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So legt Wehlend bei Dynamo los

Der neue Geschäftsführer erklärt, warum Dresden mit einem anderen Weg als RB Leipzig erfolgreich sein kann und muss – das ist sein Fünf-Punkte-Plan.

Jürgen Wehlend schaut kurz beim Training der Dynamo-Profis zu. Als der neue kaufmännische Geschäftsführer verfolgt er mit Sportchef Ralf Becker ein gemeinsames Ziel.
Jürgen Wehlend schaut kurz beim Training der Dynamo-Profis zu. Als der neue kaufmännische Geschäftsführer verfolgt er mit Sportchef Ralf Becker ein gemeinsames Ziel. © Steffen Kuttner

Dresden. Der Mann hat keine Zeit zu verlieren. Jürgen Wehlend will sich in vielen Gesprächen ein genaues Bild von der Lage bei Dynamo machen. Allerdings hat der 55 Jahre alte Dresdner, der nach drei Jahrzehnten aus Osnabrück in die Heimat zurückkehrt, selbst eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wohin er den Verein als Geschäftsführer bringen will. Dabei orientiert er sich am Leitbild. Punkt drei: „Wir sind Bundesligist.“ Punkt zwölf: „Wir haben einen Traum. Das 100. Spiel im Europapokal wird ein Teil unserer Geschichte sein.“

Man kann das anspruchsvoll nennen oder illusionär, Wehlend meint es ernst und stellt die Gegenfrage: „Warum nicht?“ Bis es soweit ist, brauche es jedoch Geduld. Die fünf Schwerpunkte seiner Arbeit:

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Die Corona-Krise meistern

Mit jedem Geisterspiel im Rudolf-Harbig-Stadion fehlen rund 300.000 Euro, bis zu sechs Millionen gehen Dynamo wegen der Corona-Pandemie bis Saisonende verloren. Als „extrem bedrohlich“, bezeichnet Wehlend die Verluste. Der Verein habe aber in den vergangenen Jahren hervorragend gearbeitet und eine gute Basis geschaffen. Jetzt müsse man nach Möglichkeiten suchen, die Erträge zu sichern und Sparpotenzial zu nutzen. Kurzarbeit sei – wie bereits praktiziert – ein zentrales Thema.

„Man muss solche Krisen als produktiven Zustand ansehen und ihnen damit ein bisschen den Schrecken nehmen“, meint Wehlend. Für ihn sei es besonders reizvoll, jetzt loszulegen und den Weg eines Vereins einzuschlagen, „der ohne einen Investor, für den Geld keine Rolle spielt wie vielleicht in Leipzig, etwas aufbauen kann, was einen ganz anderen Dreh hat“. Er setze bei Dynamo auf die Urkraft der Gemeinschaft.

Das Stadion-Problem lösen

Michael Born, der im September als Geschäftsführer entlassen wurde, ist unter anderem an diesem Thema gescheitert. Dynamo hätte den Nutzungsvertrag fürs Stadion sowie fürs Catering bereits neu aushandeln können – und aus Vereinssicht müssen. Stattdessen hat er sich zu gleichen Konditionen verlängert. Zudem fehlte nun im städtischen Haushalt der Zuschuss von 1,5 Millionen Euro pro Jahr für 2021/22.
Wehlend setzt das Thema auf die Tagesordnung und dabei auf Austausch mit den Vertragspartnern: der Stadt Dresden und der Stadionprojektgesellschaft.

„Dreiecksbeziehungen sind immer schwierig, aber damit muss man umgehen“, sagt er – und betont: „Es hilft nichts, mit dem Finger aufeinander zu zeigen.“ Er kann seine Erfahrungen aus Osnabrück einbringen, als er in einer ähnlichen Konstellation mit Kommunalpolitikern erfolgreich verhandelt hat.

Zudem kennt Wehlend einige Dresdner Entscheider bereits, weil er sich das Trainingszentrum im Rohbau angeschaut hat. Für ein solches Projekt in Osnabrück seien „unglaublich viele Erfahrungen aus Dresden eingeflossen“ sowohl von Dynamo als auch von der Stadt und dem Bauträger, dem kommunalen Unternehmen DGI. Sein Ziel: „Wir müssen versuchen, die Komplexität aus dem Modell zu nehmen, um für alle Seiten eine verlässliche Planung zu ermöglichen“, diese ständige Diskussion brauche man „wie ein Loch im Kopf“.

Die Vereinsstruktur verbessern

Aufsichtsratschef Jens Heinig hatte bemängelt, dass Struktur und Organisation in den vergangenen Jahren unzureichend entwickelt worden sind. Damit meint er vor allem Abläufe, Zuständigkeiten und letztlich auch die personelle Besetzung der Geschäftsstelle. Von Wehlend wird erwartet, dass er den Verein strategisch neu ausrichtet. Er kann dabei auf die ersten Ergebnisse einer Arbeitsgruppe zurückgreifen, auch wenn die nach dem Abstieg und wegen der Corona-Krise angepasst werden müssen.

Jürgen Wehlend wurde am Montag bei einer virtuellen Pressekonferenz offiziell als neuer kaufmännischer Geschäftsführer der SG Dynamo Dresden vorgestellt.
Jürgen Wehlend wurde am Montag bei einer virtuellen Pressekonferenz offiziell als neuer kaufmännischer Geschäftsführer der SG Dynamo Dresden vorgestellt. © SGD/Steffen Kuttner

Die Ausgliederung der Profi-Abteilung ist für ihn dagegen kein Thema, auch wenn er diese in Osnabrück umgesetzt hat. Andernfalls, erklärt Wehlend, wäre der VfL zum 31. Dezember 2012 pleite gewesen. „Es wäre nicht weitergegangen für diesen Traditionsverein.“ Deshalb habe die Mitgliederversammlung aus der Not heraus diese Entscheidung mit mehr als 80 Prozent der Stimmen getroffen. Er habe sich dann dafür eingesetzt, die Kapital- in eine Klubgesellschaft auf Aktien umzuwandeln mit regionalen Unterstützern als Aktionären. „Kein Investor, dem Geld egal ist, der faktisch die Macht über einen Fußballverein ausüben möchte.“

Jetzt sei der Auftrag ein anderer. „Die Tradition der SG Dynamo Dresden ist ein sehr, sehr hohes Gut – das muss man bewahren. Ich bin froh, dass das festgeschrieben ist“, erklärt Wehlend. „Ich sehe a) keinen Grund und b) für mich persönlich keine Motivation, so etwas wie eine Ausgliederung anzustreben.“

Den Aufstieg schaffen

Es gebe klare Prinzipien für die Zusammenarbeit mit Sportgeschäftsführer Ralf Becker. „Wir agieren auf Augenhöhe und jeder hat das letzte Wort in seinem Bereich“, sagt Wehlend. „Wir leben beide den Fußball, das macht viel aus, wir sprechen eine gemeinsame Sprache.“ Die menschliche Seite passe und auch das Ziel ist ein gemeinsames, denn: „Ein zu langer Verbleib in der 3. Liga kostet unheimlich Substanz.“ Deshalb gehe es darum, diese Corona-Krise gut zu überstehen und möglichst zeitnah wieder aufzusteigen – „wohlwissend, dass sportlicher Erfolg die Grundlage ist für wirtschaftlichen Erfolg.“

Die Mission erfüllen

Es sei nicht entscheidend, was man über jemanden sagt, wenn er kommt, sondern wenn er geht. Mit dieser Einstellung stellt sich Wehlend der Herausforderung, mit Dynamo eben jene Mission zu erfüllen, die das Leitbild vorgibt. Sein Motto: „Erfolg kannst du nicht planen, aber Leistung organisieren.“ Dabei müsse man intensiver, kreativer arbeiten als andere – und er nennt erneut Leipzig als Gegenentwurf. „Natürlich wird man nicht mit einer Power wie RB durch die Ligen marschieren. Das ist nicht unser Weg“, sagt Wehlend. „Wir gehen Schritt für Schritt und kontinuierlich. Jede Abkürzung, die man versucht zu nehmen, wird sich am Ende bitter rächen.“ Deswegen brauche man Geduld und Zeit.

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