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Das Problem der Dynamo-Fans mit dem Investor

Warum die Dresdner Anhänger den Verkauf von Geistertickets fürs Spiel bei Türkgücü München boykottieren – das sind die Hintergründe.

Ein neuer Gegner für Dynamo Dresden. Doch vor dem Spiel am Montag gab es bei Türkgücü München einige Aufregung.
Ein neuer Gegner für Dynamo Dresden. Doch vor dem Spiel am Montag gab es bei Türkgücü München einige Aufregung. © Fotostand

Dresden. Kommando zurück, der Investor bleibt. Türkgücü München, Dynamos Gegner am Montagabend, steht damit nicht mehr vor dem finanziellen Aus. Hasan Kivran, der vor Weihnachten seinen Rückzug zum Jahresende angekündigt hatte und seine Anteile an der Fußball GmbH – das sind 89 Prozent – verkaufen wollte, hat es sich nun doch anders überlegt. „Meine nach wie vor hohe Begeisterung und Leidenschaft für diesen Verein steht außer Frage“, wurde der 54 Jahre alte Geschäftsmann am Samstag in einer Mitteilung zitiert.

Kivran, der eine Vermögensverwaltung betreibt, ist 2016 bei Türkgücü eingestiegen und hat seitdem nach eigenen Angaben mehrere Millionen Euro für den sportlichen Aufstieg investiert. Mit dem Geld marschierte der Klub von der sechsten bis in die 3. Liga durch. Das Modell allerdings ist mindestens umstritten, Dynamos aktive Fanszene lehnt es kategorisch ab und boykottiert deshalb einen Verkauf von Gäste-Geistertickets. Türkgücü hatte Dresdner Anhängern angeboten, Karten für je fünf Euro zu kaufen, für je 20 Stück sollten sie beim Spiel ein Transparent im Grünwalder Stadion in München aufhängen dürfen.

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„Wir appellieren an den gesunden Menschenverstand aller Dynamofans, diese Kartenaktion nicht zu unterstützen und sich weiterhin eindeutig von dieser Art des ,modernen Fußballs‘ zu distanzieren“, erklärte die Gruppe „kblockdynamo“ in einer Stellungnahme bei Instagram. Man distanziere sich seit vielen Jahren von vermeintlichen Investoren, „die Fußballvereine nur noch als Spielzeug und finanzielle Spekulationsobjekte betrachten“.

Hasan Kivran hatte angekündigt, seine 89 Prozent Anteile an der Spielbetriebs-GmbH von Türkgücü München abgeben und aussteigen zu wollen. Nun bleibt er doch dabei.
Hasan Kivran hatte angekündigt, seine 89 Prozent Anteile an der Spielbetriebs-GmbH von Türkgücü München abgeben und aussteigen zu wollen. Nun bleibt er doch dabei. © Bildagentur kolbert-press

Diese Entwicklung sehen auch die Verantwortlichen bei Dynamo kritisch. „Es ist grundsätzlich schlecht, dass es in der Liga mit Türkgücü München und Uerdingen zwei Vereine gibt, die von Investoren geführt sind und bei denen es Probleme gibt, ob sie die Saison zu Ende spielen können“, sagte Sportgeschäftsführer Ralf Becker am Freitag, also vor dem Rückzug vom Ausstieg von Kivran bei Türkgücü. Bei Uerdingen will der russische Multimillionär Mikhail Ponomarev seine Unterstützung im Sommer einstellen.

Das Thema sei sehr komplex, meint Becker. „Ich bin sehr froh, dass ich bei einem Verein arbeite, der natürlich durch seine Form auch andere Schwierigkeiten hat“, meint der 50 Jahre alte Manager. „Es ist traditioneller, so, wie ich den Fußball als Kind kennengelernt habe mit Mitgliedern und Fans, wo es normal ist, dass man sich ein bisschen zofft und diskutiert.“ Das Selbstverständnis als mitgliedergeführter Verein ist im Leitbild verankert. „Wir bleiben unabhängig“, lautet Punkt vier.

Dynamos Erfahrungen mit Kinowelt

Versuche möglicher Investoren seien in Dresden stets im Keime erstickt worden, heißt es in der Erklärung der Fans. Das gilt jedoch in der Konsequenz erst nach der Erfahrung mit einem Vermarkter. Von 1999 bis 2001 war der Medienunternehmer Michael Kölmel mit der Kinowelt über ein Darlehen bei Dynamo maßgeblich an finanziellen wie personellen Entscheidungen auf allen Ebenen beteiligt. „Wir waren Marionetten und hatten überhaupt keine Chance, Trainer oder Spieler zu verpflichten oder uns gegen einen Transfer zu wehren“, berichtete der damalige Geschäftsführer Volkmar Köster über diese Vereinnahmung für das Buch „Dynamo Dresden. Legenden. Schicksale. Geschichten“.

Die in dieser Zeit aufgelaufenen Schulden summierten sich mit Zinsen auf 5,845 Millionen Euro, die letzte Rate konnte am 21. März 2016 zurückgezahlt werden, zudem mussten die Fernsehrechte für weitere gut 1,8 Millionen Euro von dem Unternehmer zurückgekauft werden. Die Mitglieder waren durch zwei Sonderumlagen, die mehr als 2,1 Millionen Euro brachten, an der Entschuldung maßgeblich beteiligt.

Nun wird im Leitbild der Anspruch formuliert: „Durch nachhaltiges und strategisches Wirtschaften wahren wir unsere Souveränität und schaffen Werte für unseren Verein. Hingabe, Professionalität und Innovation zeichnen unsere Arbeit aus.“

Als der Gegenentwurf schlechthin wird dabei RB Leipzig gesehen, aus Dynamo-Sicht ein reines Marketingprojekt des österreichischen Brause-Millionärs Dietrich Mateschitz. Ein Vereinsleben im herkömmlichen Sinne gibt es bei – nach eigenen Angaben – 17 stimmberechtigten und etwa 300 weiteren Fördermitgliedern nicht.

Türkgücü sehen sie ähnlich. Der Klub, der übersetzt türkische Kraft heißt, wurde ursprünglich 1975 von türkischen Migranten in München gegründet und hatte seine bis dato erfolgreichste Zeit zwischen 1988 und 1992 sowie von 1994 bis 1996, als die Mannschaft in der damals drittklassigen Bayernliga spielte. Doch 2001 war der Verein pleite und wurde aufgelöst. Der neu gegründete Türkische SV München fusionierte 2009 als Kreisligist mit dem SV Ataspor. Mit dem Einstieg von Hasan Kivran vor vier Jahren begann der steile sportliche Aufstieg bis zum ersten Migrantenverein im deutschen Profi-Fußball.

Klage wegen Startrecht im DFB-Pokal

Allerdings hatte Türkgücü schon vor der Premiere in der 3. Liga auf sich aufmerksam gemacht, indem man sich in den DFB-Pokal einklagen wollte. Normalerweise darf der bayerische Regionalliga-Gewinner in der ersten Runde dabei sein. Weil die Saison aber wegen der Corona-Pandemie unterbrochen worden war, gab es einen Kompromiss: Türkgücü sollte als Tabellenführer zum Zeitpunkt des Lockdowns im Frühjahr in die 3. Liga aufsteigen, Schweinfurt als Zweiter im Pokal starten dürfen. Das Oberlandesgericht München lehnte den Einspruch von Türkgücü ab, Schweinfurt unterlag Schalke 04 mit 1:4.

Für Dynamo ist Türkgücü ein neuer Gegner in der Vereinsgeschichte, wobei es zum Wiedersehen mit einem Bekannten kommt. Stürmer Petar Sliskovic, mit elf Treffern auf Platz zwei der Torjägerliste, hatte 2012/13 bei neun lediglich kurzen Einsätzen für die Schwarz-Gelben nicht getroffen. Türkgücü hat zwar im Januar bereits vier Abgänge verzeichnet, will aber Leistungsträger halten, was mit dem Verbleib des Investors leichter fallen dürfte.

Laut Informationen des Kicker bilanzieren die Münchner nach einem Minus von 1,9 Millionen Euro in der Saison 2019/20 für die laufende Spielzeit Einbußen von etwa vier Millionen Euro. Kivran widersprach allerdings Aussagen, wonach der Klub verschuldet sei, und kündigte an, den vom DFB geforderten Nachweis der Liquidität in den nächsten Tagen zu erbringen. Dafür müssen etwa zwei Millionen Euro hinterlegt werden.

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