merken
PLUS Dynamo

So kommt Dynamos Gastronom durch die Krise

Tim Knipping darf Fußball spielen, aber seine zwei Restaurants sind geschlossen. Im Interview sagt er, wie er die Corona-Krise erlebt und warum er optimistisch ist.

Bei Dynamo ist Tim Knipping in der Abwehr eine Bank, mit Freunden betreibt er zwei Restaurants.
Bei Dynamo ist Tim Knipping in der Abwehr eine Bank, mit Freunden betreibt er zwei Restaurants. © Lutz Hentschel

Dresden. Die einen dürfen Fußball spielen, die anderen ihre Restaurants nicht öffnen. Tim Knipping erlebt derzeit beide Seiten der Corona-Pandemie: als Profi bei Dynamo Dresden und als Unternehmer. Seit zwei Jahren betreibt er mit einem Freund ein italienisches Restaurant in Heidelberg, im Vorjahr eröffnete er mit zwei ehemaligen Mitspielern in Regensburg das Brunch-Restaurant „The Gardener’s Nosh“ mit internationaler Karte, auf der auch „Bowls“, Schalen mit gesunden Appetithappen, sowie vegane und glutenfreie Speisen stehen. Doch bevor sie loslegen konnten, mussten sie im ersten Lockdown schließen.

Im Interview spricht der 28-Jährige über den sportlichen Erfolg mit Dynamo und die Krise in der Gastronomie.

Anzeige
Geld für Vereine, Projekte, mehr Zuversicht!
Geld für Vereine, Projekte, mehr Zuversicht!

Mit einem Crowdfundingprojekt unterstützt die Volksbank Dresden-Bautzen eG gemeinnützige Projekte.

Tim Knipping, zwei 4:0-Siege in Folge, Dynamo ist Spitzenreiter in der 3. Liga – warum läuft es so gut?

Wenn man sieht, welche Rückschläge wir hatten, ist es beeindruckend, wie wir die verkraften. Es ist nicht selbstverständlich, dass man es so gut wegsteckt, wenn man so viele und wichtige Spieler verliert. Das zeigt, welche Qualität im Kader steckt. Deshalb macht es sehr viel Spaß.

Sie sind im Sommer von Jahn Regensburg gekommen, obwohl Sie dort noch für ein Jahr Vertrag hatten, also freiwillig aus der zweiten Liga abgestiegen. Hat sich das für Sie ausgezahlt?

Ja, denn ich bin den Schritt zu Dynamo gegangen, weil ich hier die Chance gesehen habe, Woche für Woche auf dem Platz zu stehen und mit meinen Jungs für ein attraktives Ziel fighten zu können. Ich habe von Tag eins an das Vertrauen vom Verein gespürt, jedes Spiel gibt noch mehr Selbstvertrauen und macht einen besser. Ich bin einfach dankbar, wie es für die Mannschaft und mich läuft.

Sie sind als Unternehmer an zwei Restaurants beteiligt. Wie sehr belastet Sie das in der Corona-Krise?

Die Situation ist brutal, nicht nur für die Gastronomie, sondern die gesamte Gesellschaft. Für Familien mit Kindern ist es besonders schwer, viele Leute leben in Unsicherheit und müssen um ihren Job bangen. Davon ist die Gastronomie zweifellos extrem betroffen, weil sie die erste Branche war, die schließen musste, und wahrscheinlich die letzte sein wird, die wieder öffnen darf. Das erfahre ich jetzt am eigenen Leib und weiß, was dahintersteckt. Ja, das ist belastend. Man kann einfach nichts machen. Das zu akzeptieren, ist unheimlich schwierig. Umso mehr bin ich dankbar, dass ich meinen Job als Profi-Fußballer habe, der mich ablenkt und mir Sicherheit gibt. Das ist ein Riesenvorteil.

Sind Sie mit Familie in Dresden?

Meine Freundin studiert in Berlin, deshalb wohne ich in Dresden alleine. Sie pendelt ab und zu hierher, wobei wir immer vorsichtig sind. Davor ist sie mindestens eine Woche lang zu Hause, weil wir kein Risiko eingehen wollen, dass wir uns anstecken.

Sie haben 2018 ein italienisches Restaurant nahe Heidelberg eröffnet. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Ich gehe gerne mit Familie oder Freunden gemütlich essen oder einen Kaffee trinken. Das ist für mich Lebensqualität, das möchte ich genießen. Als ich in Sandhausen gespielt habe, war ich mit ein paar Mitspielern sehr oft beim Italiener in Wiesloch. Der Chefkellner, Fabio Giorgi, ist zu einem sehr guten Freund geworden. Es hat mich fasziniert, mit welcher Leidenschaft und welchem Einsatz er seinen Job ausübt: Von morgens bis abends und immer gut gelaunt, egal, ob Stress war. Ich habe ihn gefragt, ob er Lust hätte, etwas für sich selbst aufzubauen. Als sich in Sankt-Leon-Rot die Möglichkeit ergab, ein Restaurant zu übernehmen, haben wir uns dafür entschieden.

Er führt es in Ihrer Abwesenheit?

Ja, wenn man selbst nicht vor Ort sein kann, braucht man jemanden, dem man zu hundert Prozent vertraut.

Wie steht es um das Restaurant?

Das Corona-Jahr 2020 ist erstaunlicherweise gut gelaufen. Wir haben natürlich auf Lieferung und Abholservice umgestellt. Das ist natürlich im Umsatz ein Unterschied, aber die Menschen unterstützen die Gastronomie vor Ort und bestellen weiter Pizza oder Pasta. Dafür sind wir sehr dankbar und hoffen trotzdem, dass es bald wieder losgeht und wir wenigstens den Außenbereich öffnen können.

Und wie läuft es beim „Gardener’s Nosh“ in Regensburg?

Das Restaurant ist seit November geschlossen, weil sich diese Speisen nicht so gut liefern lassen. Wir versuchen, die Kosten, so gut es geht zu minimieren.

Sie hatten es gerade eröffnet, als es im ersten Lockdown schließen musste …

Einen schlechteren Zeitpunkt hätte man wohl wirklich nicht treffen können. Wenn wir in ein paar Jahren zurückschauen, können wir hoffentlich sagen: Hut ab, was wir da durchgezogen haben. In den drei vier Monaten, in denen geöffnet war, wurde es sehr gut angenommen. Wir hoffen, dass wir bald wieder loslegen könnten, zumal wir den größten Biergarten in der Regensburger Innenstadt haben. Wir sind bereit, das Hygienekonzept steht, sodass wir die größtmögliche Sicherheit bieten.

Und aufzugeben war keine Option?

Nein, das gibt es in meinem Wortschatz sowieso nicht. Ich habe das Privileg, dass ich Fußball spielen darf und damit mein Leben finanzieren kann. Wenn das nicht so wäre wie eben bei allen anderen Gastronomen, ist es natürlich existenziell, wenn man so lange keine Einnahmen hat. Das zu hören und zu sehen, nimmt mich auch sehr mit.

Planen Sie Ihre berufliche Zukunft in der Gastronomie-Branche?

Darüber bin ich mir noch nicht sicher. Ich will erst mal so lange wie möglich Fußball spielen. Aber ich habe zwei Restaurants und damit eine Verantwortung für insgesamt fast 30 Angestellte. Ich möchte, dass sie langfristig auf soliden Beinen stehen. Ob ich nach der Karriere selbst komplett in die Gastronomie gehe, lasse ich mir offen.

Die Mitarbeiter sind jetzt in Kurzarbeit?

Beim Italiener einige, in Regensburg bleibt uns leider nichts anderes übrig, als sie in Kurzarbeit zu schicken, weil es für sie derzeit nichts zu tun gibt. Das tut mir leid, aber ich bin dankbar, dass es eine solche Regelung in Deutschland gibt und die Leute einen Großteil ihres Gehalts bekommen.

Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?

Für mich gibt es nichts anderes. Ich sehe aber auch, dass viele Menschen, die sich seit Jahren den Arsch aufreißen, ob es Friseure sind, die Gastronomie, die Kultur, die Tourismus-Branche, jeder andere Bereich, kaum ihren Lebensunterhalt absichern können, weil es mit den Soforthilfen leider nicht klappt, wie es soll. Das ist herzzerreißend. Ich weiß es einfach umso mehr zu schätzen, dass ich mein Leben weiter führen und jeden Tag zum Training gehen kann. Ich glaube, die Menschen haben es bisher doch sehr gut durchgezogen. Deshalb bin ich guter Dinge, dass wir die Pandemie in den nächsten Wochen und Monaten auch dank der Impfungen und Schnelltests überstehen werden – und unsere Fans wieder im Stadion sein können.

Nächster Gegner ist am Samstag der 1. FC Saarbrücken, wo sie von 2014 bis 2016 gespielt haben. Welche Erinnerungen verbinden Sie damit?

Das war eine wichtige Station in meiner Karriere, weil ich zum ersten Mal von zu Hause weg war. Ich hatte mich bei Hessen Kassel von der Jugend zu den Profis hochgearbeitet, mein Abitur gemacht – und direkt danach hat es mich nach Saarbrücken verschlagen, gleich mal 400 Kilometer weg von Mama und Papa. Ich habe in den zwei Jahren sehr viel erlebt, sowohl positiv als auch negativ, weil wir am Ende aus der 3. Liga abgestiegen sind.

Das Hinspiel hat Dynamo durch ein Gegentor in der Nachspielzeit mit 1:2 verloren. Wie denken Sie daran zurück?

Brutal. Es tut nichts mehr weh, als wenn du so kurz vor Schluss den Knock-out bekommst und keine Möglichkeit mehr hast, aufzustehen und zurückzukommen. Ich erinnere mich gut, wie sie gefeiert haben. Diesmal möchte ich definitiv, dass wir diejenigen sind, die am Ende jubeln.

Es war damals aber auch ein schlechtes Spiel …

Weiterführende Artikel

Verzweifeltes Warten auf Öffnungen

Verzweifeltes Warten auf Öffnungen

Ab nach Mallorca, denken derzeit viele. Für die Ferieninsel gibt es einen Buchungsboom. In deutschen Hotels dagegen herrscht Corona-Tristesse.

Dynamo macht die Tore nicht - die Spieler in der Einzelkritik

Dynamo macht die Tore nicht - die Spieler in der Einzelkritik

Der Spitzenreiter der 3. Liga kann gegen den 1. FC Saarbrücken nicht an die Leistungen der vergangenen Wochen anknüpfen, steigert sich aber am Ende.

Warum Dynamo den Sieg im Spitzenspiel verpasst

Warum Dynamo den Sieg im Spitzenspiel verpasst

Der Tabellenführer hat erst hinten Glück, das am Ende vorne jedoch fehlt. So endet die Partie gegen Saarbrücken mit 1:1 - die erste Analyse mit den Reaktionen.

Wird Dynamos Trainer der Löw-Nachfolger?

Wird Dynamos Trainer der Löw-Nachfolger?

Man wird ja mal fragen dürfen ... Was Markus Kauczinski dazu sagt, wie er das Heimspiel gegen Saarbrücken angeht und wie es ums Personal steht.

Definitiv. Saarbrücken hatte verdient gewonnen. Aber wir haben danach alle Kräfte gebündelt und eine Siegesserie gestartet, die Mannschaft ist seitdem gereift, tritt ganz anders auf. Deshalb glaube ich, dass es für Saarbrücken weitaus schwieriger wird, in Dresden etwas zu holen.

Und nach dem Aufstieg laden Sie die Mannschaft in Ihr Restaurant ein?

Wenn wir aufsteigen, lade ich Mannschaft und Vereinsvertreter sehr gerne ein – auch in beide Restaurants.

Das Gespräch führte Sven Geisler.

Mehr zum Thema Dynamo