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Warum ein Friseur einen Brief an Dynamo schreibt

Ein haariges Thema oder Haarspalterei? Frisch gestylte Köpfe bei Fußballern verstören einen Berufsstand – und einen Dresdner. Auch der Verein äußert sich.

Wer bei Panagiotis Vlachodimos, Kevin Ehlers, Ransford-Yeboah Königsdörffer und Julius Kade (v.l.) die Haare gekürzt hat, wissen nur sie selbst.
Wer bei Panagiotis Vlachodimos, Kevin Ehlers, Ransford-Yeboah Königsdörffer und Julius Kade (v.l.) die Haare gekürzt hat, wissen nur sie selbst. © Bildstelle

Dresden. Es ist ein haariges Thema. Und offenbar eins, das einen ganzen Berufsstand umtreibt. Wie nur kann es sein, fragen sich viele der in Deutschland beschäftigten 240.000 Friseure, dass in diesen Tagen Fußballer mit akkurat gestutztem Kopfhaar auf den Platz laufen, wenn doch die Studios und Salons wegen des Corona-Lockdowns seit gut einem Monat geschlossen sind?

Der ranghöchste Friseur hierzulande stellte die Frage auch ganz offiziell Fußball-Boss Fritz Keller. In einem offenen Brief wunderte sich Harald Esser, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks, über „einrasierte Scheitel, auf wenige Millimeter getrimmtes Nacken- und Schläfenhaar und saubere Konturen“, kurzum also über „Frisuren, die nur professionelle Friseurinnen und Friseure mit Profi-Equipment schneiden können“. Die Folgen, beschreibt Esser in seinem Brief, wären „Unmut gegenüber topgestylten Fußballern und in der Folge Kundenanrufe, die zu Schwarzarbeit und Regelverstößen wie Hausbesuchen überreden wollen“. Und beides würde wachsen.

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Eine Antwort bekam er bisher weder vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) und dessen Präsidenten Keller, noch von der für die 1. und 2. Bundesliga zuständigen Deutschen Fußball-Liga (DFL). In Dresden fand Esser einen Kollegen, der offenbar ähnlich denkt. Christoph Steinigen, der in der Neustadt einen Salon betreibt, bei dem auch schon Dynamo-Spieler Kunden waren, formulierte sein Anliegen ebenfalls in Briefform und veröffentlichte es auf Facebook. Gerichtet ist es an die „liebe SG Dynamo Dresden“, der Inhalt freundlich im Ton und bestimmt in der Sache. „Ich vermisse gerade den Respekt von einigen Spielern nicht nur bei der SGD, sondern in den gesamten Ligen – Respekt vor den geschlossenen Betrieben“, schreibt Steinigen.

"Gibt es Ausnahmen oder gar einen Promi-Bonus?"

Und weiter: „Wir Friseure sind im Lockdown, einige wissen nicht, wie sie über die Runden kommen sollen. Was die Branche nicht versteht, ist, wie es sein kann, dass Fußballspieler mit einem frisch geschnittenen Haarschnitt auflaufen, obwohl jeder Körperkontakt vonseiten der Gesundheitsämter verboten ist. Oder gibt es Ausnahmen innerhalb der Ligen, von denen unsere Branche nichts weiß? Gar einen Promi-Bonus? Ich bitte Sie und die Liga: Fordern Sie ihre Spieler dazu auf, sich nicht mehr die Haare schneiden zu lassen, bis wir die Maschine/Schere wieder in die Hand nehmen dürfen!“

Bei der Partie gegen Türkgücü München am vergangenen Montag standen vier Dynamo-Spieler mit auffallend geschorenen Haaren auf dem Platz. Ob da aber tatsächlich Profis Hand angelegt hatten, Bekannte oder Verwandte oder womöglich sogar sie selbst, können nur die Spieler beantworten. Dynamos Sportdirektor Ralf Becker stellt auf SZ-Anfrage klar, dass „Friseurbesuche Privatsache der Spieler sind und bleiben“. Und dort würde der Verein sie „nicht überwachen und kontrollieren. Wir lehnen allgemeine Unterstellungen ab, und es steht uns auch gar nicht zu, darüber zu befinden, wann und wo sich jemand die Haare schneiden lässt.“

Vielmehr appelliert Becker an Pflichtgefühl und Gewissen – auch bei den eigenen Angestellten. „Sich an Regeln zu halten, hat (...) vor allem etwas mit Solidarität und Eigenverantwortung zu tun. In diesem Punkt ist gerade die gesamte Gesellschaft gefordert – und dazu gehören selbstverständlich auch Menschen, die wie Fußball-Profis in der Öffentlichkeit stehen. Aber am Ende muss jeder selbst in den Spiegel schauen und sich fragen, ob er alles in seinem eigenen Einflussbereich unternimmt, um seinen Teil zu dieser gesamtgesellschaftlichen Herausforderung beizutragen“, erklärt er.

DFB verschiebt Dynamos letztes Hinrundenspiel

In den nächsten Tagen bleibt den Profis genügend Zeit, das eigene Spiegelbild anzuschauen. Der DFB hat am Donnerstag wie erwartet das für Samstag angesetzte letzte Hinrundenspiel gegen den SV Wehen Wiesbaden verschoben. Einen neuen Termin gibt es noch nicht. Nachdem Trainer Markus Kauczinski und eine weitere Person aus dem Mannschaftskreis positiv auf Covid-19 getestet worden waren, muss das gesamte Team für fünf Tage in häusliche Isolierung. Danach wird erneut getestet, bei weiteren Fällen drohen erneut Verschiebungen von Partien.

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Auch die Spielergewerkschaft VdV hat sich zum Brief der Friseurinnung gemeldet und empfindet die Vorwürfe als Haarspalterei. Frisch gestylte Haare wären nicht automatisch Folge eines Normverstoßes, so VdV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky. Er vermutet dahinter vielmehr Fachpersonal im privaten Umfeld der Spieler. Das wäre allerdings eine ungewöhnliche Ballung eines Berufsstandes. (mit dpa/sid)

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