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Zahlen & Daten: Wie Dynamo die Profis von morgen findet

Der Zweitligist aus Dresden setzt bei der Sichtung von Talenten nicht allein auf das Urteil der Scouts, sondern auch auf Computerprogramme einer Berliner Firma.

Von Daniel Klein
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Handlungsschnelligkeit ist gefragt, wenn Dynamos Talente auf blinkende Lampen reagieren sollen.
Handlungsschnelligkeit ist gefragt, wenn Dynamos Talente auf blinkende Lampen reagieren sollen. © SG Dynamo Dresden/4talents Analytics

Dresden/Berlin. Es klingt ein wenig nach Science-Fiction. Computer, Daten und Zahlen zeigen, ob ein Kind Talent hat und es bei ihm reicht für die große Karriere in der Fußball-Bundesliga. Utopie oder schon Wirklichkeit? Beides. Dynamo geht seit einigen Jahren zumindest einen Schritt in diese Richtung: Big Data beim Sichten.

Es begann 2017, seitdem arbeitet der Verein mit einem Unternehmen aus Berlin zusammen. Gegründet hat 4talents Analytics Daniel Heidrich. Als sein Sohn das Angebot bekommt, ins Nachwuchsleistungszentrum des 1. FC Union zu wechseln, fragt er sich, ob das Talent wirklich ausreicht, ob sich der Aufwand lohnt.

„Damit verbunden ist ein Schulwechsel, längere Fahrtwege, neue Freunde“, zählt er auf. „In die Zentren kommen die Jungs mit zwölf, im Schnitt bleiben sie dort nur drei Jahre, mit 15 ist also für viele Schluss. Ich wollte herausfinden, wen es da trifft.“ Also fängt er an, ein Programm zu entwickeln.

Damit die Zahlen, die es ausspuckt, auch vergleichbar und aussagekräftig sind, sucht Heidrich einen Profiverein, der ihm hilft, das Programm mit vielen Daten von Nachwuchsspielern zu füttern. Dynamo macht mit, ist der Pilotkunde. „Die Zusammenarbeit kam auch über persönliche Kontakte zustande“, erzählt Christian Knoll, Koordinator Sport bei Dynamo.

Talente ohne Schwächen kommen nicht nach Dresden

Das Projekt passt zum Klub, der sich als Ausbildungsverein versteht und seit einigen Jahren sehr erfolgreich versucht, mit begrenzten Mitteln, die größten Talente der Region an sich zu binden. „Natürlich ist es das Ziel, Jungs zu holen, die kaum Schwächen haben. Dass sie gar keine haben, wird uns aber nicht gelingen. Diese Talente gehen zum FC Bayern oder Real Madrid, nicht zu Dynamo“, erklärt Chefscout und Kaderplaner Kristian Walter.

Bei den Sichtungen geht es darum, die Begabungen zu erkennen. Und da kommt der Partner aus Berlin ins Spiel. An verschiedenen Stationen werden Schnelligkeit, Sprungkraft und Koordination gemessen. „An Tagen, an denen wir Probetrainings anbieten, kommen die Mitarbeiter von 4talents zu uns, machen die Tests, werten die Daten aussagekräftig auf und schulen unsere Trainer“, erklärt Knoll. „Wir schauen so, ob die genetischen Anlagen ausreichen, um später mal im Profifußball bestehen zu können“, ergänzt Heidrich.

„Im Grunde ist es eine Begabungsdiagnostik, ein standardisiertes Verfahren, das objektive Daten liefert und Zusätzliches sehen kann als die bloßen Augen der Scouts am Spielfeldrand“, erklärt Walter. Kann ein Fußballtalent also wirklich nur mithilfe von Zahlen aufgespürt werden? Ganz so einfach sei das natürlich nicht, widerspricht Walter.

„Das Programm kann unseren Scouts und Trainern helfen, sie aber keinesfalls ersetzen. Entscheidend bleiben immer die Urteile und Prognosen der Mitarbeiter aus unserer Nachwuchsabteilung. Wir haben festgestellt, dass die aus den Tests gestellten Prognosen sehr oft mit den Einschätzungen unserer Scouts korrelieren. Deshalb haben wir entschieden, dass wir die Programme nutzen können.“

Bislang wurden 500 Nachwuchsspieler getestet

Im Februar 2019 wurde die Kooperation vertraglich fixiert, sie läuft vorerst bis Juni nächsten Jahres. Wieviel Dynamo an die Firma zahlt, will der Verein nicht verraten. Bisher haben rund 500 Nachwuchskicker einen solchen Test mindestens einmal absolviert. „Vor zwei Jahren wollten wir beginnen, damit flächendeckend in ausgewählte Schulen zu gehen, also auch zu Jungs, die noch gar nicht so regelmäßig trainieren. Und wir wollten es bei weiteren der 21 Partnervereine anwenden, die mit uns in Form des Dresdner Weges kooperieren“, erklärt Knoll. „Dann kam Corona.“

Das bremste das Programm fast komplett aus. Die Sichtung lief aber trotzdem weiter, fünf Scouts beschäftigt Dynamo allein im Nachwuchs, hinzu kommen Honorarkräfte. Ein enormer Aufwand – vor allem mit Blick auf die Erfolgsquote. Statistiken zeigen, dass von 10.000 Jungs, die mit dem Fußballspielen beginnen, nur einer bei den Profis ankommt, also in einer der drei obersten Ligen einen Vertrag unterschreibt. Das sind 0,01 Prozent eines Jahrgangs.

Ein bisschen besser sind die Aussichten in den vom Deutschen Fußballbund (DFB) zertifizierten Nachwuchsleistungszentren. Eine Garantie auf eine spätere Karriere, mit der man den Lebensunterhalt oder mehr bestreiten kann, gibt es aber auch dort nicht.

Daran werden auch computergestützte Talentsichtungs-Programme kaum etwas ändern. „Aber sie helfen, Informationen vorzufiltern, Zeit zu sparen und sichern uns bei den Entscheidungen sowie den Eindrücken aus der Live-Beobachtung zusätzlich ab“, so Walter. „Es gibt auch Fälle, da ist die Einschätzung des Scouts negativ, die Werte sind aber positiv. Dann schauen wir uns das Talent noch einmal genau an.“

Datenmengen werden immer größer

Helfen sollen die Berliner auch bei möglichen Neuzugängen des Zweitliga-Teams. Dort werden viele Daten erhoben, bei der Leistungsdiagnostik etwa oder im Training die Laufwege und -geschwindigkeiten mithilfe von Trackingsystemen. Dafür beschäftigt Dynamo einen eigenen Datenanalysten. Bei den Spielen misst die Deutsche Fußball-Liga (DFL) viele Werte und stellt sie den Vereinen zur Verfügung.

„Die Datenmengen, die da einströmen, werden immer größer. Wir bereiten sie so auf, dass sie für die Klubs leichter nutzbar sind“, erklärt Heidrich, der neben 4talents noch zwei andere Firmen führt. 20 Analysten sind insgesamt bei ihm angestellt.

Seine Software kann helfen, genau den gesuchten Spielertyp zu finden. „Wir können dann sehen, wie kopfballstark, dribbelstark oder passstark ein möglicher Neuzugang in den verschiedenen Spielfeldbereichen tatsächlich ist“, erläutert Walter. „Aber auch da setzen wir die Daten ins Verhältnis zu unseren Live- oder Videosichtungen. Denn was die Zahlen nicht zeigen, ist der Kontext: Wie verhält sich ein Spieler in Stresssituationen, welche Spielübersicht hat er?“

Die Arbeit der Scouts werde auf keinen Fall überflüssig, findet auch Heidrich. Aber ohne technische Unterstützung ginge es ab einem bestimmten Niveau nicht mehr. 4talents hat als Kunden neben Dynamo inzwischen auch Union Berlin, Fortuna Düsseldorf, Werder Bremen und Arminia Bielefeld. Die Sorge, abgehängt zu werden, ist groß. Also wird aufgerüstet – mit Zahlen, Daten und Computern.