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Unterwegs mit dem Rennrad: Dynamos Trainer privat

Außerhalb Bayerns kennt ihn kaum einer, was Alexander Schmidt gar nicht stört. Doch wer ihn unterschätzt, macht einen Fehler. Das Porträt des Aufstiegstrainers.

Dynamos Cheftrainer Alexander Schmidt beschreibt sich selbst als aktiver, sportlicher Typ – und möchte damit ein Stück weit auch Vorbild sein für die Spieler.
Dynamos Cheftrainer Alexander Schmidt beschreibt sich selbst als aktiver, sportlicher Typ – und möchte damit ein Stück weit auch Vorbild sein für die Spieler. © Ronald Bonß

Dresden. Es wird die erste Begegnung in echt. Kennenlernen in Corona-Zeiten ist schließlich nicht ganz einfach, der Zugang in die sogenannte Blase, in der sich Sportler und auch Trainer vor dem Virus schützen, war bis zuletzt streng verboten. Da geht es Journalisten nicht anders als Fans. Aus der Ferne beobachtet hat Alexander Schmidt, Dynamos Aufstiegstrainer, zumindest immer einen sehr kompetenten, aufgeräumten, lockeren, fast zu lockeren Eindruck gemacht. Dass so einer im Profifußball moderner Prägung Erfolg haben kann!? Schmidt hat es bewiesen.

Tatsächlich haben ihm das in Dresden nicht viele zugetraut. Als er den sechs Spieltage vorm Saisonschluss wankenden Aufstiegsfavoriten am 26. April als Cheftrainer übernahm, wirkte das wie eine Verzweiflungstat von Sportgeschäftsführer Ralf Becker. 20 Tage, vier Siege und ein Unentschieden später stand Dynamos Rückkehr in der 2. Fußball-Bundesliga fest, und mit dem fünften Sieg eine Woche danach war auch der Meistertitel perfekt.

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Die Spieler tobten auf dem Rasen, einige jagten Co-Trainer Heiko Scholz mit riesigen, gefüllten Biergläsern. Und Schmidt genoss den Augenblick, gerne immer auch etwas im Abseits. Zum lauten, aufgeregten Dynamoland bildet er damit einen Gegenpol. Mit stillen, unnahbaren Westfalen hatte der Verein oft schon großen Erfolg, mit Siggi Held, Ralf Loose und auch Uwe Neuhaus. Einen stillen und trotzdem offenen sowie erfolgreichen Bayern gab es in der langen wie turbulenten Nachwende-Vergangenheit noch nie, insofern ist Schmidt auf jeden Fall ein Novum.

Diese Verabredung übrigens auch. Fahrradfahren mit Dynamos Cheftrainer – passiert wirklich nicht alle Tage. Doch mit dem Radel, wie der Bayer sagt, ist er gerne unterwegs. Seinem mintgrünen Bianchi mit Rahmenschaltung hat Schmidt gerade noch mal neue Reifen verpassen lassen. Noch lieber fährt der 52-Jährige nur Motorrad, zusammen mit Co-Trainer Scholz ist er bereits in der Sächsischen Schweiz gewesen, mit dem Rad zumindest am Blauen Wunder. Er ist interessiert an der Gegend und den Menschen. Die Stadt und ihre Umgebung, hat er in der kurzen Zeit in Dresden festgestellt, sei eine zum Wohlfühlen. So etwas sei ihm auch wichtig, wie er betont – war aber bei seiner Entscheidung pro Dynamo bestenfalls Nebensache.

Dynamos Cheftrainer Alexander Schmidt und SZ-Sportchef Tino Meyer in der Walter Fritzsch Akademie auf ihren Rennrädern.
Dynamos Cheftrainer Alexander Schmidt und SZ-Sportchef Tino Meyer in der Walter Fritzsch Akademie auf ihren Rennrädern. © Ronald Bonß

Diesmal soll es auf dem Elberadweg in die andere Richtung gehen – bis nach Radebeul und wieder zurück, also die 30 Kilometer der AOK-Plus-Strecke beim SZ-Fahrradfest am 29. August. Für Schmidt, der nicht nur durchtrainiert aussieht, ist das im Prinzip kein Problem.

Würde sein Knie nicht immer mehr muckern – vermutlich die Spätfolgen seiner langen aktiven Zeit als Fußballer, die ihn immerhin bis in die italienische Serie C brachte – wäre dieser Termin vermutlich ein Lauftreff geworden. Ein Trainer, das ist Schmidts Credo, darf auch wie ein Sportler aussehen. Er erfüllt da jedenfalls alle Kriterien und beschreibt sich selbst als aktiven, sportlichen Typ. Und sämtlichen Aktivitäten auf und im Wasser stehen dabei ganz weit vorne. Den Starnberger See, wo nahe Seeshaupt inzwischen sein Zuhause ist, nutzt Schmidt bei jeder Gelegenheit.

In Dynamos Trainingszentrum geht er regelmäßig in den Kraftraum. Und kürzlich im Trainingslager gehörte er zur Gruppe der Frühschwimmer, auch das gleichnamige Angebot im Dresdner Arnhold-Bad direkt neben dem Rudolf-Harbig-Stadion hat Schmidt schon für sich entdeckt. Danach, meint der gebürtige Augsburger, gehe man umso frischer in den Tag. Gute Laune hat er offensichtlich sowieso immer.

Schmidt ist einer zum Anfassen, einer mit eigenem Instagram-Profil, das er selbst pflegt und sich dort gelegentlich auch mit Fans austauscht. Einer, der aufpassen muss, wie er gesteht, sich nicht rund um die Uhr mit Fußball zu befassen und trotzdem von dieser Welt ist.

Schon lange mit Nagelsmann bekannt

Koanst scho Alex sagen – stellt er klar, da ist nach dem Start dieser Radrunde am Trainingszentrum noch nicht mal der Elberadweg erreicht. Schmidt legt großen Wert auf Disziplin, auf Respekt und das Einhalten von Absprachen. Ein entspanntes, unverkrampftes Du schließt das für ihn nicht aus.

Vielleicht ist es diese unverstellte Lockerheit, die dazu verleitet, Schmidt zu unterschätzen. Fakt aber ist: Wer Schmidt unterschätzt oder ihn gar aufgrund seiner umgänglichen Art nicht ernst nimmt oder ausnutzen will, macht einen Fehler. Er kann auch anders und scheut sich ohnehin nicht vor konsequenten, unbequemen Entscheidungen. Dafür braucht es keinen vermeintlich großen Namen in der Branche, keine große fußballerische Vergangenheit, keine Lobby. Allein fachlich müsse man etwas können, meint Schmidt.

Er selbst hat mehr vorzuweisen, als man zunächst glauben mag, erworben in vielen Jahren in der zweiten und dritten Reihe bei 1860 München. Später gehörte Schmidt kurzzeitig der sportlichen Leitung des VfB Stuttgart an, arbeitete anderthalb Jahre bei RB Salzburg, war Cheftrainer beim österreichischen Erstligisten St. Pölten und zuletzt bei Türkgücü München. Daraus speist sich ein großes Netzwerk an Kontakten, zu denen auch Bayern Münchens neuer Cheftrainer Julian Nagelsmann gehört.

Schmidt kennt ihn schon lange, er war 2008 sein Co-Trainer bei der B-Jugend von 1860 München. Beide sind immer noch gut befreundet, auch wenn die Karrieren unterschiedlicher nicht hätten verlaufen können. Nagelsmann ist der deutsche Trainerjungstar schlechthin, während Schmidt weiter die Rolle des mutmaßlich Namenlosen innehat.

Im Lehrgang mit Scholl, Effenberg und Kauczinski

Auch vom Trainerlizenzlehrgang kennt er das, den er 2011 zusammen mit den Ex-Nationalspielern Mehmet Scholl und Stefan Effenberg absolvierte. Banknachbar damals und seitdem ein guter Bekannter: Markus Kauczinski, den er bei Dynamo als Cheftrainer ablöste. Insofern sei die Situation vor ziemlich genau drei Monaten schon eine spezielle gewesen, sagt Schmidt. Die Aufgabe aber habe ihn ungemein gereizt – auch wenn er zu diesem Zeitpunkt keine Garantie hatte, dass es für ihn selbst im Falle des Aufstiegs bei Dynamo weitergeht.

Für nicht wenige schien er – so oder so – eine Übergangslösung zu sein. Mit solchen Meinungen kann man ihn problemlos konfrontieren, er kennt die Nichtwertschätzungen in der Öffentlichkeit gegenüber vermeintlich namenlosen Trainern wie ihn. Es stört ihn nicht.

Schmidt hat in den elf Jahren bei 1860 München, als er ganz lange im Nachwuchs arbeitete und spätere Nationalspieler wie die Bender-Zwillinge Lars und Sven sowie Kevin Volland trainierte und dann schließlich Ende August 2013 nach zehn Monaten als Cheftrainer der Zweitliga-Profis entlassen wurde, seine Lektion gelernt. Öffentlichkeitsarbeit gehört zwingend dazu.

Wer darüber nachdenkt, wie er auf andere wirkt, davon ist Schmidt überzeugt, der hat schon verloren. Insofern hat er sich beim ersten Gang in die Dynamo-Kabine gar keinen Kopf gemacht, und den macht er sich bis heute nicht.

Seine Serie will er ausbauen

Noch kein Pflichtspiel mit Dynamo verloren zu haben, darauf ist er stolz. Und diese Serie will er unbedingt ausbauen, obwohl er natürlich weiß, dass die Luft, wie er sagt, jetzt dünner wird. Und dass er mit Dynamo weder an der Taktik noch am eigenen Auftreten, sondern letztlich allein am Erfolg gemessen wird. Der Klassenerhalt ist das Mindestziel, doch eigentlich, so stellt sich das Sportchef Becker vor, soll die Mannschaft mit dem Abstiegskampf nichts zu tun haben.

Schmidt kann sich mit diesen Vorgaben einwandfrei identifizieren, seine Vorstellungen sind identisch. Den Gedanken, mit seinem offensiv ausgerichteten, durchaus risikoreichen Spielstil und der weitgehend jungen, unerfahrenen Mannschaft zu scheitern, den lässt er gar nicht erst zu.

Dresden ist seine große Chance, und die will er unbedingt nutzen – ohne sich dabei zu verbiegen. Und tatsächlich: Egal, wo und in welcher Situation Schmidt auftritt, er ist hundertprozentig authentisch, grundweg ehrlich und geradeaus, das gehört zu seinen Prinzipien. Er versuche so gut wie möglich Mensch zu sein und normal mit den Leuten umzugehen, damit sei er bislang immer ganz gut gefahren. Man kann sich mit Schmidt deshalb auch gut und ausführlich über die vielen anderen Dinge des Lebens unterhalten, zum Beispiel über Italien. Er spricht die Sprache fließend, war mit einer Italienerin verheiratet, sein Sohn ist in dem Land geboren.

Trotz aller Offenheit: Sein Privatleben soll privat bleiben. Dass er inzwischen lange mit einer Österreicherin liiert ist, die in Salzburg zu Hause ist, erzählt er noch. Das muss reichen.

Immer ein Lächeln im Gesicht und gerne eine Tasse Kaffee in der Hand – gute Laune hat für den 52-Jährigen nichts mit dem Wetter zu tun.
Immer ein Lächeln im Gesicht und gerne eine Tasse Kaffee in der Hand – gute Laune hat für den 52-Jährigen nichts mit dem Wetter zu tun. © Lutz Hentschel

Der Fußball bestimmt seinen Alltag, darüber redet er am liebsten – und für seine Branche erstaunlich offen. Für die Dokumentation „Ein Tag Dynamo“, die gerade im vereinseigenen TV-Kanal läuft, ließ er den Kameramann in die Kabine, in sein Trainerzimmer und auch bei Teambesprechungen dabei sein. So viel Transparenz ist selten. Doch er habe ja, so sagt er das, nichts zu verbergen.

Schmidt weicht keiner Frage aus, auch den heiklen nicht. Dass bei Dynamo kurz nach dem Trainingsstart plötzlich fünf Spieler mit Muskelverletzungen ausfielen, wurmt ihn immer noch. Er kreidet sich das ein Stück weit selbst an, auch wenn er de facto nichts dafür kann. Jeder Fall hat eine eigene Geschichte, und trotzdem sind fünf Faserrisse zu viel – und fallen auf ihn und seine Trainingssteuerung zurück. Dabei ist das seine Paradedisziplin.

Danach habe er alles und jeden hinterfragt, auch sich selbst. Ergebnis seiner Analyse: Der erste Testspielgegner, Regionalligist Hertha BSC II, war falsch ausgewählt. Dynamo gewann die Partie zwar mit 3:1, musste gegen die lauf- und zweikampfstarken, bereits im vollen Training stehenden jungen Berliner aber deutlich mehr investieren, als es nach einer Trainingswoche richtig gewesen wäre. Das, sagt Schmidt, wolle er im nächsten Jahr besser machen.

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Und das gilt auch für die Radrunde, die bereits an der Gohliser Mühle ihren Wendepunkt hat. Nicht weil Schmidt nicht mehr kann oder will, vielmehr ist beim Quatschen die Zeit davongerannt. In zwei Stunden beginnt das nächste Training, das will er noch vorbereiten.

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