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Das ist Dynamos neuer, starker Mann

Ralf bleibt Ralf – und doch ist mit Sportchef Becker vieles anders als bei seinem Vorgänger Minge. Eine 77-Tage-Bilanz des Neuen.

Freundlich im Auftreten, hart in der Sache. Sportgeschäftsführer Ralf Becker verfolgt bei Dynamo klare Vorstellungen und Prinzipien. Er ist der neue starke Mann.
Freundlich im Auftreten, hart in der Sache. Sportgeschäftsführer Ralf Becker verfolgt bei Dynamo klare Vorstellungen und Prinzipien. Er ist der neue starke Mann. © Lutz Hentschel

Dresden. Der Abend hat Eindruck hinterlassen und vielleicht auch die letzte Vergewisserung, tatsächlich die richtige Entscheidung getroffen zu haben mit seiner Unterschrift unter den Zwei-Jahres-Vertrag. Ralf Becker, Dynamo Dresdens neuer Sportgeschäftsführer, jedenfalls hat gleich doppelt gestaunt, sowohl über die beeindruckende Örtlichkeit als auch das große Interesse.

Knapp 150 Zuschauer sind vergangenen Dienstagabend ins Panometer gekommen. Der ehemalige Gasspeicher im Südosten Dresdens dient jetzt als Ausstellungs- und auch Veranstaltungsort wie vor gut einer Woche bei der Premiere des „Dynamo-Talks im Panometer“. 13 Euro kostete das Ticket, Besuch der Ausstellung inklusive. „Dixie“, sagte Becker also zu Vereinslegende und Aufsichtsrat Hans-Jürgen Dörner, mit dem er dann später auf dem Podium saß, „die Leute haben Eintritt gezahlt, da müssen wir denen auch etwas bieten.“ Zwei unterhaltsame wie informative Stunden später gingen die Leute sehr zufrieden nach Hause. Und Becker ebenfalls.

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Die Anekdote verrät so einiges über den Mann, der an jenem Abend über sich und seine Arbeit bei Dynamo erzählte – wobei ihm Zweiteres sichtlich lieber ist.Dass er in Baden-Württemberg zu Hause ist, muss er nicht sagen, das ist unschwer herauszuhören. Dass seine Frau und sein jüngster Sohn nach der Zeit in Hamburg jetzt erst mal nach Stuttgart gezogen sind, hat der bald 50-Jährige schon bei der öffentlichen Vorstellungsrunde am 1. Juli gesagt, wenn auch erst am Ende. Und auf Nachfrage zudem noch, dass er insgesamt drei Kinder hat. Das muss und soll reichen an privaten Auskünften. Als Ehemann und Familienvater müsse es für ihn auch ein Leben abseits des Spielfeldes geben, betont er.

Besonders: Personalplanung vor Saisonstart abgeschlossen

Umso ausführlicher spricht Becker über den Fußball, über das, was er mit Dynamo vorhat. Abkürzen ließe sich allerdings selbst dieses Kapitel, denn letztlich bringt er es immer wieder mit zwei Worten auf den Punkt: „Maximaler Erfolg.“

Mit der Vorrede hat sich der Neue dann auch nicht lange aufgehalten, im Grunde genommen hat Becker die ersten Gespräche ja schon vorm offiziellen Amtsantritt geführt und danach rigoros losgelegt – mit erstaunlichen Resultaten. Dynamo befindet sich zwar gerade mittendrin im x-ten Neuanfang der jüngeren Vereinsgeschichte, an abgeschlossene Personalplanungen weit vor dem ersten Pflichtspiel können sich jedoch nur ältere Semester erinnern. Manchmal wurde eine lange angekündigte und dringend benötigte Verstärkung gar erst Minuten vor dem Transferschluss geholt – und entpuppte sich als Fehlgriff.

Diesmal lief das ein bisschen anders. Erst kamen die erfahrenen, sie sogenannten vermeintlichen Führungsspieler – die diesen Anspruch beim furiosen 4:1-Sieg im DFB-Pokal gegen Hamburg auch sofort unter Beweis gestellt haben wie der neue Kapitän Sebastian Mai und Tim Knipping, sein Nebenmann in der Innenverteidigung, sowie Mittelfeldmann Yannick Stark. Danach komplettierte Becker den Kader mit jungen, aufstrebenden Talenten, und das in Rekordzeit.

Binnen sechs Wochen hat der Sportchef alle 13 Neuzugänge verpflichtet und dazu zwei neue Assistenztrainer, 20 Spieler haben nach Rücksprache mit Chefcoach Markus Kauczinski den Verein indes verlassen müssen. Und das ist nicht alles. Becker ordnete die Strukturen rund um das Profiteam neu, er schaffte zudem die Stelle eines hauptamtlichen Übergangskoordinators, um die Verzahnung mit dem Nachwuchs noch effektiver zu gestalten. Dass den Posten mit Hansi Kreische ein Idol aus Dynamos glorreicher Vergangenheit besetzt, spricht für sich.

77 Tage ist Becker mittlerweile im Amt, und er hat in diesen zweieinhalb Monaten den sportlichen Bereich de facto einmal komplett umgekrempelt. Stand nach Dynamos Abstieg in die 3. Liga verbunden mit dem schmerzhaften Abschied von Vereinsikone Ralf Minge als Sportgeschäftsführer für nicht wenige die Frage, wie es überhaupt weitergehen kann, erlebt der Verein spätestens jetzt – nach dem Pokalsieg gegen den HSV – das andere Extrem. Der sofortige Wiederaufstieg in die zweite Liga ist für die Fans nun ausgemachte Sache. Dem Vorhaben mag Becker gar nicht widersprechen, es ist auch seines.

Kein Freund großer Sprüche

Nur mit der aufkommenden, dieser Dynamo-typischen Euphorie kann er wenig anfangen und wirbt daher um Geduld beim Neuanfang. Der tatsächlich anvisierte Aufstieg könne im ersten Jahr auch schiefgehen, spätestens in der zweiten Saison müsse er aber gelingen. Nicht umsonst, so Becker, habe er für zwei Jahre unterschrieben. „Ehrlich und aufrichtig sein ist mir lieber als große Sprüche zu machen“, hat er in einem Interview während seiner kurzen wie intensiven und auch einprägsamen Zeit beim Hamburger SV gesagt.

Als großen Hoffnungsträger haben sie ihn damals im Mai 2018 von Holstein Kiel geholt, wo er eine neue Mannschaft aufbaute, die dann fast den Durchmarsch von der 3. Liga bis in die Bundesliga schaffte. Der HSV scheiterte dagegen am Aufstieg, und Becker wurde nach nicht mal einem Jahr wieder entlassen. Auch diese Erfahrung hat er mitgebracht zu Dynamo, wie der HSV „ein wahnsinnig großer Traditionsverein mit einer hohen Emotionalität“, wie Becker sagt. Das gefällt ihm. Und womöglich bildet er mit Auftreten und Arbeitsweise dafür den idealen Gegenpol.

Becker, daran besteht nach der einigermaßen unerwarteten wie geräuschlosen Trennung vom kaufmännischen Geschäftsführer Michael Born kein Zweifel mehr, ist Dynamos neuer starker Mann. Einer, der klare Vorstellungen und Prinzipien pflegt („Alles, was mit Fußball zu tun hat, ist mein Bereich“), den es in der Öffentlichkeit aber nicht in die erste Reihe zieht. Dass er bei den Spielen auf der Bank an der Seitenlinie sitzt und nicht wie Vorgänger Minge oben auf der Tribüne, hat andere Gründe. Er wolle nah dran sein am Geschehen, wolle die Atmosphäre im Team spüren, sagt der gebürtige Leonberger und bezeichnet sich als eher ruhigen, sachlichen Typ.

Freundlich im Ton, hart in der Sache

Der frühere, mäßig erfolgreiche Bundesligaprofi beobachtet gern, weiß Stimmungen aufzunehmen, verkauft sich und seine Aufgabe professionell, tritt kommunikativ, aber bestimmt auf und wirkt dennoch authentisch. Freundlich im Ton, hart in der Sache. Dynamos Aufsichtsrat überzeugte er in zwei Gesprächen mit einem handfesten, auf Perspektive ausgerichteten Konzept. Und mit seinen Aussagen über Minge („großer Sportler“, „herausragende Persönlichkeit“, „Vergleiche kann ich nur verlieren“) hat er sämtliche Kritiker, sofern es sie gegeben hat, ruhiggestellt. Dass beide Ralfs schon kurz nach dem Abstieg miteinander im Austausch waren, spricht zuallererst für Minge. Es hilft außerdem, den Neuen besser einzuschätzen.

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