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Dynamos schwierige Aufarbeitung im Fall Leistner

Der gebürtige Dresdner wurde nach dem Vorfall beim Pokalspiel im September 2020 bestraft und der Verein ebenso. Nur der Pöbel-Fan nicht – auch weil es intern hakt.

Toni Leistner sucht nach dem Pokalspiel den direkten Kontakt zum Dynamo-Fan (weinrotes Shirt über ihm), der zuvor seine Familie massiv beleidigt hatte.
Toni Leistner sucht nach dem Pokalspiel den direkten Kontakt zum Dynamo-Fan (weinrotes Shirt über ihm), der zuvor seine Familie massiv beleidigt hatte. © Jan Huebner

Dresden. Die unschöne Sache zu Hause in Dresden ist fast ein Jahr her und aus Dynamo-Sicht noch nicht komplett aufgearbeitet, doch Toni Leistner hat gerade ganz andere, sportliche Sorgen. Vor dem Wiedersehen mit seinem Heimatverein ist der Verteidiger des Hamburger SV seinen Stammplatz aus der Vorsaison erst mal los.

Den Auftaktsieg auf Schalke erlebte er als Ersatzspieler. Und ist Leistner am Sonntag, wenn Dynamo beim HSV antritt, wieder nur Reservist, so heißt es aus dem Umfeld der Hamburger, könnte es sein, dass der bald 31-Jährige den Verein verlässt. Ob dann vielleicht sogar eine Rückkehr zu Dynamo, die der gebürtige Dresdner für den Abschluss seiner Karriere immer mal thematisiert hat, denkbar wäre?

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Der Konjunktiv ist nie ein guter Begleiter und im Ergebnissport Fußball gleich gar nicht. Da zählt oft allein das Hier und Jetzt. Geht es um Leistner und die Vorfälle beim Pokalspiel gegen den HSV im September 2020, will sich Dynamos Präsident Holger Scholze damit allerdings nicht begnügen.

Doch das seit langem schon angekündigte Ehrenratsverfahren gegen den Pöbel-Fan, der auch Dynamo-Mitglied ist, steht immer noch aus. Dieser hatte Leistner nach dem 4:1-Erfolg massiv beleidigt und dessen damals hochschwangerer Frau Josefin eine Fehlgeburt gewünscht. Daraufhin kletterte Leistner über die Mauer auf die Tribüne, ging dem Mann an den Kragen und drückte ihn auf die Treppenstufen.

Das hätte ihm niemals passieren dürfen, schrieb Leistner am gleichen Abend noch und entschuldigte sich für sein Verhalten. Mit Provokationen und Beleidigungen könne er normalerweise umgehen. „Doch dann ging es extrem unter die Gürtellinie gegen meine Familie, meine Frau und meine Tochter. In dem Moment sind mir die Sicherungen durchgebrannt“, sagte Leistner.

Bei der nachgeholten Mitgliederversammlung am 21. Juni wurde Holger Scholze als Dynamo-Präsident wiedergewählt. Jetzt will er den Fall Leistner zu Ende bringen.
Bei der nachgeholten Mitgliederversammlung am 21. Juni wurde Holger Scholze als Dynamo-Präsident wiedergewählt. Jetzt will er den Fall Leistner zu Ende bringen. © dpa/Robert Michael

Mit dem Pöbel-Fan hatte er am Tag danach telefoniert, damit sei die Sache für ihn erledigt gewesen. Das DFB-Sportgericht verurteilte ihn zu je zwei Spielen Sperre in Liga und Pokal sowie zu einer Geldbuße von 6.000 Euro. Und auch Dynamo wurde bestraft: mit 2.000 Euro, zu zahlen wegen „unsportlicher Verhaltensweisen“ von Zuschauern.

Der Auslöser des Eklats, der Pöbel-Fan also, wurde bisher nicht belangt. „Die sorgfältige Prüfung des Vorfalls dauert noch an. Auf Antrag des Präsidiums beschäftigt sich der Ehrenrat mit dem Fall und wird entscheiden, ob und wenn ja, welche Konsequenzen der Verein aus seiner Satzung heraus ziehen kann“, hat Dynamos damaliger Interimsgeschäftsführer Enrico Kabus im November 2020 gesagt. Nur ist das auch jetzt noch der aktuelle Stand.

Das Ehrenratsverfahren, das betont der vor einer Woche als Präsident wiedergewählte Scholze, soll es aber auf jeden Fall geben. „Fakt ist: Das Verhalten dieses Zuschauers ist zu verurteilen. Es wird definitiv nichts unter den Teppich gekehrt, wir sind auch immer noch in regelmäßigem Kontakt mit Toni Leistner“, sagt Scholze auf Nachfrage von Sächsische.de. Er könne allerdings nachvollziehen, dass der Eindruck entstehen könnte, es habe sich nichts getan in der „unsäglichen Geschichte“, wie sie Scholze bezeichnet. Dies sei nicht so, merkt er an und erklärt, weshalb die Aufarbeitung ins Stocken geraten ist.

Inzwischen ist der Antrag für den Ehrenrat fertiggestellt

In den Tagen und Wochen nach dem Pokalspiel habe Dynamo zunächst Zeugen ausfindig gemacht und zudem mit vielen Beteiligten gesprochen. Scholze erzählt zudem, dass der Verein ein kleines Mädchen, das hautnah das Handgemenge auf der Tribüne miterlebte, im Oktober 2020 zum Heimspiel gegen den FSV Zwickau eingeladen hatte.

Auch hat er immer wieder neu feststellen müssen, wie komplex die Gemengelage ist – bei den Vorfällen im Stadion ebenso wie offenbar beim Einleiten des Ehrenratsverfahrens. Die dafür nötige interne Aufarbeitung sei im Laufe der Saison von der Aktualität überlagert worden. Scholze bezieht sich auf die sich ständig verändernden Corona-Lagen, was unter anderem auch Konsequenzen hatte für die Durchführung der Mitgliederversammlung sowie den Geschäftsführerwechsel im Verein.

Nach Informationen von Sächsische.de soll darüber hinaus der Ehrenrat nicht unbedingt an einem solchen Verfahren interessiert gewesen sein. Das Gremium fand indes aber die Zeit und Muße, Scholze mit einem Verweis und 250 Euro Ordnungsgeld zu bestrafen wegen angeblicher Schleichwerbung in einem Interview auf der Vereinshomepage.

Auf der Mitgliederversammlung in der Vorwoche hat der Präsident erklärt, diese Sache mit einem Einspruch nicht größer zu machen als sie ist. Viel wichtiger ist ihm das Verfahren gegen den Pöbel-Fan. Und das wird es geben, davon ist Scholze nach wie vor überzeugt.

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„Inzwischen haben wir den Antrag fertiggestellt“, sagt er. Nachdem auch die Mitgliederversammlung absolviert ist, will das Präsidium das Schriftstück nun beim neu gewählten Ehrenrat einreichen. Das Gremium muss dann entscheiden, ob und wie es in dem Fall entscheidet. Die Spanne reicht bei vereinsschädigendem Verhalten vom Verweis über ein Ordnungsgeld bis 1.000 Euro bis hin zum befristeten oder dauerhaften Ausschluss.

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