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Warum der Trainer in Aue ein Problem mit dem Alkohol hat

Tagebuch für Walter Fritzsch: Das Leben des Meistertrainers von Dynamo Dresden. Teil drei unserer neuen Serie: Seine ersten Erfahrungen als Verantwortlicher.

Als junger Trainer betreut Walter Fritzsch (r.) zur Saison 1950/51 die Mannschaft von Wismut Aue.
Als junger Trainer betreut Walter Fritzsch (r.) zur Saison 1950/51 die Mannschaft von Wismut Aue. © Archiv Erzgebirge Aue

Dresden. Das Land liegt in Trümmern, aber er hat den Krieg beinahe unversehrt überstanden. Walter Fritzsch kehrt nach Zwickau zurück, aber welche Perspektive hat der nun 24 Jahre alte Mann? „Die Esserei macht Sorgen. Wegen der Arbeit dasselbe“, schreibt er im Mai 1945 in sein Tagebuch. Seit 1939 hält der spätere Meistertrainer von Dynamo Dresden fest, was ihm wichtig erscheint – bis Weihnachten 1995. Seine letzten Einträge sind nicht mehr zu entziffern, er litt unter Alzheimer und starb fünf Wochen vor seinem 77. Geburtstag.

„Ein Chronist in eigener Sache“, nennt ihn Uwe Karte. Der Autor und Journalist hat die Aufzeichnungen ausgewertet und – ergänzt mit anderen Dokumenten, Interviews mit Zeitzeugen sowie Analysen – im „Tagebuch für Walter Fritzsch“ veröffentlicht. Es zeichnet ein sehr differenziertes Porträt eines Menschen, der in vier Gesellschaftssystemen gelebt und sich angepasst hat. Sein Leben dreht sich um den Ball. „Fußballschuhe hergerichtet. Im Rathaus zwecks Decke, keine bekommen“, notiert Fritzsch am 19. Juni 1945.

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Als er die Südkampfbahn besucht, wo er für den Planitzer SC gespielt hatte, drückt er sich drastischer aus: „Man muss sagen, die Schnauze kann einem wegplatzen.“ Ein tiefer Bomben-Krater klafft im Rasen, auf den Rängen wuchert das Unkraut. Und doch geht es schon bald wieder los. Die Amerikaner organisieren ein Spiel zwischen einer Mannschaft jugoslawischer Arbeiter und einer Zwickauer Auswahl. Die 1:6-Niederlage ist Fritzsch an dem Tag egal, zumal es gutes Essen gibt.

"Ich schäme mich vor keiner Arbeit"

Er beginnt als Übungsleiter bei der Oberhohndorfer Jugend, das erste Spiel wird gegen Wilkau-Haßlau mit 7:1 gewonnen. Der Einstieg in die Arbeitswelt ist schwieriger. „Eine traurige Meldung. Vier Jahre hat man einen Beruf gelernt und jetzt geht man als Gärtnergehilfe“, schreibt er am 20. August 1945. Nur einen Monat später kann ihm der Treuhänder Estel nicht mehr bezahlen. Er arbeitet im Straßenbau und im Reichsbahnausbesserungswerk. „Ich schäme mich vor keiner Arbeit.“

Seine Frau Käthe heiratete Walter Fritzsch am 30. September 1944 in Zwickau: erst standesamtlich, dann kirchlich im Dom. Das Foto zeigt das Paar 1951 an der Ostsee.
Seine Frau Käthe heiratete Walter Fritzsch am 30. September 1944 in Zwickau: erst standesamtlich, dann kirchlich im Dom. Das Foto zeigt das Paar 1951 an der Ostsee. © Archiv: Fritzsch/Karte

Außerdem spielt Fritzsch Fußball, jetzt für Cainsdorf. Dort ist er Multi-Funktionär, wie er selbst auflistet: „Trainer: Herren u. Jugendmannschaft – Spielführer: der 1. Mannschaft – Spielleiter für 1. und 2. Elf, Jugend und Knaben – außerdem fertige ich noch die Kartei für die Sparte Fußball (Verband) an.“ Bis er am 17. Juli 1949 notiert: „Der erste Sonntag ohne Sport für mich.“

Die Kreisspruchkammer Zwickau hatte ihn bis zum 30. November gesperrt. „Ich hätte den Schiri gegen die Beine getreten“, nennt Fritzsch den Vorwurf, allerdings hatte er vorher die Szene anders geschildert: Ein Spieler von Werdau habe ihm an die Gurgel gegriffen, er darauf gewartet, dass der Schiedsrichter einschreitet. „Als es mit der Luft zu knapp wurde und ich den Linksaußen abwehrte, erfolgte der Pfiff und ich wurde des Feldes verwiesen. Ich ging raus und stolperte über das Schiri-Bein.“

"Rauchverbot, sowie für das Trinken"

Für Fritzsch sind es Lehr- und Wanderjahre sowohl beruflich als auch im Fußball. Im Frühjahr 1950 erhält er das Angebot, eine Mannschaft für die Wismut-AG in Aue aufzubauen. „Hier begann meine hauptamtliche Trainer-Tätigkeit, ohne große Erfahrungen zu haben.“ Er ist 29 Jahre, hat nie zuvor eine Mannschaft in einer oberen Liga trainiert. Zum Auftakt sind 30 Spieler ins Volkshaus nach Rabenstein eingeladen, darunter die späteren DDR-Nationalspieler Willy Tröger, Karl und Siegfried Wolf. „Ich will versuchen, nach meinem selbst Gelernten zu lehren“, verspricht Fritzsch sich selbst – und legt sozusagen als erste und zugleich typische Amtshandlung fest: „Rauchverbot, sowie für das Trinken.“

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Fußball, historisch, Dynamo Dresden, Trainer Walter Fritzsch (1969 bis 1978), Tagebücher, „Tagebuch für Walter Fritzsch“; Tagebuch - Fussballdaten von 1927 bis 1945. Verwendung nur für Produkte von Sächsischer Zeitung und Sächsische.de Foto: Archiv: Fritz © Archiv: Fritzsch/Karte

Doch sein strenger Führungsstil und seine klaren Ansagen stoßen auf Widerstand. „Man wollte mir den Hahn abdrehen“, schreibt der junge Chefcoach – und liefert an anderer Stelle einen Grund: „Weil ich zu stur sei.“ Die folgende Zeile im Tagebuch ist laut Karte mit grünem Stift abgehoben und deutlich größer geschrieben: „Soll ich es wirklich sein?“
Im Januar 1951 gewinnt Aue gegen Empor Lauter, ein Feiertag. „Es wurde Sonntag, Montag, Dienstag und Mittwoch Alkohol in den Körper gepumpt. Und erst früh ins Bett“, moniert Fritzsch. Wenig später: „Abends im Kino, erlebte danach eine große Pleite. Glaser, Löffler, Vogel u. Kaden haben im Trainingsanzug schwer gesoffen. Im Clubheim der Wismut. Wein.“ Das lässt der Mann, der sich den Ruf als „Der kleine General“ erwerben soll, nicht ungestraft.

Unter Fritzsch gelingt der BSG Zentra-Wismut Aue 1951 der Aufstieg in die DDR-Oberliga, in der sich der Kumpelverein 38 Jahre bis 1990 hält und damit so lange wie kein anderer Klub. Doch Fritzsch wird ein Problem nicht los. „Die Elf trank etliche Alkoholsachen…“, stellt er nach einem Sieg gegen Motor Zwickau fest. Die Spieler mokieren sich zudem über seine Trainingsmethoden, er solle selbst zwei Wochen mitmachen und dann darüber urteilen. „Ich sag nur eins: Sauhaufen“, schreibt er am 13. März 1952 ins Tagebuch: „Für mich hat es sich erledigt. Ich werde Aue zum Schluss der Serie verlassen.“

Das kann man stur nennen. Oder eben konsequent.

Tagebuch für Walter Fritsch - die Serie im Überblick:

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  • Die ersten Trainer-Erfahrungen. In Aue gibt es ein Problem mit dem Alkohol.
Uwe Karte: Tagebuch für Walter Fritzsch. Sportfrei Verlag. 480 Seiten mit ca. 400 Fotos und Abbildungen. 48 Euro. ISBN: 978-3-00-063004-0. www.uwekarte.de
Uwe Karte: Tagebuch für Walter Fritzsch. Sportfrei Verlag. 480 Seiten mit ca. 400 Fotos und Abbildungen. 48 Euro. ISBN: 978-3-00-063004-0. www.uwekarte.de © Kopie: Karte

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