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Als Genscher den Aufpassern der Stasi entwischt

Obwohl der Bundesinnenminister beschattet wird, verschwindet er auf dem Weg zum Stadion. Wie das passierte – Teil 4 der neuen Dyamo-Serie.

Zum Treffen der Meister aus Ost und West kamen auch Bayern-Fans nach Dresden, hier grüßen einige aus dem oberfränkischen Kulmbach per Plakat. Allerdings warten sie am Tag vor dem Spiel vergeblich auf ihre Mannschaft, den die Münchner übernachten kurz
Zum Treffen der Meister aus Ost und West kamen auch Bayern-Fans nach Dresden, hier grüßen einige aus dem oberfränkischen Kulmbach per Plakat. Allerdings warten sie am Tag vor dem Spiel vergeblich auf ihre Mannschaft, den die Münchner übernachten kurz © imago/horstmüller

Die Gäste sind hochrangig, die Lage also politisch heikel. Hans-Dietrich Genscher, Innenminister der Bundesrepublik, besucht die Stadt zum Spiel des FC Bayern München gegen Dynamo. Ihn begleiten weitere Politiker wie der in Dresden geborene Wolfgang Mischnick, der sich 1948 wegen einer drohenden Verhaftung durch den sowjetischen Geheimdienst in den Westen abgesetzt hatte, Bundestagsabgeordneter für die FDP.

Die offizielle Delegation passiert mit den Pkw BN-NS 1557 und BN-V 107 am 7. November 1973, 12.45 Uhr, die Grenzübergangsstelle Hirschberg. Die Stasi verfolgt und protokolliert die Fahrt bis zum Hotel „Newa“, „wo sie 15.37 Uhr vor dem Haupteingang parkten und alle acht Personen das Hotel betraten“. Die Späher sollten Genscher und seine Begleiter ständig im Auge behalten. So stellten sie fest, dass sie 16.40 Uhr zu Fuß über die Prager Straße in Richtung Dynamo-Stadion gingen, aber: „Auf diesem Wege waren sie zeitweise außer Kontrolle.“

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Wie konnte das passieren? Im Schlussbericht zur Aktion „Vorstoß“ der Bezirksverwaltung Dresden vom 12. November 1973 wird die Panne als „Unzulänglichkeit“ der eingesetzten B-Kräfte, gemeint sind vermutlich Beobachter, vermerkt. Das „Objekt“, wie Genscher im üblichen Stasi-Jargon bezeichnet wird, sei „nicht aufgenommen“ worden. „Die Ursache lag darin, dass durch die Verantwortlichen alle B-Kräfte auf die Pkw konzentriert wurden, während sich Genscher und Begleitung zu Fuß zum Stadion begaben.“

Als Innenminister der BRD war Hans-Dietrich Genscher (l.) zum Bayern-Spiel in Dresden den Aufpassern entwischt, 30 Jahre später trägt er sich bei Oberbürgermeister Ingolf Roßberg ins Goldene Buch der Landeshauptstadt ein.
Als Innenminister der BRD war Hans-Dietrich Genscher (l.) zum Bayern-Spiel in Dresden den Aufpassern entwischt, 30 Jahre später trägt er sich bei Oberbürgermeister Ingolf Roßberg ins Goldene Buch der Landeshauptstadt ein. © Thomas Tuerpe

Als die Autos vor dem Stadion gegenüber dem Casino hielten, saßen nur die Fahrer drin. „Dieses fehlerhafte Vorgehen wurde ausgewertet und Schlussfolgerungen für die weitere Beobachtungstätigkeit gezogen, wobei der Schwerpunkt auf dem richtigen leitungsseitigen Überblick und Einsatz dieser Kräfte lag“, heißt es in dem Bericht der Hauptabteilung VIII, Beobachtung und Ermittlung.

Immerhin konnten die Aufpasser erleichtert vermerken, dass die zwischenzeitlich Abtrünnigen „aus Richtung Arnhold-Bad kommend“ das Stadion betraten. Genscher habe dabei geäußert: „Jetzt haben wir einen schönen Spaziergang gemacht.“ Der gebürtige Hallenser dürfte sich diebisch gefreut haben, die Stasi mit seinem Ausflug in Aufregung versetzt zu haben.

„Bumm, bumm, bumm – wir hau’n die Bayern um“

Einen weiteren Zwischenfall vor dem Bayern-Spiel gab es bei der Ankunft von Helmut Schön am Hotel. Der Bundestrainer war 1950 wie fast die komplette Mannschaft der SG Friedrichstadt, Nachfolger des Dresdner SC, in den Westen gegangen. Zuvor hatten sie unter skandalösen Umständen das entscheidende Spiel um die erste DDR-Meisterschaft im mit 60.000 Zuschauern überfüllten Heinz-Steyer-Stadion gegen Horch Zwickau mit 1:5 verloren. Durch die überharte Gangart der Gäste schieden zwei Dresdner verletzt aus, Wechsel waren noch nicht erlaubt. Der vermeintlich bürgerliche Klub in der Tradition des DSC, deutscher Fußballmeister in den Kriegsjahren 1943 und 44, wurde aufgelöst.

Schön kam bereits zwei Tage vor dem Spiel in seiner Heimatstadt an, wurde allerdings wenig freundlich empfangen. Durch die ihn am Hotel erwartenden Fußballfans sei er mit den Worten begrüßt worden: „Bumm, bumm, bumm – wir hau’n die Bayern um“, heißt es im Stasi-Bericht. „Dabei wurde der Pkw des Schön von den Anwesenden zum Schaukeln gebracht.“ Darüber habe er sich „bei der Deutschen Volkspolizei beschwert“. Nach kurzer Zeit sei Schön mit dem Direktor des Interhotels „Newa“ aus dem Seiteneingang gekommen, um seinen Pkw in die Tiefgarage zu fahren. „Er gab dabei zu verstehen, dass er heute von den Dresdnern bedient wäre.“

Schön wurde ebenfalls durchgehend beschattet. So berichtete IM „Eva Carmen“, dass sich am Vorabend des Spieles ein Herr aus Berlin in der Bar des Hotels aufhielt und äußerte, er habe den Bundestrainer sprechen wollen, was ihm leider nicht gelungen sei, weil er seine Mahlzeit in einem gesonderten Raum einnahm, zu dem er keinen Zutritt erhielt. „Der IM stellte fest, dass (Name geschwärzt/d. Red.) neben DDR-Geld auch Westmark in seiner Brieftasche mit sich führte.“ Auf die Frage, woher er das habe, nannte er private Beziehungen „nach drüben“ – und äußerte, „dass sich heute hier die Leute der Staatssicherheit fast auf die Beine treten“.

Die Bar im Hotel Newa war de facto rund um die Uhr von Zuträgern der Stasi besetzt.
Die Bar im Hotel Newa war de facto rund um die Uhr von Zuträgern der Stasi besetzt. © Sammlung Siegfried Treppnau

Ein gutes Jahr später läuft die Aktion „Vorstoß III“, als Dynamo auf den Hamburger SV trifft. Durch die „Operativgruppe Transit“ wird telefonisch mitgeteilt, dass gegen 8.50 Uhr ein Bus über Hirschberg in Richtung Dresden mit 39 Touristen eingereist ist. „Bei der Passabfertigung wurde … festgestellt, dass sich im Bus 39 Kästen Bier befanden und fast jeder Tourist im Besitz einer Flasche Spirituosen ist.“ Es werde um Kenntnisnahme und weitere Veranlassung gebeten. Was daraufhin passierte, geht aus den Akten jedoch nicht hervor.

Dagegen ist genau festgehalten, mit wem sich HSV-Präsident Peter Krohn beim Ost-Besuch traf: „21.20 in der Kuppelhalle des Dresdner Bahnhofes mit einer weiblichen Person, ca. 32 Jahre alt, welche bereits längere Zeit vor dem Bahnhof wartend auf und ab gelaufen war.“ Sie seien zu den Telefonzellen gegangen, die Frau habe telefoniert, anschließend seien sie mit dem Taxi zur Sekundogenitur gefahren. Dort gingen sie 21.40 Uhr in die obere Etage der Gaststätte. „Daraufhin wurde die Beobachtung an ,Präsident‘ unterbrochen.“

Spitzel erkannten Uwe Seeler nicht

Dafür guckten und horchten die Spitzel genau, was in der Diskothek des Hotels „Astoria“ passierte. Dort war ein Tisch für vier Personen reserviert worden, drei Herren nahmen demnach 21.50 Uhr Platz, „vermutlich Journalisten des NDR“, heißt es im Bericht. „Sie nahmen am Tisch alkoholische Getränke zu sich und führten eine angeregte Unterhaltung.“ Schließlich kamen zwei weitere Männer, einer wurde offenbar von mehreren und sehr lautstark als „Uwe“ begrüßt – und: Er „gab anschließend Autogramme mit dem Namen ,Uwe Seeler‘“.

Der aufmerksame Beobachter erkannte wohl das HSV-Idol nicht und hielt abschließend fest: „23.30 Uhr führten die Personen dieser Tischrunde immer noch eine angeregte Unterhaltung, tranken alkoholische Getränke und die übrigen Gäste der Diskothek nahmen von ihnen keinerlei Notiz mehr.“

Alkohol ist auch 1989 ein Thema für die Stasi, als der VfB Stuttgart mit einem 1:1 gegen Dynamo in Dresden das Finale im Uefa-Cup erreicht. Laut Bericht bestellten sich zehn Spieler des VfB am Hotel „Bellevue“ zwischen 0.30 Uhr und 1 Uhr Taxen und fuhren zur Baltic-Bar im „Newa“, wo sie mit 70 bis 80 VfB-Fans feierten, „wobei reichlich Alkohol genossen wurde“. Allerdings beschränkt sich der Bericht nicht darauf. „3 Spieler des VfB Stuttgart nahmen gegen 4.50 Uhr je 1 Dresdner Mädchen, welches sie aus dem ,Newa‘ mitbrachten, mit auf ihre Zimmer.“ Namen und Adressen der Frauen wurden notiert, die Stuttgarter Spieler, bei denen sie waren, ebenso.

Auch in diesem Fall lässt sich anhand der Aktenlage nicht einschätzen, ob das Folgen für die Frauen hatte, und wenn ja, welche.

Sammer muss 2.500 Mark zahlen

Matthias Sammer bekam jedenfalls am nächsten Tag unliebsamen Besuch. Er war mit Torsten Gütschow und Frank Lieberam gegen 3 Uhr im Hotel „Bellevue“ aufgetaucht, wie die Stasi vermerkt. „Das Casino im Stadion machte ziemlich schnell zu, und so fragten wir uns in unserem jugendlichen Leichtsinn, wo wir noch ein Bierchen mehr trinken können“, erinnerte sich Sammer für das Buch „Dynamo Dresden – Legenden. Schicksale. Geschichten.“

Er unterhielt sich lange mit VfB-Trainer Arie Haan, der dem DDR-Nationalspieler bescheinigte, mit seinen Leistungen auch gute Möglichkeiten in der Bundesliga zu haben. Doch die Aufpasser hatten wohl nicht genau gehört, was gesprochen worden war. Festgehalten ist jedenfalls nur ein belangloser Wortwechsel: „Glaubt ihr wirklich, dass ihr gegen uns gewinnen könntet?“, fragte demnach ein Stuttgarter, und ein Dresdner antwortete: „Das glaubten wir wirklich.“

Sammer konterte den Vorwurf, sich auf einen Abwerbeversuch eingelassen zu haben, im Verhör. „Ich habe denen gesagt: Ein rational denkender junger Mensch trifft doch keine aberwitzigen Absprachen in einer Hotelbar, wo er nicht weiß, wer alles mitguckt und -hört.“ Trotzdem musste er 2.500 Mark Geldstrafe zahlen. Ein halbes Jahr später fiel die Mauer – und Sammer wechselte zum VfB Stuttgart.

Lesen Sie hier die bisher erschienen Teile:

Teil 1: Die Operation „Vorstoß“ nach dem Bayern-Los. (SZ+)

Teil 2: Die Sorge der Westpresse vor zu braven Dynamo-Fans. (SZ+)

Teil 3: Als das Losglück zur Flucht in den Westen verhalf. (SZ+)

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