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Viele offene Fragen nach Krawallen in Dresden

Die Aufarbeitung der Gewalt in Dresden hat begonnen: Die Polizei nennt schockierende Zahlen, Politiker fordern Konsequenzen von Dynamo. Auch der Verein reagiert.

Vermummt und extrem aggressiv: Ein Mob, der Dynamo zugeordnet wird, greift Polizisten an.
Vermummt und extrem aggressiv: Ein Mob, der Dynamo zugeordnet wird, greift Polizisten an. © dpa/Robert Michael

Dresden. Vorm Rudolf-Harbig-Stadion sind am Tag nach Dynamos Aufstieg die Überreste der Krawalle längst weggekehrt. Die Aufarbeitung des Gewaltausbruchs hat dagegen erst begonnen. Wie die Zahlen, die inzwischen vorliegen, zeigen, könnte das auch noch eine Weile dauern.

Welche Bilanz zieht die Polizei am Tag danach und welche Reaktionen gibt es?

Eine erschreckende. Insgesamt seien beim Einsatz, der bis in die frühen Morgenstunden andauerte, 185 Polizisten verletzt worden, 30 von ihnen können derzeit nicht arbeiten. Sechs Beamte werden noch immer in Krankenhäusern behandelt, heißt es in einer am Montag verbreiteten Mitteilung.

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Die meisten Verletzungen stammen von den Angriffen von 500 gewalttätigen Fans mit Flaschen, Steinen und Pyrotechnik. 40 Männer zwischen 18 und 69 Jahren seien in Polizeigewahrsam genommen, inzwischen aber wieder entlassen worden. 32 Straftaten, darunter Beleidigungen, Widerstände und tätliche Angriffe gegen Vollstreckungsbeamte, Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz, Körperverletzungsdelikte und schweren Landfriedensbruch, sind bisher bekannt. Zudem wurden 103 Verstöße gegen die Corona-Schutzverordnung geahndet. Die Randalierer griffen auch Journalisten an, ein minderjähriger Fotograf soll mehrfach getreten worden und zeitweise bewusstlos gewesen sein.

Am Montag gründete die Polizei die Sonderkommission „Hauptallee“, um die Ermittlungen voranzutreiben und mithilfe der Videoaufzeichnungen weitere Täter zu überführen. Sachsens für den Sport zuständiger Innenminister Roland Wöller stellte klare Forderungen an Dynamo: „Wenn Fanaktivitäten derart eskalieren, erwarte ich von Fußballvereinen, dass sie Konsequenzen ziehen, um die vielen friedlichen Fans klar von gewaltbereiten Hooligans zu trennen.“ Personalisierte Tickets dürften kein Tabu mehr sein, um Stadionverbote besser durchsetzen zu können. Justizministerin Katja Meier schrieb: „Die Angriffe auf Polizei und Journalisten sind durch nichts zu rechtfertigen und bedürfen auch einer Aufarbeitung durch Dynamo.“

Hermann Winkler, Präsident des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV), forderte mit Blick auf die fallenden Corona-Infektionszahlen und steigender Impfquote eine Öffnung der Stadien. „Dort sind solche Massen mit einem Sicherheits- und Hygienekonzept auf jeden Fall besser zu kontrollieren als im Großen Garten“, sagte er.

Was sagt Dresdens Oberbürgermeister zu den Ausschreitungen?

„Das geht überhaupt nicht“, betont Dirk Hilbert. „Alle eindeutigen Appelle im Vorfeld haben nicht gefruchtet.“ Er fühle sich an Dynamos Aufstieg vor fünf Jahren erinnert. Damals sei er mit in Magdeburg gewesen und habe gesehen, wie Dynamo-Fans die gegnerischen Anhänger mit Raketen beschossen haben. „Ich hoffe sehr, dass sich der Verein aktiv mit diesen Ereignissen auseinandersetzt und bis zum Beginn der Saison in Liga zwei auch Antworten und Konzepte liefern kann“, betonte er. „Diese Angriffe sind nicht entschuldbar.“

Wie reagiert Dynamo und welche Mitverantwortung hat der Verein?

Betroffen und schockiert, so lässt sich die Gemütslage von Vereinsverantwortlichen und Mitarbeitern zusammenfassen. „Das ist für mich immer noch unfassbar, dass wirklich passiert ist, was ich gestern miterlebt habe. Es schockiert mich und ist durch nichts zu entschuldigen", sagt Geschäftsführer Jürgen Wehlend auf Nachfrage von Sächsische.de.

Dynamo sei ganz sicher nicht zuständig, entziehe sich aber auch nicht der Verantwortung. „Nicht bei dem, was passiert ist – da möchte ich nochmals deutlich differenzieren. Wir werden da nicht zuschauen, sondern entschlossen und konsequent reagieren“, sagt Wehlend. Voreilige Konsequenzen hält er für falsch. „Wir müssen die richtigen Schlüsse aus den Vorfällen ziehen. Dabei geht es am Ende nicht um die Frage richtig oder falsch, sondern was funktioniert", sagt er. Wichtig ist ihm schon jetzt die eine Botschaft: "Bei Gewalt gibt es null Toleranz, dafür stehe ich."

Am Abend veröffentlichte der Verein ein Statement. Darin erklären die Geschäftsführer: "Fest steht schon jetzt: Es wurden Fehler gemacht – und zwar auf allen Seiten. Ansonsten wäre es nicht zu einer derart gewalttätigen Auseinandersetzung gekommen." Und weiter: „Die Bilder des gestrigen Tages stehen für sich, denn sie sprechen eine deutliche Sprache. Wir sind entsetzt und verurteilen diese Gewalt auf das Schärfste. Gleichzeitig entschuldigen wir uns im Namen des Vereins bei allen verletzten Personen und wünschen ihnen eine schnelle und vollständige Genesung."

Welche sportlichen Konsequenzen haben die Vorfälle?

Keine – und das hat einen einfachen Grund: Das DFB-Sportgericht ermittelt lediglich bei Krawallen im Stadion und nicht bei Ausschreitungen davor. Zünden Fans Pyrotechnik auf den Rängen oder stürmen in den Innenbereich, werden Geldstrafen fällig. Möglich ist auch ein (Teil-)Ausschluss der Fans oder ein Ausschluss aus dem Wettbewerb. So durfte Dynamo in der Saison 2013/14 nicht am DFB-Pokal teilnehmen.

Warum werden Dynamos Aufstiege immer wieder überschattet?

Am Tag danach ist von einer neuen Qualität die Rede – was allenfalls in Bezug auf die Zahl der Verletzten stimmt. Ausschreitungen wie am Sonntag sind ständige Begleiter von Dynamo-Aufstiegen. 2011 stürmten einige Anhänger in Osnabrück aufs Spielfeld, griffen Beamte, Ordner und Fotografen an. Kameras, Werbebanden und Sitzschalen wurden zerstört. 2016 war Teilen der Fans der Zutritt ins Magdeburger Stadion verwehrt worden. Auf der Rückfahrt demolierten sie den Zug, in Dresden griffen sie Polizeiwagen an und störten den Empfang der Mannschaft im Stadion, indem sie Rauchbomben und Knallkörper zündeten.

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Verantwortlich für diese Taten ist ein harter Kern von 300 bis 500 extrem gewaltbereiten Fans, die dem Verein zugeordnet werden. Wehlend widerspricht: „Nein, hierzu liegen uns noch keine Informationen vor. Auch dies ist Gegenstand der Aufarbeitung der Ereignisse“, erklärt Wehlend.

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