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Dynamos Leiden mit Corona

Die Pandemie setzt auch dem Drittliga-Tabellenführer zu. Ohne Euphorie und Helden droht der Aufstieg light. Eine Stimmungssuche.

Sehen so Aufstiegshelden aus? Die Dynamos Ransford-Yeboah Königsdörffer, Heinz Mörschel, Luka Stor, Julius Kade, Jonathan Meier und Paul Will (von links).
Sehen so Aufstiegshelden aus? Die Dynamos Ransford-Yeboah Königsdörffer, Heinz Mörschel, Luka Stor, Julius Kade, Jonathan Meier und Paul Will (von links). ©  dpa/Robert Michael

Dresden. Vier! Zu! Null! Hat Dynamo gewonnen und das nicht gegen irgendwen. Es war der Tabellenzweite Ingolstadt, den der souveräne Spitzenreiter aus Dresden am Samstag deklassierte. Normalerweise würde Dynamoland jetzt Kopf stehen, eigentlich seit Wochen schon. Der Aufstieg in die 2. Fußball-Bundesliga rückt immer näher, und gerade bei Siegesserien, wie sie die Mannschaft derzeit abliefert, kennt die Euphorie eigentlich keine Grenzen.

Eigentlich... Der Einwand gehört in diesen Tagen unbedingt dazu. Denn Glücksgefühle jeglicher Art sucht man vergeblich. Nie zuvor hat das Vereinsumfeld einen derart erfolgreichen Saisonverlauf wie diesen so nüchtern hingenommen.

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4:0 gegen den Tabellenzweiten – das hat es nicht mal vor fünf Jahren gegeben, als Dynamo so eindrucksvoll durch die 3. Liga marschierte, dass immer noch ehrfürchtig von Aufstiegshelden die Rede ist. Allen voran Justin Eilers, Michael Hefele und Pascal Testroet haben damals einen Heldenstatus erlangt, der auf Lebenszeit gilt. Und im Mittelfeld spielte ein hoch veranlagtes Talent aus der eigenen Jugend die Saison seines Lebens: Marvin Stefaniak.

Lockdown bietet offenbar auch eine Chance

Solche Typen gibt es auch diesmal. Wer aber weiß wirklich etwas mit Christoph Daferner, Philipp Hosiner und Sebastian Mai anzufangen? Oder eben mit Ransford-Yeboah Königsdörffer? Der 19-Jährige war gegen Ingolstadt der beste Spieler, erzielte ein sehenswertes Tor und begeisterte einmal mehr mit schnellen Antritten sowie unbekümmerten Dribblings.

Spätestens jetzt würden er und seine Kollegen auf Händen getragen werden – inklusive Freigetränken in den Klubs und Discos der Stadt. Es gäbe Autogrammstunden, Gesprächsrunden und Sponsorentermine, Medienanfragen samt Fotoshootings. Und Fans, die nach jedem Training um Selfies bitten. Mit Blick auf die sportliche Entwicklung dieser jungen Mannschaft – Durchschnittsalter 25 Jahre – liegt im Lockdown offenbar auch eine Chance.

Zwei Tage hat ihnen der Trainer nach dem Gala-Auftritt freigegeben und sogar gestattet zu feiern. Aber wie? Zu Hause via Videokonferenz, am Telefon mit den Kumpels oder in der Team-Whatsapp-Gruppe?

Inmitten der Pandemie, so hat es den Anschein, leidet Dynamo nicht nur finanziell. Die neu aufgebaute Mannschaft spielt eine unerwartet starke Saison, nur nimmt keiner so richtig Notiz davon. Die emotionale Verbundenheit ist in den vergangenen Monaten verloren gegangen, das Mitfühlen, Mitfiebern, Mitleiden, Mitleben.

Dynamos Pech: die Stärke der Konkurrenz

Dabei haben zwei Siegesserie die Tabellenführung längst zementiert. 22 von 24 möglichen Punkten holte die Mannschaft in den acht Spielen vor Weihnachten, 13 von 15 Zählern waren es jetzt in den fünf Spielen im Februar.

Überhaupt Statistik: Sogar einmal öfter gewonnen hat die aktuelle Mannschaft nach 25 absolvierten Spielen im Vergleich mit den Aufstiegshelden von 2016. Punktezahl und Tordifferenz sind fast identisch. Nur der Abstand zu den Verfolgern ist geringer. Vor fünf Jahren waren es zehn Zähler auf den Zweitplatzierten Aue und zwölf zum Relegationsplatz. Jetzt liegt Rostock auf Platz zwei mit sechs Punkten Rückstand, aber einem Spiel weniger. Knapp dahinter folgen Wiesbaden und Ingolstadt.

Die Stärke der Konkurrenz ist Dynamos Pech – doch die Pandemie das eigentliche Problem.

Ohne Corona wäre nicht erst am Samstag das Harbig-Stadion restlos ausverkauft gewesen. 32.000 Zuschauer hätten das Torspektakel live mitverfolgt, auf dem Heimweg darüber gesprochen und später zu Hause oder den Kollegen auf Arbeit davon erzählt. Stattdessen sind die Ränge leer, inzwischen schon seit dem 15. November, als Dynamo auf Tabellenplatz acht liegend mit einem 2:1-Erfolg gegen den damaligen Tabellenzweiten 1860 München zur ersten Siegesserie ansetzte.

Ex-Capo Lehmi ist jetzt vegetarisch-vegan unterwegs

353.000 Zuschauer waren gegen Ingolstadt dabei – bei der MDR-Liveübertragung, die kaum im Gedächtnis bleiben wird. Genauso wenig wie die vielen anderen Geisterspiele, die im Fernsehen laufen. Vermutlich haben Fans mittlerweile oft auch ganz andere Dinge im Kopf, können und wollen sich dem Fußball nicht so leidenschaftlich hingeben wie bis vor einem Jahr.

Es ist mehr eine Information am Rande: 4:0 gegen Ingolstadt, sehr schön – und weiter geht‘s. Mit dem Gemeinschaftserlebnis hat sich seit geraumer Zeit auch die Emotionalität verflüchtigt. Ein Punkt, den Dynamo selbst registriert und der dem Verein auch Sorgen bereitet. „Ihr fehlt“ bekunden die Verantwortlichen bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit Verweis auf die Fans.

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Am Ende, darauf läuft es jedenfalls hinaus, kehrt Dynamo unter Ausschluss der Öffentlichkeit in die 2. Bundesliga zurück. Passend zum „Aufstieg light“ ist die Nachricht vom ehemaligen Ultras-Anführer, der 2016 noch mit Megafon auf dem Stadionzaun stand. Stefan „Lehmi“ Lehmann hat sich jetzt selbstständig gemacht und liefert vegetarisch-vegane Mittagsversorgung.

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