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Wie die Gewalt eskalierte - ein Augenzeugenbericht

Vor dem Stadion in Dresden treffen Dynamo-Fans auf Familien und Spaziergänger. Erst bleibt alles friedlich, dann fliegen Steine und Flaschen.

Fangesänge schallen schon vor dem Anpfiff und in der Halbzeitpause durch den Großen Garten.
Fangesänge schallen schon vor dem Anpfiff und in der Halbzeitpause durch den Großen Garten. © Foto: Tim Ruben Weimer

Dresden. “Wer gewinnt heute?” - “Dynamo!!!” schallt es aus den Mündern drei kleiner Jungs mit rotem Fingereis, die dicht nebeneinander in der Frühsommer-Sonne vor dem Eingang des Großen Gartens sitzen. Schnell schießt der Papa im schwarz-gelben Fanshirt noch ein Foto von den dreien, dann zieht er wieder nervös an seiner Zigarette.

Es könnte ein besonderer Tag für Dynamo werden. Ein Heimsieg gegen Türkgücü München würde reichen, damit der Fußballklub am vorletzten Spieltag wieder in die 2. Bundesliga aufsteigt. Besonders auch deshalb, weil die Mannschaft ohne Fangesänge und ganz ohne anschließende Jubelfeier aufsteigen muss. Gefeiert wird in diesem Jahr zu Hause, so wollen es zumindest Polizei, die Stadt Dresden und auch der Verein selber.

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Doch auch wenn an diesem sonnigen Sonntagnachmittag im Großen Garten anfangs nur Spaziergänger mit Kindern und Rollerblader unterwegs sind - nur Stunden später sollen sich hier radikale Dynamo-Fans mit mehreren Hundertschaften der Polizei eine brutale Straßenschlacht liefern.

Der Große Garten wird zur Feiermeile

Gegen 13 Uhr, eine Stunde vor Spielbeginn, herrscht großer Andrang bei “Susi’s Sportsbar” am Straßburger Platz, rund 700 Meter entfernt vom Stadion. Das Bier fließt in Strömen, natürlich alles coronakonform nur “to go”. Wobei “to go” eben auch heißt: bis auf die Straße oder zur gegenüberliegenden Straßenbahnhaltestelle, die heute nicht angefahren wird. Vor der Dynamo-Kultkneipe bildet sich eine Menschentraube, die Polizei fordert per Durchsage auf, sich auf die Lennéstraße zu verteilen, die bis zum Stadion führt. Deeskalationsteams sprechen die Leute an, fordern sie auf, Abstand zu halten und die Maske aufzusetzen.

Fackeln, Bengalos und Böller prägen von Anfang an das Bild der ausgelassenen Feier auf der Hauptallee.
Fackeln, Bengalos und Böller prägen von Anfang an das Bild der ausgelassenen Feier auf der Hauptallee. © Foto: Tim Ruben Weimer

Eine halbe Stunde später zündet in einem Pflanzenbeet im vorderen Teil des Großen Gartens ein Böller. Ein ohrenbetäubender Knall, kleine Kinder zucken zusammen, einige junge Frauen kreischen auf. Was für Hardcore-Fans Alltag ist, wirkt für Sonntags-Spaziergänger verstörend. Immer mehr Fans strömen zur Hauptallee des Großen Gartens, hier ist man zumindest in Stadionnähe und trotzdem gut versorgt. Auf beiden Seiten wird Bier ausgeschenkt, am Eingang der Torwirtschaft versuchen die Mitarbeiter, den Einlass zu regulieren, “sonst haben wir bald gar nichts mehr zu verkaufen”.

Mehr als 4.000 Fans sind nach Polizeiangaben gekommen, die den erhofften Sieg von Dynamo gebührend feiern wollen. Am Dresdner Hauptbahnhof stellt die Polizei bei angereisten Fans Pyrotechnik sicher - im Lichte der sich anbahnenden Ausschreitungen wohl ein Tropfen auf den heißen Stein.

Gelber Rauch im Großen Garten
Gelber Rauch im Großen Garten © Foto: Tim Ruben Weimer

Nur noch wenige Minuten bis zum Anpfiff. Der vordere Teil des Großen Gartens ist inzwischen mit dem gelben Qualm dutzender bengalischer Feuer durchzogen. Auf der Hauptallee hat sich ein Kreis dicht an dicht stehender Fans gebildet, der nach außen hin bis an die beiden Gaststätten reicht. “Dynamo, Dynamo”, “Wir, wir, SGD” und “Scheiß RB Leipzig, scheiß FCB” grölt sich der “Inner Circle” gegenseitig zu. Ein Hubschrauber kreist über dem Park. Die Polizei, die sich auf der Lennéstraße vor dem Stadion positioniert hat, fordert kontinuierlich auf, Masken aufzusetzen und Abstand zu halten - vergebens. Hinter den Fangesängen sind die Durchsagen kaum zu verstehen.

Nur wenige Schritte weiter im Parkinneren sieht die Lage ganz anders aus. Im frühlingsgrünen Gras liegen die an den Vereinsfarben erkennbaren Dynamofans auf Picknickdecken, spielen mit ihren Kindern Frisbee oder unterhalten sich angeregt über die Mannschaftsaufstellung. Abstand halten ist hier kein Problem. “Da vorne ist es uns auch etwas zu eng”, meint einer mit Blick auf die Hauptallee. Von dort dringen der stechende Gestank der Bengalos und die Kanonenschläge herüber. Rundherum sind die gelben Rücken pinkelnder Dynamo-Fans im Gebüsch zu sehen.

Handybildschirme statt Public Viewing

Um Punkt 14 Uhr ist es plötzlich still. Anpfiff. Jetzt zücken die Fans ihre Smartphones und Tablets. Nun ist jeder auf sich selbst angewiesen, das Spiel zu verfolgen. Wenn tausende Menschen gleichzeitig am selben Ort den Livestream übers Handy verfolgen, wird das allerdings zum Problem. Nicht lange, und das Netz ist überlastet. Einige Anhänger verbreiten das Gerücht, die Polizei würde den Handyempfang stören. Ein Beamter des Deeskalationsteams verneint das. Es sei ja kein Wunder, dass bei der Menschenmenge das Netz nicht standhalte. Einige kommen überhaupt nicht mehr ins Internet, andere haben mehr Glück und bekommen zumindest Bruchstücke zu sehen.

Viele Dynamo-Anhänger liegen friedlich im Gras und versuchen, das Spiel auf ihren Tablets und Handys zu verfolgen.
Viele Dynamo-Anhänger liegen friedlich im Gras und versuchen, das Spiel auf ihren Tablets und Handys zu verfolgen. © Foto: Tim Ruben Weimer

So wie René und Rolf aus Berlin, die im Schatten an einen Baum gelehnt auf ihr Handy starren. “Es hakt und wir hängen eine Minute hinterher. Die da drüben jubeln immer als erstes”, sagt René und zeigt auf die Hauptallee. Die beiden hatten vor Corona eine Dauerkarte. “Wir hoffen, dass wir nachher nochmal ins Stadion können”, sagt René. Das hatte der Verein aufgrund der Pandemie allerdings ausgeschlossen. “Na, die da drüben werden sich schon durchsetzen” - wieder zeigt der Finger auf die Hauptallee.

Ein anderer Glücklicher mit Handynetz ist Marcus Fuchs. Der Initiator der Dresdner “Querdenken”-Kundgebungen hatte am vorigen Tag kaum Teilnehmer für seine verbotene Versammlung mobilisieren können und wich nun auf die eigentlich unerwünschte Dynamo-Feier aus. Anhänger seiner Bewegung ließen sich unter den Fans nicht ausmachen.

Deeskalationsstrategie der Polizei geht nicht auf

Halbzeitpause. Es steht 2:0, der Aufstieg scheint bereits perfekt zu sein. Der Fanblock auf der Hauptallee liegt sich in den Armen. Ein Animateur heizt die Stimmung noch einmal kräftig auf. Einige dutzend Polizeibeamte stehen weiter entfernt und beobachten die Lage. Trotz der massiven Verstöße gegen die Corona-Maßnahmen scheint es bislang wenig Grund zu geben, einzugreifen.

Rauchschwaden ziehen durch den Großen Garten.
Rauchschwaden ziehen durch den Großen Garten. © Foto: Tim Ruben Weimer

“Die Pyrotechnik während des Spiels haben wir noch toleriert, um dann über unsere Videoaufnahmen im Nachhinein den einen oder anderen zu identifizieren”, erklärt Polizeisprecher Thomas Geithner. “Das hat vielleicht bis zur 70. Spielminute funktioniert.”

Doch dann flammen die Bengalos auf der Hauptallee plötzlich besonders stark auf. Die Umgebung verschwindet in gelben Rauchschwaden, eine Leuchtrakete zischt in den Himmel. Böllerschläge hallen durch den Park. Aus dem Qualm schält sich eine mehrere hundert Mann starke Gruppe heraus, die zielstrebig und mit dutzenden roten Fackeln bewaffnet durch den Garten Richtung Stadion marschiert. Weitere Fans schließen sich an. Der bislang nur beobachtende Polizeitrupp hat es nun eilig, hinterher zu kommen.

Mit brennenden Fackeln zieht ein grölender Pulk durch den Großen Garten in Richtung Stadion.
Mit brennenden Fackeln zieht ein grölender Pulk durch den Großen Garten in Richtung Stadion. © Foto: Tim Ruben Weimer

Auf der Rückseite der Torwirtschaft versucht der Fantross auf die Lennéstraße und hinüber zum Stadion zu kommen. Die Polizei versperrt den Weg. “Wir sind viel mehr als ihr!”, ruft jemand. Viele Fans sind dem tobenden Pulk gefolgt. Die Stimmung wirkt plötzlich aufgeheizt, niemand weiß genau, was passiert. Auf einen SZ-Reporter kommt ein schwarz vermummter Mann zu und fordert ihn drohend auf, die Kamera wegzupacken und abzuhauen.

Kinder und Rentner neben Steine schmeißenden Hooligans

Plötzlich schmeißen die vordersten Reihen in hohem Bogen Pyrotechnik auf die Polizisten, brennende Bengalos und Böller. Die Polizei reagiert prompt und eröffnet die Jagd auf die Gruppe. Hunderte Fans ergreifen die Flucht, hetzen ins Innere des Großen Gartens. Die Polizei lässt schnell wieder ab. Ein Kind fängt an, zu weinen. Die vordersten Reihen zünden erneut Feuerwerk und werfen es auf die Polizisten. Irgendwann sind es leere Bierflaschen. Ein Fan liegt am Boden, offenbar verletzt. Die Lage wird immer unübersichtlicher, nach mehreren erfolglosen Angriffsversuchen zieht die Gruppe zurück zur Hauptallee. Die Attacken gehen nun auf der Lennéstraße weiter.

Hooligans ziehen mit roten Fackeln vor, um die Polizei zu attackieren
Hooligans ziehen mit roten Fackeln vor, um die Polizei zu attackieren © Foto: Tim Ruben Weimer

Es riecht nach Tränengas, ein Dynamo-Anhänger reibt sich die Augen. “Er hat einen Schwall Tränengas voll ins Gesicht bekommen”, berichtet sein Begleiter. Dass das Spiel noch gar nicht zu Ende ist, scheint unwichtig. “Dynamo ist aufgestiegen!”, ruft einer. “Echt?”, fragt sein Freund. “Mann, ich weiß es nicht!”

Auf der Lennéstraße setzt die Polizei inzwischen Wasserwerfer ein, fordert die Menschen per Durchsage auf, nach Hause zu gehen und keine Pyrotechnik abzubrennen. Einige Vermummte holen Stangen und Gitter, mit denen sie auf der Straße eine Art Barrikade errichten. Stück für Stück rückt der Wasserwerfer die Lennéstraße entlang Richtung Straßburger Platz, der inzwischen vollständig abgeriegelt ist. Durch die Lingnerallee ziehen Randalierer, die die Außenspiegel der dort parkenden Polizeiautos abbrechen und mit Stangen auf die Autos einschlagen.

Auf den Güntzwiesen liegen und stehen niedergeschlagene Dynamo-Fans. “Das war pure Eskalation, was die machen, was soll denn das?”, ruft einer. Michael und Stefan lehnen gegen einen Baum und rauchen eine Zigarette. Die beiden waren aus dem Vogtland angereist, um friedlich zu feiern. “Es gab keinen Grund, dass das so eskalieren muss”, sagen sie. Aber jetzt einfach abhauen wollen sie auch nicht. Wie viele andere wollen sie noch schauen, was passiert.

Zwei Wasserwerfer gegen 500 gewaltbereite Fans

Bis in die Abendstunden halten die Krawalle auf der Lennéstraße an. Laut Polizei ist es ein Pulk von rund 500 gewaltbereiten Fans, die immer wieder Steine, Flaschen und Pyrotechnik auf die Einsatzbeamten werfen. Auf den Güntzwiesen beobachten hunderte Schaulustige und friedliche Fans, wie sich der Wasserwerfer Stück für Stück in Richtung Straßburger Platz bewegt. Auf der Lennéstraße bekommen auch die hinteren Reihen Tränengas ab. Dutzende Feuerwehrautos und Krankenwägen parken rund um das Geschehen. Die Feuerwehr löst MANV-Alarm aus, das steht für Massenanfall von Verletzten. Im Schatten des Großen Gartens sammeln sich die Schaulustigen nur wenige Meter von den Kämpfen entfernt, darunter auch Kinder, Rentner, eben all die Leute, die sich an einem Sonntagnachmittag im Stadtpark tummeln.

Auf den Güntzwiesen beobachten Fans und Schaulustige den Einsatz des Wasserwerfers auf der Lennéstraße
Auf den Güntzwiesen beobachten Fans und Schaulustige den Einsatz des Wasserwerfers auf der Lennéstraße © Foto: Tim Ruben Weimer

Erst als ein Gewitter die Straßen unter Wasser setzt, beruhigen sich die Gefechte. Um 20 Uhr stehen die letzten einsamen Fans noch immer pöbelnd an Susis Sportbar, umringt von dutzenden Polizisten.

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