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Dynamos Wiedersehen mit dem "frischen Wind"

Daniel Ziebig hat mit den Schwarz-Gelben eine sportlich wie finanziell schwierige Zeit erlebt, ist zweimal aufgestiegen. Jetzt ist er Co-Trainer in Halle - seine Erinnerungen.

Daniel Ziebig ist seit Juni Co-Trainer beim Halleschen FC. Bei Dynamo hat er einst als junger Spieler ein für den Verein überlebenswichtiges Tor erzielt.
Daniel Ziebig ist seit Juni Co-Trainer beim Halleschen FC. Bei Dynamo hat er einst als junger Spieler ein für den Verein überlebenswichtiges Tor erzielt. © Fotostand

Dresden. Im jugendlichen Überschwang haut Daniel Ziebig mal so einen raus: „Ich habe noch mal frischen Wind gebracht“, sagt der damals 19-Jährige nach Dynamos Zittersieg. Tatsächlich trifft er zum 3:1-Erfolg. Als er in der 80. Minute eingewechselt worden war, stand es noch 1:1, das hätte nicht zum Staffelsieg in der Amateuroberliga gereicht. Diese Geschichte ist also lange her, im Mai 2002 spielten die Dresdner in Eisenhüttenstadt gegen Hoyerswerda und mussten gewinnen, um im Fernduell mit Plauen die Aufstiegsrelegation zu erreichen.

„Um mich daran zu erinnern, brauche ich kein Video, es läuft sofort ein Film vor meinen Augen ab“, sagt Ziebig, inzwischen 37 Jahre alt und Co-Trainer beim Halleschen FC. Die Erlebnisse von einst spielen beim Wiedersehen am Samstag zwar keine Rolle, bleiben aber unvergessen, zumal es für Dynamo damals wirklich ums Überleben ging. Wenn die Mannschaft mit Trainer Christoph Franke den Aufstieg verpasst hätte, wäre der Verein pleite gewesen.

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Das war Ziebig bewusst. „Wenn du als junger Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in so ein Spiel geworfen wirst, das für den Verein überlebenswichtig ist, sagst du hinterher im Interview frei Schnauze, was du denkst“, sagt er und lacht. Seitdem wird „Ziebe“ auch „der frische Wind“ genannt. Die legendäre Partie war erst sein vierter Einsatz bei den Profis, der Junior absolvierte eine Lehre als Koch und arbeitete in einem Dresdner Hotel.

Auch am Abend vor dem Relegationsspiel gegen die zweite Mannschaft von Hertha BSC. „Ich habe die Buffets vorbereitet, wenn Busse mit Touristen kamen“, erzählt er. Diesmal war es ausgerechnet die gegnerische Mannschaft, die hier Quartier bezog. „Ich habe unseren Küchenchef gefragt, ob ich denen nicht hier schon mal die Suppe versalzen könnte. Der reagierte aufgeregt: Um Gottes Willen, nein! Ich hatte es natürlich als Spaß gemeint.“

Die Fans springen als Brustsponsor ein

Bis 22 Uhr hat Ziebig gearbeitet, saß am nächsten Tag auf der Ersatzbank und hoffte auf einen Kurzeinsatz. Doch bereits in der 24. Minute musste Dennis Koslov, der beste Torschütze, mit einem Kreuzbandriss raus – und Ziebig rein, „vor 30.000 Fans im Stadion“, wie er meint. Es waren nur 17.800, viel mehr durften nicht ins brüchige Rudolf-Harbig-Stadion. Das Tor des Tages aber ist präsent: „Steffen Heidrich macht mit einem Schuss aus der Drehung das 1:0.“

Es war ein eisiger Abend am 14. Dezember 2002 - und genauso eiskalt war Dynamo beim 2:1-Sieg gegen Chemnitz. Maik Wagefeld (l.) und Daniel Ziebig können sich also freuen. Die Mannschaft geht als Spitzenreiter in die Winterpause und steigt am Ende auf.
Es war ein eisiger Abend am 14. Dezember 2002 - und genauso eiskalt war Dynamo beim 2:1-Sieg gegen Chemnitz. Maik Wagefeld (l.) und Daniel Ziebig können sich also freuen. Die Mannschaft geht als Spitzenreiter in die Winterpause und steigt am Ende auf. © Archivfoto: Lutz Hentschel

Eine gute Basis fürs Rückspiel. „Wir sind durch Berlin gefahren, haben überall Schwarz-Gelbe gesehen, dann das 0:0 nach leidenschaftlichem Kampf und die Fans auf dem Rasen – das ist unbeschreiblich und mit Geld nicht aufzuwiegen“, sagt Ziebig. Dabei ist Geld durchaus ein Thema in dieser Zeit, und zwar ein heikles. Denn in Dynamos Kasse klaffte chronisch ein Loch, die Fans springen sogar als „Brustsponsor“ ein, sammeln 150.000 Euro. Spieler bekamen ihr Gehalt in Raten, manchmal gar nicht.

Es kam vor, dass der Trainer dem jungen Ziebig ein paar Euro leiht oder er Mitspieler anpumpen muss. „Ich hatte zwar durch meine Lehre ein gewisses Einkommen, musste aber auch Miete bezahlen. René Beuchel oder Maik Wagefeld haben ausgeholfen, aber eines war in dieser Hierarchie klar: Das Geld muss wie vereinbart zurück sein, sonst gibt’s Ärger.“ Den hatte er jedoch nie bekommen, überhaupt ging der Teamgedanke über die Mannschaft hinaus. „Mit den Trainern, Holger Leyser als Mannschaftsleiter, unserem Arzt Sigurd Hegner – das war sehr familiär. Man konnte sich jedem anvertrauen, auch wenn privat etwas anlag.“

Dieses Gemeinschaftsgefühl war angesichts der begrenzten finanziellen Möglichkeiten der Schlüssel zum Erfolg. Zwei Jahre, nachdem die Insolvenz gerade so abgewendet worden war, kehrte Dynamo mit dem Aufstieg in die 2. Bundesliga in den Profifußball zurück. Beim vorentscheidenden Heimspiel gegen Neumünster im Mai 2004 waren weit mehr als die offiziell zugelassenen 18.800 Zuschauer im Stadion, das DFB-Sportgericht ging später von „mindestens 28.000, vermutlich sogar noch mehr“ aus und verdonnerte Dynamo für die zu große Begeisterung zu 45.000 Euro Strafe. Der 1:0-Sieg war es wert und die anschließende Niederlage in Uerdingen egal.

Erst Party auf Mallorca, dann Diagnose Kreuzbandriss

Das dachte auch Ziebig, als er mit rund 35.000 Anhängern auf dem Dresdner Altmarkt feierte und mit den Mitspielern zur Neun-Tage-Party nach Mallorca flog. Die Schmerzen im Knie wollte er nicht wahrhaben. „Ich konnte nicht mal schwimmen.“ Diagnose: Kreuzbandriss. Erst in der Rückrunde war er wieder dabei, hatte noch acht kürzere Einsätze in der zweiten Liga, bevor er zum Hamburger SV wechselte.

Das stand schon lange fest, damals banden die Klubs ihre Wunschspieler mit Vorverträgen. „Bevor es offiziell war, stand es in der Zeitung. Christoph Franke hat mich beiseitegenommen, mir den Artikel gezeigt – ich bin knallrot angelaufen“, sagt Ziebig. „Er war natürlich sehr enttäuscht, aber für mich war das eine große Chance, auch wenn viele sagten: Was will der dort, in Hamburg spielt er doch keine Rolle?“ Das, räumt er ein, sei dann ja auch so gewesen. „Ich habe dort nie richtig Fuß gefasst.“

Trotzdem sei es eine wichtige Erfahrung gewesen und wer weiß, ob er sonst das Angebot von Energie Cottbus bekommen hätte. Dorthin wechselte er im Januar 2005, stieg mit den Lausitzern in die Bundesliga auf. Jahre später traf er Peter Pacult in einer Disco. Der Österreicher hatte im Dezember 2005 Franke als Chefcoach bei Dynamo abgelöst. „Er meinte: Ich habe einen Fehler gemacht, wollte nicht, dass du nach Dresden kommst, tut mir leid“, erinnert sich Ziebig.

Gerüchte, er würde zurückkehren, gab es einige Male, aber eben nie eine Anfrage vom Verein. Für Cottbus spielte er 78-mal in der Bundesliga – und weiß das einzuordnen. „Ich kann sagen, aus meinen Möglichkeiten das Beste gemacht zu haben. Wille, Leidenschaft, Mentalität standen bei mir an erster Stelle, weniger das, was mit dem Ball passierte“, sagt er. „Wenn man als Linksfuß einigermaßen geradeaus laufen kann, ist die Chance größer.“

Nach siebeneinhalb Jahren bei Energie entschied er sich 2013 für den Wechsel nach Halle – und gegen Duisburg. „Sie haben mir wesentlich mehr Geld und einen Drei-Jahres-Vertrag geboten, aber die Nähe zur Heimat und die Perspektive nach der Karriere waren mir wichtiger.“ Ziebig stammt aus Gröditz, schon mit fünf Jahren hat er bei der TSG Fußball gespielt.

"Ich war bestimmt nicht immer ein Musterschüler"

Alfons Schnorpfeil, sein erster Übungsleiter, sei streng gewesen. „Da flossen auch mal Tränen, aber er hatte ja Recht. Ich war bestimmt nicht immer ein Musterschüler.“ Mit 13 Jahren fiel er bei einem Turnier in Auerbach den Dynamo-Spähern Dieter Riedel und Ralf Minge auf. „Als Kind war ich bei den Bundesliga-Spielen in Dresden. Es war ein Traum, zu Dynamo zu gehen.“

Die Zeit sei prägend für sein Leben gewesen. „Ich habe vielen Leuten eine Menge zu verdanken“, sagt Ziebig. Trotzdem will er seinen Ex-Verein am Samstag mit Halle ärgern. Nach seinem Karriereende 2015 ist er als Co-Trainer bei der A-Jugend eingestiegen, hat dann die U17 übernommen und parallel die A-Lizenz erworben. Als der HFC vorige Saison im Abstiegskampf mit Florian Schnorrenburg einen neuen Chefcoach holte, wurde Ziebig dessen Assistent. „Wir haben die gleiche Idee vom Fußball und es funktioniert auch zwischenmenschlich. Es ist für mich eine Freude, morgens aufzustehen und zur Arbeit zu gehen.“

Erfolgreich sind sie obendrein, haben die Klasse letztlich souverän gehalten, in dieser Saison bereits sechsmal gewonnen, dreimal in Folge vor der Niederlage vergangene Woche beim starken Aufsteiger Verl. „Danach hatten die Jungs zwei Tage Zeit zur Regeneration. Jeder freut sich darauf, gegen den Spitzenreiter und so einen Traditionsverein zu spielen“, sagt Ziebig – und blendet dabei die Erinnerungen an die guten, alten Zeiten auch mal aus.

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