merken
PLUS Dynamo

Als Dynamos Ultras den Europa-Rekord aufstellten

Die Fans hüllten das Stadion vor dem Ost-Klassiker gegen Magdeburg 2015 in eine große Fahne. Ex-Spieler Lumpi Lambertz bekommt immer noch Gänsehaut.

Europa-Rekord im Dresdner Fußball-Stadion: Beim Derby gegen Magdeburg 2015 hüllen die Fans (fast) alle Ränge in eine 350 Meter lange und 35 Meter hohe Choreografie.
Europa-Rekord im Dresdner Fußball-Stadion: Beim Derby gegen Magdeburg 2015 hüllen die Fans (fast) alle Ränge in eine 350 Meter lange und 35 Meter hohe Choreografie. © Robert Michael

Dresden. Dieser Tag ist außergewöhnlich, vielleicht sogar historisch. Mit dieser Einstufung sollte man vorsichtig sein, erst recht im Sport, der immer wieder für neue Superlative sorgt. Aber diese Choreografie, die von der aktive Fanszene Dynamos, also den Ultras, im Stadion umgesetzt wurde, bleibt auf jeden Fall legendär.

Dieses Datum, dieses Spiel, diese Aktion hat auch Andreas Lambertz sofort wieder parat. „Weiß ich noch ganz genau: 31. Oktober 2015. Ost-Derby zu Hause gegen Magdeburg. Das ist der Tag, an dem bei uns in Dresden die größte Blockfahne zu sehen war, die jemals in einem Fußball-Stadion in Europa vor einem Match platziert worden ist“, erinnert sich der 35-Jährige im Gespräch mit dem Internetportal Liga-Drei.de.

Anzeige
Eine Automatikuhr für Sammler und Kenner
Eine Automatikuhr für Sammler und Kenner

Die sportlich elegante 29er Casual aus dem Hause Mühle-Glashütte gibt es ab sofort in der auf 300 Stück limitierten Sonderedition „30 Jahre Deutsche Einheit“.

Es war tatsächlich ein Europa-Rekord. Größere Fahnen hatte es zuvor nur in Südamerika gegeben. Die zusammenhängende Fahne ging über alle Ränge, ausgenommen nur der Gästebereich, und war 350 Meter lang sowie 35 Meter hoch, insgesamt 12.250 Quadratmeter groß. Die Aufschrift: "Die Legende aus Elbflorenz – der Verein mit den besten Fans". 

"Einfach irre und unvergesslich"

Diesen Moment, als er damals auf den Rasen lief, wird auch "Lumpi", wie sich Lambertz mit Künstlernamen offiziell nennen darf, nicht vergessen. Vielmehr stuft er es sofort als größtes Erlebnis seiner Zeit bei den Schwarz-Gelben ein. Er kam 2015 von Fortuna Düsseldorf, wo er 13 Jahre gespielt hatte und bereits eine Legende war. Von der vierten bis in die erste Liga war er mit seinem Verein aufgestiegen. Mit seiner Erfahrung war Lambertz dann bei Dynamo ein Führungsspieler beim Aufstieg 2016, insgesamt bestritt er 75 Pflichtspiele für die SGD und erzielte sieben Tore.

Andreas "Lumpi" Lambertz spielte von 2015 bis 2018 bei Dynamo. Die Choreografie beim Derby gegen Magdeburg war für ihn das größte Erlebnis in dieser Zeit.
Andreas "Lumpi" Lambertz spielte von 2015 bis 2018 bei Dynamo. Die Choreografie beim Derby gegen Magdeburg war für ihn das größte Erlebnis in dieser Zeit. © Robert Michael

Es waren also viele emotionale Momente dabei, dieser aber speziell. „Irre, diese Bilder. Einfach irre und unvergesslich, wie 30.000 Dynamo-Fans die vier Tribünen mit einem einzigen riesigen Stück Stoff zu einer gelben Wand 40 Meter hoch aufgerollt und fast eine Viertelstunde lang darunter ihre Hymne gesungen haben. Ich bekomme auch heute noch eine Gänsehaut, wenn daran denke“, erzählt Lambertz in dem Gespräch.

380 Quadratmeter Stoff, 70 Kilometer verbrauchter Garn, 860 Tage Arbeit, 15 runtergewirtschaftete Nähmaschinen – das war es den Initiatoren wert, die das Projekt X gestartet hatten. Mehr als 25.000 Euro hat das Werk gekostet. Liga-Drei.de meint, die Blockfahne könnte unter der Rubrik „Kunst im öffentlichen Raum“ eines Tages in einem Atemzug mit der spektakulären Verhüllung des Berliner Reichstags im Jahre 1995 durch den weltberühmten Künstler Christo auftauchen.

Die Choreografie hat auf jeden Fall Eindruck gemacht - auch auf den Gegner. Das meint Michael Hefele, damals Dynamos Kapitän. "Du gehst raus ins Stadion, schaust dich um und wirst mit jedem Schritt größer. Das hat eine unglaubliche Kraft gegeben", sagte er später in einem Interview. "Mir war klar, dass wir die Magdeburger auffressen. Die haben sich eingeschissen. Wir konnten gar nicht verlieren." Dynamo hat mit 3:2 gewonnen, Justin Eilers hat zwei Tore erzielt, Pascal Testroet eins.

Dynamos Aufstieg in die 2. Bundesliga geriet unter Trainer Uwe Neuhaus zu einem wahren Triumphmarsch. „Wir haben in diesem brutalen Fußball-Marathon nur zweimal verloren, 78 Punkte geholt und so das Aufstiegsrennen souverän gewonnen“, sagt Lambertz. Endgültig perfekt gemacht hat es die Mannschaft dann mit einem 2:2 beim Rückspiel in Magdeburg am 16. April 2016, vier Spieltage vor Schluss.

In der nächsten Saison trumpften die Dresdner mit Lambertz in der zweiten Liga auf, durften zwischenzeitlich sogar von Durchmarsch träumen und landeten mit 50 Punkten letztlich auf Platz fünf. Zu dieser Erfolgsgeschichte gehörten spektakuläre Spiele und Siege. „Da haben wir doch den VfB Stuttgart tatsächlich mit 5:0 weggefiedelt“, meint "Lumpi", der gern über seine Zeit in Dresden spricht. „Dynamo war eine tolle Entscheidung. Uwe Neuhaus war ein großes Glück. Doch mein Körper konnte nicht mehr.“ In der Saison 2017/18 hatte Lambertz nur noch zwölf Einsätze in der zweiten Liga und kehrte nach Düsseldorf zurück, wo er noch einige Spiele als Leitwolf im Regionalliga-Team bestritt.

Ultras verzichten diesmal auf eine Choreo

Dann war endgültig Schluss, Lambertz beendete seine Karriere. Der Grund: starke Artrosebildung in beiden Hüftgelenken. Jetzt ist er als Trainer aktiv, assistiert dem Fußball-Lehrer Nico Michaty bei der zweiten Mannschaft von Fortuna. Wie Lambertz Liga-Drei.de verrät, dürfen ihn die jungen Spieler auch "Lumpi" rufen. „Na klar, was denn sonst!“

Unter der Plane: Damals ist das Stadion mit knapp 30.000 Zuschauer ausverkauft - natürlich. Und mit Spielbeginn hüllen die Dynamo-Fans die Ränge in eine europaweit einzigartige Choreografie.
Unter der Plane: Damals ist das Stadion mit knapp 30.000 Zuschauer ausverkauft - natürlich. Und mit Spielbeginn hüllen die Dynamo-Fans die Ränge in eine europaweit einzigartige Choreografie. © Robert Michael

Zu Dynamo gefragt, bedauert er, dass er das Derby am Samstag gegen Magdeburg nicht am Fernseher schauen kann, weil sein Fortuna-Team parallel selbst spielt. Aber er drückt zumindest die Daumen: „Dynamo wird das knacken und eine starke Saison hinbekommen.“

Allerdings wird es optisch und stimmungsmäßig nicht so spektakulär wie vor fast genau fünf Jahren. Wegen des Anstieges der Corona-Infektionszahlen dürfen zu dem Ost-Klassiger nur maximal 999 Zuschauer ins Rudolf-Harbig-Stadion. Für Dynamos Fans ein neues Dilemma. Bei den bisherigen Heimspielen im DFB-Pokal gegen den Hamburger SV (4:1/10.053 Zuschauer) und Waldhof Mannheim (1:1/10.035) waren jedoch auch noch mehr Plätze frei als im Hygienekonzept vorgeschrieben.

Weiterführende Artikel

Dynamo meldet sich mit Derby-Sieg zurück

Dynamo meldet sich mit Derby-Sieg zurück

1:0 gegen Magdeburg: Der Erfolg im Ostduell ist knapp, aber verdient. Wichtig ist dem Trainer die Reaktion des Teams. Die Analyse mit den Stimmen zum Spiel.

Dynamos neues Dilemma mit den Fans

Dynamos neues Dilemma mit den Fans

Gut 10.000 Tickets waren für das Ostduell gegen Magdeburg verkauft, doch nur 999 Zuschauer dürfen ins Stadion. Sportliche Folgen, meint der Trainer, hat das nicht.

Immer besonders: Dynamos Elb-Clasico mit dem Erzfeind

Immer besonders: Dynamos Elb-Clasico mit dem Erzfeind

Dresden gegen Magdeburg - das ist für viele Fans mehr als nur Fußball. Diesmal treffen sich beide Traditionsvereine mit ganz eigenen Ansprüchen in Liga drei wieder.

Ralf Minge: Typ, Urgestein – Sachse durch und durch

Ralf Minge: Typ, Urgestein – Sachse durch und durch

Warum Ilse Bähnert den Auf-ewig-Dynamo "Mingus" ehrt und was der jetzt macht. Eine Begegnung zum 60. Geburtstag.

Zudem hatten die Ultras einen Stimmungsverzicht erklärt. Bis auf Weiteres werde es "keinen aktiven Stimungskern im K-Block" geben. Konkret bedeutet das: kein Capo, der Gesänge anstimmt und Schlachtrufe organisiert, keine Fanklub-Fahnen am Zaun - und eben auch keine Choreografien. Das Erlebnis von damals wirkt jedoch weiter nach.

Alles Wichtige und Wissenswerte zu Dynamo - kompakt jeden Donnerstagabend im Newsletter SCHWARZ-GELB. Jetzt hier kostenlos anmelden.

Mehr zum Thema Dynamo