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Sie legten Hand bei den Dynamo-Profis an

Blaue Zehen in den Schuhen von Dixie Dörner, Nadeln für den Torwart – und zwei Verhaftungen. Was die Physiotherapeuten Kerstin und Horst Friedl erlebten.

Kerstin Friedl war als Physiotherapeutin die erste Frau in der Bundesliga, ihr Mann Horst betreute auch die DDR-Auswahl.
Kerstin Friedl war als Physiotherapeutin die erste Frau in der Bundesliga, ihr Mann Horst betreute auch die DDR-Auswahl. © Foto: Thomas Kretschel

Dresden. Er schmiert sich gerade eine Stulle, als es an der Tür klopft. Jeden Mittwoch hat Horst Friedl eine Audienz in der Suite „Clara Schumann“ im Dresdner Hotel Bellevue. Dynamos Physiotherapeut soll den schmerzenden Ischias des Präsidenten besänftigen. Doch am Morgen des 2. August 1995 steht die Staatsanwältin vor der Tür. Rolf-Jürgen Otto, der mit falschen Versprechungen am 21. Januar 1993 ins Amt gewählt worden war, wird verhaftet.

„Ich habe seine Hand gehalten, fürchtete um sein Leben, wenn er sich aufregt, denn er hatte ja einige Erkrankungen“, erzählt Friedl. „Ich habe ihn sogar auf die Toilette begleitet, aber er meinte: Sie brauchen keine Angst zu haben, ich springe nicht aus dem offenen Fenster.“ Die Massage fiel aus, Otto wurde wegen Veruntreuung und Konkursverschleppung mit seinen Bauunternehmen zu drei Jahren Haft verurteilt, von denen er zweieinhalb absitzen musste, der Machtmensch starb 2016.

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Als Friedl zurückkam, erkannte ihn seine Frau kaum wieder. „Er war richtig grau im Gesicht, so hatte ich ihn noch nie gesehen“, sagt Kerstin Friedl. Auch sie arbeitet damals als Physiotherapeutin bei Dynamo, ihr Mann hat sie eingestellt, als sie noch kein Paar waren. Die erste Begegnung hatte sie sogar verpatzt, war zu spät zum Vorstellungsgespräch erschienen – unverschuldet, auch wenn er augenzwinkernd sagt: „An ihrem Auto haben angeblich die Bremsen versagt.“ Ein technischer Fehler am Opel, sie hatte einen Unfall.

Als Mittelstürmer von Empor Löbtau zu Dynamo

Den Job bekam sie 1992 trotzdem, obwohl sie noch in der Ausbildung war. Für ihn war es knapp 20 Jahre vorher ähnlich gelaufen. Als Mittelstürmer der BSG Empor Löbtau war Friedl beim Freundschaftskick Dynamos Meistertrainer Walter Fritzsch aufgefallen, sollte für ein Jahr zur Probe mittrainieren, in der zweiten Mannschaft spielen. „Nach ein paar Wochen konnte ich kaum noch den Ball stoppen. Von zweimal pro Woche Training auf zweimal am Tag: Ich hatte zehn Kilo abgenommen.“

In der Saison 1972/73 spielte Horst Friedl (stehend 3. v. l.) unter Trainer Wolfgang Oeser (l.) bei Dynamo Dresden für die zweite Mannschaft in der DDR-Liga. Mit dabei waren auch Oberliga-Kicker wie Horst Rau (vorn, 2. v. l.), Matthias Müller (vorn, 2. v.
In der Saison 1972/73 spielte Horst Friedl (stehend 3. v. l.) unter Trainer Wolfgang Oeser (l.) bei Dynamo Dresden für die zweite Mannschaft in der DDR-Liga. Mit dabei waren auch Oberliga-Kicker wie Horst Rau (vorn, 2. v. l.), Matthias Müller (vorn, 2. v. © Johannes Berndt

Das war aber nicht der Grund, weshalb es mit der Karriere als Spieler nicht klappte. Motorradunfall, Sprunggelenk gebrochen, schief zusammengewachsen. „Das war‘s“, sagt er. Der gelernte Feinmechaniker schulte um auf Bademeister/Masseur und nahm ein Fernstudium an der Uni Leipzig auf, während der vier Jahre legte er schon bei Dynamo mit Hand an. Die Kollegen Horst Zimmer und Frank Deubel hat er „mit den Augen beklaut“, wie es Friedl ausdrückt. Es ist die Zeit, in der seine spätere Frau in Dresden-Klotzsche beim Turnen und in der Gymnastik ihre Liebe zum Sport auslebt und öfter in die volle Straßenbahn steigt, um zum Stadion zu fahren. „Die Dynamo-Truppe in den 1970er- und 1980er-Jahren war einfach toll, da habe ich gerne Fußball geguckt, ohne echter Fan zu sein“, erzählt sie.

Beruflich schlägt sie einen anderen Weg ein, arbeitet im Zentrum für Forschung und Mikroelektronik in Dresden unter anderem mit an einem Ein-Megabit-Chip für Robotron. „Den wollte Erich (Staatschef Honecker/Anm. d. Red.) zum Parteitag präsentieren, aber wir hatten gar nicht die technischen Voraussetzungen, so etwas zu entwickeln.“ Kurz gesagt: Sie bauten einen aus dem Westen nach. „Die waren viel weiter und unserer noch lange nicht produktionsreif. Erich hat einen bekommen, der funktionstüchtig war.“ Nach der Wende musste auch sie sich neu orientieren, absolvierte in Pirna die Ausbildung zur Physiotherapeutin, eröffnete mit ihrer Mutter das erste Fitnessstudio in Dresden. So kam auch der Kontakt zu Dynamo zustande.

Peter Lux war 1990 der erste West-Import. Besonders kurios fand er: „Einmal pro Woche hatten wir Gymnastik mit Musik und einer Vorturnerin.“ Kerstin Friedl lacht, als sie diese Aussage im Buch „Dynamos vergessene Helden“ liest. Sie ist gemeint, aber ihr Übungsprogramm war weit mehr als Pop-Gymnastik oder – wie es in der DDR hieß – „Medizin nach Noten“: ein Multifunktionstraining, um die Verletzungsanfälligkeit zu senken.

Ralf Minge: Enger Zirkel ohne Eitelkeiten

Helmut Schulte, der Trainer, der nach der Bundesliga-Qualifikation aus dem Westen kam, wollte sie noch nicht einstellen, erst mit Klaus Sammer war der Weg frei – für die erste Frau im deutschen Profi-Fußball. „Ich war schüchtern, aber in Behandlung“, beschreibt sie ihre ersten Erfahrungen in dieser einzigartigen Männerwelt. „Anfangs habe ich einen feuerroten Kopf gekriegt, weil einen die Jungs hops nehmen und ihre Scherze machen.“

Physiotherapeutin Kerstin Friedl (2. v. l.) mit den Dynamos Bundesliga-Spielern Gunnar Grundmann (v. l.), Miroslav Stevic und Nikica Maglica.
Physiotherapeutin Kerstin Friedl (2. v. l.) mit den Dynamos Bundesliga-Spielern Gunnar Grundmann (v. l.), Miroslav Stevic und Nikica Maglica. © Privat/Archiv Friedl

Aber die Spieler lernten ihre Fähigkeiten schnell zu schätzen, überhaupt hat Dynamo mit Mannschaftsarzt Detlef Schlegel, der 2014 starb, und den beiden Friedls eine starke medizinische Abteilung, die gut mit dem Trainerstab harmoniert. „Wir hatten einen extrem engen inneren Zirkel“, sagt der damalige Co-Trainer Ralf Minge über das familiäre Verhältnis. „Es gab keine Eitelkeiten.“

Schatzmeister Georg Schauz hat mal versucht, das „Dream-Team“, wie es Kerstin Friedl nennt, auseinanderzubringen und ihr den Chefposten angeboten. Dafür sollten ihr Mann und Schlegel gehen. „Er hatte keine Chance. Ich sollte erklären, warum Sven Kmetsch noch nicht fit ist, also habe ich gesagt, wie es ist: Es ist ein Überlastungsbruch, der braucht seine Zeit“, erzählt die 56 Jahre alte Dresdnerin. „Wir waren extra in München bei Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt und in der Physiotherapie in Donaustauf.“ Weder der Wunderheiler des FC Bayern noch der Physiotherapeut der Nationalelf konnten ihnen einen extra Tipp geben. „Die arbeiteten ähnlich, wir waren auf dem modernsten Stand.“

Die individuelle Betreuung geht über den medizinischen Aspekt hinaus, einige lassen sich von Kerstin Friedl sogar die Haare schneiden. „Sie fanden wohl, dass ich es ganz gut mache.“ Mit Jens Jeremies, der im Internat am Stadion wohnt und auf seine Chance bei den Profis hofft, trifft sie sich regelmäßig zum Frühstück. „Ich habe ihn bestärkt, dass er seine Ausbildung nicht vernachlässigt, aber obwohl ich keine große Ahnung vom Fußball habe, dachte ich: Mit seiner Leidenschaft und seinem Ehrgeiz kann er ein wertvoller Spieler sein.“

Unangenehme Erfahrung beim Mannschaftsfoto

Bei Dynamo kam Jeremies erst unter Minge zum Zuge, wurde nach zehn Bundesliga-Einsätzen von 1860 München verpflichtet, gewann mit dem FC Bayern die Champions League und den Weltpokal, wurde sechsmal Meister und viermal Pokalsieger, bestritt 55 Länderspiele. Jener Jeremies, von dem Präsident Otto meinte, der werde nie ein Bundesliga-Spieler. Mit dem schwergewichtigen Hessen macht auch die junge Frau im Team eine unangenehme Erfahrung. „Beim Mannschaftsfoto stand er hinter mir, zog mir an den Haaren. Ich musste aber doch lächeln. Er war kein angenehmer Mensch.“

Eine klare Botschaft der Dynamo-Fans beim letzten Bundesliga-Spiel am 11. Juni 1995 gegen Bayern München (0:1). Der zwielichtige Präsident Rolf-Jürgen Otto tritt aber nicht zurück, doch dann wird er verhaftet.
Eine klare Botschaft der Dynamo-Fans beim letzten Bundesliga-Spiel am 11. Juni 1995 gegen Bayern München (0:1). Der zwielichtige Präsident Rolf-Jürgen Otto tritt aber nicht zurück, doch dann wird er verhaftet. © Wolfgang Wittchen

Ganz im Gegensatz zu Stanislaw Tschertschessow. Der Russe kommt 1993 aus Moskau nach Dresden und braucht vor jedem Spiel eine besondere Behandlung: eine Akupunktur zur seelischen Entspannung. Horst Friedl hatte sich von einer Reise einige deutschsprachige Bücher über traditionelle chinesische Medizin mitgebracht und sich autodidaktisch die wichtigsten Kniffe angeeignet. „Der eine raucht heimlich eine, der andere kaut Kaugummi – und Stani brauchte eben diese Nadelstiche, um die Anspannung in den Griff zu bekommen“, sagt der 68-Jährige, der von 1985 bis zum letzten Spiel 1990 parallel die DDR-Nationalmannschaft betreute.

Friedl pflegt einen lockeren Umgang mit den Spielern. Als sich Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner vor einem Europacup-Spiel verletzt, bietet er einen Tausch an: Ein Paar Nockenschuhe von Adidas aus dessen Auswahl-Kontingent, wenn Friedl ihn rechtzeitig fit bekommt. Dörner kann fünf Tage später auflaufen – und Friedl präsentiert danach bei Empor Löbtau die neuen Schuhe. „Was ich aber nicht bedacht hatte: Dixie hatte eine Nummer kleiner. Ich habe mich reingepresst und die Halbzeit herbeigesehnt. Meine Zehen waren schon blau. Hauptsache, die drei Streifen glänzen …“

Physiotherapie fast 25 Jahre erfolgreich geführt

Stundenlang können beide von Erlebnissen erzählen. Und vielleicht finden Friedls die Muße, sie aufzuschreiben, jetzt, wo sie kürzer treten. Nach dem Zwangsabstieg von Dynamo 1995 gründeten sie ihre eigene Physiotherapie, zogen im Mai 1999 aus dem Rudolf-Harbig-Stadion an die Wiener Straße. Dass der damalige Manager den nun drittklassigen Kickern verboten hatte, sich weiter von ihnen behandeln zu lassen, ist ein unerfreuliches Kapitel. „Es ist schade, dass es manchmal bei Dynamo am fairen Umgang mangelt“, sagt Kerstin Friedl.

Dynamos "junge Wild" bei einer Asienreise 1984 (v. l.): René Beuchel, Jens Jeremies und Mario Kern.
Dynamos "junge Wild" bei einer Asienreise 1984 (v. l.): René Beuchel, Jens Jeremies und Mario Kern. © privat

Fast 25 Jahre lang haben sie die Praxis geführt, anfangs zu zweit, mittlerweile sind elf Mitarbeiter beschäftigt. „Unser Ziel war es, den Namen Friedl in Dresden zu einer Marke zu entwickeln“, sagt sie – und meint stolz: „Ich denke, das ist uns gelungen.“ Daniel Schuffenhauer hat die Leitung übernommen. Horst Friedl greift als Mentor bei Bedarf mit zu, Kerstin Friedl behandelt Patienten mit dem Spineliner als alternative Schmerztherapie. Es bleibt mehr Zeit für Reisen mit dem Wohnmobil, Fahrrad fahren, wandern, Besuch von Museen und Kunstausstellungen.

Und sie könnten in die USA fliegen, obwohl Horst Friedl dort selbst einmal festgenommen worden ist. Nicht so spektakulär wie später Otto in seiner Suite, aber immerhin filmreif. „Ich musste die Hände aufs Auto legen, die Füße weg und auseinander“, erzählt er. Während der Reise nach dem Klassenerhalt 1992 war er auf einem Ausflug mit Mannschaftsleiter Jürgen Straßburger zu schnell unterwegs. „Ich habe versucht, den Polizisten mit Souvenirs von Dynamo gnädig zu stimmen, aber damit konnte der gar nichts anfangen.“

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Mit einem Strafzettel über 100 Dollar durften sie schließlich weiterfahren. Friedl fragte die Reiseleiterin, ob er wirklich bezahlen müsse. „Ja, das ist registriert und würde auch fällig, wenn man erst Jahre später wieder einreist.“ Es wurde ein teurer Aufenthalt, weil er sich auch noch einen Zahn ziehen lassen musste. Dafür waren sogar 150 Dollar fällig.

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