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Ein Aussortierter ist jetzt Dynamos Hoffnungsträger

Ransford-Yeboah Königsdörffer ist eines der größten Talente – nicht nur von Dynamo. Das Porträt eines Aufsteigers, der zuletzt für Schlagzeilen sorgte.

Grund zum Jubeln hatte Ransford-Yeboah Königsdörffer schon sechs Mal in dieser Saison – dabei spielt er nicht mal auf der Stürmer-Position.
Grund zum Jubeln hatte Ransford-Yeboah Königsdörffer schon sechs Mal in dieser Saison – dabei spielt er nicht mal auf der Stürmer-Position. ©  dpa/Robert Michael

Dresden. Vielleicht ist es für ihn persönlich sogar ganz gut so, dass der Fußball momentan ohne Fans und mit viel Abstand auskommen muss. Andernfalls hätte es wohl einen regelrechten Hype gegeben um Ransford-Yeobah Königsdörffer. 19 Jahre jung, bisher sechs Tore und drei Vorlagen in der ersten kompletten Saison als Profi, der Marktwert auf 400.000 Euro geklettert, eines der größten Talente der 3. Liga – das alles klingt so vielversprechend, dass er kaum Ruhe gefunden hätte.

So aber bleibt die Begeisterung auf Abstand. Nach dem 4:0-Sieg gegen Ingolstadt, zu dem er ein Tor beigesteuert und eins vorbereitet hat, wird er in die Kicker-Elf des Spieltages gewählt, bekommt ein Sonderlob vom Trainer und ein, zwei Journalisten-Anfragen für ein Telefoninterview. Das war es aber auch schon, ein Hype ist das noch nicht – und die Gefahr abzuheben, deshalb eher gering.

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Wobei Königsdörffer einigen Grund hätte, sehr stolz und zufrieden zu sein. Schließlich war seine Karriere eigentlich schon vorbei, bevor sie so richtig gestartet ist. Begonnen hat sie in Berlin, an der Grenze zwischen Moabit und Wedding. „Ich war mit meiner Mutter oft auf dem Spielplatz. Irgendwann hatte sie keine Lust mehr, mit mir Fußball zu spielen, deshalb hat sie mich beim Verein angemeldet“, erzählt er – leise, fast ein bisschen schüchtern und nahezu akzentfrei.

Auch mal Teakwondo probiert

Sein erster Verein ist der SC Minerva 93, benannt nach der römischen Göttin für die Weisheit und Kunst. Das klingt elitär, ist es aber nicht. Die Männermannschaft kickt zu der Zeit in der Kreisliga C, trainiert und gespielt wird „auf einer Art Kunstrasen-Teppich“, erinnert sich Königsdörffer, der vier ist, als er das erste Mal zum Training geht. Er probiert sich, weil sich das die Mutter so wünscht, auch noch im Schwimmen, Taekwondo und Tennis aus, doch Fußball bleibt der Favorit.

Sieben Jahre ist er bei Minerva, dann wechselt er über den SC Charlottenburg zur großen Hertha, durchläuft alle Jugendmannschaften, spielt mit der U19 sogar einmal in der Uefa Youth League, allerdings ist der Gegner mit dem FK Qäbälä aus Aserbaidschan eher ein Zungenbrecher als ein bekannter Name im Fußball. „Es war trotzdem cool, selbst wenn ich mich nach einer längeren Verletzung nicht so in Szene setzen konnte.“

Die Verletzungen sind sicher auch schuld daran, dass es einer seiner letzten Einsätze für Hertha BSC ist, sein Vertrag wird nicht verlängert. Er reißt sich innerhalb eines Jahres die Menisken in beiden Knien. „Beim ersten Mal wurde es genäht, da fehlte ich acht, neun Monate, beim zweiten Mal wurde die eingerissene Stelle weggeschnitten, dadurch waren es nur vier, fünf Monate“, erzählt er.

Der große Traum von der Profikarriere droht zu platzen. „Da kamen bei mir schon Zweifel auf. Ich habe mir Gedanken gemacht, was aus mir wird, weil ich in der Schule auch nicht so gut war“, sagt er. Das Angebot von Dynamo ist da eine Art Rettungsanker. „Der Verein hat mich aufgenommen und sich um mich gekümmert, als es mir schlecht ging. Deshalb bin ich ihm auch so dankbar.“

Entscheidung zwischen Ghana und Deutschland noch offen

Mit 18 zieht er das erste Mal weg aus Berlin, weg von seinen Eltern. Sein Vater stammt aus Ghana, beide haben den gleichen, zweiten Vornamen. Mit Anthony Yeboah, dem einstigen Stürmer von Eintracht Frankfurt und dem Hamburger SV, der ebenfalls aus Ghana nach Deutschland gekommen war, hat das also nichts zu tun.

Zwischen den beiden Ländern könnte sich Königsdörffer auch in Sachen Nationalmannschaft entscheiden. Bisher absolvierte er vier Einsätze für die deutsche U19, stand bei der U20 mehrmals auf Abruf. „Ich könnte mir aber auch vorstellen, für Ghana zu spielen. Da wäre mein Vater bestimmt sehr stolz auf mich“, meint er.

Wenn Corona vorbei ist, möchte er nach Westafrika fliegen, bisher hat das noch nicht geklappt. „Mein Vater ist meist im Februar oder März dort. Ich hatte zu der Zeit immer Schule, und es war mitten in der Saison, sodass ich nie mitkonnte. Ich will aber unbedingt mal dorthin, da ich mit beiden Kulturen aufgewachsen bin und mich mit beiden Ländern identifiziere“, erzählt er.

Ein halbes Jahr nach seinem Umzug nach Dresden, für Dynamos U19 erzielt er in 19 Partien 13 Tore, feiert er sein Debüt bei den Profis. Die 0:2-Niederlage im Dezember 2019 beim 1. FC Nürnberg ist ein ernüchternder Auftritt der damals noch Zweitliga-Mannschaft, doch das interessiert Königsdörffer kaum.

30 Meter in 3,8 Sekunden

Er werde sich trotzdem immer gerne daran erinnern. „Es ist mir sehr, sehr wichtig – auch, weil viele nicht daran geglaubt haben, dass ich das noch schaffe“, erzählt er. „Ich hatte mir das aber auch durch gute Leistungen verdient.“

Es kommen noch einige Einsätze hinzu, jedoch kein Tor. Nach dem Abstieg ist er nun in seinem ersten kompletten Profijahr Stammkraft auf der rechten Außenbahn – und hinter den Stürmern Christoph Daferner und Philipp Hosiner der beste Schütze. „Meine große Stärke ist meine Schnelligkeit, davon profitiere ich sehr“, findet er. Nur 3,8 Sekunden benötigt er für 30 Meter, mit diesem Antritt ist er quasi die Idealbesetzung, um die Linie entlang zu sprinten. Dabei ist das gar nicht seine große Leidenschaft. Wie bei seinem Tor gegen Ingolstadt zieht es ihn oft in die Mitte.

„Er hat in den letzten Wochen noch mal einen Sprung gemacht“, lobt ihn Markus Kauczinski danach. Was der Trainer gemeint hat, kann sich Ransi, wie er von den Mitspielern gerufen wird, schon denken. „Ich finde, dass ich mich nicht nur körperlich, sondern auch fußballerisch entwickelt habe. Nach dem reichlichen Jahr im Männer-Fußball weiß ich jetzt, wie ich in bestimmten Situationen reagieren muss und wie ich meine Fähigkeiten besser einsetzen kann.“

Der neue Vertrag hat eine Ausstiegsklausel

Königsdörffer könnte wunschlos glücklich sein, wenn da nicht diese Position wäre auf der rechten Seite, bei der er auch viel nach hinten arbeiten muss. „Ich war nie der große Verteidiger, das musste ich erst lernen“, sagt er und verrät nur zögerlich, wo er sich am liebsten sieht – als Stürmer. „Vielleicht auch ein bisschen dahinter, dass ich die Bälle abgelegt bekomme.“

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Die sechs Spiele, in denen er traf, hat Dynamo alle gewonnen. Er ist also nicht nur ein großes Talent, sondern auch ein Talisman – einer, den man unbedingt halten will. Im Oktober erst verlängerte Dynamo seinen Vertrag bis 2023, allerdings erhält der nun eine Ausstiegsklausel. Falls er die nutzen sollte, wird es ihn aber ganz sicher nicht zurück zum SC Minerva 93 ziehen.

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