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Er holt Dynamo aus dem sportlichen Jammertal

Europacup, Meistertitel, Pokalsiege, Bundesliga – dann stürzen die Dresdner ab. Am Tiefpunkt kommt Trainer Christoph Franke. Warum er jetzt Ehrenmitglied wird.

Christoph Franke lebt als Ruheständler entspannt am Ortsrand von Burkhardtsdorf im Erzgebirge. An seine Dresdner Zeit denkt er gern.
Christoph Franke lebt als Ruheständler entspannt am Ortsrand von Burkhardtsdorf im Erzgebirge. An seine Dresdner Zeit denkt er gern. © Foto: Matthias Rietschel

Dresden. Sie treffen sich auf halber Strecke im „Goldenen Bären“ in Siebenlehn. Dynamos Geschäftsführer Volkmar Köster sitzt schon an einem Tisch in der Ecke, als Christoph Franke hereinkommt. „Das Erste, was er mir nach der Begrüßung sagte: ,Herr Franke, bevor wir uns unterhalten, muss ich Sie darauf hinweisen, dass wir pleite sind.‘“ Die meisten Trainer wären wohl auf dem Absatz umgedreht, Franke aber setzt sich und entgegnet: „Lassen Sie uns erst einmal reden.“

Ihn reizt die Aufgabe, den Dresdnern wieder hoch zu helfen. „Dieser große Verein, der im Europacup gespielt und die Bundesliga erlebt hatte, in der DDR Meister und Pokalsieger war, lag am Boden.“ Der Anspruch aus den Erfolgen der Vergangenheit ist groß, die Realität aber heißt Amateuroberliga, Viertklassigkeit. Und da hatte sich Dynamo in der ersten Saison nach dem Abstieg mächtig blamiert. Mit großem Getöse gestartet als die selbst ernannten „Bayern der Oberliga“ setzte es gleich zum Auftakt eine Niederlage in Sondershausen, später unter anderem bei Stahl Riesa, beide Stadtduelle mit dem FV Dresden-Nord endeten unentschieden. Platz fünf – 26 Punkte hinter Aufsteiger 1. FC Magdeburg.

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Franke sagt zu und trifft sich wenig später in Dresden im Kim-Hotel mit dem Mannschaftsrat, zu dem unter anderem Maik Wagefeld, Ignjac Kresic und Klaus Dietrich gehören. Sie erzählen ihm, wer alles bleiben würde, um die Scharte auszuwetzen. „Das hörte sich nicht schlecht an.“ An dem Gespräch nahm bereits Siegmar Menz teil, den Franke als Manager mitbringen will. „Wir waren zuversichtlich.“ Doch als die Spieler raus sind, kommt ein Mann im roten Pullover an ihren Tisch, es ist Holger Leyser, der Mannschaftsleiter – und er meint: „Auf das, was die Ihnen jetzt erzählt haben, dürfen Sie nicht viel geben. Einige haben schon bei anderen Vereinen unterschrieben und Ihnen die Taschen gefüllt.“

Dynamo muss das Tafelsilber verscherbeln

Dietrich ist so einer. Mit dem Österreicher trifft sich Franke sogar noch mal in Chemnitz, er will den robusten Verteidiger unbedingt dabei haben. „Er hat rumgedruckst, das werde schon klappen. Aber dann war er weg.“ Dietrich wechselte zum 1. FC Magdeburg, weitere vermeintliche Leistungsträger verabschiedeten sich. Es blieb ein kleiner Kern um Wagefeld und Kresic, die Wort gehalten hatten, dazu holte Franke einige Spieler aus der zweiten Mannschaft wie Volker Oppitz.

Ein erfolgreiches Team: Kapitän Steffen Heidrich, der im Sommer 2001 mit 34 Jahren von Energie Cottbus kam und mit Dynamo zweimal aufstieg, sowie Trainer Christoph Franke.
Ein erfolgreiches Team: Kapitän Steffen Heidrich, der im Sommer 2001 mit 34 Jahren von Energie Cottbus kam und mit Dynamo zweimal aufstieg, sowie Trainer Christoph Franke. © Archivfoto: SZ/Thomas Lehmann

Das Tafelsilber aber, also die damals besten Talente, muss Dynamo noch verscherbeln. „Sonst wäre es vorbei gewesen“, erinnert sich der Chefcoach. Energie Cottbus, damals in der Bundesliga, zahlt für Lars Jungnickel und Silvio Schröter 800.000 D-Mark. Franke holt dafür Steffen Heidrich aus der Lausitz nach Dresden, den er bereits in der Jugend des FC Karl-Marx-Stadt trainiert hatte. „Er war natürlich ein absoluter Fixpunkt, der auch eine gewisse Strahlkraft hatte: Hier kann etwas gehen!“ Stürmer Thomas Neubert, den Eduard Geyer bei Energie aus der Kabine geworfen hatte, kommt gleich mit.

Zum Saisonstart ist ein kleiner Kader zusammen – und beim Auftaktspiel in Grimma sind mehr als 2.000 Dynamo-Fans dabei. Sie sehen den 4:2-Sieg der Schwarz-Gelben, es ist der Anfang vom Aufstieg. Sportlich. Finanziell tanzt Dynamo nach wie vor am Abgrund. Dreimal ist Franke bei Gesprächen mit den Vertretern von Vermarkter Kinowelt am Flughafen dabei, von den anfangs avisierten knapp 900.000 D-Mark fließt am Ende kein Pfennig. Das Unternehmen geht selbst in die Insolvenz.

Dynamo steht kurz davor. Aufsichtsrat Peter Tauber drängt die Geschäftsführung im März 2002 zu einer Entscheidung, als Bankangestellter kennt er die Vorgaben. Die Lösung ist eine andere: Spieler, Trainer und Angestellte verzichten auf ein Monatsgehalt – insgesamt rund 125.000 Euro, außerdem werden die Prämien der Spieler bis zu einem möglichen Aufstieg eingefroren. „Daniel Ziebig, der nur 750 Euro Grundgehalt hatte, kam zu mir und fragte mich, wovon er leben soll. Also habe ich ihm mal ausgeholfen“, erzählt Franke.

Plötzlich im Zentrum des Wettskandals

In dieser Mannschaft herrscht ein besonderer Geist, die Widrigkeiten sind Motivation. Das entscheidende Spiel auf neutralem Platz in Eisenhüttenstadt gegen Hoyerswerda: 88. Minute, es steht 1:1 – Plauen wäre Staffelsieger. „Dennis Koslov trifft den Pfosten, und nur, weil er zu faul ist aufzustehen, fällt ihm der Ball wieder vor die Füße, und er drückt ihn über die Linie“, beschreibt der Trainer die Dramatik: „Dann kommt der ,frische Wind‘ (gemeint ist Ziebig/d. A.) und macht das dritte Tor.“ Es folgen die Aufstiegsspiele gegen Hertha BSC II: zu Hause 1:0, in Berlin 0:0. Dynamo steigt in die Regionalliga auf.

Auch vor großen Tieren hat Christoph Franke keine Angst, wie er als Dynamo-Trainer im April 2004 bei einem Ritt auf Elefant Drumbo im Dresdner Zoo bewies. Zu Hause hat er einen kleinen Bauernhof, wie er sagt, mit Hund, Katze. Kaninchen, Tauben und Hühnern
Auch vor großen Tieren hat Christoph Franke keine Angst, wie er als Dynamo-Trainer im April 2004 bei einem Ritt auf Elefant Drumbo im Dresdner Zoo bewies. Zu Hause hat er einen kleinen Bauernhof, wie er sagt, mit Hund, Katze. Kaninchen, Tauben und Hühnern © Archivfoto: SZ/Thomas Lehmann

Und zwei Jahre später führt Franke die Dresdner zurück in den Profi-Fußball, neun Jahre nach dem Zwangsabstieg spielen sie in der 2. Bundesliga. Turbulent bleibt es. Im Januar 2005 sieht es plötzlich so aus, als wäre Dynamo das Zentrum des Wettskandals um den Ex-Schieber Robert Hoyzer und die kroatischen Brüder S. Bei sechs Spielern erscheint die Polizei: Hausdurchsuchung. Bei keinem erhärtet sich der Verdacht, die Verfahren werden eingestellt.

Das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) legt trotzdem ein Strafmaß fest: Trainer und Spieler sollen die doppelte Summe einer Siegprämie zurückzahlen, durch die sie in Verdacht geraten waren. Die Kurzfassung: Vorm letzten Regionalliga-Spiel der Saison 2003/04 gegen Preußen Münster erfährt Franke von Stürmer Ranisav Jovanovic, dass ein Dynamo-Fan aus Berlin 15.000 Euro geben würde, wenn sie gewinnen. „Das wollen wir sowieso. Wenn er uns dafür zusätzlich eine Prämie zahlt – warum nicht?“, antwortet Franke und denkt nichts Schlechtes dabei.

Ärger mit dem Sportgericht des DFB

Dynamo gewinnt mit 3:2, offenbar hatten die Wettkumpane auf Sieg gesetzt und waren sich nicht sicher, ob die Dresdner eine an sich bedeutungslose Partie überhaupt ernst nehmen würden. Die Summe wird im Team aufgeteilt, nach Bekanntwerden des Hintergrundes spenden sie das Geld für soziale Zwecke. „Ich habe Rainer Koch, damals Vorsitzender des Sportgerichts, gefragt, warum wir eine Strafe zahlen sollen – und seine einzige Begründung war: ,Sie hätten die Siegprämie Ihrem Klubvorsitzenden melden müssen und der dem DFB‘“, erzählt Franke. „Wir haben es gemacht, um Ruhe reinzukriegen, aber bei dem Koch hatte ich sofort ein schlechtes Gefühl. Wenn ich sehe, wie er jetzt im DFB-Skandal agiert, denke ich, der ist bestimmt besonders schlimm.“

Immer an seiner Seite ist Frankes Ehefrau Maria, die ihn schon als Jugendtrainer beim FC Karl-Marx-Stadt unterstützt hat. Weil er damals keinen Mannschaftsleiter hatte, übernahm sie kurzerhand die Aufgabe.
Immer an seiner Seite ist Frankes Ehefrau Maria, die ihn schon als Jugendtrainer beim FC Karl-Marx-Stadt unterstützt hat. Weil er damals keinen Mannschaftsleiter hatte, übernahm sie kurzerhand die Aufgabe. © Archivfoto: Ronald Bonß

Als Franke schließlich nach einem 2:3 gegen Unterhaching im November 2005 bereits entlassen war, feiern ihn die Fans enthusiastisch, und er verabschiedet sich mit Tränen in den Augen. Am nächsten Tag prägt Köster bei einer Pressekonferenz seinen legendären Ausspruch: „Dresden ist anders.“ Neben ihm sitzt Franke. Der Geschäftsführer hatte den Trainer noch auf der Rückfahrt nach Burkhardtsdorf im Erzgebirge erreicht und mit der Botschaft überrascht: „Morgen geht’s weiter!“

Bis am 14. Dezember 2005 doch Schluss ist nach vier Jahren und 198 Tagen. Es ist die längste Ära eines Dynamo-Trainers seit 1990, in der gesamten Vereinsgeschichte liegt er hinter Walter Fritzsch (9 Jahre), Helmut Petzold (8,8) und Gerhard Prautzsch (4,9) auf Platz vier. Das allein ist ein Grund, den Mann zu ehren, der den Klub aus dem tiefsten sportlichen Jammertal seiner Geschichte geholt hat.

Ob schwungvoll oder entspannt: Als Ruheständler genießt Christoph Franke das Leben auf seinem Grundstück im Erzgebirge.
Ob schwungvoll oder entspannt: Als Ruheständler genießt Christoph Franke das Leben auf seinem Grundstück im Erzgebirge. © Foto: Matthias Rietschel

Die Mitglieder werden Franke, das gilt schon vor der Wahl als sicher, bei der virtuellen Versammlung am Samstag als Ehrenmitglied aufnehmen. „Das ist eine große Auszeichnung und macht mich stolz“, sagt der 76-Jährige, der entspannt als Ruheständler mit seiner Frau Maria, Hund und Katze, Kaninchen, Hühnern und Tauben auf dem Land lebt. „Ich war ja nur viereinhalb Jahre in Dresden. Ich empfinde es als Anerkennung sowohl von der Vereinsführung als auch von den Fans dafür, dass wir in schwieriger Zeit etwas bewegt haben.“

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