen Hertha BSC im Olympiastadion – und sie bekamen das geboten, was man einen Pokalkrimi nennt: Führung. Rückstand, Ausgleich, Verlängerung, Führung, Ausgleich – Elfmeterschießen. Nach je einem Fehlschuss entscheidet das sechste Duell, Dynamo im Pech.

Früher war die Entscheidung in einem unentschiedenen Pokalduell erst recht Glückssache. Bis 1970 gab es in manchen Wettbewerben zwar ein drittes Spiel auf neutralem Platz, aber wenn das nach 120 Minuten keinen Sieger hatte, musste der Schiedsrichter eine Münze werfen. So ist es zum Beispiel den Junioren der DDR bei der EM 1969 gegangen. Nach dem 1:1 im Finale in Leipzig fiel ein britisches 10-Pence-Stück für Bulgarien.

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Elfmeterschießen waren früher etwas zur Volksbelustigung, allerdings staunte der Berichterstatter vom SZ-Pressefest im Juni 1959: „Unsere Dresdner sind als Fußball-enthusiasten bekannt. Umso verwunderlicher war es, dass Kegeln gegenüber dem Elfmeterschießen einen Riesenbetrieb aufzuweisen hatte. Auch der Bogenschießstand war buchstäblich belagert.“ Bereits in den 1960er-Jahren wurden Volkssport-Turniere „vom Punkt“ entschieden.

Weltweit gab es verschiedene Varianten, bevor ein Schiedsrichter die Initiative ergriff. Karl Wald gilt bis heute als der Erfinder des Elfmeterschießens, weil er am 30. Mai 1970 beim bayerischen Verbandstag die Einführung durchgesetzt hatte. Daraufhin wurde es weltweit ins Regelwerk aufgenommen. Das erste Elfmeterschießen in einem offiziellen Wettbewerb hatte es jedoch schon vorher gegeben, so viel steht fest. Wann und wo, lässt sich kaum ermitteln, weil im jugoslawischen und italienischen Pokal oder beim Schweizer Uhrencup schon viel früher Spiele durch ein Penaltyschießen entschieden wurden.

Zudem hatte der Israeli Yosef Dagan bereits im August 1969 bei der Fifa einen Vorschlag eingereicht, der im Februar 1970 von den Regelhütern des Weltverbandes diskutiert worden war. Also ein Vierteljahr vor der vermeintlich bahnbrechenden Zustimmung in Bayern. Der Referee Karl Wald (1916 – 2011) aus dem oberbayerischen Penzberg kann kaum als Erfinder bezeichnet werden, eher als ein Wegbereiter.

Das erste Mal drei Jahre vor der Erfindung

Das erste offizielle Elfmeterschießen in der BRD hatte es nachweislich sogar schon drei Jahre vor seinem Vorstoß gegeben. Der Württembergische Fußballverband hatte es nämlich für seine Pokalspiele bereits zur Saison 1965/66 verbindlich eingeführt – für den Fall, dass auch nach einem Wiederholungsspiel auf neutralem Platz kein Gewinner feststeht. Demnach wurde das erste Elfmeterschießen in einem Pflichtspiel auf deutschem Boden am 27. Mai 1967 ausgetragen in der Partie zwischen der SpVgg 07 Ludwigsburg und dem 1. FC Normannia Gmünd. Das geht aus einer Recherche des Internet-Bloggers „Spätzleskick“ hervor.

Vor etwa 500 Zuschauern im Ludwig-Jahn-Stadion habe der Schiedsrichter erst die fünf Schützen der einen Mannschaft hintereinander antreten lassen, dann die der anderen. Weil im ersten Durchgang beide je viermal getroffen hatten, hängte er eine weitere Runde mit je fünf Versuchen ran. Ludwigsburg setzte sich durch. Die Regeln waren nicht so ausgeklügelt. Als bei einem Schuss der Ball vom Innenpfosten hinter die Linie sprang, gab der Schiedsrichter kein Tor. Seiner Meinung nach hätte er direkt reingehen müssen. Dabei war schon damals lediglich der Nachschuss untersagt.

Die Sensation ist perfekt: Dynamo wirft den Bundesligisten RB Leipzig in der ersten Runde aus dem Pokal. Als fünfter Schütze hat auch Aias Aosman am 20. August 2016 für die Dresdner getroffen, Torwart Marvin Schwäbe hielt den Schuss von Dominik Kaiser
Die Sensation ist perfekt: Dynamo wirft den Bundesligisten RB Leipzig in der ersten Runde aus dem Pokal. Als fünfter Schütze hat auch Aias Aosman am 20. August 2016 für die Dresdner getroffen, Torwart Marvin Schwäbe hielt den Schuss von Dominik Kaiser © Robert Michael

In der westdeutschen Historie gilt das DFB-Pokalspiel zwischen Schalke 04 und dem VfL Wolfsburg am 23. Dezember 1970 als Premiere: Auf Schneeboden standen die Zuschauer dicht gedrängt um den Strafraum; aus heutiger Sicht skurrile Bilder. Im FDGB-Pokal der DDR wurden in der ersten Hauptrunde Mitte August 1971 gleich zwei Duelle mit der neuen Methode entschieden: Motor Weimar setzte sich gegen Vorwärts Meinungen durch, KKW Greifswald II unterlag Post Neubrandenburg.

Dynamo war dann am ersten Elfmeterschießen in einem FDGB-Pokalfinale beteiligt: am 14. Juni 1975 gegen die BSG Sachsenring Zwickau. Die Dresdner waren klarer Favorit, schluderten aber bei der Chancenverwertung und konnten weder in der regulären Spielzeit noch in der Verlängerung eine Führung behaupten. Zwickaus Nationaltorwart Jürgen Croy hielt die Schüsse von Gerd Weber sowie Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner – und verwandelte selbst zum Sieg für den Außenseiter.

Der legendäre Vergleich mit Lenin

Dennoch ist die Geschichte des Elfmeterschießens für die Schwarz-Gelben durchaus eine positive. Elf von fünfzehn in wichtigen Wettbewerben haben sie gewonnen, drei davon international. Besonders spannend am 27. September 1978 im Europapokal der Landesmeister gegen Partizan Belgrad, als Torwart Claus Boden den Schuss von Ilija Zavisic hielt und danach Udo Schmuck als siebenter Schütze traf.Auch im DFB-Pokal hat Dynamo bereits einige packende Elfmeter-Duelle geliefert wie am 1. Dezember 1993 gegen Bayer Leverkusen. Pavel Hapal versuchte, Torwart Stanislaw Tschertschessow mit einem Lupfer zu überwinden, aber: „Der Russe bleibt stehen wie Lenin auf dem Roten Platz“, prägte der verstorbene Radio-Reporter Gert Zimmermann an dem Abend einen seiner legendären Sprüche.

Das wohl emotionalste Elfmeterschießen in Dresden erlebten knapp 30.000 Zuschauer am 20. August 2016 im Prestigeduell gegen RB Leipzig. Aus einem 0:2 hatten die Schwarz-Gelben durch zwei Tore von Stefan Kutschke ein 2:2 gemacht. Torwart Marvin Schwäbe parierte dann gegen RB-Kapitän Dominik Kaiser, Aias Aosman legte sich den Ball als fünfter Schütze auf den Punkt - und verwandelte auch der fünfte Dresdner Schütze sicher.

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