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Was Ralf Minge über seine Auszeit nach Dynamo sagt

Der 60-Jährige wird Sportdirektor in Halle - und spricht zum ersten Mal über das Jahr seit seinem Abschied in Dresden im vorigen Sommer. Mit überraschenden Einblicken.

Ralf Minge bei seiner Vorstellung als neuer Sportdirektor des Halleschen FC am Mittwochmittag.
Ralf Minge bei seiner Vorstellung als neuer Sportdirektor des Halleschen FC am Mittwochmittag. © Eibner-Pressefoto

Dresden/Halle. Er ist zurück auf der Fußball-Bühne, auch wenn es vor allem für die Fans von Dynamo Dresden gewöhnungsbedürftig ist, dass Ralf Minge nun bei einem anderen Verein arbeitet. Beim Halleschen FC hat der einstige Kapitän, Trainer und Geschäftsführer der SGD einen Zwei-Jahres-Vertrag bis 30. Juni 2023 unterschrieben als "Sportdirektor mit vielfältigen Aufgaben", wie es Jens Rauschenbach sagt. "Es waren sehr spannende und angenehme Gespräche, wir sind sehr schnell und sehr klar zusammengekommen", erklärt der HFC-Präsident.

Minge wurde am Mittwochmittag bei einer Pressekonferenz offiziell vorgestellt, nachdem sich in den vergangenen Tagen bereits die Gerüchte verdichtet hatten. Sächsische.de hat seine Aussagen in der Form eines Interviews zusammengefasst.

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Ralf Minge, wie kam der Kontakt zum Halleschen FC zustande?

Vor zwei, drei Monaten hätte ich nicht gedacht, dass ich heute hier sitzen werde. Wir hatten vor fünf, sechs Wochen ein längeres Telefonat. Damals war es aber nicht die Intention oder Zielsetzung, Ralf Minge als Sportdirektor beim HFC vorzustellen. Es war ein Austausch, der sich in zwei längeren Gesprächen hier fortgesetzt hat. So sind wir zu dem Punkt gekommen, uns zu fragen: Wäre das nicht eine Option? Wir haben gesagt, wir schlafen mal ein Wochenende drüber. Danach gab es ein Angebot, das aber kein K.-o-Kriterium war. Das Entscheidende ist die inhaltliche Komponente, bei der sind wir sehr schnell zueinander gekommen. Die Aufgabe reizt mich.

Wie bewerten Sie die neue Aufgabe?

Es geht auf der einen Seite darum, am Wochenende Fußballspiele zu gewinnen. Das ist keine Frage. Auf der anderen Seite geht es aber auch um konzeptionell-strategische Themen. Der Zug Profi-Fußball fährt schnell, um Schritt halten zu können, dürfen die Gedanken nicht enden, wenn ein Spiel vorbei ist. Man muss Zeiträume planen. Ich sehe mich in meiner Funktion und mit den Mitstreitern hier in der Verantwortung, die mittel- und langfristige Entwicklung voranzutreiben. Darauf freue ich mich, sonst würde ich jetzt nicht hier sitzen. Ich bin 60 Jahre, in dem Alter ist es ein ganz entscheidendes Kriterium, wenn man noch mal etwas Neues anfängt, dass es vom Bauchgefühl so ist, dass man sagt: Mensch, das reizt mich ganz einfach. Das ist der Fall.

HFC-Präsident Jens Rauschenbach (r.) mit Ralf Minge im Erdgas-Sportpark von Halle.
HFC-Präsident Jens Rauschenbach (r.) mit Ralf Minge im Erdgas-Sportpark von Halle. © Eibner-Pressefoto

Natürlich ist die Familie mit im Boot - mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich werde nicht den Oberpendler spielen. Wenn Minge kommt, kriegt ihr auch Minge, da bin ich auch hier - wenn es sein muss, sieben Tage in der Woche. Es wird eine kleine Wohnung geben. Dass man trotzdem die Chance hat, immer mal zur Familie zu gehen, ist natürlich auch charmant. Natürlich müssen sich zu Hause ein paar neue Abläufe einspielen, fürs Shuttle für Enkelkinder andere Lösungen gefunden werden. Aber das ist kein Problem.

Hätten Sie unabhängig vom HFC jetzt gern eine neue Aufgabe übernommen, gab es vielleicht sogar Gespräche mit anderen Vereinen?

Natürlich gab es Kontakte, das ist üblich in der Branche. Das muss man differenzieren: Was ist es für ein Angebot, für welches Tätigkeitsfeld und wo ist es, das ist auch nicht unerheblich. Das erste halbe Jahr (nach dem Ende des Vertrages bei Dynamo/Anm. d. Red) war ohnehin eine selbst auferlegte Pause. Das war eine sehr, sehr gute Entscheidung. Wie es jetzt dazu gekommen ist, dass ich beim HFC bin, habe ich ausführlich kommentiert. Mein Gefühl hat mich selten getäuscht.

Wie haben Sie die Zeit seit dem Abschied von Dynamo verbracht?

Die Auszeit war für mich extrem wichtig. Es ist so oft im Leben, dass man eine Tür zu- und schon die nächste aufmacht. Mit dieser Erfahrung aus den letzten Jahrzehnten habe ich bewusst gesagt: Es gibt ein paar Sachen zu verarbeiten, das kommt immer zu kurz. Es ist bekannt, dass ich gut drei Wochen auf dem Jakobsweg war, mit mir alleine - das war nicht immer lustig, sowohl körperlich als auch seelisch. Aber dieser Aufarbeitungsprozess war Gold wert für mich. Ich habe mich - Gott sei Dank - intensiver um die Familie kümmern können, um meine fünf Enkelkinder. Das hat mir richtig gut getan. Im Dezember/Januar war ich dann schon projektbezogen unterwegs, habe versucht, mich in einer Arbeitsgruppe zum Umbau des Heinz-Steyer-Stadions in Dresden einzubringen. Das ist eine sehr spannende Geschichte, die ich im Rahmen meiner Möglichkeiten weiter begleiten werde. Ich habe die Löffel-Liste noch nicht abarbeiten können, da kommt noch was.

Wie sehen Sie und wie sieht man in Dresden den Halleschen FC?

Das muss ich zweigeteilt sehen. Ich habe Halle schon zu meiner aktiven Zeit als Traditionsverein gesehen, aber auch wie ein Blümchen, das noch gegossen werden soll oder muss. Jetzt habe Insider-Informationen, was getan wurde, was in Bewegung ist, was geplant ist. Es ist im konzeptionellen Bereich einiges im Entstehen. Die Themen Infrastruktur, interdisziplinäres Arbeiten, Kooperationen wie mit Instituten für Sportpsychologie, Leistungsdiagnostik oder Medizin. Das sind die Bereiche, in denen ich mich einbringen will, in denen Luft nach oben ist. Diese Ressourchen müssen wir nutzen und erschließen - und das gemeinsam.

Bei Dynamo sind die Möglichkeiten größer, allein ins Stadion passen 20.000 Leute mehr. Ist das in Halle zu bewerkstelligen und wo kann man mit dem HFC hinkommen?

Eines steht fest: Viele Vereine im Profi-Fußball haben versucht, Abkürzungen zu nehmen, aber die funktionieren nicht. Deshalb ist es wichtig, sich realistische Ziele zu setzen, schrittweise vorzugehen. Es wird aber nie eine lineare Entwicklung geben, in meiner Funktion geht es darum, Zeiträume zu bewerten. Wenn es dazwischen Auf und Ab geht, ist normal. Man sollte sich nicht zwingend mit anderen Vereinen vergleichen, das Spiel ließe sich endlos betreiben: ob mit Dynamo Dresden, Bayern München oder Viktoria Köln und Ingolstadt. Es sind immer andere Voraussetzungen. Die eigenen Möglichkeiten zugrunde gelegt, das Optimale rauszuholen, das ist die Maxime, die man leben muss.

Der Vertrag von Trainer Florian Schnorrenberg läuft aus, auch einige Spieler sind nur für die laufende Saison gebunden. Wie planen Sie für die nächste Spielzeit?

Es warten jetzt jede Menge Termine und Gespräche, wir wollen die Planungen vorantreiben. Eine ganz wichtige Personalie ist der Cheftrainer, was für den Profi-Bereich letztlich die wichtigste Person im Verein ist. Es wird eine umfangreiche Analyse der Saison geben. Man kann es so sehen: Viele Verträge laufen aus, oh Gott, kriegen wir noch eine Elf zusammen? Auf der anderen Seite ist der Gestaltungsspielraum größer - im Rahmen unserer wirtschaftlichen Möglichkeiten.

Welche sportlichen Visionen haben Sie für den HFC, was kann man in Halle schaffen?

Wenn ich es auf die Entwicklung der Profi-Mannschaft reduzieren würde, was in meiner Funktion falsch wäre: Ich glaube schon, dass es ein realistisches Ziel sein kann und muss, sich mittelfristig im oberen Tabellendrittel festzubeißen. Das ist in dieser ausgeglichenen Liga abhängig von vielen Faktoren, vom Trend, von der Psyche, von einer Eigendynamik, die entstehen kann - sowohl in die eine als auch in die andere Richtung. Als Torsten Ziegner hier Trainer war, schwebte auf einmal alles, mit Platz vier zum Saisonende wäre ein Aufstieg sogar realistisch gewesen. Dann geht es wieder in die andere Richtung. Die Ausschläge dürfen nicht so groß sein, dass man ein halbes Jahr um die Spitze mitspielt und ein halbes Jahr wie ein Absteiger. Wenn es uns gelingt, diese Amplitude zu minimieren und parallel dazu den Verein entwickeln zum Beispiel mit den neuen Nachwuchsleistungszentrum.

Wie werden Sie die Fans einbeziehen?

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Jeder, der meine Laufbahn als Funktionär verfolgt hat, der weiß: Ich bin kein Romantiker, aber ich liebe Traditionen. Wie wichtig mir gerade die Fans sind, habe ich oft genug mit meinem Handeln dokumentiert. Selbst die Ultras können meine Handy-Nummer haben. Mir ist es lieber, mir schießt einer von vorne durch die Brust als in den Rücken. Insofern freue ich mich, auch mit den Fans den einen oder anderen Doppelpass spielen zu können.

Notiert: Sven Geisler

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