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Warum Bremen ein Glücksfall für Dynamos Ex-Torjäger ist

Torsten Gütschow war der erfolgreichste Torschütze der letzten DDR-Jahre. Er blieb bei Dynamo, obwohl Dortmund ihn haben wollte. Jetzt wird er 60 - und betritt gegen Schalke die große Pokalbühne.

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Trainiert jetzt den Bremer SV: Dynamo-Legende Torsten Gütschow.
Trainiert jetzt den Bremer SV: Dynamo-Legende Torsten Gütschow. © dpa/Carmen Jaspersen

Von Sebastian Stiekel

Bremen. Schalke 04? "Schalke ist immer schön", sagt Torsten Gütschow. Gegen Schalke fand 1992 sein letztes Bundesliga-Spiel als Torjäger von Dynamo Dresden statt. Bei Schalke "hat auch mein bester Kumpel Sven Kmetsch gespielt".

So ist das mit Torsten Gütschow und dem Profifußball: Er hat viele Erinnerungen und noch mehr Verbindungen. Aber selbst ein Teil davon wird er zum ersten Mal seit vielen Jahren erst wieder an diesem Wochenende sehen, wenn er als neuer Trainer des Bremer SV im DFB-Pokal gegen Schalke 04 spielt (Sonntag, 13 Uhr). "Bremen ist ein Glücksfall für mich", sagt Gütschow. Und der DFB-Pokal ein Glücksfall für seinen neuen Verein. Erst Bayern München im vergangenen Jahr, jetzt die "Königsblauen": Viel mehr Losglück kann ein Regionalliga-Aufsteiger kaum haben.

Bei der Stübner-Ehrung dabei: Torsten Gütschow (2.v.l.).
Bei der Stübner-Ehrung dabei: Torsten Gütschow (2.v.l.). © Privatarchiv Bernd Kießling

Gütschow selbst wird an diesem Donnerstag 60 Jahre alt und hat eine Karriere wie eine Romanfigur hinter sich. In den drei Saisons vor der Wiedervereinigung schoss kein Spieler in der DDR-Oberliga mehr Tore als er: Ulf Kirsten 31, Thomas Doll 32, Andreas Thom 38 - und Gütschow 44. Trotzdem war er der bekannteste DDR-Fußballer, der 1990 nicht sofort zu einem Westklub ging. Für einen Bruchteil des Gehalts blieb er in Dresden - obwohl er ein Angebot von Borussia Dortmund bekam.

Beim früheren Polizeisportverein Dynamo gehörte er 1992 zu jenen Spielern, deren inoffizielle Stasi-Mitarbeit enthüllt wurde. Er war nicht der einzige, aber er war noch vor Eduard Geyer, Ulf Kirsten und vielen anderen der erste. Auch deshalb bekam sein Fall so viel Aufmerksamkeit. Die Frage ist also: Hätte er als Spieler (Galatasary, Hannover) oder Trainer (Heeslingen, Bautzen) später noch viel mehr erreichen können, wenn er damals einfach nach Dortmund gegangen wäre?

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Torsten Gütschow im Trikot der DDR-Junioren-Auswahl Ende der 1970er-Jahre.
Torsten Gütschow im Trikot der DDR-Junioren-Auswahl Ende der 1970er-Jahre. © Privatfoto

Gütschow gefällt diese Frage nicht, denn sein Blickwinkel ist ein anderer. "Ich kenne so viele Trainer, die immer noch auf den großen Job warten. Und ich weiß auch, wie viele Fußballlehrer arbeitslos sind", sagt er. "Ich trainiere jetzt in der Regionalliga. Ich bin bei einem Traditionsverein, den manche das kleine St. Pauli nennen. Und ich bin jeden Abend zu Hause in Zeven." Das ist sein "Glücksfall".

Als Gütschow von 2006 bis 2013 den TuS Heeslingen in der Oberliga Niedersachsen trainierte, traf er regelmäßig auf André Breitenreiter, der damals erst Spieler und dann Trainer des TSV Havelse war. Breitenreiter hatte großen Erfolg mit dem Klub und ging gleich bei erster Gelegenheit zum SC Paderborn, später zu Schalke 04, Hannover 96, dem FC Zürich und in diesem Sommer zu 1899 Hoffenheim.

Gemeinsam mit Uwe Rößler (M.) und Wolf-Rüdiger Ziegenbalg (r.) feiert Torsten Gütschow im Mai 1991 den Aufstieg in die Bundesliga mit Dynamo Dresden.
Gemeinsam mit Uwe Rößler (M.) und Wolf-Rüdiger Ziegenbalg (r.) feiert Torsten Gütschow im Mai 1991 den Aufstieg in die Bundesliga mit Dynamo Dresden. © Privatfoto

Gütschow schaffte in sieben Jahren zwei Aufstiege mit Heeslingen, bekam mehrere Angebote größerer Vereine - und blieb solange da, bis der Klub sich aus finanziellen Gründen auflöste. "Breite sagte zu mir: Das war dein Fehler. Du bist zwei Mal aufgestiegen, danach musst du gehen. Und er hatte Recht", erzählt er. Der Trainer Gütschow blieb aus den gleichen Gründen in Heeslingen, aus denen der Spieler Gütschow in Dresden blieb: Er fühlte sich wohl, er war loyal. Aber er fragt im Nachhinein auch nicht: Warum? Sondern sagt nur: Na und?

"Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen. Und mir geht es gut", sagt Gütschow. "Zeven ist jetzt mein Zuhause. Wir leben super, haben ein schönes Haus, haben zwei Jobs und sind stolz auf unsere zwei Kinder. Und das Wichtigste ist: Wir sind alle gesund! Meine Frau ist Intensivkrankenschwester. Sie sieht laufend, was Andere durchmachen."

Anläßlich der 50-Jahre-Feier seines Heimatvereins lief Torsten Gütschow am 13. April 2003 noch einmal im Rudolf-Harbig-Stadion auf - und wurde von den Fans gefeiert.
Anläßlich der 50-Jahre-Feier seines Heimatvereins lief Torsten Gütschow am 13. April 2003 noch einmal im Rudolf-Harbig-Stadion auf - und wurde von den Fans gefeiert. © SZ-Archiv: Jürgen Lösel

Diese Haltung gibt es nicht häufig im Fußball. Aber dass Gütschow sie hat, bestätigt der Mann, der ihn in der ersten Bundesliga-Saison von Dynamo Dresden trainierte. "Er war aufgeräumt, fand immer seine Mitte, hatte Spaß am Leben und Spaß in der Gruppe", sagt Helmut Schulte über Gütschow. "Ich habe ihn als Klasse-Typ kennengelernt."

Schulte war Trainer in Dresden, Schalke und St. Pauli. Noch länger leitete er später die Schalker Nachwuchsabteilung und war unter anderm Sportchef von St. Pauli und Union Berlin. Seit 2018 ist er für den VfB Stuttgart tätig und sagt: "Wenn ich mit Trainern, Jugend- oder Leihspielern rede, sage ich seit Jahren: Schaut euch zwei Dinge bei Torsten Gütschow ab: Wie du im Strafraum immer an der richtigen Stelle stehst. Und wie du die Tore beidfüßig schießt."

Der damalige Dynamo-Präsident Wolf-Rüdiger Ziegenbalg (links) und .Trainer Helmut Schulte. Zu Schulte hält Gütschow nach wie vor Kontakt.
Der damalige Dynamo-Präsident Wolf-Rüdiger Ziegenbalg (links) und .Trainer Helmut Schulte. Zu Schulte hält Gütschow nach wie vor Kontakt. © Privatfoto

Schulte erinnert sich an ein Europapokal-Spiel von Dynamo Dresden 1990 in Malmö, "bei dem Torsten beim Elfmeterschießen der letzte Schütze war. Den ersten hat er mit links geschossen, aber der musste wiederholt werden. Dann hat er den zweiten mit rechts reingehauen. Wer kann so eine Geschichte schon von sich erzählen? Im Europapokal!"

Beide haben noch immer Kontakt und Schulte sagt über Gütschow: "Ich freue mich, dass er jetzt in Bremen wieder eine Aufgabe hat. Er kann einer Mannschaft definitiv etwas geben. Davon bin ich überzeugt." (dpa)