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Wird er Dynamos neue Führungskraft?

Kristian Walter hatte als Vertreter von Ralf Minge schon Verantwortung im Verein. Nun macht er einen Management-Lehrgang beim DFB - und erzählt von seinen Plänen.

Kristian Walter ist seit 2012 bei Dynamo, arbeitet als Assistent eng mit dem Sportgeschäftsführer zusammen. Jetzt plant er seinen nächsten Schritt.
Kristian Walter ist seit 2012 bei Dynamo, arbeitet als Assistent eng mit dem Sportgeschäftsführer zusammen. Jetzt plant er seinen nächsten Schritt. © Christian Juppe

Dresden. Plötzlich musste er entscheiden. Als Ralf Minge bei Dynamo wegen eines Burn-outs eine Auszeit nehmen musste, übernahm Kristian Walter die Verantwortung für den sportlichen Bereich. „Ich war damals viel zu jung“, sagt der Dresdner rückblickend über die Phase von März bis Juli 2018.

Damals wurde er gerade 34 Jahre alt, war bereits als Chefscout und Kaderplaner im Verein tätig. „Man denkt vielleicht, man steckt in vielen Themen drin, redet schon viel mit. Aber wenn es darauf ankommt, eigene Entscheidungen zu treffen, ist das etwas ganz anderes – gerade bei einem so komplexen Verein wie Dynamo.“

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Es ist mal wieder eine schwierige Phase. Nach zwei starken Jahren mit dem Aufstieg und Platz fünf in Liga zwei schaffen die Schwarz-Gelben mit der schlechtesten Heimbilanz nur knapp den Klassenerhalt, nach dem 0:1 gegen Union Berlin zum Abschluss wird die Mannschaft von den Fans gnadenlos ausgepfiffen, Trainer Uwe Neuhaus wackelt. Walter zögert erst mit einer Rückendeckung, scheut sich dann aber, den erfahrenen Erfolgscoach zu entlassen.

Die Folge ist ein zerrüttetes Vertrauensverhältnis, ein Stotterstart in der nächsten Saison und die Trennung nach dem Pokal-Aus gegen den Regionalligisten Rödinghausen. Das übernimmt dann schon wieder Minge, der seit diesem Sommer als Sportdirektor beim Halleschen FC arbeitet.

"Ich musste mal komplett runterfahren"

Walter ist bei Dynamo geblieben – oder besser: zurückgekehrt. Denn nach der Erfahrung nimmt er sich eine Auszeit. „Es war für mich ein stetiger Aufstieg. Dann gehst du von der obersten Stufe wieder runter und merkst, dass einiges noch zu viel war“, erklärt er. „Hinzu kommt, dass ich nicht wusste, wie ich mich wieder einordnen soll. Das hat sich für mich in dem Moment nicht mehr so gut angefühlt, also musste ich mal komplett runterfahren. Das hat mir der Verein zum Glück ermöglicht.“

Er war in Asien unterwegs, hat mit seiner Freundin eine Bergtour in Nepal unternommen und seine Energie wiedergefunden. „Wenn man einen gewissen Abstand hat, geht das relativ schnell. Einfach mal ausschlafen, für mich trainieren, ich betreibe asiatischen Kampfsport, Thaiboxen.“ Ihm wird klar, was er eigentlich wusste: „Ich schätze mein Glück, bei Dynamo arbeiten zu dürfen, auch wenn es eine Sieben-Tage-Woche ist und man sich öfter mal ärgert. Aber es ist mein Traum.“

Walter kam 2012 eher zufällig zur Sportgemeinschaft, denn eigentlich wollte er dem Verein nur ein Statistik-Programm empfehlen. Der damalige Sportchef Steffen Menze habe ihn gefragt, ob er das bei Dynamo einführen, neue Strukturen für Spielanalyse und Scouting aufbauen möchte.

„Für mich war es eine tolle Chance, in meiner Geburtsstadt und für Dynamo arbeiten zu dürfen“, sagte Walter in einem früheren Gespräch mit der SZ. Er begann als Honorarkraft, Anfang 2013 erhielt er bereits eine feste Stelle und wurde bald darauf als Leiter der Scouting-Abteilung eingesetzt.

Als Fußballer sei er „zu talentfrei“ gewesen, wie er sagt, hat in der Jugend in Dippoldiswalde und später bei Berliner Vereinen gespielt. Schon damals habe er seine Übungsleiter mit seinen ewigen Warum-machen-wir-das-so-Fragen genervt, wie er selbstironisch erzählte. „Fußballspiele zu analysieren, war schon immer mein Ding.“ Seine Diplomarbeit hat er über qualitative Spielanalyse geschrieben und gleichzeitig bei Energie Cottbus erste Erfahrungen als Scout gesammelt.

Nach der Asien-Tour nimmt er also seinen Platz wieder ein als derjenige, der Entscheidungen vorbereitet. Minge schätzt seinen Fachverstand bei der Analyse und der Auswahl von Spielern genauso wie Ralf Becker, seit gut einem Jahr Dynamos Sportgeschäftsführer. Walter kam für den Aufsichtsrat wohl nicht als Nachfolger für Minge in Betracht, als dessen Vertrag im Juni 2020 nicht verlängert wurde, unabhängig von der Frage, ob er sich überhaupt darauf eingelassen hätte. Doch nun erklärt Becker zu Walter, er könne aus voller Überzeugung sagen, „dass er alles dafür mitbringt, um eines Tages selbst eine Führungsposition zu bekleiden“.

Deshalb hatte er die Idee, seinen Assistenten für den Lehrgang „Management im Profifußball“ anzumelden, den Deutsche Fußball-Liga (DFL) und Deutscher Fußball-Bund (DFB) für künftige Führungskräfte anbieten. „Zur guten Entwicklung des eigenen Personals gehört immer auch die entsprechende Förderung, die Kristian Walter jetzt durch den Verein möglich gemacht wird“, betont Becker, der damit quasi einen potenziellen Nachfolger weiterbilden lässt.

Weiterbildung mit Kollegen von Hansa und Bayern

Gemeinsam mit 15 anderen Teilnehmern, darunter Hansa Rostocks Sportvorstand Martin Pieckenhagen und Kathleen Krüger, Teammanagerin bei Bayern München, wird Walter vom 1. Oktober bis März 2023 unter anderem in Sportrecht, Lizenzierung, Kaderplanung, Finanzmanagement und Führungsqualitäten geschult. Seine Aufgaben im Verein muss er dafür nicht ruhen lassen, weil das Programm teilweise online angeboten wird.

„Ich habe Sportmanagement studiert, bin seit mehr als acht Jahren bei Dynamo, war schon mal Interimsgeschäftsführer und bin einer der Entscheidungsträger als Assistent von Ralf Becker“, sagt Walter. „Dann fragt man sich irgendwann: Was ist der nächste Schritt? Ich bin sehr dankbar, dass Ralf Becker sich das auch fragt, und mir diese Möglichkeit angeboten hat.“

Er sei davon überzeugt, dass man im Leben nie auslernt, „auch wenn der Profifußball an sich schon eine sehr spezielle Schule des Lebens ist“. Doch aus seiner Erfahrung als Minge-Vertreter weiß Walter: „Das sind viele kleine Sachen in puncto Führung, Strategien, Vertragsrecht, Verbandsarbeit, Marketing. Durch das Studium bekomme ich einen tieferen Gesamteinblick.“

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Davon werde er im weiteren Berufsleben sehr profitieren, denn die Intention, die Becker mit der Delegierung verbindet, ist auch sein eigener Anspruch, nämlich: „Irgendwann die Gesamtverantwortung in einem Verein zu tragen“, sagt Walter – und fragt eher rhetorisch: „Ob das dann bei Dynamo sein wird, klar, das würde mich freuen. Ich bin in Dresden geboren, das ist mein Herzensverein.“

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