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Kriegt Dynamo nach Corona ein Zuschauerproblem?

Vereine fürchten, dass nach dem Ende der Beschränkungen die Tribünen leerer sein werden - nicht nur im Fußball. Die Sorge ist berechtigt, sagt Fanforscher Harald Lange.

Leere Ränge als Dauerzustand? Auch bei Dynamo wurde das Ticket-Kontingent vor dem zweiten Lockdown nicht voll ausgeschöpft.
Leere Ränge als Dauerzustand? Auch bei Dynamo wurde das Ticket-Kontingent vor dem zweiten Lockdown nicht voll ausgeschöpft. © Jan Huebner

Herr Lange, bei den Vereinen geht die Angst um, dass die Zuschauertribünen nach dem Ende der Corona-Beschränkungen leerer sein werden als vor einem Jahr. Ist diese Sorge berechtigt?

Auf jeden Fall. Wenn wir auf die vergangenen sechs, sieben Monate blicken, gibt es viele Indizien, die darauf hindeuten, dass es so kommt, wie von den Klubs befürchtet. So wurden etwa die ohnehin dezimierten Ticketkontingente nicht komplett verkauft. Das zeigt, dass das Interesse der Fans zurückgegangen ist. Und das gilt für das gesamte Produkt Profifußball. Ablesen lässt sich das an den Einschaltquoten im Fernsehen, das betrifft nicht nur die Spiele der Nationalmannschaft, sondern auch die der Bundesliga. Die Zahlen bei Sky und der ARD-Sportschau sind ebenfalls rückläufig.

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Vielleicht haben die Menschen einfach Angst, sich anzustecken. Oder sie bleiben zu Hause, weil sie nicht in einem fast leeren Stadion sitzen wollen.

Natürlich gibt es nicht nur die eine Ursache und natürlich haben die Leute Angst, sich zu infizieren. Allerdings waren die Hygienekonzepte sehr gut und die zugelassenen Zuschauerzahlen zuletzt so klein, dass da niemand um seine Gesundheit fürchten musste. Trotzdem blieben Karten liegen, und das ist ein deutlicher Hinweis auf ein schwindendes Interesse.

Was ist dann die Ursache?

Die zunehmende Distanz zwischen den Fans auf der einen Seite und den Leuten in den Chefetagen des deutschen Fußballs auf der anderen. In der Pandemie ist noch deutlicher geworden, dass es den Verbänden und Klubs vor allem um die Gewinnmaximierung geht. Da wird jetzt nicht mal mehr versucht, das sprachlich zu verschleiern. Ganz offen wird übers Geschäft geredet und von Profis, die ihrem Beruf nachgehen. In ihrem privaten Umfeld erleben die Menschen den Lockdown, die Beschränkungen, die Sorge um den Arbeitsplatz. Vor diesem Hintergrund wird die Entwicklung im Profifußball hin zu einer radikalen Kommerzialisierung noch schärfer als bisher als Bruch mit der eigenen Realität wahrgenommen. Die Corona-Krise wirkt da quasi als Beschleuniger.

Die Fans spüren also gerade, dass der Ball auch ohne sie rollt und sie offenbar doch nicht das Wichtigste im Fußball sind, wie das die Vereine immer wieder betonen?

Genau das ist die Botschaft: Es geht einfach weiter wie bisher. Es gibt Meister und Absteiger, ob da Fans dabei sind oder nicht, ist zweitrangig. Viel wichtiger ist, dass sie TV-Abos und Merchandising-Produkte kaufen, also Geld ins System pumpen. Das führt zu einer Unzufriedenheit, die es vor Corona auch schon unter der aktiven Fanszene gab und die in den Protesten gegen Dietmar Hopp (Mäzen der TSG Hoffenheim/Anm. d. A.) gipfelten. Neu ist, dass die negative Haltung gegenüber dem Profifußball nun weitere, größere Kreise zieht. Anhänger quer über alle Tribünen-Bereiche hinweg werden ihre Leidenschaft zurückfahren und sich abwenden – und das millionenfach. Das Fatale ist, dass viele Funktionäre diesen Entfremdungsprozess nicht wahrhaben wollen und meinen, das würde sich schon von alleine wieder einrenken. Das ist jedoch ein Trugschluss.

Harald Lange, 52, ist Professor für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg und gründete 2012 das Instituts für Fankultur.
Harald Lange, 52, ist Professor für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg und gründete 2012 das Instituts für Fankultur. © Universität Würzburg

Ihr Kollege, der Soziologe und Fanforscher Gunter A. Pilz, prognostiziert genau das Gegenteil. Er sagt, die Zuschauer werden den Vereinen nach dem Ende der Zulassungsbeschränkungen die Bude einrennen, weil sie das Stadionerlebnis so sehr vermisst haben.

Natürlich könnte auch das eintreten, aber dafür müssten die Vereine jetzt Maßnahmen ergreifen. Sie sollten den Zuschauern das Gefühl geben, dass sie diese Distanz abbauen und sich wieder an der Basis orientieren – und zwar nicht mit folkloristischen Festtagsreden, sondern mit handfesten Maßnahmen. Und da sehe ich momentan nichts.

Was wären denn handfeste Maßnahmen?

Sie müssten erst einmal begreifen, warum sich diese emotionale Distanz aufgebaut hat – und dann gegensteuern. Zum Beispiel, indem man wieder mehr Nähe zu den Fans zulässt und Entscheidungen trifft, die den Zuschauern das Gefühl geben: Wir werden gebraucht.

In Zeiten von Corona und Geisterspielen ist mehr Nähe aber schwierig.

Ich meine auch etwas ganz anderes. Die Klubs müssten die Fans strukturell mehr einbinden, zum Beispiel, in dem die Satzungen so geändert werden, dass die Interessen der Basis ein Gewicht bekommen.

Dynamo Dresden versteht sich schon lange als basisdemokratischer Verein. Könnte er deshalb also als Gewinner aus dieser Krise hervorgehen?

Zumindest schätze ich bei Dynamo die Gefahr, dass sich die Anhänger entemotionalisieren, geringer ein als bei anderen Vereinen. Dresden leistet schon länger eine authentische Fanarbeit und veranstaltet keinen Klamauk, der dann eine Pseudo-Nähe vorgaukelt. Vereine wie Dynamo, Union Berlin und der FC St. Pauli könnten durchaus Vorbilder sein.

Droht nicht noch aus einer ganz anderen Ecke eine Gefahr für die Vereine? Die Menschen merken gerade, dass sie an Wochenenden ohne Stadionbesuch mehr Zeit für die Familie und Hobbys haben und auch nicht mehr so viel Geld ausgeben.

Bei den aktiven, organisierten Fans zieht dieser pragmatische Grund, denke ich, nicht. Die leiden gerade wirklich und sie halten auch noch eine Weile durch. Bei den anderen Zuschauern könnte das aber durchaus so eintreten. Die dann wieder zurückzuholen, wird schwer.

Wie sieht es bei anderen Sportarten aus. Drohen den Vereinen im Handball, Eishockey, Volleyball und Basketball ähnliche Probleme?

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Zum Teil. Dass sich Menschen gerade von ihrem Verein und ihrer Mannschaft entwöhnen, weil sie keinerlei Kontakt mehr haben können, trifft auch diese Sportarten. Ebenso wie die Angst vor einer Ansteckung. Aber im Handball oder Basketball gibt es nicht solch eine Distanz zu den Fans. Weil die Vereine da mangels TV-Geldern viel abhängiger von den Zuschauereinnahmen sind, hat man auch ganz anders mit den Anhängern gearbeitet. Corona ist da also kein Beschleuniger der Entfremdung, im Fußball schon.

Gespräch: Daniel Klein

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