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Bei Dynamo „der kleine Sonnenschein für alle“

Marie Jenhardt ist seit September die Frau unter den vielen Männern bei Dynamo. Wie sie sich damit fühlt und als Teammanagerin arbeitet – ein Porträt.

Dynamos Teammanagerin Marie Jenhardt ist auch bei den Spielen an der Seite der Profis.
Dynamos Teammanagerin Marie Jenhardt ist auch bei den Spielen an der Seite der Profis. © Steffen Kuttner

Dresden. Es sei das größte Kompliment, das sie ihr geben können. „Ich werde gar nicht mehr als Frau wahrgenommen“, sagt Marie Jenhardt. Das mag wenig höflich klingen, aber in ihrem Job ist es tatsächlich gut und wichtig. Die 31-Jährige ist eingedrungen in eine Welt, die nach wie vor von Männern dominiert wird, den Profi-Fußball. Seit September 2020 arbeitet sie als Teammanagerin bei Dynamo Dresden. Doch sie betont: „Ich sage nicht: Boah, Frauen in den Fußball, das ist unsere Mission!“ Wichtig sei doch nur, dass sich jeder wohlfühlt mit dem, was er macht.

Jenhardt hätte nie gedacht, dass sie mal im Fußball landen würde. Dabei sei man in Herne, wo sie beim SC Westfalia bis zum 14. Lebensjahr leistungssportlich geschwommen ist, „grundsätzlich schon Schalke-Fan“. Sie nicht, und Jenhardt hält auch nicht auf den schärfsten Rivalen Borussia Dortmund, obwohl sie in Dortmund studiert und zehn Jahre lang gelebt hat. Einen Lieblingsverein hat sie dennoch: „Mein Herz schlägt für Mainz“, sagt Jenhardt – und erzählt, wie es dazu kam.

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Es ist die Aufgabe, die sie reizt, als eine Agentur Mitarbeiterinnen sucht, die helfen, im Sommer und Winter Trainingslager für Profi-Klubs zu organisieren und zu betreuen. „Die Stellenbeschreibung passte zu dem, was ich gerne mache: organisieren, mit Menschen zusammen sein, in einem Mannschaftsgefüge arbeiten“, sagt Jenhardt. Also hat sie sich beworben und fünf Jahre lang Teams in der Vorbereitung begleitet, auch Schalke und Dortmund, am häufigsten aber Mainz. „Die durfte ich insgesamt fünfmal begleiten, das war immer eine schöne Zeit.“

Spontane, aber gut durchdachte Entscheidung

Als sie im Spätsommer vorigen Jahres gefragt wurde, ob sie als Teammanagerin bei einem Verein einsteigen würde, war das die Gelegenheit, etwas Neues auszuprobieren, nicht nur beruflich. „Ich habe immer gesagt: Im Ruhrgebiet fühle ich mich wohl, hier ist meine Heimat“, erzählt die junge blonde Frau. „Aber jetzt dachte ich: Es ist an der Zeit, zu gehen, mal loszulassen und mich neuen Dingen zu widmen. Das war eine ziemlich spontane und trotzdem gut durchdachte Entscheidung.“

In ihre Überlegungen hat sie niemanden eingeweiht, weder Eltern noch die beste Freundin, mit der sie zusammen wohnte. „Das habe ich mit mir allein ausgemacht und nach der Zusage erst einmal zwei Stunden das Telefon ausgeschaltet. Ich wollte die Entscheidung auf mich wirken lassen.“

Sie fühlte sich gut an – und das hat sich nicht geändert, genauso wenig wie ihre Methode, zur Ruhe zu kommen und zu sich selbst zu finden. Wenn sie abschalten will, drückt sie einfach den Knopf: Handy aus, spazieren gehen.

"... und dann lege ich die Beine hoch"

Das Leben in Dresden habe sie wegen der Corona-Einschränkungen noch nicht wirklich kennenlernen dürfen, meint Jenhardt. Aber in der Stadt und im 15-Kilometer-Radius lasse sich zu Fuß allerhand entdecken. „Ich wohne in der Nähe der Elbe, mag Altbauten wie am Blauen Wunder, bin mit einem guten Freund aus Radeberg manchmal in der Heide unterwegs.“

Ihn kennt sie schon seit ein paar Jahren, aber ob sie bei Dynamo anfangen soll, konnte er ihr nicht raten. „Er hat mit Fußball gar nichts am Hut, interessiert sich überhaupt nicht für Dynamo.“ So läuft sie beim Laufen nicht Gefahr, über ihre Arbeit zu reden. „Einfach frische Luft, den Kopf aus – dann kann’s weitergehen.“ Und sie hat eine Gabe, für die sie die Spieler schon mal aufziehen.

„Es heißt selbst nach einer Busfahrt, die vier Stunden dauert, ich hätte sechs geschlafen. Darüber wird viel gelacht“, erzählt Jenhardt, lacht selbst – und beschreibt ihr Ritual für die Reisen: „Ich setze mich hin, schaue, ob alle da sind, gebe im Hotel Bescheid, wann wir ungefähr ankommen – und dann lege ich die Beine hoch und schlafe. Ich bin ja nicht so groß und kann es mir bequem machen. So bin ich ausgeruht, wenn wir ankommen.“

Zweite Frau auf der Position im Profi-Fußball

Was ihr Freund oder Mann dazu sagt, dass sie beruflich die einzige Frau unter etwa 35 Männern ist? „Gar nichts. Ich bin alleine nach Dresden gekommen“, antwortet sie keck.

Im Team sei sie bestens aufgenommen worden, was sicher auch daran liegt, dass sie erst einmal zurückhaltend aufgetreten ist als Nachfolgerin von Martin Börner, der 13 Jahre lang im Verein als ein Kümmerer für alle da war. „Ich bin sehr demütig an die Sache herangegangen, wollte nicht reinpreschen und den Eindruck erwecken, alles verändern zu wollen“, sagt Jenhardt.

Sie ist die zweite Frau im Profi-Fußball in dieser Position; über Kathleen Krüger beim FC Bayern München sagt Thomas Müller: „Sie ist die, die die Mannschaft zusammenhält. Wir können zu ihr kommen, egal, mit welchen Problemen.“ Jenhardt schmunzelt, als sie im Gespräch via Skype darauf angesprochen wird. „Es wäre schön, wenn die Spieler bei Dynamo so etwas über mich auch sagen können.“

So präsentierten die Schwarz-Gelben ihre neue Teammanagerin Marie Jenhardt im Sommer 2020.
So präsentierten die Schwarz-Gelben ihre neue Teammanagerin Marie Jenhardt im Sommer 2020. © SG Dynamo Dresden/Steffen Kutner

Und ihr Anspruch an sich ist so schön, dass man ihn vollständig zitieren muss, weil sie es ausstrahlt: „Ich hoffe einfach, dass ich ein bisschen der kleine Sonnenschein für alle sein kann, immer und überall gute Laune reinbringe und alle glücklich sind, mich zu sehen, sich wohlfühlen und zufrieden sind mit meiner Arbeit.“

Die Profis seien im Umgang mit ihr „sehr anständig“, wie sie betont. Sie selbst habe sich anfangs Gedanken gemacht, wie sie sich als Frau verhält in der Kabine, am Platz, beim Essen, in Besprechungen. Alles Neuland, das sie behutsam erkundet. „Ich denke, dass es eher für die Jungs anfangs komisch war, dass plötzlich eine Frau durch die Gänge huscht.“ Inzwischen, und das ist jenes Kompliment, das nicht so klingen mag, fühle sich keiner mehr unangenehm berührt, „wenn er den einen oder anderen in einer gewissen Situation sieht“. Sie werde eben nicht explizit als Frau, sondern als Mensch gesehen. Darauf kommt es an. Und mit dem Begriff „Mädchen für alles“ hat sie sowieso kein Problem.

An manchen Tagen fehlt der Augenblick zum Durchatmen

Der Aufgabenbereich lässt sich nicht eng eingrenzen, ihr Terminkalender richtet sich komplett nach der Mannschaft. Ja, es gebe Tage, an denen der Augenblick zum Durchatmen fehlt, gesteht Jenhardt und dass sie es selbst nur einmal in der Woche schafft, im Kraftraum zu trainieren. „Ich habe gewusst, worauf ich mich einlasse und habe nicht das Gefühl, zu wenig Freizeit zu haben“, meint sie.

Ihre Kenntnisse aus dem Psychologie-Studium bringt sie eher defensiv ein. „Ich bin nicht als Psychologin, sondern als Teammanagerin eingestellt worden“, sagt Jenhardt so knapp wie treffend. „Es weiß natürlich jeder und ich biete allen an: Sollte Interesse bestehen, dürft ihr mich gerne ansprechen. Wenn jemand sagen würde: Marie, ich habe gerade eine Blockade, kannst du Tipps oder Hilfestellungen geben: jederzeit. Das wäre allerdings rein privat. Deshalb könnte ich dem Trainerteam nicht psychologisch helfen, das möchte ich auch nicht“, betont sie. Natürlich habe sie eine spezielle Wahrnehmung und auf manche Situationen einen anderen Blick. Doch eines steht fest: „Das behalte ich für mich.“

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In Sachen Lieblingsverein aber hat sie nun noch etwas hinzuzufügen. „Jetzt habe ich eine neue Fußball-Heimat bei Dynamo, und das fühlt sich auch sehr gut an“, sagt Marie Jenhardt. Ob sie dabei bleibt oder eines Tages doch ihr Psychologie-Studium beruflich nutzen wird, lässt sie sich offen. „Ich bin zufrieden mit dem, was ich gerade mache. Und wenn alle anderen das mit mir auch sind, haben wir zusammen eine schöne Zukunft vor uns“, sagt sie.

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