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"Das sind Momente, die nehme ich mit ins Grab"

Michael Hefele führt Dynamo 2016 zurück in die 2. Bundesliga. Im Interview erinnert er sich an eine unglaublich emotionale Saison – und sagt, wie es ihm jetzt geht.

Gerne denkt Michael Hefele an Dresden und den Aufstieg mit Dynamo zurück. Dass es schon fünf Jahre her sein soll... Für ihn verging die Zeit wie im Flug.
Gerne denkt Michael Hefele an Dresden und den Aufstieg mit Dynamo zurück. Dass es schon fünf Jahre her sein soll... Für ihn verging die Zeit wie im Flug. © privat

Herr Hefele, wie haben Sie Dynamos Aufstieg vor zwei Wochen erlebt?

Zu Hause in Bayern. Bei meinen Eltern saß die ganze Familie am Esstisch, alle in Dynamo-Trikot, und ich gebe zu, bei mir war eine leichte Vorspannung da. Doch das war ja am Ende eine gemähte Wiese, wie wir in Bayern sagen. Die Tore sind wunderbar reingeflutscht – 4:0 gegen Türkgücü, ein super Aufstieg für Dynamo Dresden. Was danach im Stadion passiert ist, war natürlich nicht vergleichbar mit dem, was wir 2016 erlebt haben, und auch sehr schade für die Jungs.

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Sie meinen die fehlenden Zuschauer im Stadion?

Ja, und zwar diese volle Wucht, wie sie Dynamo eigentlich auszeichnet. Gefeiert haben wir diesmal aber auch bei uns zu Hause – und dabei ein bisschen in der Vergangenheit geschwelgt. Da kamen einige Erinnerungen hoch.

Der Aufstieg 2016 ist tatsächlich immer noch präsent bei Ihnen?

Auf alle Fälle, das habe ich seitdem oft genug betont. Selbst bei meinen Eltern wird Dynamo Dresden immer noch gelebt. Wenn die Mama mit den Aufstiegsshirts kommt, geht’s los. Überhaupt hängt hier alles voll von Dynamo. Das ist nach wie vor mein Verein, und ich bin auch Fan von Dynamo und habe fast alle Spiele gesehen, wenn ich nicht gerade selbst gespielt hatte. Ich mag die Stadt und bin deshalb auch hin und wieder vor Ort und in gutem Kontakt mit vielen Leuten. Es kommt mir nicht so vor, als wären schon fünf Jahre vergangen.

Wenn Sie an den Aufstieg denken, welches Bild haben Sie im Kopf?

Auf mich bezogen? Wie ich bei der Meisterfeier im ausverkauften Stadion die Trophäe in den Himmel strecken durfte. Das war mein Augenblick, der noch immer sehr präsent ist. Emotional war das für mich der schönste Moment in meiner Karriere. Das war so ein Augenblick … wow, unvergessen. Meine Familie war auf der Tribüne, ich habe sie vom Spielfeld aus gesehen. Mein Vater hatte Tränen in den Augen. Das war einfach traumhaft. Oder auch die größte Fahne Europas, die die Fans im Spiel gegen Magdeburg im ganzen Stadion hochgezogen hatten. Das sind Momente, die nehme ich mit ins Grab.

Es ist sein Moment für die Ewigkeit, wie er auch mit fünf Jahren Abstand sagt: Als Dynamos Kapitän reckt Michael Hefele im Mai 2016 den Meisterpokal hoch.
Es ist sein Moment für die Ewigkeit, wie er auch mit fünf Jahren Abstand sagt: Als Dynamos Kapitän reckt Michael Hefele im Mai 2016 den Meisterpokal hoch. © Robert Michael

Gibt es Parallelen zwischen 2016 und jetzt?

Ich denke, das lässt sich nicht vergleichen. Als man 2014 abgestiegen ist, war Dynamo verschuldet, abgebrannt und mehr oder weniger am Abgrund. Das darf man rückblickend nicht vergessen. Ralf Minge hat damals einen super Job gemacht, er hat die Wende eingeleitet und dann auch geschafft, das kann man nicht genug loben – selbst wenn es im ersten Jahr in der 3. Liga nicht gleich geklappt hatte. Das Spielermaterial war damals nicht so gut wie jetzt, weil man letztlich auch nicht die finanziellen Möglichkeiten wie jetzt hatte. Dazu die Trainingsbedingungen! Wenn ich mir das neue Gelände anschaue, das hat Erste-Liga-Niveau. Das war damals alles eher schwierig. Im zweiten Jahr lief es dann besser.

Was lief besser?

Die eine oder andere Verpflichtung, die nötig war. Dazu hatten wir einen starken Trainer bekommen mit Uwe Neuhaus, der ein gestandener Mann ist und uns Spielern eine riesengroße Sicherheit gegeben hat. Und das Vertrauen, das wir das wirklich schaffen können, dass wir besser sind als die anderen.

Sportlich war die Saison tatsächlich ein Selbstläufer, oder?

Ja, auch das ist diesmal anders gelaufen. Es war ja damals zu keinem Zeitpunkt knapp, da war nichts in Gefahr, keine Dramatik, sondern am Ende fast schon Langeweile und nur die Frage, wann wir den Aufstieg perfekt machen. Wir haben die Liga dominiert, sind durchgegangen wie ein heißes Messer durch die Butter. Auswärts war die Marschroute: Hinfahren, alles geben, gewinnen. Und bei Heimspielen war sowieso klar, was passiert. Das war unser Stadion, unsere Festung – mit 30.000 Fans plus elf Spielern auf dem Platz. So muss man sich das vorstellen.

Was hat das Aufstiegsteam mit Typen wie Lambertz, Eilers, Testroet, Hartmann und Kutschke so stark gemacht?

Wir waren absolut hungrig. Von Tag eins war klar: Wir wollen aufsteigen, und dafür müssen wir alles tun. Die Trainingsintensität war sehr hoch, da war immer Feuer drin. Da hat man gemerkt, dass jeder unbedingt will. Und kaum war ein Sieg eingefahren, wollten wir gleich den nächsten holen. So habe ich die Atmosphäre in Erinnerung, und mit den Emotionen der Fans hat sich das immer mehr hochgeschaukelt. Irgendwann hatten wir ein Gefühl der Unbesiegbarkeit entwickelt. Wir sind mit einem Selbstverständnis auf den Platz gegangen – keine Überheblichkeit, immer Respekt für den Gegner –, dass wir jeden Gegner schlagen. Das war unsere Mentalität.

Nach dem Aufstieg mit Dynamo wechselte Michael Hefele in die zweite englische Liga zu Huddersfield Town - und schaffte den Sprung in die Premier League.
Nach dem Aufstieg mit Dynamo wechselte Michael Hefele in die zweite englische Liga zu Huddersfield Town - und schaffte den Sprung in die Premier League. © Robert Michael

Was sagen Sie zur abgelaufenen Saison?

Durchwachsen, würde ich sagen. Dabei lag Dynamo nach anfänglichen Schwierigkeiten schon weit vorne. Wenn man den Kader sieht und die Möglichkeiten, die der Verein inzwischen hat, soll das auch so sein. Doch dann ist die Mannschaft noch mal kurz eingebrochen. Am Ende bin ich heilfroh, dass es Dynamo geschafft hat. Gerade, weil auch die positive Energie durch die Fans im Stadion gefehlt hat. Ich weiß noch gut, wie viel Kraft mir das schon beim Aufwärmen gegeben hat. Du bist raus aus der Kabine und warst gleich voll da. Das war das Schönste: rauskommen und die Fans begrüßen. Ich musste mich nicht selbst motivieren wie dann in England.

Auf der Insel, wo der Fußball zu Hause ist, ist das anders?

Ja, dort habe ich das sehr vermisst. Dort gibt es diesen Push nicht von außen, weil die Fans erst kurz vorm Anpfiff im Stadion sind.

Stichwort England. Nach dem Aufstieg mit Dynamo sind Sie 2016 zum englischen Zweitligisten Huddersfield gewechselt, 2018 dann zu Nottingham Forest. Wie würden Sie Ihre fünf Jahre auf der Insel zusammenfassen?

Nach dem Aufstieg habe ich mich für meinen Traum entschieden, mal in England zu spielen. Das hat mir Dynamo Dresden ermöglicht, durch die Saison und den Erfolg. Das erste Jahr in Huddersfield: 44 Spiele gemacht, über Wembley in die Premier League aufgestiegen – ich glaube, besser geht es nicht. Das war der größte Erfolg, der mein Leben sehr stark beeinflusst hat. Wembley war der Lifechanger, da brauchen wir nicht groß rumreden. Erst mit Dynamo von der dritten in die zweite Liga und dann in England gleich rauf in die erste Liga – in den zwei Jahren bin ich auf der größten Welle geritten, das war vom Allerfeinsten. Darauf bin ich sehr stolz. Doch dann habe ich auch die andere Seite erlebt.

Ein Trikot hat der mittlerweile 30-Jährige schon lange nicht mehr getragen. Der Grund sind Verletzungen.
Ein Trikot hat der mittlerweile 30-Jährige schon lange nicht mehr getragen. Der Grund sind Verletzungen. © privat

Was ist passiert?

Immer wieder Verletzungsprobleme. In der Aufstiegssaison habe ich nicht meine Gesundheit in den Vordergrund gestellt, sondern wollte immer spielen und den absoluten Erfolg. Schmerzen habe ich ignoriert, auch die in der Achillessehne. Nach dem Jahr mit Huddersfield in der Premier League bin ich zum Zweitligisten Nottingham Forest gewechselt, ein großer Traditionsverein ähnlich wie Dynamo. Wir wollten aufsteigen, alles lief nach Plan. Dann habe ich mir die Achillessehne gerissen und war ein Jahr raus. Ich habe an meinem Comeback gearbeitet, weitere gesundheitliche Probleme kamen dazu. Knie verdreht, Fuß gebrochen, da kam eines zum anderen. Deshalb ist die Sache jetzt mehr oder weniger so ausgelaufen, ohne dass ich noch ein Spiel machen konnte.

Ihr Vertrag in Nottingham läuft jetzt aus. Wie geht’s weiter?

Das wird man sehen, das steht in den Sternen.

Bei Dynamo würden sich viele Fans freuen, wenn Sie zurückkommen.

Das freut mich. Ich weiß das sehr zu schätzen und bin dafür auch sehr dankbar. Durch unsere gemeinsame schöne Zeit bin ich mit den Fans für immer verbunden. Aber wie gesagt, das steht in den Sternen.

Das Interview führte Tino Meyer.

Die Serie über Dynamos Aufstiegskapitäne im Überblick:

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