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Dynamo ist sein erster Schritt in die weite Welt

Michael Akoto hat für die Karriere im Fußball fast seine Muttersprache verlernt. In Dresden will er jetzt den Durchbruch schaffen – und ist auf dem besten Weg.

Dynamos Neuzugang Michael Akoto stammt aus Ghana und hat nicht die Nachwuchsschule eines Leistungszentrums bei einem Profi-Verein durchlaufen, weil er zuerst Deutsch lernen sollte.
Dynamos Neuzugang Michael Akoto stammt aus Ghana und hat nicht die Nachwuchsschule eines Leistungszentrums bei einem Profi-Verein durchlaufen, weil er zuerst Deutsch lernen sollte. © Lutz Hentschel

Dresden. Eigentlich wollte er früher von zu Hause ausziehen und selbstständig werden. Aber seine Eltern konnten ihn noch mal überreden, ein Jahr zu warten mit dem großen Schritt hinaus in die weite Fußballwelt. Michael Akoto spielte beim FSV Mainz in der zweiten Mannschaft, zum Training brauchte er mit dem Fahrrad etwa 40 Minuten. Nun ist der 23-Jährige rund 400 Kilometer entfernt in Dresden, seit diesem Sommer steht er bei Dynamo unter Vertrag.

„Ich bin sehr gut aufgenommen worden, viel mit den Jungs unterwegs und fühle mich hier echt wohl“, sagt er. Das liegt natürlich auch daran, dass es sportlich passt. „Es ist immer noch wie ein Traum für mich, wenn ich bedenke, dass ich vor einigen Monaten in der vierten Liga gespielt habe.“ Inzwischen stehen fünf Zweitliga-Einsätze in seiner Statistik, viermal gehörte er zur Startelf. „Ich bin sehr dankbar, dass der Trainer mir das Vertrauen schenkt“, sagt Akoto – und Alexander Schmidt erklärt, warum er auf den Verteidiger setzt: „Er ist sehr griffig und aufgrund seiner Schnelligkeit gut in den Zweikämpfen, hat eine Top-Athletik.“

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Allerdings landete auch Akoto nach seinem Raketenstart unsanft, als er beim 0:3 im Heimspiel gegen Paderborn ein Gegentor verschuldete. „Es bringt nichts, deshalb den Kopf hängen zu lassen“, meint er. „Vielmehr ist es wichtig, das zu verarbeiten und zu sehen, was man in der Situation hätte besser machen können.“ Darüber hat der Chefcoach mit ihm geredet.

Der Wille zur Weiterentwicklung

„Er hat mir ganz klar gesagt: Michael, du bist gut drauf. Für dich ist es wichtig, weil du jung bist, solche Erfahrungen mitzunehmen und daraus zu lernen“, erzählt Akoto. Andere Trainer hätten ihn vielleicht nach einem solchen Fehler rausgenommen, beim nächsten Spiel auf die Bank gesetzt. Akoto blieb drin – und das nicht, weil Dynamo gerade wenig Alternativen für die Abwehr hat.

Schmidt pflegt generell einen anderen Umgang. Er lässt junge Spieler die Erfahrungen sammeln, die ihnen fehlen. Nachdem Akoto in der Partie beim Hamburger SV eingewechselt worden war und mit gelungenen Aktionen geholfen hatte, das 1:1 zu verteidigen, meinte der Trainer: „Das hat ihn beflügelt, weil er gesehen hat, er kann mithalten. Es ist oft so bei jungen Spielern, dass sie nicht genau wissen: Geht‘s oder geht‘s nicht? Er hat gesehen, dass seine Waffen auch in dieser Liga greifen.“ Mit der Einschränkung: „Natürlich ist er erst am Anfang.“

Genauso sieht sich Akoto selbst, er will sich weiterentwickeln. Dabei hilft ihm sein christlicher Glaube. „Ich ziehe daraus eine gewisse Stärke, auch Mut. Wenn ich auf den Platz gehe, habe ich das Gefühl, es ist jemand über mir, der auf mich schaut und mir Kraft gibt“, sagt er. Ebenso wichtig: „Der Glaube hat mich gelehrt, respektvoll und höflich mit Menschen umzugehen. Ich versuche, auf und neben dem Platz den anderen Menschen so zu akzeptieren, wie er ist.“ Akoto ist in der ghanaischen Hauptstadt Accra geboren und war acht Jahre alt, als seine Eltern nach Deutschland kamen. Rassismus, sagt er, habe er noch nie erlebt. „Aber ich weiß, dass wir momentan in einer Gesellschaft leben, in der so etwas leider ab und zu passiert.“

Als er in der Schule gleich in die dritte Klasse kam, sei das extrem schwer gewesen, weil er kaum Deutsch konnte. Das Zeugnis war deshalb zunächst nicht gut genug, weshalb der Vater entschied: erst bessere Noten, dann Fußball. „Ich war damals im Nachwuchs von Mainz 05 und musste mit 13 Jahren wieder weggehen. Also habe ich mich hingesetzt und gelernt, weil ich unbedingt Fußball spielen wollte.“ Seine Eltern finanzierten den Nachhilfeunterricht. „Das habe ich sehr dankbar angenommen und versucht, mein Bestes zu geben. Ich wusste: Ich brauche es.“

Michael Akoto am vergangenen Wochenende im Zweikampf mit Heidenheims Marvin Rittmüller (l.)
Michael Akoto am vergangenen Wochenende im Zweikampf mit Heidenheims Marvin Rittmüller (l.) © dpa/Stefan Puchner

Jetzt spricht Akoto perfekt Deutsch und hätte sein Fachabitur beenden und eine Ausbildung beginnen können, aber er bekam mit 18 Jahren beim SV Wehen Wiesbaden einen Profi-Vertrag. „Als sich diese Chance im Fußball ergab, wollte ich sie unbedingt ergreifen und schauen, was ich daraus machen kann.“ In Mainz schaffte Akoto danach in zwei Jahren nicht den Sprung in den Bundesliga-Kader, trotzdem trauen sie ihm bei Dynamo die zweite Liga zu, mindestens. Er habe „zahlreiche vielversprechende Facetten zu bieten“, meint Sportgeschäftsführer Ralf Becker und bescheinigt dem Neuzugang „ein großes Entwicklungspotenzial“.

Auf die Frage, ob die ghanaische Nationalmannschaft für ihn ein Thema sei, hat Akoto die passende Antwort parat. „Ich freue mich erst einmal, hier in Dresden angekommen zu sein und dass der Trainer mir die Möglichkeit gibt, zu spielen. Darauf liegt mein absoluter Fokus. Alles andere wäre eine Belohnung“, sagt er. Den ghanaischen Pass musste Akoto zwar abgeben, als er sich für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden hat.

Er meint aber: „Wenn es mal so kommen sollte, dürfte das kein Hindernis sein.“ Sondern womöglich eher die Verständigung, denn seine Muttersprache, das afrikanische Akan, beherrscht Akoto kaum noch. Seit er hier lebt, war er nicht mehr in Ghana. „Wir haben natürlich Kontakt zur Familie dort, aber ich war sehr jung, als wir weggegangen sind. Deshalb habe ich keine so klaren Erinnerungen mehr.“ Jetzt hofft er, dass es mit dem geplanten Urlaub in seinem Geburtsland bald mal klappt.

Der erste Schritt ist gemacht

In Dresden lebt er derzeit allein, was für ihn jedoch kein Problem ist. „Ich komme aus einem afrikanischen Haushalt“, sagt er und erklärt: „Es war nicht so, dass ich zu Hause alles machen musste, aber ich habe schon einiges beigebracht bekommen und übernommen.“ Er hat je zwei Schwestern und Brüder und ist der Älteste. „Ich musste schon früher die Wäsche waschen oder für meine Geschwister etwas kochen, wenn meine Eltern arbeiten waren.“

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Das bisschen Haushalt ist für den jungen Fußballer also kein Problem. Trotzdem sei es eine neue Lebenserfahrung, jetzt wirklich auf sich allein gestellt zu sein. „Das hilft mir für meinen persönlichen Reifeprozess.“ Im Gespräch macht er einen sehr reifen, bodenständigen Eindruck, was sich auch in seiner Einschätzung zu den beiden Niederlagen zeigt, die Dynamo zuletzt kassiert hat. „Natürlich war das bitter für uns, aber wir haben zehn Punkte und können uns über den Start nicht beklagen“, sagt er – was schließlich auch für ihn zutrifft.

Akoto hat den ersten Schritt in der weiten Fußballwelt gemeistert.

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