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Bei Dynamo chancenlos, in den USA erfolgreich

Für Tony Mamodaly war die Zeit in Dresden die schlimmste als Fußballer, obwohl er Nationalspieler wurde. Jetzt spricht er über seine Erfahrungen und seinen Ausweg.

Dieses Foto entstand im November 2009. Damals hoffte Tony Mamodaly, bei Dynamo Dresden den Sprung als Profi-Fußballer zu schaffen. Doch daraus wurde nichts.
Dieses Foto entstand im November 2009. Damals hoffte Tony Mamodaly, bei Dynamo Dresden den Sprung als Profi-Fußballer zu schaffen. Doch daraus wurde nichts. © Archiv: Kairospress/Thomas Kretschel

Dresden. Der Stempel als "gescheitertes Talent" wird einem leicht aufgedrückt, aber selten hinterfragt, wieso jemand sein Potenzial scheinbar nicht ausgeschöpft hat. Tony Mamodaly ist so einer, der es eigentlich hätte bis ganz nach oben schaffen können. Doch seine Karriere endete in Deutschland an der Schwelle zwischen der Jugend und dem Profi-Fußball. Inzwischen ist er 30 und gibt bereits seit sechs Jahren seine Erfahrungen in einer Sportagentur weiter, die Spielern mit Potenzial eine Perspektive bietet: über das College-Sportsystem in den USA.

Diesen Weg ist Mamodaly selbst gegangen, für ihn ein glücklicher Zufall. Denn er war hierzulande nicht mehr interessant, selbst sein Berater ließ ihn fallen. Diese schmerzliche Erfahrung schildert der Sohn eines Vaters aus Madagaskar, der selbst in Frankreich zehn Jahre als Profi in der zweiten Liga für Montpellier gespielt hat, und einer deutschen Mutter jetzt in einem Podcast für "Sport im Osten" des MDR.

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Im Winter 2012 sollte Mamodaly zur U23-Mannschaft des 1. FC Nürnberg wechseln, am letzten Tag der Transferperiode versprach ihm sein Berater früh, es gehe alles klar, er solle sich bereithalten. Doch dann meldete er sich erst am nächsten Morgen. "Tut mir leid, Tony", hat er laut Mamodaly gesagt, "ich habe es gestern nicht mehr geschafft, weil ich einen anderen Deal einfädeln musste".

Als Handballer in der deutschen Jugend-Auswahl

Wie für ihn eine Welt zusammenbrach, erzählt Mamodaly offen im Gespräch mit Florian Weichert, ehemaliger Bundesliga-Spieler bei Hansa Rostock und Dynamo Dresden. "Ich bin nach Hause zu meinen Eltern gefahren, habe geweint und gesagt: Ich möchte und kann nicht mehr, das führt zu nichts." Zwei, drei Monate habe er danach "am Rande der Depression gelebt", meint er und ist sich bewusst, was er sagt. "Ich kann Spieler verstehen, die den Sprung nicht schaffen, obwohl sie sich jahrelang mit dem Sport und dem Verein identifiziert haben. Wenn sie sich daran nicht mehr festhalten können, haben sie ein Identitätsproblem."

Tony Mamodaly hat die Agentur "Mind Game Sport" gegründet und berät seit sechs Jahren junge Fußballer und Fußballerinnen für eine mögliche Karriere am College in den USA. Außerdem ist er für die Internationalisierung der TSG 1899 Hoffenheim verantwortlich
Tony Mamodaly hat die Agentur "Mind Game Sport" gegründet und berät seit sechs Jahren junge Fußballer und Fußballerinnen für eine mögliche Karriere am College in den USA. Außerdem ist er für die Internationalisierung der TSG 1899 Hoffenheim verantwortlich © PR

Bei Mamodaly beginnt es scheinbar perfekt - und sogar zweigleisig: als Handballer bei den Rhein-Neckar Löwen in Mannheim, als Fußballer bei der TSG 1899 Hoffenheim. Obwohl er im Handball sogar Jugend-Nationalspieler wird, entscheidet er sich für den Fußball. Offenbar zu spät. Denn als Hoffenheim auf eine Entscheidung drängt, will er noch zwei Länderspiele bestreiten, danach sagt ihm der damalige Junioren-Trainer David Wagner, er spiele in seinen Planungen für die nächste Saison keine Rolle mehr. "Das konnte ich damals nicht nachvollziehen", sagt Mamodaly - und im Rückblick weiß er: "Ich hätte viel früher die Entscheidung für den einen oder anderen Weg treffen müssen."

Beim Karslruher SC spielt er anschließend in der U19 unter Markus Kauczinski, der jetzt die Profis bei Dynamo trainiert, in der Junioren-Bundesliga. In dem starken Jahrgang kommt er zu insgesamt 15 Kurzeinsätzen in der Saison 2008/09, ein sicher geglaubter Wechsel zu Dundee United nach Schottland kommt aber doch nicht zustande - dafür ein Angebot aus Dresden. Bei Dynamo soll er sich über das U23-Team in der fünftklassigen Oberliga für den Profi-Kader des Drittligisten anbieten.

"Ich bin dort mit großen Erwartungen hin", sagt er - und nimmt das Fazit vorweg: "Aber die zwei Jahre waren im Nachhinein die schlimmste Zeit in meinem Leben." Mamodaly setzt seine Hoffnungen auf Ruud Kaiser, der in den Niederlanden Nachwuchscoach war und auf Spielertypen wie ihn steht: mit 1,74 Meter eher klein, technisch gut und wuselig. Doch der Trainer wird nach einem verpatzten Saisonstart entlassen, Matthias Maucksch übernimmt. "Für mich ist direkt die Tür zugegangen", meint Mamodaly.

Im Zwiespalt zwischen Länderspielen und fünfter Liga

Gleichzeitig aber erhält er die Chance, für das Heimatland seines Vaters zu spielen: erst in der U20-Auswahl, dann sogar in der Nationalmannschaft. Wenn man ein Beispiel sucht, um ein Wechselbad der Gefühle zu beschreiben, wäre seins zweifellos geeignet. "Auf der einen Seite in der U23 in Dresden, wo ich Schwierigkeiten hatte, mich durchzusetzen bei dem Fußball, bei dem der Ball mehr in der Luft ist als am Boden", erklärt er. Auf der anderen Seite hat er Länderspiele bestritten unter anderem gegen Nigeria vor 50.000 Leuten.

Anerkannt worden sei das nicht, vielmehr spöttisch kommentiert. "Wenn du zurückkamst, konntest du dir Sprüche anhören auch aus dem Trainerteam: Ach, für Madagaskar? Da könnte ich mit meinen 55 Jahren und 120 Kilo auch noch spielen", berichtet Mamodaly in dem Podcast-Gespräch. "Das macht etwas mit dir: als Mensch und als Spieler, wo du komplett das Selbstbewusstsein und dein Selbstwertgefühl verlierst."

Noch einmal benennt Mamodaly den Zwiespalt, in dem er versuchen musste, Leistung abzurufen: "Auf der einen Seite bin ich so nah dran am Durchbruch, auf der anderen so weit weg, in Dresden 3. Liga zu spielen. Das war eine Zerreißprobe." Die Zweifel, meint der rückblickend, hätten ihn letztlich ausgebremst. "Jeder hat seine Limits, aber die meisten sind nicht taktischer oder physischer, sondern mentaler Natur. Bei mir war es die Mentalität."

Trotzdem weiter ein riesiger Fan des Vereins

Nach nur 16 meist kurzen Einsätzen für die zweite Mannschaft in zwei Jahren ist Schluss. "Ich bin trotzdem nach wie vor ein riesiger Fan des Vereins, wenn ich sehe, welche Fankultur sie haben, mit welcher Leidenschaft sie unterwegs sind", sagt der Ehemalige, der nie wirklich dazugehörte: "Das hat mir am meisten wehgetan: Ich bin jeden Tag zum Training ins Stadion gefahren, habe mich dort umgezogen, durfte aber nie da spielen."

Tony Mamodaly kam als großes Talent zu Dynamo, doch in Dresden erhielt er nie wirklich eine Chance. Dafür, dass er sogar für die Nationalmannschaft Madagaskars spielte, wurde er eher belächelt.
Tony Mamodaly kam als großes Talent zu Dynamo, doch in Dresden erhielt er nie wirklich eine Chance. Dafür, dass er sogar für die Nationalmannschaft Madagaskars spielte, wurde er eher belächelt. © Archiv: photoarena/Thomas Eisenhuth

Das Problem: Für einen Spieler, der in der Reserve eines Drittligisten nur selten gespielt hat, gibt es keinen Markt. Das Probetraining in Nürnberg im Sommer 2011 ist ein großer Hoffnungsschimmer, auch wenn sie ihn nicht sofort verpflichten können. Er müsse sich ein halbes Jahr gedulden und fit halten. Es folgte dieser 30. Januar 2012, den Mamodaly als "Sargnagel für meine Profi-Karriere" bezeichnet. "Wenn dir der große Traum, den du von sechs Jahren an hattest, plötzlich wegrennt, fällst du in ein Loch", erzählt er. "Ich wusste morgens nicht, wofür ich aufstehen soll, weil ich kein Training hatte, kein Ziel, auf das ich hinarbeiten konnte."

Allerdings endet die Geschichte hier nicht etwa und schon gar nicht traurig. Vielmehr beginnt ein neues, erfolgreiches Kapitel in seinem Leben. Zufällig, aber das ist egal. Christian Demirtas, den er im Camp für arbeitslose Fußballer kennengelernt hatte, ruft an und fragt ihn, ob es geklappt habe mit einem Vertrag. Seine Antwort weiß er noch genau: "Der einzige Vertrag, den ich habe, ist der Handy-Vertrag, und ich weiß nicht mehr lange, wie ich ihn bezahlen soll." Doch Demirtas, der damals in Schweden spielt, weiß einen möglichen Ausweg mit drei Buchstaben: USA. An der Florida Atlantic University könnte Mamodaly im College-Team spielen. Dort bekäme er ein Stipendium.

Das Bewusstsein in den USA: Jeder hat eine Chance

Mamodaly wagt den Schritt. "Die Chance, aufs College zu gehen, war die letzte, aus meinem Talent noch etwas zu machen." Fußballerisch gelingt ihm zwar nicht der große Sprung, aber er schafft es an die Columbia University in New York. "Dadurch habe ich gemerkt: Okay, ich bin doch wer!" Im Gespräch mit Ex-Profi und Journalist Weichert berichtet Mamodaly ausführlich über seine Erkenntnisse und die Unterschiede in der Einstellung zwischen Deutschland und Amerika. "Wenn du hier in der Wertetabelle nicht ganz oben stehst, fühlst du dich als gescheitert. Ich habe mich als gescheiterter Fußballer gefühlt." Doch in den USA werde das Bewusstsein geschaffen, dass jeder Mensch die Chance hat, die Welt zu verändern.

Mamodaly hat bis 2015 in den USA gespielt und eine Agentur gegründet, die junge Menschen unterstützt, die Möglichkeiten zu nutzen, die das College-System in den Staaten bietet. Aus den 56 Nachwuchsleistungszentren, in denen deutsche Vereine die Talente fördern, kommen nur 3,5 Prozent in die ersten drei Ligen an. "Das heißt: 96,5 Prozent schaffen den Sprung nicht", betont Mamodaly, der außerdem für die Internationalisierung bei der TSG 1899 Hoffenheim verantwortlich ist. "Wir helfen den Jungs und Mädels, trotzdem etwas aus ihrem Talent zu machen." Die Lebenserfahrung gibt es dann quasi obendrauf.

Vom Fußball-Profi zum Journalisten

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In seinem Podcast "Bundesliga adé - Welcome USA!" spürt Florian Weichert deutsche Fußballer auf, die hier sehr gut ausgebildet wurden, aber keine große Karriere starten konnten. Das Format wurde vom MDR übernommen und ist auch in der ARD-Mediathek zu finden. Weichert hat in der Saison 1994/95 für Dynamo 14 Spiele in der Bundesliga bestritten und ein Tor erzielt, insgesamt kam er als Stürmer noch für den Hamburger SV und den VfB Leipzig auf 86 Einsätze mit 14 Treffern im Oberhaus. Seine größten Erfolge erreichte er mit Hansa Rostock: Meister und Pokalsieger im Osten 1991 sowie drei Europacupspiele. Heute arbeitet er als Journalist unter anderem für den MDR.

Florian Weichert, 52 Jahre, bestritt für Dynamo Dresden, den VfB Leipzig und den Hamburger SV insgesamt 86 Spiele in der Bundesliga.
Florian Weichert, 52 Jahre, bestritt für Dynamo Dresden, den VfB Leipzig und den Hamburger SV insgesamt 86 Spiele in der Bundesliga. © Sven Geisler
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Noch einmal laufen die Schwarz-Gelben als Bundesligist im Rudolf-Harbig-Stadion auf, zu Gast am 30. Juni 1995 ist der FC Bayern München mit Kapitän Thomas Helmer (r.); für Dynamo spielt auch Florian Weichert (l.). © Archiv: Wolfgang Wittchen

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