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Wie Dynamos Wut-Redner den Spaß wiedergefunden hat

Chris Löwe wollte als Fußball-Profi aufhören. Warum er es doch nicht getan hat und wieso er jetzt so stark ist wie lange nicht, erklärt er im exklusiven Interview.

Chris Löwe ist mit seinen jetzt 32 Jahren so gut in Form wie lange nicht und für Dynamo extrem wichtig.
Chris Löwe ist mit seinen jetzt 32 Jahren so gut in Form wie lange nicht und für Dynamo extrem wichtig. © Lutz Hentschel

Dresden. Chris Löwe ist nicht nur wegen seines Alters einer der erfahrensten Spieler bei Dynamo. Bevor er im Sommer 2019 nach Dresden kam, hatte der in Plauen geborene Linksverteidiger bei Borussia Dortmund in der Bundesliga gespielt, gehörte 2012 zur Meistermannschaft von Trainer Jürgen Klopp. Er spielte für den 1. FC Kaiserslautern in der zweiten Liga, stieg 2017 mit Huddersfield Town und Ex-Dynamo-Kapitän Michael Hefele in die Premier League auf und war Stammspieler in der ersten englischen Liga.

Nur bei den Schwarz-Gelben schien er nicht glücklich zu werden und wollte seine Karriere schon beenden, hat sich aber doch anders entschieden.

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Chris Löwe, Sie sind mit 32 Jahren gerade in einer „bestechenden Form“, wie der Trainer sagt. Ihr zweiter Frühling?

Das ist eine schöne Floskel, aber ich persönlich kann damit ehrlich gesagt nicht so viel anfangen.

Trotzdem sind Sie in Ihrer nun dritten Saison bei Dynamo so gut drauf wie lange nicht. Wie kommt das?

Seit dem 19. August bin ich Papa des kleinen Leo und froh, dass meine Frau und der Kleine wohlauf sind. Es passt alles. Ich schlafe derzeit im Gästezimmer, deswegen kriege ich nachts gar nicht so viel mit. Zusätzlich beflügelt hat mich die Geburt, denke ich, nicht. Denn ich war ja vorher schon gut drauf.

Sie hatten nicht das beste Verhältnis: Chris Löwe und Ex-Dynamo-Trainer Cristian Fiel.
Sie hatten nicht das beste Verhältnis: Chris Löwe und Ex-Dynamo-Trainer Cristian Fiel. © Lutz Hentschel

Allerdings war es ein Auf und Ab für Sie und Dynamo, seit Sie in Dresden sind

Es waren bislang fast zweieinhalb sehr aufregende Jahre in Dresden, in denen vieles passiert ist, womit ich nicht gerechnet hatte. Eigentlich hatte ich vor etwas mehr als einem Jahr schon beschlossen, das Thema Profi-Fußball für mich zu beenden. Aber nach dem durch Corona beeinflussten Abstieg mit Dynamo habe ich mir gesagt: So kannst du es nicht enden lassen. Und jetzt ist tatsächlich passiert, wovon ich kaum noch zu träumen gewagt habe, nämlich wieder Spaß zu haben. Ich fahre gerne zum Training, spiele gerne Fußball. Ich glaube, dass sich das auf meine Leistungen auswirkt und man sehen kann, warum ich in meiner Karriere auch das eine oder andere Spiel in einer höheren Liga bestritten habe.

Was hatte Ihnen den Spaß verdorben?

Wir sind 2019 mit Huddersfield aus der Premier League abgestiegen, haben so oft verloren. Daraufhin entscheide ich mich für den Schritt nach Dresden – voller Überzeugung. Doch dann war es so, das ist ja kein Geheimnis, dass der damalige Cheftrainer (Cristian Fiel/Anm. d. Red.) nicht so auf mich setzte, wie ich mir das gewünscht und vorgestellt hatte. Und wir spielten eine Hinrunde, wie sie schlechter kaum sein konnte. Die Mannschaft hat nicht so funktioniert wie heute. Das führte dazu, dass ich mich gefragt habe: Warum machst du das noch? So kam ich an den Punkt, zu sagen: Es reicht, das passt nicht mehr.

Wütend reagiert Chris Löwe hier nach der 0:1-Niederlage gegen den Hamburger SV am 31. Spieltag der Saison 2019/20 - damit waren Dynamos Chancen auf den Klassenerhalt auf ein Minimum gesunken.
Wütend reagiert Chris Löwe hier nach der 0:1-Niederlage gegen den Hamburger SV am 31. Spieltag der Saison 2019/20 - damit waren Dynamos Chancen auf den Klassenerhalt auf ein Minimum gesunken. ©  Foto: dpa/Robert Michael

Wieso haben Sie sich im Juni 2020 doch entschieden, weiterzumachen?

Aufgrund der Ereignisse rund um Corona. Weil ich der Meinung war, dass uns Unrecht getan wurde mit der Art und Weise, wie nach der Quarantäne mit uns umgegangen wurde.

Dynamo musste im Abstiegskampf der zweiten Liga innerhalb von 19 Tagen sieben Spiele bestreiten. Sie haben Ihrem Ärger darüber nach der Niederlage in Kiel in einem Fernsehinterview mit Tränen in den Augen Luft gemacht …

Ja, da habe ich gemerkt: Das Feuer, das dich mal ausgezeichnet hat, ist doch nicht weg. Also habe ich mir gesagt: Du bist jetzt zweimal in Folge abgestiegen, so kannst du nicht aufhören. Du hängst ein Jahr dran, guckst, wie du helfen kannst, vielleicht steigst du wieder auf. Trotzdem konnte ich mir nicht vorstellen, dass diese Freude, wie ich sie jetzt empfinde, zurückkommt. Das hat mich selber überrascht.

Mit Tränen in den Augen und klaren Worten: Im Juni 2020 kritisiert Chris Löwe in einem Fernseh-Interview die Deutsche Fußball-Liga für ihren Umgang mit Dynamo in der Quarantäne-Situation.
Mit Tränen in den Augen und klaren Worten: Im Juni 2020 kritisiert Chris Löwe in einem Fernseh-Interview die Deutsche Fußball-Liga für ihren Umgang mit Dynamo in der Quarantäne-Situation. © Screenshot: SZ

In der vorigen Saison haben Sie sich im Heimspiel gegen Zwickau am sechsten Spieltag am Knie verletzt und mussten monatelang um ihr Comeback kämpfen. Hatten Sie in der Zeit Zweifel?

Das war am Anfang wirklich schwierig. Ich war in die Saison gestartet mit dem Ziel, möglichst alle Spiele zu machen. Es ging auch gut los für mich, dann war die Verletzung doch schwerer als gedacht. Damit musste ich mich neu beschäftigen, um zu sagen: Pass auf, du hast dich nicht entschieden, weiterzumachen, um jetzt doch aufzuhören, weil es einen Rückschlag gibt. Ich habe mich motiviert, noch mal alles zu geben. Als ich zurückkam, habe ich wieder gespielt, auch wenn es manchmal nur eine Halbzeit war – und dann endet die Saison mit diesem absolut positiven Erlebnis. Ich kann nur immer wieder sagen: Diese Mannschaft ist besonders. Diesen Spirit, den wir in der Kabine leben, habe ich so in meinen 14 Jahren als Profi noch nie erlebt.

Woran machen Sie das fest?

Der Umgang miteinander ist sehr speziell. Wir können uns die Meinung sagen, auch mal streiten, aber sobald das Thema durch ist, wird das abgehakt. Ich habe noch nie eine Mannschaft erlebt, die auch privat so viel zusammen unternimmt, unabhängig davon, ob einer 18 ist oder 32, wie ich. Wir haben alle einen Draht zueinander, keiner meint, den großen Max raushängen lassen zu müssen. Das gibt mir ein gutes Gefühl, jeden Tag zum Training zu fahren. Das war im Abstiegsjahr nicht der Fall. Damals war ich oftmals froh, wenn ich hinterher wieder im Auto sitzen und nach Hause fahren konnte.

Bei der Bierdusche nach dem Aufstieg in die zweite Liga hält sich Chris Löwe (l.) eher im Hintergrund, während sich Kapitän Sebastian Mai den Sportgeschäftsführer Ralf Becker schnappt.
Bei der Bierdusche nach dem Aufstieg in die zweite Liga hält sich Chris Löwe (l.) eher im Hintergrund, während sich Kapitän Sebastian Mai den Sportgeschäftsführer Ralf Becker schnappt. ©  dpa/Robert Michael

Das heißt, einen solchen Dämpfer wie das 0:3 gegen Paderborn steckt die Mannschaft weg?

Ich glaube, das hat man schon in dem Spiel gesehen. Wenn man nach 25 Minuten mit 0:3 hinten liegt, kann die Reaktion auch anders aussehen. Wir haben weitergemacht, alles rausgehauen und versucht, es zu drehen. Deshalb ist es ein Fakt, dass uns dieses eine Ergebnis definitiv nicht aus der Bahn werfen wird, sondern wir in Heidenheim wieder so eine Leistung bringen, wie in den Wochen zuvor. Dann ist es eklig, gegen uns zu spielen, weil die Intensität, die wir auf den Platz bringen, viele Mannschaften in der Liga vor Probleme stellt.

Erinnert Sie die Intensität an Ihre Zeit bei Borussia Dortmund?

Ja, auch an Huddersfield. Die Art und Weise, wie wir anlaufen, wie wir pressen und gegenpressen. Dadurch ist es für den Gegner schwierig, sich rauszuspielen. Wenn wir es ordentlich machen, werden wir auch weiter punkten und Spiele gewinnen.

Kommt Ihnen dieser Spielstil entgegen?

Ja, das kommt mir sehr entgegen. Diese Art und Weise, das Vorwärtsverteidigen, den Gegner unter Druck setzen, ihn schon bei der Ballannahme zu stören – das hat mich in meiner besten Phase der Karriere ausgezeichnet.

Chris Löwe ist in "bestechender Form", sagt Dynamo-Trainer Alexander Schmidt. Das zeigt der Linksverteidiger auch im Zweikampf mit dem Rostocker Streli Mamba beim Sieg im Ost-Duell.
Chris Löwe ist in "bestechender Form", sagt Dynamo-Trainer Alexander Schmidt. Das zeigt der Linksverteidiger auch im Zweikampf mit dem Rostocker Streli Mamba beim Sieg im Ost-Duell. © dpa-Zentralbild

Ihr Vertrag bei Dynamo endet mit dieser Saison. Was planen Sie?

Derzeit würde ich nicht freiwillig sagen, ich höre auf, weil es mir gerade so viel Spaß macht und ich mir sage: Krass, dass es dazu noch mal gekommen ist. Es würde mir sehr wehtun, wenn es nicht weitergeht. Aber dazu gehören mindestens zwei Parteien. Also schauen wir, was die nächsten Wochen und Monate bringen.

Sie wollen also bei Dynamo bleiben?

Das steht für mich fest. Ich glaube, dass ich in der Mannschaft gut angesehen bin, dass auch die Verantwortlichen wissen, was sie an mir haben, nicht nur auf dem Platz. Deswegen beschäftige ich mich mit nichts anderem.

Wenn Sie mit dem zweiten Frühling nichts anfangen können – wie wäre es mit dem Bundesliga-Aufstieg im Herbst der Karriere?

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Darüber denken wir keine Sekunde nach. Für uns geht es darum, und das zeichnet die Jungs aus, Woche für Woche die bestmögliche Leistung auf den Platz zu bringen. Es wäre schön, wenn wir nicht bis zum Ende zittern müssen und den Klassenerhalt ein paar Spieltage eher erreichen. Wir hatten einen guten Start, und ich bin überzeugt davon, dass wir es so weiterführen können. Aber es gibt einige andere Mannschaften in der Liga, die sich um die ersten drei Plätze streiten, zu denen gehören wir grundsätzlich mal nicht.

Das Gespräch führte Sven Geisler.

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