merken
PLUS Dynamo

Wie Dynamos Spieler mit ihrem Protest scheitern

Tagebuch für Walter Fritzsch: Das Leben des Meistertrainers von Dynamo Dresden. Teil vier unserer neuen Serie: Warum es erst im dritten Anlauf klappt.

Walter Fritzsch war ein Trophäen- und Souvenirsammler. Zu seinem 75. Geburtstag im November 1995 zeigte er sein Traditionszimmer.
Walter Fritzsch war ein Trophäen- und Souvenirsammler. Zu seinem 75. Geburtstag im November 1995 zeigte er sein Traditionszimmer. © Lutz Hentschel

Dresden. Walter Fritzsch hat die Seiten gewechselt, trainiert jetzt Empor Lauter. Im Oktober 1952 kommt es zum Derby gegen Wismut Aue, seinen Ex-Verein. Und davor zu einer ungewöhnlichen Maßnahme, die ihm jedoch suspekt ist. Spieler und Funktionäre besuchen eine Wahrsagerin, deshalb muss sogar eine Übungseinheit ausfallen. Die Dame prophezeit einen 5:3-Erfolg. Zur Pause liegt Empor mit 1:2 zurück, doch in der zweiten Halbzeit wird es turbulent. Lauter gewinnt tatsächlich mit 5:3.

Es ist eine der Episoden, die Uwe Karte im „Tagebuch für Walter Fritzsch“ aus dessen Aufzeichnungen rekonstruiert hat. Der Autor und Journalist hat dem Meistertrainer von Dynamo Dresden mit diesem fast 500 Seiten starken Werk ein Denkmal gesetzt, und das, ohne ihn zu glorifizieren.

Anzeige
Der nächste Amazon Prime Day steht an
Der nächste Amazon Prime Day steht an

Was sind die besten Schnäppchen?

Fritzsch war erst 29 Jahre alt, als er in Aue hauptamtlicher Trainer wurde. Jetzt ist er 31 und versucht, sich Respekt zu verschaffen. Nachdem die Wahrsagerin recht hatte, lässt sich der Hokuspokus so schnell nicht beenden. Sie streuen Salz auf die Torlinie, um kein Tor zu kassieren. Empor gewinnt gegen Turbine Halle mit 1:0. Warum also nicht auch den dritten Rat umsetzen: ein doppelter Cognac vor dem Spiel gegen das Lampenfieber.

Diesen Vertrag hatte Fritzsch 1965 bei Dynamo (zwei Teile):

© Archiv: Fritzsch/Karte
© Archiv: Fritzsch/Karte

Jetzt wird es Fritzsch zu bunt. „Schluss mit der Ketzerei!“ Und wenig später hält er in seinem Tagebuch fest: „Sitzung, stellte ich Opposition gegen mich fest. Ich muss immer wieder sagen: Seitdem ich Gegner vom Alkohol bin, erlebte ich nur Pleiten. Das war mein Geburtstag. 32 Jahre. Krach und Spektakel.“

Fritzsch kommt nirgends lange klar. Motor Dessau, SC Motor Karl-Marx-Stadt und schließlich Stahl Riesa sind seine weiteren Stationen. Und zwischendrin Dynamo. Das ist kaum bekannt. Er hat in Leipzig den Trainer-Lehrgang absolviert. „Ich bin durch den Besuch der Hochschule klüger geworden“, schreibt er am 14. März 1953, „kann diese marxistisch-leninistische Lehre, die nur das eine im Auge sieht, dass die Kapitalisten, die Ausbeuter der Menschen, vom Geld getrennt werden sollen, unterstützen.“

Der Ungar wird ihm als Chef vor die Nase gesetzt

Er hat im Frühjahr 1953 Angebote von Dessau, Meerane, Thale und – entscheidet sich für Dresden. Als Zuschauer sieht er, wie Dynamo das Entscheidungsspiel um den DDR-Meistertitel in Berlin gegen Aue in der Verlängerung mit 3:2 gewinnt. Danach fährt er mit seinem neuen Kollektiv nach Baabe an die Ostsee, um bei einem zweiwöchigen Urlaub alle kennenzulernen. Doch als die Vorbereitung auf die Saison losgeht, wird Fritzsch der Ungar Janos Gyarmati als Cheftrainer vor die Nase gesetzt, er soll nur Assistent sein.

Zwei typische Seiten im Tagebuch von Walter Fritzsch: Seine Einträge von 23. bis 25. März 1952.
Zwei typische Seiten im Tagebuch von Walter Fritzsch: Seine Einträge von 23. bis 25. März 1952. © Archiv: Fritzsch/Karte

Nach vier Tagen verabschiedet er sich und geht nach Dessau. Es lohnt sich für ihn. „28. August 1953 – Holte mein Gehalt. Bis jetzt insgesamt erhalten: 975 Mark. So viel Geld habe ich noch nie erhalten.“

Das zweite Mal ist Fritzsch im Herbst 1957 in Dresden im Gespräch, es kommt jedoch kein Vertrag zustande. „Ich muss eine schlechte Arbeit leisten, dass ich keine Zusagen bekomme!“, schreibt er. Diese Ungewissheit belastet auch seine Ehe. „Käthe ist sehr mieser Stimmung. Will, dass ich als Trainer aufhören soll. Ich sagte, sie soll es sich überlegen. Wenn ich diesen lieb gewonnen Beruf aufgeben soll, werde ich nicht mehr glücklich sein in meiner Arbeit. Käthe schläft nicht mit in der Kammer.“

Mannschaft schreibt einen Brief an die Vereinsführung

Schließlich klappt es in Riesa, anschließend ist er sieben Jahre bei Empor Rostock erfolgreich tätig, wird zwischen 1962 und 1964 dreimal Vizemeister und steht 1960 im Pokalfinale, das jedoch 2:3 gegen Motor Jena verloren geht. 1965 wieder nach Riesa, 1968 Aufstieg in die Oberliga.

Mit dem Ball konnte Walter Fritzsch auch nach seiner Kriegsverletzung noch gut umgehen und seinen Spielern als „Rastelli“ etwas vormachen wie 1960 beimDDR-Oberligisten SC Empor Rostock für einen TV-Beitrag.
Mit dem Ball konnte Walter Fritzsch auch nach seiner Kriegsverletzung noch gut umgehen und seinen Spielern als „Rastelli“ etwas vormachen wie 1960 beimDDR-Oberligisten SC Empor Rostock für einen TV-Beitrag. © Archiv Fritzsch/Karte

Jetzt wird es wirklich ernst mit Dresden. „29. Mai 1969 – 10 Uhr bei Dynamo … Unterschrift Vertrag, 1.698 Mark (Das Fortschritt-Werk in Neustadt legt weitere 400 Mark drauf/Anm. d. Red.). Sie unterhielten sich mit mir offen. Klare Linie.“ Fritzsch erhält die Zusage, für den sportlichen Bereich alleinverantwortlich zu sein. Allerdings regt sich Widerstand, die Mannschaft verfasst einen Brief an die Vereinsführung, lehnt den neuen Trainer ab.

Krisensitzung bei Manfred Scheler, Vorsitzender des Rates des Bezirkes, also einer der höchsten SED-Parteifunktionäre. „Herr Scheler, heute gibt es bei Ihnen doch gar nichts zu trinken“ – flachsen die Spieler. So schildert Karte im Buch die Szenerie. Demnach hat Scheler klargestellt: „Am Montag beginnt das Training unter Walter Fritzsch und solltet ihr nicht wollen, dann suchen wir uns eine neue Mannschaft.“ Hans-Jürgen Kreische, den er wohl als Rädelsführer vermutet, spricht er persönlich an: „Und du, Kreische, spielst dann eben in der Kreisklasse und gehst auf dem Bau arbeiten.“

Seine Schmalfilmkamera hatte Walter Fritzsch (M.) immer dabei, filmte selbst während der Spiele von Dynamo. wie hier im Münchner Olympiastadion beim 3:4 gegen die Bayern 1973. An seiner Seite Assistent Gerhard Prautzsch (l.) und Mannschaftsarzt Dr. Wolfga
Seine Schmalfilmkamera hatte Walter Fritzsch (M.) immer dabei, filmte selbst während der Spiele von Dynamo. wie hier im Münchner Olympiastadion beim 3:4 gegen die Bayern 1973. An seiner Seite Assistent Gerhard Prautzsch (l.) und Mannschaftsarzt Dr. Wolfga © dpa

Die Kicker sind konsterniert, zumal Polizeichef Willi Nyffenegger von einer neuen kriminaltechnischen Methode spricht, mit der zweifelsfrei zu ermitteln sei, wer der Verfasser des Schreibens ist. Die Drohung zeigt Wirkung. Auch bei Kreische, der seine Unterschrift zurückzieht. Das Verhältnis zwischen dem Torjäger und dem Trainer aber ist dauerhaft belastet.

Tagebuch für Walter Fritsch - die Serie im Überblick:

Weiterführende Artikel

"Er war ein Fußball-Wahnsinniger"

"Er war ein Fußball-Wahnsinniger"

Autor Uwe Karte und Politiker Frank Richter haben für ein Buch über Dynamo-Erfolgstrainer Walter Fritzsch kooperiert. Der trainierte auch die BSG Stahl Riesa.

Dynamos kleiner General - das Leben des Meistertrainers

Dynamos kleiner General - das Leben des Meistertrainers

Walter Fritzsch hat den Krieg überlebt und Dynamos erfolgreichste Ära geprägt. Am Samstag wäre er 100 Jahre alt geworden – was seine Tagebücher über ihn erzählen.

  • Im dritten Anlauf zu Dynamo. „Dann suchen wir uns eine neue Mannschaft.“
Uwe Karte: Tagebuch für Walter Fritzsch. Sportfrei Verlag. 480 Seiten mit ca. 400 Fotos und Abbildungen. 48 Euro. ISBN: 978-3-00-063004-0. www.uwekarte.de
Uwe Karte: Tagebuch für Walter Fritzsch. Sportfrei Verlag. 480 Seiten mit ca. 400 Fotos und Abbildungen. 48 Euro. ISBN: 978-3-00-063004-0. www.uwekarte.de © Kopie: Karte

Mehr zum Thema Dynamo