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Wir sind Dynamo, und ihr nicht!

Die Krawalle in Dresden machen noch immer betroffen. Für den Verein und seine Fans ist das jetzt die Chance, zu zeigen: Wir sind anders. Ein Leitartikel.

© dpa/Robert Michael, Montage: SZ

Erst fliegen Raketen und Böller, dann Flaschen und Steine, am Ende ganze Bauzäune. Erst fahren Unmengen Polizeiautos, dann Wasserwerfer, schließlich Krankenwagen und Feuerwehr. Nach den gewalttätigen Ausschreitungen am vergangenen Sonntag in Dresden aber ist vor allem eine Sache nicht nachvollziehbar.

Als Dynamo im Juni 2020 nach einer völlig verkorksten Saison den schmerzhaften Abstieg in die 3. Liga erlebte, haben 3.000 Fans zwar die Corona-Regeln missachtet, aber die Mannschaft am Stadion gefeiert. Sie haben den traurigen Moment umgekehrt und eine Aufbruchstimmung ausgelöst. Sofort war neue Euphorie da und damit die Sportgemeinschaft zwar fußballerisch am Tiefpunkt, aber voll neuer Tatenkraft.

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Ziemlich genau ein Jahr später ist es genau umgekehrt. Der Aufstieg ist perfekt, die SGD wieder da – die Stimmung jedoch mindestens getrübt. So richtig freuen kann sich seit Sonntag niemand mehr, auch nicht die rund 4.000 friedlichen – und erneut größtenteils die Corona-Regeln missachtenden – Fans, die das Aufstiegsspiel in Stadionnähe verfolgten.

Dresden ist anders

Der Spruch eines früheren Geschäftsführers, der im Dynamoland mittlerweile Kultstatus erlangt hat, stimmt also doch: Dresden ist anders.

Dynamos derzeitiger Sportchef Ralf Becker, ein Zugereister aus Norddeutschland, der in Baden-Württemberg groß geworden ist, dem man also nicht vorwerfen kann, durch seine Herkunft befangen zu sein, hat es in dieser Woche so auf den Punkt gebracht: Dynamo ist über Dresden und Sachsen hinaus im ganzen Osten der Verein. Mit Betonung auf „der“. Ob man in der ersten, zweiten oder dritten Liga spiele, sei da manchmal fast egal. Wichtiger ist: „Wir haben eine wahnsinnige Tradition und ganz viele Leute, die es richtig gut mit uns meinen“, sagt Ralf Becker.

Wenn das so ist, und darin besteht beim leidensfähigsten und nach Union Berlin mitgliederstärksten Fußballverein in den neuen Bundesländern kein Zweifel, dann müssen all jene, denen Dynamo am Herzen liegt, jetzt ihre Stimmen erheben. Mitglieder, Fans und Freunde, vom Familienblock über die Vip-Loge bis zur Stehplatztribüne, dem berühmt-berüchtigten K-Block, dazu Sponsoren und auch die Spieler. Der Verein sowieso, und bitte viel klarer, unmissverständlicher als bislang.

Auch die Ultras sind gefordert

Gefordert sind unbedingt auch die Ultras. Denn Dynamos kreative wie umtriebige, aber wenig homogene aktive Fanszene ist nicht nur verantwortlich für die hoch gelobte Stimmung im Stadion und die viel bestaunten Choreografien. Am Sonntag sollen wieder Einzelne von ihnen bei der Randale mitgemacht haben. In vorderster Front kämpften laut Medienberichten und szenekundigen Beamten aber Hooligans aus dem ganzen Osten und auch dem Ruhrgebiet.

Es ist nichts Neues, dass Dynamos Ultras gern ihr eigenes Ding machen, sie fast so etwas wie ein Verein im Verein sind und Polizei wie Medien als natürlichen Gegner betrachten. Das mögen Außenstehende nicht verstehen, es gehört zu Dynamo aber wie die Farben Schwarz und Gelb. Doch sich als Ultras klar und öffentlich zu den Vorfällen am Sonntag zu bekennen oder auch festzuhalten, unbeteiligt zu sein – das gehört genauso dazu. Damit würden sie ihrem stark in der Kritik stehenden Verein helfen. Auch wenn das wiederum für Ultras schwer zu verstehen ist.

All jene, die mit Dynamo fühlen, dürfen nicht hinnehmen, dass die ARD-Tagesschau zur besten Sendezeit von Krawallen in Dresden berichten muss statt über den Aufstieg. Sie müssen deutlich machen, dass diese 500 gewaltbereiten Kriminellen, wie Sachsens Ministerpräsident den randalierenden Mob bezeichnete, nicht zu Dynamo gehören, dass Dresden wirklich anders ist. Wir sind Dynamo, und ihr nicht! Dieser Schlachtruf, der in der Vergangenheit vereinzelt beim Zünden von Böllern im Rudolf-Harbig-Stadion zu hören war, auf Plakaten verteilt in der ganzen Stadt? Das wäre was.

Aber es kann natürlich nicht die Aufgabe der Fans sein, das Image des Vereins zu retten. Dieser muss selber Aktionen vorweisen, die über bloße Verlautbarungen hinausgehen. Wie wäre es mit Freikarten für Polizisten und Sicherheitskräfte beim ersten Zweitliga-Heimspiel der neuen Saison? Oder auch ein Freundschaftsspiel Dynamo-Profis gegen Polizei-Auswahl. Das mag sich nach Symbolpolitik anhören, kann gut sein. Und Krawalle wie die vom Sonntag lassen sich damit nicht verhindern. Personalisierte Tickets und Stadionverbote, wie sie in den Tagen danach geradezu reflexartig gefordert wurden, übrigens auch nicht.

Wir sind Dynamo, und ihr nicht! Es braucht jetzt – neben präventiver Fanarbeit und straffer Aufklärung von Straftaten – mehr denn je deutlich sichtbare Zeichen, zuallererst vom Verein selbst.

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Aller schlechten Dinge sind drei. Wie schon beim Aufstieg 2011 in Osnabrück und 2016 in Magdeburg – und dann bei der Party im eigenen Stadion – haben sich der Verein und seine Fans auch diesmal den schönsten Moment vermiesen lassen. Beim nächsten Aufstieg darf das nicht wieder passieren, denn das soll der in die Bundesliga sein. Eine wichtige Voraussetzung dafür: Dynamo muss das Problem mit den Gewaltbereiten in seinem Umfeld in den Griff bekommen.

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